Dialogpredigt beim Ökumenischen Ehefest

Dialogpredigt von Regionalbischöfin Dr- Dorothea Greiner und Domkapitular Dr. Josef Zerndl im Gottesdienst beim Ökumenischen Ehefest auf Schloss Craheim am 6. Juli 2013 zu Johannes 15,1-12

Es gilt das gesprochene Wort.

DG: Dr. Greiner. JZ: Dr. Zerndl

JZ: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater durch unseren Herrn Jesus Christus.
Auch von uns beiden ein herzliches Grüß Gott auf Schloss Craheim. Wir freuen uns, dass Sie alle da sind.

DG: Darf ich uns beide erst einmal vorstellen? Wir sind zwar nicht Maria und Josef, aber Josef Zerndl und Dorothea Greiner. Wir beide sind in Leitungsverantwortung für unsere Kirchen, Du als Domkapitular in der römisch-katholischen Kirche, ich als Regionalbischöfin in der evangelisch-lutherischen Kirche.
In gewisser Weise sind wir auch ein Paar. Wir sind nicht verheiratet oder verlobt, aber wir sind einander von Christus anvertraut. Unser Predigtwort vom Weinstock und den Reben malt ein Bild. Christus ist der Weinstock, wir Christen sind Reben am Weinstock. Damit sind wir Christen auch untereinander verbunden, weil wir mit Christus verbunden sind. Christus liebt uns und wir sollen auch uns untereinander lieben. Diese Ermahnung und Ermutigung zur Liebe gilt nicht nur innerkonfessionell, sondern auch inter-konfessionell.
Und einige Verse weiter betet er sogar zum Vater, dass wir eins sein sollen.
Eigentlich gebraucht Jesus damit Ehevokabular. Wir Christen sollen uns lieben, wir sollen eins sein.
Ungefähr 150 konfessionsverbindende Ehepaare sind heute hier im Zelt. Wir freuen uns so sehr, dass Sie da sind. Sie als konfessionsverbindende Paare haben beides gelebt oder zumindest versucht zu leben: Die eheliche körperlich-seelische Gemeinschaft zwischen Mann und Frau und die kirchliche geistlich-christliche Gemeinschaft zwischen den Konfessionen.
Ungefähr die Hälfte von Ihnen sind - akkurat in diesem Jahr -  25 Jahre verheiratet in konfessionsverbindender Ehe. Die Silberpaare haben wir persönlich angeschrieben, weil wir dachten, dieses Fest könnte ein besonderer Akzent in Ihrem Ehejubiläum sein. Den Silberpaaren unter uns gratulieren wir ganz besonders. Doch wir gratulieren Ihnen allen zu Ihren vielen Ehejahren als konfessionsverbindende Ehepaare.
Anlässlich der Irritationen über das neue Familienpapier der EKD möchte ich betonen: Eins treue, liebevolle Ehe bleibt unser Leitbild für die Gemeinschaft von Mann und Frau. Sie ist unbezahlbar, manchmal hart erarbeitet, immer ein großes Geschenk Gottes. Nach 32 Ehejahren sage ich das als Frau und als Regionalbischöfin.

Ihre konfessionsverbindenden Ehen haben darüber hinaus eine besondere Schwierigkeit und Chance zugleich:
Glaube kann trennen. Sie haben das Verbindende suchen müssen, sonst hätte Ihre Ehe darunter gelitten. Und wenn Sie das Trennende nicht überwunden hätten, säßen Sie heute nicht hier.
Es fing schon an bei der Frage: In welchen Gottesdienst gehen wir. Wir ermutigen Sie da wie dort zu gehen.
Es ging weiter mit der Frage: Bekreuzige ich mich als katholischer Christ in der evangelischen Kirche. Wir ermutigen Sie in beiden Kirchen bei das Kreuz zu schlagen. Luther wollte, dass wir uns bekreuzigen. Ihr ökumenischen Ehepaare, helft mit, dass wir die Selbstsegnung bei uns Lutheranern wieder zurückgewinnen.
Ihnen allen: Danke für Ihr bisheriges und zukünftiges stellvertretendes Suchen nach Gemeinschaft im Glauben. Danke, dass Sie als Ehepaare lebendige Brücken waren zwischen den Gemeinden – viele von Ihnen schon in einer Zeit, in der die Konfessionen einander wechselseitig das echte Christsein abgesprochen haben. Dass Christen – egal aus welchem Gesangbuch sie singen – Reben am selben Weinstock sind, konnten damals noch viele nicht glauben; und auch heute noch gibt es bei manchen Gemeindeglieder, manchen Pfarrern, manchen Repräsentanten der Kirchenleitung auf beiden Seiten noch emotionale Abwehr: „Wir sind süße Reben, die anderen sind unreif.“ Darum ist ein solches Fest so wichtig, in dem wir das erreichte Gemeinsame feiern und uns bestärken auf diesem Weg. Er muss noch – er wird aber auch noch weitergehen, wenn wir nur die Kraft des Weinstocks in uns wirken lassen. Jemand schrieb mir in einem langen Brief, dass er sich wünschen würde, dass es solche Ehefeste auch zwischen den Ortsgemeinden geben würde – warum nicht?!
Sie als konfessionsverbindende Ehepaare waren für die ökumenische Bewegung wichtig und sind es weiterhin. Sie haben in Ihrer Ehe Vorurteile abgebaut, sie haben dazu beigetragen, dass Vorurteile der Familienmitglieder, der Freunde, der Gemeindeglieder vergingen. Das hat das Klima zwischen den katholischen und lutherischen Gemeinden verändert. Die gelebte Liebe und Einheit in den konfessionsverbindenden Ehen war und ist wirksam für die Liebe und Einheit der Kirchen.
Ihnen mit diesem Ehefest „Danke“ zu sagen, war mir ein großes Anliegen auf dem Weg zum großen Reformationsgedenken im Jahr 2017, das wir zum ersten Mal seit 500 Jahren in ökumenischem Geist feiern wollen.
Danke, lieber Dr. Petro Müller aus der Diözese Würzburg und lieber Josef Zerndl aus der Erzdiözese Bamberg, dass wir dieses Dankesagen heute gemeinsam tun. 

JZ: Gerne schließe ich mich den Dankesworten an, mit denen unsere Regionalbischöfin die Ökumene gewürdigt hat, die von Ihnen als Ehepartnern gelebt und vorangebracht wurde und wird. Es ist eine wunderbare Ermutigung für unsere Kirchen, auf dem Weg voranzuschreiten, der für Sie Lebensalltag und zugleich Herausforderung ist. Denn es ist nicht selbstverständlich, in grundlegenden Fragen des Glaubens so einfühlsam zu werden, dass man bei der Frömmigkeit und Überzeugung des anderen wertvoll findet, was einem selber bisher eher fremd war. Durch Sie haben wir Kirchenleute dazugelernt, wie man sich achten und verstehen lernen muss.
Dabei haben wir Kirchenleute es Ihnen nicht leicht gemacht. Zu groß ist das Interesse, die Familien ganz in der eigenen Gemeinschaft zu wissen. Zu schroff waren vielfach die Regeln, wie man mit einander und vor allem mit Ihnen umgegangen ist. Bis in die 60-er Jahre galt die pastorale Zielsetzung, anlässlich einer kirchlichen Trauung am liebsten den Partner der anderen Konfession zum Übertritt in die eigene zu bitten – nicht nur von katholischer Seite. Und so manche haben beim Konfessionswechsel als Irrglauben abschwören müssen, was ihnen bis dahin heilig war. Ich habe selber solche Verpflichtungen gelesen. Wer nicht dazu bereit war, musste mit Kirchenstrafen rechnen – katholischerseits mit der Höchststrafe der Exkommunikation, wenn die Trauung außerhalb der katholischen Kirche gefeiert wurde und deshalb nicht anerkannt war, und wenn die Kinder in der anderen Konfession getauft wurden. Viele leiden noch heute unter dieser kirchenrechtlichen Härte. Ich bitte nachdrücklich um Entschuldigung für das verletzende Vorgehen in früheren Zeiten und für vielfaches Unverständnis für Ihre Situation bei so manchen Seelsorgern noch heute. Ich tue dies auch namens der Regionalbischöfin für das Missverhalten evangelischer Geistlicher oder ganzer Gemeinden in diesem Bereich.
Gottseidank hat das 2. Vatikanische Konzil eine Wende in den katholischen Regeln für die Trauung von konfessionell verschiedenen Partner gebracht. Erzbischof Dr. Josef Schneider aus Bamberg hat damals (10.11.1964) ein Votum an Papst Paul VI. gerichtet, doch eine neue Praxis zu ermöglichen, und hat dafür eine große Mehrheit der Konzilsväter hinter sich gebracht. Mit dem Dokument „Matrimonia mixta“ aus der Nachkonzilszeit (31.03.1970) ist ein neuer Weg möglich geworden, der die Ehe als Menschenrecht würdigt und sie zugleich als eine heilige Gemeinschaft im Glauben anerkennt.
Seither ist die Exkommunikation aufgehoben für den Fall einer evangelischen Trauung und Kindererziehung – manche betroffene Katholiken wissen das bis heute nicht –, und es wurde die „Gemeinsame Trauung“ möglich, wie wir sie gleich erleben dürfen. Es bleibt der Wunsch nach christlicher Erziehung der Kinder in der eigenen Konfession; aber es heißt jetzt: „soweit das in ihrer Ehe möglich ist“; also man ist nicht mehr so rigoros wie früher.
So möchte ich auch Dir, lieber Dorothea, danken für die Initiative zum heutigen Ehefest. Ich danke auch allen anderen, die seit über einem Jahr den heutigen Tag vorgeplant und vorbereitet haben, darunter auch das Ehepaar Straubinger-Wolf aus Rehau: sie ausgebildete katholische Gemeindereferentin, er evangelischer Pfarrer. Durch sie alle wird spürbar, was Ökumene konkret bedeutet: Wertschätzung des anderen, ohne das eigene zu verachten – Kompromissfähigkeit im Großen und Kleinen, ohne sich über den Tisch gezogen zu fühlen – Wege miteinander suchen und gehen, statt getrennt in verschiedene Richtungen zu laufen.
Damit bin ich bei unserem biblischen Bild: Endlich fühlen wir, dass wir alle in unterschiedlichen Ranken zu dem einen Weinstock Jesu Christi gehören, und dass wir so wirklich zusammen gehören, auch wenn wir noch keine perfekte Einheit bilden. Es bleiben noch Wunden und schmerzliche Erfahrungen vor allem bei den sakramentalen Feiern für die Kinder wie bei der Erstkommunion oder Firmung und bei der Konfirmation, aber auch beim gewöhnlichen Kirchgang am Sonntag. Sie müssen leben mit kirchenamtlichen Regelungen, wonach die Zulassung zur Kommunion und die Gemeinschaft im Abendmahl einer zukünftigen Einigung vorbehalten sind. Möge Ihr Drängen den Verantwortlichen solange den Schlaf rauben, bis wir auch am Tisch des Herrn zueinander finden dürfen.

DG: und wir beide helfen mit. Ich danke Dir, für Deine Worte. Auch ich sage ausdrücklich: Alle Verletzungen, die Ihnen von evangelischer Seite zugefügt wurden, tun mir von Herzen leid. Ich bitte Sie um Vergebung.
Vergebung kann niemand erwarten. Sie ist immer ein großes Geschenk. Doch aus dem Vergeben,  wächst neue Gemeinschaft, neues Leben. Wir brauchen dieses Vergeben, das aus der Kraft des Weinstocks kommt zwischen Eheleuten und zwischen unseren Kirchen. Dass wir innerlich und äußerlich versöhnt leben in allen Lebensbereichen, insbesondere in unseren Ehen und zwischen den Konfessionen, das möge Christus schenken.
Manche Vertreter der katholischen Kirche tragen uns Lutheranern nach, dass wir eine eigene Kirche gegründet hätten und damit die Kirche gespalten hätten. Manche Vertreter der evangelischen Kirche tragen der katholischen Kirche immer noch nach, dass Luther und seine Anhänger exkommuniziert wurden und ihre Botschaft nicht gehört wurde. So kann man sich die Vorwürfe an den Kopf werfen bis heute. Sachlich-historische Einschätzung und Emotionen bedürfen der Heilung.
In diesen Tagen wird ein neues Dokument erscheinen, das vor dem großen Reformationsgedenken 2017 die Vorurteile ausspricht und zu überwinden sucht. Die offizielle Lutherisch/Römisch-Katholische Kommission für die Einheit hat es erarbeitet. Das Dokument trägt den Titel: „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“.
„Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ - das praktizieren viele von Ihnen schon lange, in den Ehen und in den Gemeinden. Es ist richtig, dass die Lehre nun nachzieht. Ihr Leben ist der Lehre voraus. Ihre interkonfessionelle Gemeinschaft in der Ehe ist der Gemeinschaft der Kirchen voraus. Sie sind in Ihren Ehen katholisch und evangelisch geblieben, und doch sind Sie in Liebe verbunden und sitzen an einem Tisch und teilen das Brot. Darin ist Ihre Ehe Symbol für das, was zwischen den Kirchen kommen wird.

Das Ehepaar Marina Herbst-Böhm und Walter Böhm ist seit 25 Jahren standesamtlich verheiratet, aber konnte damals nicht kirchlich getraut werden. Dieses Ehefest war für sie Anlass um den kirchlichen Segen zu bitten. Der kirchliche Segen war damals anders als heute durch die persönliche Situation und die kirchlichen Regelungen nicht möglich. Doch die Sehnsucht nach dem Segen blieb wach. Erst schien uns dies den Rahmen dieses Ehefestes zu sprengen, doch die Sehnsucht nach Gottes Segen ist etwas sehr Kostbares und wo ein Wille ist, ist auch oft ein Weg und so fügen wir die Trauung heute ein. Hier ist eine große Gemeinde versammelt, die mitbetet.
Doch auch Sie alle, sollen eine Bestätigung für Ihren Weg erfahren durch den Segen. Sie können den Schlusssegen für sich als solchen Segen annehmen. Wir bieten aber auch die Möglichkeit, dass Sie sich an vier Stationen den Segen mit Handauflegung zusprechen lassen.
Sie alle wissen nicht, welche Aufgaben auf Sie gemeinsam oder auf Sie persönlich in Ihrer Ehe noch auf Sie zukommen. Möge Gott mit Ihnen gehen. Das wollen wir Ihnen persönlich zusprechen, wenn Sie es möchten.

JZ: Noch ein kurzer Gedanke: Das Evangelium vom Weinstock hat unser konkretes Leben im Blick, so wie die Winzer in der gar nicht so fernen Umgebung wissen, wie sie ihre Rebstöcke behandeln müssen, damit sie Frucht bringen. Man muss sich mögen – sonst gedeiht keine Arbeit. Man muss sich auch etwas sagen lassen – sonst verdorrt die Liebe. Man muss Geduld aufbringen – sonst wird das Leben ein Stress. Ein Winzer weiß, wann er ausschneiden oder hochbinden muss. Jesus Christus weiß, was er uns zumuten kann und wie er uns seinen Segen zukommen lassen will.
Ich habe mir zu Beginn meines priesterlichen Dienstes das Pauluswort aus dem 2. Korintherbrief gewählt, nämlich „nicht Herren über euren Glauben, sondern Mitarbeiter an eurer Freude“ zu sein (vgl. 2 Kor 1,24). Diese Freude in Ehe und Familie wünschen wir Ihnen mit dem heutigen Fest von neuem. Diese Freude am Miteinander der Rebzweige am einen Weinstock Jesus Christus wünschen wir uns und allen Christen.
Diese Freude steckt im Segen, weil er gründet im Ja-Wort Gottes zu uns Menschen. Diese Freude möge nachhaltig wirken in Ihre Familien hinein und in Ihre Gemeinden durch Ihr eigenes Ja-Wort zueinander und durch unser Ja-Wort als Kirchen zueinander. Das Ja-Wort hat für uns einen Namen. Es heißt: Jesus Christus. „Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat.“ (2 Kor 1,20)
Evangelische Predigten schließen in der Regel mit dem Paulus-Wunsch aus dem Philipperbrief nach der Luther-Übersetzung:
„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Phil 4,7)
Ich darf Ihnen allen diesen Wunsch aus der Fassung der Einheitsübersetzung zusprechen:
„Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4,7)
Amen.