450 Jahre evangelische Predigt in Mitwitz am 16.07.2017

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

Liebe Gemeinde,

auf diesen Gottesdienst mit Ihnen habe ich mich selbst gefreut. Denn ab Mai 1986 war ich für gut zwei Jahre Vikarin in Sonnefeld. Wir wohnten aber in Gestungshausen, weil mein Mann dort Vikar war. So habe ich heimatliche Gefühle, wenn ich heute wieder bei Ihnen bin.

Vor gut 14 Tagen habe ich Pfarrer Sachs und Ihre Kirche besucht für letzte Absprachen. Natürlich sind wir in diese Kirche gegangen und haben sie in Ruhe bewundert, innen wie außen. Es hat mich sehr gefreut, als ich von Pfarrer Sachs den Satz hörte: „Die Mitwitzer lieben ihre Kirche“. Denn Ihre Jakobskirche ist ein großes Kleinod.

Heuer feiern wir in Mitwitz doppelt Reformation:
Zum einen begehen wir weltweit und natürlich auch in Mitwitz 500 Jahre Beginn der Reformation.

Und zum anderen feiern wir, dass 50 Jahre später die Reformation in Mitwitz einzog. Denn seit 450 Jahren predigen hier in dieser Kirche evangelische Pfarrer.
Was hat sich damals - seit Michael Vischer im Jahr 1567 als Pfarrer eingesetzt wurde - verändert?
Seitdem wird das Abendmahl nicht nur mit Brot sondern auch mit Wein gefeiert;
die Gemeinde singt Choräle;
die Liturgie wird in deutscher Sprache gefeiert:
und es wird das Evangelium gepredigt.
Gerade diese „evangelische Predigt“ war den Menschen wohl so wichtig, dass sie auch in die Kirche kamen, sodass sie zu klein wurde und fünf Jahre nach Einführung des evangelischen Pfarrers  erweitert wurde.
Was predigte er damals? Das wissen wir. Denn evangelische Predigten haben zumindest vier inhaltliche gleiche Merkmale bis heute.

Eine typisch evangelische Predigt verkündigt:

1.     Jesus Christus als alleiniger Herrn und Heiland, Retter und Erlöser.
2.    Dass wir allein im Glauben an ihn Heil und Heilung erfahren.
3.    Allein aus Gnade liebt uns Gott und steht uns der Himmel offen.
4.    Darin sind wir gewiss. Denn das steht in der Bibel und allein die Heilige Schrift ist uns Maßstab unseres Glaubens.

Es ist eine Freude, dass heute diese vier so genannten Soli kein Unterscheidungsmerkmal mehr sind zwischen  evangelischen und katholischen Predigten. Denn im Jahr 1989 haben beide Kirchen in der „Gemeinsamen Erklärung“ in Augsburg unterschrieben, dass diese Merkmale uns verbinden.
An diesen vier Merkmalen evangelischer und inzwischen ökumenischer Lehre gehe ich nun entlang und zeige beispielhaft auf, wie Ihre Kirche und Ihre Gemeinde durch diese vier Merkmale geprägt sind.

Fangen wir als erstes mit der Bibel an. Das ist typisch evangelisch, dass Sie in diesem Jubiläumsjahr eine handschriftliche Mitwitzer Bibel erstellen wollen. Das passt so sehr zur Reformation, weil es biblische Worte durch Herz und Hand fließen lässt.
Manche von Ihnen haben sich gewiss besonnen: Welches ist denn mein liebstes Bibelwort, das ich abschreiben würde: Bestimmt war der 23. Psalm: „Der Herr ist mein Hirte“ schnell vergeben. Übrigens sucht Ihre Aktion noch nach 60 Personen, die sich beteiligen. Man kann auch zwei abschreiben. Ich nehme auch ein zweites Bibelwort zum Abschreiben - das 60., das keinen Abnehmer findet. Doch 59 braucht es vorher aus Ihren Reihen.
Ich meldete mich für die lukanische Weihnachtsgeschichte. Doch die war natürlich auch schon nicht mehr zu haben. Und so schrieb ich Johannes Kapitel 1 ab, das Evangelium, das wir heute gehört haben. Denn auch dieses Bibelwort handelt vom Kommen Jesu in diese Welt.
„Das Wort ward Fleisch“ – diese Aussage meint natürlich Jesus, der zu uns kam. Er ist und war in Person das lebendige Wort, das uns erzählt, wie sehr der Vater im Himmel uns liebt, das uns zur Umkehr ruft, uns Vergebung zuspricht und uns zu einem neuen Leben in Liebe ruft.
Das Wort ward Fleisch. Mir ist dieses Bibelwort so lieb und wichtig, weil es die Bewegung Gottes zu uns zeigt. Gott will bei uns sein, Gott will uns begegnen, Gott will uns mit seiner Liebe erwärmen. Und all das will er nicht nur, sondern das tut er auch in Jesus Christus.

Da sind wir schon beim zweiten Merkmal evangelischer Predigt: Bei Jesus Christus.
Auch Eure Mitwitzer Kanzel predigt Christus. Denn unter mir steht Johannes der Täufer. Sein Ausspruch über Jesus Christus: „Siehe, das ist Gottes Lamm“ ist in Latein auf seiner Fahne zu lesen. Gemeint ist: Schaut auf Jesus. Er ist der große Erlöser, der Euch alle, alle Schuld vergibt.
Dann flankieren mich Matthäus mit Engel, Markus mit Löwe, Lukas mit Stier und Johannes mit Adler -also die vier Evangelisten - die ebenfalls von Jesu Leben, Sterben und Auferstehen erzählen.
Und über mir seht Ihr nicht nur kleine Engel, die Marterwerkzeuge tragen, mit denen Jesus gequält wurde, sondern den Auferstandenen, der den Tod durchschritten hat, der doch siegt mit seiner Liebe. Er ist und bleibt der Herr der Welt.
Unter ihm zu stehen, ist mir die größte Ehre.
Eines der ältesten Grundbekenntnisse des Neuen Testaments ist die ganz einfache Aussage: „Herr ist Jesus Christus.“ Das ist ein Bekenntnis, das sich auf die Welt bezieht und auf unser persönliches Leben. Christen bekennen: Christus ist Herr der Welt und meines Lebens. Wohl Euch, wenn Ihr dies für Euer Leben von Herzen mit der Konfirmation versprochen habt oder an einem anderen Tag in Eurem Leben. Das ordnet unser ganzes Leben neu, gibt ihm Orientierung und Freude. Eben auch Freude. Denn durch den Glauben an ihn wisst Ihr: Nach dem Tod seid Ihr bei ihm in seinem Machtbereich. Ihr seid schon jetzt erlöst und frei. Er befreit Euch von jeder falschen Angst und Furcht. Er befreit Euch zur Liebe, sodass Ihr anderen vergeben könnt, wie er Euch vergeben hat; Ihr lernt lebenslang, Euch anderen liebevoll zuzuwenden, wie Christus sich den Menschen zu seinen Lebzeiten zugewendet hat und sich Euch heute zuwendet. Das geschieht in Eurem Leben durch den Glauben an ihn.

Damit sind wir schon bei dem dritten Merkmal, dem Glauben. Unser Glaube ist natürlich ein Glaube an den dreieinigen Gott. Doch den haben wir eben erst, wenn wir glauben, dass der Vater so ist, wie Jesus uns ihn zeigt; und der Heilige Geist ist kein anderer war als der, der in Jesus wirkte und den Jesus uns sendet, damit er in uns wirkt.
Diesen Glauben an Christus und den dreieinigen Gott, den hat man nicht schon mit der Taufe. „Die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Das beklagt unser Bibelwort. Das Heil ist uns geschenkt mit der Taufe. Aber erst der Glaube bezieht das in Christus geschenkte Heil auf sich, freut sich am Geschenk, so wie der Glaube selbst ein großes Geschenk ist.
Es ist ein Geschenk, das lebenslang größer wird, weil wir nie alles verstehen, weil unsere Liebe zu ihm noch viel mehr wachsen kann und die von ihm geschenkte Liebe zu den Menschen auch.
Darum ist es gut, dass die Mitwitzer Gemeinde lebensbegleitend Gemeindegruppen hat – von der Jungschar bis zum Seniorenkreis, in der die Teilnehmenden immer mehr hineinwachsen in die Freude über unseren Glauben. Auch im evangelischen Kindergarten lernen Kinder zu beten, und tragen den Wunsch zu beten auch in die Elternhäuser. Die Chöre sind nicht zu unterschätzen, denn das gesungene Liedgut enthält so viel Glaubensinhalt, der beim Singen tief in die Seele sinkt. Wer im Posaunenchor spielt, macht unsere Gottesdienste festlich und Bläser gehen durch das Spielen viel öfter in den Gottesdienst und werden so immer vertrauter mit dem Glauben.
Auch wenn Glaubenspraxis eingeübt werden will, ist der Glaube selbst und der Glaubensinhalt ein großes Geschenk. Jeder, der auf Christus vertraut, wird sagen, welch ein Geschenk ist der Galube an ihn für mein Leben.

Geschenk, da sind wir beim vierten und letzten Merkmal, der Gnade. Das wichtigste ist uns im Leben geschenkt, ist unverdient, ist reine Gnade: zum einen die Liebe: die Liebe von Menschen und die Liebe Gottes zu uns und die Liebe, die wir in uns haben zu den Menschen und zu Gott. Und zum anderen ist das Leben selbst ein Geschenk: das Leben, das wir auf dieser schönen Erde haben und das Leben, in das Gott uns nach unserem Tod holt im Himmel. Das Leben hier und erst recht im Himmel ist reine Gnade. Wir können es uns nicht verdienen. Müssten wir es uns verdienen, könnten wir nie sicher sein, ob wir genug Gutes getan haben oder wirklich jede Sünde gebeichtet haben. Daran hängt nicht unser Heil, sondern an Christus. „Gnade und Wahrheit ist uns durch Jesus Christus geworden“, sagt unser heutiges Bibelwort. Er ist der Weg zum Leben, auch zum Leben im Himmel. Den öffnet er uns durch seinen Tod am Kreuz, durch seine Vergebung, die uns geschenkt ist.
Gnade, das geschenkte ewige Leben haben wir durch Christus. Die wertvollsten vorreformatorischen Fresken in dieser Kirche, veranschaulichen genau dies. Sie zeigen eine Darstellung des Begräbnisses von Maria, der Mutter Jesu.
Maria war eine gute Mutter. Sie hat Jesus ausgetragen, ihn groß gezogen, ihn beweint als er starb und an ihn geglaubt – schon bei seinem ersten Wunder in Kana und erst recht als er auferstand. Sie hatte was zu sagen. Der Lobgesang der Maria in der Bibel ist einer der umstürzlerischsten Texte der Weltgeschichte. Für Martin Luther war sie ein großes Vorbild im Glauben und Leben.
In den Fresken hier im Chorraum sehen wir Marias Sarg und oben, das ist leider schwerer zu erkennen, da sehen wir die Seele Marias. Und die wandert nicht eigenständig in den Himmel. Christus trägt sie hinein. Auch Maria verdankt ihm den Himmel, das ewige Leben bei Gott in seinem Licht. Und ebenso wird es bei uns sein. Wir verdanken es Jesus, dass uns der Himmel offen steht und wir einst bei Gott sein werden und nicht im Nirwana, nicht in Finsternis, nicht in Angst, sondern bei Gott. Christus trägt uns in den Himmel.

So, das ist evangelische Lehre. An den alten Fresken erkennen wir: sie ist schon vor der Reformation da gewesen. Denn sie ist biblisch, am Beispiel Marias gezeigt. Christus ist es, der uns in den Himmel bringt. Doch durch die Reformation und durch evangelische Predigt wurde diese Botschaft neu zum Leuchten gebracht. Und heute 450 Jahre danach freuen wir uns endlich wieder gemeinsam an ihr.
Amen.