500 Jahre St. Johannis, Rödental am 24.06.2017

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

Liebe Gemeinde,
500 Jahre Kirche St. Johannis. Ein hohes Jubiläum. Ich gratuliere. Es ist mir selbst ein Freude und Ehre, mit Ihnen zu feiern.
An einer solchen Kirche sieht man sich nie satt und entdeckt stets Neues. Hier predigen nicht nur Pfarrer und Pfarrerinnen. Auch die Kirche selbst predigt mit. Das hat Pfarrer Jörg Mahler in dem hervorragenden Jubiläums-Buch sehr eindrücklich vor Augen geführt.
Und so will auch ich unseren Jubilar bei meiner Ansprache mitpredigen lassen.
Unser Jubilar heißt St. Johannis – benannt nach dem Täufer Johannes.  Wie unsere Kirche im Jahr 1517 hieß, wissen wir nicht. Aber seit der großen Veränderung des Bauwerks und seiner Ausgestaltung durch Johann Casimir 1604, hat die Kirche denselben Namenspatron wie Herzog Johann, eben Johannes den Täufer.
An zwei Orten finden wir  in dieser Kirche den Täufer. Der wichtigste Ort ist hier an der Kanzel. Johannes tut, was jeder Prediger und jede Predigerin tun soll: Er weist auf Jesus Christus hin. Wir haben es vorhin im Evangelium gehört: Als Johannes Jesus kommen sah, wies er zu Jesus hin, damit alle auf ihn sehen und sagte: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“
Und auch der Johannes hier an der Kanzel zeigt mit seinem Finger auf Jesus, der in der Mitte steht. Die Person Jesu bildet die Mitte der Kanzel, so wie Jesus Christus die Mitte jeder Predigt und unseres Glaubens sein soll.

Wir feiern dieses Kirchenjubiläum im Jahr des großen Reformationsjubiläums. Diese auf Jesus weisende Geste des Johannes passt auch zur Reformation. Denn nichts war Martin Luther wichtiger, als dass Menschen an Christus glauben. Denn nicht, was Du tust, eröffnet Dir den Zugang zum Himmel, sondern, was Jesus für Dich getan hat.  Als Lamm, das der Welt Sünde trägt, trägt er auch Deine Sünde. Durch ihn ist Dir vergeben. In der Taufe ist Dir das persönlich zugesagt worden und im Glauben nimmst Du es für Dich an.
Mancher wird sich vielleicht wundern, dass in einer Johanniskirche ein Lamm fehlt, zumal dieser Satz: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt“ der wichtigste Ausspruch Johannes des Täufers ist.
Doch das Lamm fehlt nicht. Es ist als Relief über dem Eingang zu sehen - mit Siegesfahne! Denn dieses unschuldige Lamm, das gelitten hat, geduldig am Kreuz, hat gesiegt. Christus ist auferstanden und lebt. Sein Weg der Liebe ist bestätigt. Sie alle sind sozusagen unter dem Lamm hindurchgeschritten als Sie die Kirche betraten. Das bedeutet: Seine Liebe und Vergebung gilt Dir, wenn Du Die Kirche betrittst und wenn Du sie nachher wieder verlässt.

Heute predigt nicht nur die Kirche, sondern auch die Bachkantate. Auch unsere Kantate – „Christ unser Herr zu Jordan kam“, erzählt die Heilsgeschichte.
Die Predigt der Kirche und der Kantate lassen sich bestens verknüpfen.
Gerade haben wir das Recitativo gehört:
„Er ist vom hohen Himmelthron, der Welt zugut, in niedriger Gestalt gekommen und hat das Fleisch und Blut der Menschenkinder angenommen“. Das meint natürlich die Geburt Jesu. Die Geburt im Stall von Bethlehem sehen wir auf der zweiten Tafel der Westempore.
„Den nehmet nun als euren Heiland an und höret seine teuren Lehren“, ruft uns die Kantate zu.
Auch das Hören auf den lehrenden Christus wird auf einem Relief dargestellt. Es gehört sogar zu meinen Lieblingshinguckern. Wenn es von Ihrem Platz irgendwie geht, dann schauen Sie doch bitte zur Nordempore, zum zweiten Relief von hinten. Da steht der lehrende Jesus im Boot. Die Menschen lauschen; doch nicht nur die, sondern sogar die Fische im See Genezareth. Neugierig strecken drei Fische die Köpfe aus dem Wasser. So wichtig ist Jesu Botschaft, dass die Tiere lauschen.

Weiter geht es in der Kantate. Es folgt die Erzählung der Taufe Jesu:
Leider können Sie das passende Relief dazu nicht sehen, denn es findet sich unter der Westempore hinten an der Kirchenwand. Doch es ist auf dem Gottesdienstprogramm abgebildet. Es würde mich freuen, wenn Sie es betrachten, während ich die Kantate dazu zitiere:
„Des Vaters Stimme ließ sich hören,
Der Sohn, der uns mit Blut erkauft,
Ward als ein wahrer Mensch getauft.
Der Geist erschien im Bild der Tauben, damit wir ohne Zweifel glauben,
Es habe die Dreifaltigkeit
Uns selbst die Taufe zubereit.“
Alle Reliefs unter der Westempore sind in ihrer Farbgebung nicht rekonstruiert und daher farblos. Ausgerechnet das Taufbild weist noch Farbe auf. Und so fällt besonders dieser rötliche Dreizack sofort ins Auge.
Sonst ist ein Dreizack eigentlich eine Waffe, die insbesondere zum Aufspießen – auch bei der Jagd taugt. Doch der Heilige Geist ist kein Jagdbomber, sondern das genaue Gegenteil. Er bringt Frieden ins Herz, Freude, Gewissheit. Er ist die Kraft Gottes, die uns erfüllt und weise handeln und reden lässt, uns Worte des Friedens gibt. Und er ist schneller als jedes Fluggeschwader. Wenn der Vater im Himmel Euch seinen Geist geben will, vergeht kein Augenblick. Auch Ihr könnt zu jeder Zeit um ihn bitten und darauf vertrauen, dass zu Euch kommt.

Was mich an diesem Relief amüsiert, ist die Bewegung des Täufers. Es wirkt, als ob er auch noch ins Wasser springen will.
Überhaupt ist die starke Bewegung der Figuren eigentümlich in allen Reliefs. Keines wirkt statisch, überall tun Menschen etwas, rühren sich, gehen. Was Jesus den Jüngern aufträgt: Geht hin in alle Welt, rührt Euch - das wird hier plastisch. Selbst Johannes hier an der Kanzel ist so in Bewegung, dass sein Knie den Fellmantel öffnet. Kirche in Bewegung, das wollen wir bis heute sein – bewegt durch Gottes Geist.

Ein letztes. Schauen wir auf  das Ende der Kantate:
Das Aug allein das Wasser sieht,
Wie Menschen Wasser gießen,
Der Glaub allein die Kraft versteh
Des Blutes Jesu Christi,
Und ist für ihn ein rote Flut
Von Christi But gefärbet,
die allen Schaden heilet gut,
Von Adam her geerbet,
Auch von uns selbst begangen.
Der Wortlaut dieses Schlusschorales ist schwer, hat eine fast mystische Gedankenwelt. Ich übersetze die Gedanken des Chorals in einfachere Sprache:
Bei einer Taufe sehen wir Wasser, doch eigentlich müsste dieses Wasser rot sein. Denn es ist das Blut Christi. Das Blut, das Christus am Kreuz vergossen hat, das jeden Schaden heilt: „Und ist für ihn (den Glaubenden) eine rote Flut, von Christi Blut gefärbet, die allen Schaden heilet gut.“
Das Taufwasser oder auch der Abendmahlswein, den wir als Blut Christi trinken, soll heilen? Ja, das glaube ich wirklich, Taufe und Abendmahl heilen.
Wenn ein Mensch nicht mit Gott in Verbindung steht, ist eine offene Stelle, eine Wunde in seiner Seele, in seinem Herzen. „Unruhig ist mein Herz, bis es ruht Gott in Dir“ sagte auch Augustin.
Wir Menschen sind voll Sehnsucht nach Leben. So viele Menschen werden enttäuscht auf ihrer Suche nach Glück, weil sie die Erfüllung suchen im Geld, in der Sexualität, in der beruflichen Leistung. Geld, Sexualität und Leistung, das gehört zu unserem Leben. Wenn wir gut damit umgehen, dann ist es gut. Wenn es uns  zu wichtig wird, macht es uns krank, höhlt uns aus.
Wenn Gott an erster Stelle steht im Leben eines Menschen, wenn er durch Christi Blut mit Gott und sich versöhnt ist, dann kommen auch die anderen Beziehungen zum Geld, zum Sex, zur Leistung ins Lot. Durch die Verbindung mit Gott wird die Wunde, die Leerstelle in unserem Leben gefüllt.
Taufwasser und Abendmahlswein sind nicht nur Wasser und Wein. Sie wirken und verbinden uns neu mit Gott und heilen uns so.
Und nun, Ihr Lieben, schaut dazu mit mir nach vorne in den Chorraum der Kirche. Der ist so alt wie unser Jubiläum, 500 Jahre alt. Und die Heilkräuter, die dort an der Decke gemalt sind, die stammen wohl wirklich aus der Zeit der Erbauung unserer Kirche. Dieses so genannte Herbarium ist der wertvollste Schmuck dieser Kirche.
Wenn wir nach vorne schauen in den Chorraum, dann schauen wir zugleich nach Osten, in das Land, in dem Jesus geboren wurde, starb und auferstand. Die vier Evangelien erzählen eine Heilungsge-schichte nach der anderen. Jesus sah die Menschen mit ihren Krankheiten und war voll Erbarmen. Er heilte jede körperliche Krankheit und er heilte sie von ihren Sünden. Dem Gichtbrüchigen sagte er: „Dir sind Deine Sünden vergeben“ und dann nahm er ihn bei der Hand und richtete ihn körperlich auf.
Holunder sehen wir im Chorraum in den Fresken, Akelei und Goldlack und viel der Heilkräuter mehr. Sie alle sind Symbol dafür, dass wir durch Christus Heilsames empfangen – am Taufstein, am Altar durch Abendmahl und Segen, der mitten im Leben weiterwirkt.
Wir werden nicht von jeder Krankheit gesund werden, denn wir sind alle sterbliche Menschen. Doch Menschen, die sich an Christus halten, die erleben immer wieder seine heilsame Kraft mitten im Leben - auch körperlich und vor allem im Herzen. Wer Christus liebt, in dem breitet sich die Liebe aus, die Güte und der Frieden.
Die Heilung, die Christus schenkt, ergreift auch unsere Überzeugungen, eben unser ganzes Leben. Ein Slogan „America first“, oder auch ein „Deutschland zuerst“ ist zutiefst gottlos. Das ist nicht die Haltung, die in uns wächst, wenn wir die Heilsmittel empfangen.
Wenn wir Jesus Christus in uns aufnehmen, wächst in uns die Kraft der Liebe und Hingabe; es ist ein Leben, das der Heilung der Welt dient – und diese Heilung der Welt kommt bestimmt nicht durch Egoismus und schon gar nicht durch länderbezogenen Egoismus, sondern durch das Achten auf Gemeinschaft, auf Frieden und auch auf das Wohl des anderen.
Das Lamm, das der Welt Sünde trägt, muss gerade wieder viel tragen und ertragen. Doch wir vertrauen, dass dieses Lamm siegt. Sein Atem ist länger. Denn sein Atem ist kein anderer als der Heilige Geist.
Er hat auch in unserem Leben den längeren Atem, damit wir die Liebe lernen und mit Frieden erfüllt werden. Er wirkt heilsam in Euch seit Eurer Taufe, durch jedes Abendmahl, das ihr empfangt, jeden Segen, jedes Gebet, das ihr im Geist Jesu betet.
Die Heilkräuter im Chorraum sind Symbol dafür, dass Eure Kirche eine Apotheke für Eure Seele ist. Hier heilt der Heiland Euch.
Geheilt durch ihn in der Seele, seid Ihr Menschen, durch die Christus Heilung bringt mitten hinein in Eure Welt. Gestärkt durch ihn seid Ihr Kirche in Bewegung und geht in seinem Frieden in diese Welt.
Amen.