Buß- und Versöhnungsgottesdienst "Healing of memories"

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Greiner am 21. März 2017 in der St. Stephanskirche in Bamberg zu Matthäus 18,19-22

Liebe Schwestern und Brüder,
wie oft muss ich meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? So fragt Petrus Jesus. Bei Frage und Antwort gehen beide wie selbstverständlich davon aus, dass der Bruder auch wirklich gesündigt hat.
Beide und auch wir wissen: Geschwister können gar nicht gemeinsam aufwachsen, ohne am Bruder oder der Schwester schuldig zu werden oder zumindest ihnen etwas schuldig zu bleiben. Liebe haben wir immer zu wenig. Ich selbst habe einen Bruder und eine Schwester. Wir haben uns sehr unterschiedlich entwickelt im Leben. Wenn trotzdem versöhnte Gemeinschaft gelingt, ist das ein großer Segen.
Vermutlich wird unter uns auch niemand in Frage stellen, dass die Kirchen aneinander schuldig geworden sind. Vor 44 Jahren haben Lutheraner und Reformierte sich versöhnt, die Leuenberger Konkordie unterzeichnet und damit Kirchengemeinschaft gewonnen. Erst seit 44 Jahren feiern wir – nach 450 Jahren der Trennung miteinander wieder Abendmahl. Und dies tun wir, obwohl wir Lutheraner so sehr die Gegenwart Jesu Christi in Brot und Wein betonen – während Reformierte in Brot und Wein eher Zeichen der Gegenwart Jesu sehen. Trotzdem sagen wir zueinander: Eure Pfarrer dürfen bei uns tätig sein wie unsere Pfarrer. Wenn wir Abendmahl feiern, seid ihr herzlich eingeladen. Auch mit der anglikanischen Kirche Englands können Evangelische Christen Deutschlands seit der Unterzeichnung der Meißener Erklärung im Jahr 1988 wieder gemeinsam Abendmahl feiern. Reformierte bleiben reformiert, Anglikaner anglikanisch, Lutheraner lutherisch; und doch haben wir Abendmahlsgemeinschaft, versöhnte Gemeinschaft unter Wahrung der jeweiligen Identität.
Die Gräben zwischen Katholiken und Lutheranern wurden tiefer als zwischen Lutheranern und Reformierten oder Anglikanern. Wir haben uns in den 500 Jahren auseinanderentwickelt. Umso bedeutsamer, dass wir insbesondere in den letzten 50 Jahren bewusst Gemeinschaft suchen. Einheit in versöhnter Verschiedenheit wächst. Ich preise Gott dafür und unterstütze dies aus vollstem Herzen.

Für die wachsende Gemeinschaft spielt Vergeben eine tragende Rolle. Die Kirchengemeinschaft wird nur kommen können, wenn wir zuvor einander vergeben. Darum ist es grundlegend, was am letzten Reformationstag zwischen Papst Franziskus und dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes in Lund geschah, was Samstag vor einer Woche zwischen dem EKD-Ratsvorsitzendem Landesbischof Bedford-Strom und dem Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Marx in Hildesheim geschah und was heute hier geschieht. Wir bitten einander zu vergeben und wollen einander von Herzen alles vergeben.
Und da gibt es einiges:
Gehen wir in Rom in die Jesuitenkirche Il Gesu. Da sehen wir im Altarrelief, wie die lieben Engel die Bücher der Reformatoren – Luther, Zwingli, Calvin steht auf den Buchrücken - zerreißen. Dass diese Lehre verschwinden muss, dafür sorgt der Himmel selbst. In der Wiener Karlskirche sehen wir Luthers Ehefrau als Hure dargestellt. Aber wir brauchen nicht weit fahren - nur nach Aufsess in die Burgkapelle - da sehen wir das Gegenstück: Auf einem Altargemälde mit dargestelltem Jüngsten Gericht schieben Gottesboten prunkvoll gekleidete katholischen Bischöfe, feiste Priester und dumme Altgläubige in die Hölle hinein. Die schlicht gewandeten Lutheraner dagegen finden vor sich den Himmel offen.
In dieser Kunst sind die Urteile und Vorurteile dargestellt, wie sie Menschen Jahrhunderte prägten. Heute in unserem Gottesdienst distanzieren wir uns davon und sagen stattdessen: Du bist mein Bruder, meine Schwester auf dem Weg unterwegs zum Himmel. Gemeinsam wollen wir Jesus nachfolgen. Gesegnet sei Deine Kirche.
Ein Jesuit schrieb an eine lutherische Ordensschwester: „Die Zerstörung der Lutherbücher am Ignatiusaltar … ist für mich immer ein Grund für Nachdenklichkeit, Scham und das Knüpfen aufrechter Beziehungen, die helfen, die Spaltung zu überwinden.“
Es ist richtig, solche Dokumente tiefer Abneigung nicht zu vernichten. Wir können das nicht ungeschehen machen. Wir entfernen auch die so genannten schrecklichen „Judensäue“ nicht an unseren Kirchen. Doch es tut uns von Herzen Leid, dass sie entstanden. Sie sind uns ein Mahnmal. Es berührt uns Christen, dass Christen je so dachten. Es zeigt, wie schnell wir Menschen verführbar sind zur Aversion, zum Verlassen des Weges Christi.
Ist das heute alles vorbei? Nein, ist es nicht. Da nimmt eine katholische Familie die Einladung im Winter nicht an, in die geheizte evangelische Kirche zu gehen statt in die kalte Leichenhalle, die viel, viel zu klein ist für die Trauergemeinde. Da möchte eine Ordensschwester einer katholischen Schule mit den Schulabgängern unbedingt Eucharistie feiern. Der evangelische Pfarrer möchte nach gemeinsamer Schulzeit aber einen gemeinsamen Gottesdienst. Und schon ist der Graben, den wir gegenwärtig zuschütten, wieder ein paar Spatenstiche tiefer.
Vergebung ist nicht nur notwendig im Blick auf die Vergangenheit. Vergebung ist heute unsere Aufgabe, damit wir gerne in die Kirche der anderen Konfession gehen, damit wir die Gefühle der anderen Konfession kennen, mitfühlen oder wenigstens zu verstehen suchen.
Vergeben ist unsere Aufgabe. Auch für Vergangenes, für das wir gar nichts können? Ja auch dafür. Ich halte es für eine unchristliche Ideologie, dass ich nur um Vergebung bitten kann, für etwas, das ich persönlich mit verursacht habe.
Domkapitular Dr. Josef Zerndl und ich feierten vor fast vier Jahren einen Gottesdienst für konfessionsverbindende Ehepaare. Wir baten um Vergebung für die zugefügten Verletzungen von Mitgliedern unserer Kirchen. Viele dieser Ehepaare hatten – wegen der anderen Konfession des Ehepartners - Zurückweisungen von Verwandten und von Vertreter der Kirchen erlitten. Alle Ehepaare gingen beim Segen mit Handauflegung zu dem Kirchenvertreter, von dem sie damals keinen Segen erhalten haben.
Ich hätte nie gedacht, wie viele Tränen bei einer Segnung fließen können. Ein Mann sagte beim Empfang hinterher: Heute war der schönste Tag in meinem Leben. Ein anderer: Heute ist etwas heil geworden in mir.
Unsere Seele hat viel mehr gespeichert, als wir ahnen. Sie ist ein Wunderwerk tiefer Erinnerungen, die uns oft gar nicht bewusst sind. Doch Christus hat Zugang zu den Tiefen unserer Seele über den Weg der Vergebung. Dass Sie und ich jedem Menschen und jeder Institution und jedem Institutionsvertreter vergeben, unabhängig darum, ob wir gebeten werden, ist der Weg zur Heilung der Erinnerungen und zu befreiter Zukunft. Jedem vergeben, auch wenn wir nicht um Vergebung gebeten werden? Ja! Christus bittet uns doch. Sein Geist schenkt die Bereitschaft dazu. Die unwillkürliche Auswirkung des Vergebens wird neue Kraft, neue Liebe, neue Freude sein.

 „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“, so lautet der Titel eines offizielles lutherisch/römisch-katholischen Dokumentes, dass vor vier Jahren veröffentlicht wurde. Die herausgebende Kommission wurde vor genau 50 Jahren durch Lutherischen Weltbund und den Päpstlichen Rat zur Einheit der Christen gegründet. Das Dokument erzählt die Geschichte von Reformation und Gegenreformation aus gemeinsamer ökumenischer Perspektive. Das gab es so noch nie. Katholiken sagen nicht mehr: „Ihr habt Euch abgespalten“ und Protestanten nicht mehr: „Ihr ward reformunfähig und habt uns rausgeworfen“, sondern beide sagen: Wir haben einander nicht verstanden. Es war Schuld auf beiden Seiten. Schwesterkirche, das tut uns von Herzen leid.
Heute sagen wir: Bruder, Schwester der anderen Konfession, wir wollen einander nichts mehr nachtragen, sondern einander von Herzen vergeben. Ich sehe die großen Gaben, die Gott Dir geschenkt hat und bin dankbar dafür. Ich verspreche Dir, dass ich alles tun will, was unsere Einheit in versöhnter Verschiedenheit fördert.
Das dies heute geschieht, hat Gott selbst geschenkt. Darüber freuen sich die Engel im Himmel. Unser Weg zu sichtbarer Kirchengemeinschaft soll eine unüberhörbare Botschaft sein von der Liebe Gottes, die uns untereinander verbindet, damit die Welt an Christus glaube.
Amen.