Gesprächsrunde mit den Landtagsabgeordneten der CSU

Statement von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 23.09.2015 in Kloster Banz

Sehr geehrter, lieber Herr Ministerpräsident Seehofer,
sehr geehrter Herr Fraktionsvorsitzender Kreuzer,
sehr geehrte, liebe Abgeordnete,

Danke für Ihr großes Vertrauen, Generalvikar Georg Kestel und mich zum Gespräch einzuladen. Ihre Frage ist: Was tun die Kirchen in der gegenwärtigen Situation angesichts von Strömen Geflüchteter in unser Land.

Wir tun einiges und doch zu wenig. Ganz bestimmt. Der von mir verehrte Tübinger Theologieprofessor Eberhard Jüngel bezeichnete die Kirche die peccatrix maxima. Sie ist die größte Sünderin, weil sie eigentlich und im Kern weiß, was zu tun ist, und tut es nicht. „Wer da weiß, Gutes zu tun und tut´s nicht, dem ist´s Sünde“, sagt schon unsere Heilige Schrift. Und Karl Barth nannte die Trägheit eine der Grundausprägungen der Sünde. Mit diesem Status der Sünderin kokettiere ich nicht. Vielleicht begeben Sie sich mit hinein, denn Sie sind Kirchenmitglieder.
Zudem gibt es nach Bonhoeffer Situationen, da können wir nur schuldig werden – so oder so. Es gibt nicht den Königsweg.
 
Freilich ist die Kirche erlöste Sünderin, von ihrem Herrn Jesus Christus erlöst von ihrer Schuld und auch darin befreit zu neuem Handeln aus Gottes Geist. Dem gilt es sich zu öffnen. Denn es ist ein Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Den brauchen wir ganz dringend. Gott schenkt ihn uns, vertrauen wir darauf.

Das mag ein sehr grundsätzlicher Einstieg sein. Doch er soll deutlich machen, dass ich erstens die Kirche nicht loben will, bei allem, was ich nun an Gutem benenne. Wenn es gut ist, dann bin ich Gott dankbar, der es durch seinen Geist bewirkt hat.
Zweitens habe auch ich keine Königswege, allenfalls Botengänge, denn Bote Christi in dieser Welt sollen wir sein. Bescheidenheit tut uns allen in dieser Situation gut, denn sie ist überkomplex.

Was tut unsere Kirche also?
1.    Sie nimmt denen die Luft aus aufgeblasenen Backen, die allzu genau wissen, was der richtige Weg ist. Wir müssen aufeinander hören.
Wer in dieser Situation nicht bescheiden redet, ist ein Scharlatan. Überkomplexe Situationen haben das Potential in sich, dass Menschen in Spannung zueinander geraten, statt zusammen zu stehen. Sie sind – glücklicherweise - unterschiedlicher Meinung in der Koalition, der Union und innerhalb der CSU. Das ist nur gut, denn diese überkomplexe Situation kann keine Person angemessen, also vollständig und auch in allen Konsequenzen umfassend, einschätzen. Bleiben Sie offen für einander, denn der andere, mit dem ich spreche, kann etwas gesehen haben, das mir in meiner Perspektive noch fehlt. Machen Sie um Gottes Willen einander keine Vorwürfe. Wir brauchen gebündelte Kraft nach vorne. Vorwürfe aber sind immer rückwärtsgewandt.
Konkret: 100.000 Menschen in Ungarn ohne ausreichende Versorgung mit Essen und Trinken im Elend vor unserer Haustüre, brauchten eine rasche Entscheidung. Nun wollen einige in den Nachbarstaaten Angela Merkel die Schuld in die Schuhe schieben, dass die Geflüchteten verstärkt nach Europa kommen. Sie kamen doch schon vorher und standen in Ungarn. Vorwürfe an die Kanzlerin, die in Not geholfen hat, fallen auf die Kritiker zurück.

2.    Wir stärken den Hilfsbereiten den Rücken - seien sie Haupt- oder ehrenamtlich und danken ihnen von Herzen.
Ich bin stolz auf Bayern. Wenn ein syrischer Flüchtling in München sagt: „Zum ersten Mal auf meiner Flucht erlebe ich Polizisten, die mir freundlich und fair begegnen“ dann bewegt mich diese Szene sehr. Sie zeigt zugleich die schlimmen Erfahrungen des einzelnen Flüchtlings und, dass wir in unserem Land eine echte Willkommenskultur haben, die von der überwiegenden Mehrheit der Menschen gewollt und getragen ist. Staatliche Organe, kirchliche Kräfte und bürgerschaftliches Engagement wirken zusammen. Welch eine ethisch-moralische Stärke! Dies zu erleben, gibt Zuversicht auch für die Zukunft. Dieses Klima gilt es zu erhalten.
Das schaffen wir? Ja, mit Gottes Hilfe und seinem Geist der Besonnenheit. Gottes Geist stärkt zugleich Liebe und Realitätssinn. Er ist der Wind - der lange Atem, den wir brauchen werden.

3.    Unsere kirchlichen Hilfsorganisationen Misereor und Brot für die Welt helfen in den Krisenregionen selbst. Im Flüchtlingscamp im Libanon ist nur ein Arzt pro 80.000 Geflüchteter da. Es ist doch klar, dass zu uns kommt, wer kommen kann, wenn solches Elend nicht entschlossen behoben wird. Die Entwicklungshilfe unseres Staates sollte weniger Regime aus einem politischem Kalkül unterstützen, das sich sehr schnell als Irrweg heraus stellen kann; sondern vielmehr mit Non-Profit-Organisationen zusammenarbeiten, die in jeder Situation die elementare Versorgung Hungernder und Kranker zu beheben suchen und Bildung sowie Hilfe zur Selbsthilfe fördern. Unsere Entwicklungshilfe muss sich strategisch anders ausrichten, damit die elementaren Fluchtursachen wirksamer behoben werden. Dazu braucht es stärkeren Support christlich geprägter Non-profit (!)-Organisationen.
 
4.    Wir schaffen Foren für dringend notwendige Kommunikation. Es ist erschreckend, wie wenig viele Verantwortliche vom Gesamtphänomen wissen. Eine herausragende kommunale Leitungspersönlichkeit sagte jüngst: Diakonie und Caritas verdienen doch ganz gut an der Asylsozialberatung. Da bleibt uns der Mund offen stehen. Diakonie und Caritas bzw. Evangelische und Katholische Kirche zahlen zu jeder Stelle ca. 25% Eigenanteil. Wir erwarten dafür keinen Dank, aber es wäre ganz schön, wenn  wenigstens politisch Verantwortliche das wüssten. Doch dieses Beispiel ist ja nur eines für das riesige Kommunikationsdefizit. Ein Krisenmanagement scheitert seltenst am guten Willen, sondern häufig an mangelnder Kommunikation, Kooperation und Koordination. Das gilt europaweit und an jedem einzelnen Ort und in allen Ebenen dazwischen. Darum laden wir ein zu Runden Tischen und bringen Menschen ins Gespräch, die vorher mit Vorurteilen gegeneinander behaftet waren. Dann merken die Menschen: Wir brauchen einander. Wir werden diese Lage nur managen mit Optimierung von Kommunikation, Kooperation und Koordination. Besonders die Koordination der Ehrenamtlichen lege ich Ihnen ans Herz. Sonst läuft die große Hilfsbereitschaft ins Leere und wird frustriert. Wir wollen doch das Gegenteil.


5.    Wir bitten darum: Helft den Helfern und denen, die helfen wollen. Menschen wollen Wohnungen bereitstellen; doch ihr Angebot wird nicht registriert oder verfolgt. Ehrenamtliche tun die Arbeit der öffentlichen Hand, doch werden von Verantwortungsträgern weder gehört noch ausreichend informiert. Das staatliche Programm zur Koordination Ehrenamtlicher kann nur ein erster Anfang sein.

6.    Wir fördern Integration. Viele Ehrenamtliche unserer Kirchengemeinden bieten Sprachkurse an oder sind Sprachpaten für Kinder in den Schulen. Wir suchen mit nach Arbeitsplätzen für die Geflüchteten. Das übernächste Treffen des von mir begleiteten Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer Franken/Oberpfalz hat das Thema „Brückenbauen zwischen Fachkräftemangel und Geflüchteten“. Die Signale des deutschen Innenministers machen mir Sorge, dass Geflüchtete, die bereits in Lehrstellen und Arbeit gekommen sind, nicht genügend Sicherheit haben, dass sie bleiben können. Das ist auch für die Arbeitgeber ein Debakel. Wir brauchen in Deutschland Fachkräfte in Metzgereien, Bäckereien, im Gastgewerbe und in der Pflege. Wir können unseren eigenen Notstand lindern, indem wir die Not der Geflüchteten lindern. Bitte nutzen wir offensiver und geregelter diese Win-win-Chance.

7.    Wir stehen an Ihrer Seite, manchmal kritisch, doch wir lassen Sie mit dieser Herausforderung nicht allein. Wohnraum ist ein Beispiel. Für Unterkünfte für Tausende muss der Bund sorgen. Doch wenn es um kleinere Einheiten geht, die auch der Integration dienen, wie Wohnraum für Familien, so wächst hier bayernweit unsere Liste ganz konkreter Wohnungen und anderer Unterkünfte. Wir haben alle evangelischen Dekanatsbezirke gebeten, jeweils zumindest Immobilien für die Unterbringung von zwanzig Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen – und zwar so rasch als möglich. Etliche dieser Wohnungen sind schon belegt worden. Und es werden noch mehr werden. Sie können gewiss sein, dass wir alles versuchen, was in unseren Kräften steht, um zu helfen. Und dazu gehört auch die Ankündigung unseres Landesbischofs, die Synode zu bitten, für das laufende und das kommende Jahr zusätzlich jeweils 10 Millionen zur Verfügung zu stellen, um Flüchtlingen zu helfen. In der kommenden Konferenz der Regionalbischöfin mit den 17 Dekanen Oberfrankens habe ich die Frage, wie wir am besten helfen können, als Hauptthema benannt.

8.    Wir verkünden Gottes Wort. Unser Evangelium ist eindeutig. Wir Christen stehen in einer großen Jahrtausende alten jüdisch-christlichen Tradition, die im Wesenskern eine fremdenfreundliche Religion ist. Wir hören nachher im Gottesdienst einen der alttestamentlichen Texte dazu. Dieser fremdenfreundliche Zug wird im Neuen Testament aufgenommen und noch verstärkt. Der Evangelist Matthäus malt eine Vision vom Weltgericht. Da wird Christus die Menschen richten nach dem Kriterium, ob sie Fremde aufgenommen haben oder nicht. Christus selbst identifiziert sich in diesem Bibelwort mit den Fremden. In ihnen begegnet er uns. Er fragt uns nach unserer Liebe. Ich hoffe unser Predigen hilft, dass wir nicht in falsche Alternativen geraten. Unser Grundgebot ist das Doppelgebot: Du sollst Gott lieben und Deinen Nächsten wie Dich selbst. Von uns wird nicht erwartet, dass wir den Nächsten mehr lieben sollen als uns. Es ist schon genug, dass wir ihn so lieben, wie uns. Das allerdings ist unser Ziel. Es wird wichtig sein, dass die Politik deutlich machen kann, wie sie den Menschen in Not hilft und dem eigenen Land. Denn es gilt die Hilfsbereiten und die Sorgenvollen miteinander in die Zukunft zu führen.

9.    Unser christlicher Glaube ist ein Angstfresser. Den wollen wir stärken. Seit dem zweiten Weltkrieg hat nichts unser Land so gefordert wie diese Situation. Nichts hatte seitdem größeres Veränderungspotential in sich. Unser Land wird sich verändern. Viele haben Angst vor Islamisierung. Denen rufen wir zu: Wenn ihr Angst habt vor Islamisierung, so werdet christlicher. Wer fest ist im Glauben an Christus, hat keine Angst vor Überfremdung, weil er erstens im Glauben zu Hause ist, den ihm niemand nehmen kann und er zweitens sich gesandt weiß zu den Fremden, in denen Christus uns begegnet. Es gilt unseren christlichen Bürgern folgende Orientierung für unsere Beziehung zu Muslimen zu geben: „Wir sind im Glauben unterschieden, doch in Liebe an sie gewiesen!“ Gleichmacherei im Glauben ist nicht unser Weg, doch die Förderung gemeinsamen Lebens in Frieden. Wir wollen eine christlich geprägte Gesellschaft sein und bleiben. Bitte sagen wir das auch so. Wir behalten unsere christliche Identität aber gerade auch in der Fremdenfreundlichkeit. Unser Land wird sich wandeln. Doch Glaubende gehen mit Christus in die Zukunft, der verheißt: Siehe ich bin bei Euch alle Tage.

10.    Wir hören auch auf Sie. Darum bin ich gespannt auf unser Gespräch. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin