600 Jahre Kirche Schönwald am 2.7.2017

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greinr zu Lukas 15,1-3.11b-32

Liebe Festgemeinde!
600 Jahre Evangelische Kirche in Schönwald. Ich freue mich mit Ihnen über diesen runden sehr hohen Geburtstag! Von Herzen Gottes Segen für die Zukunft. Gott schenke im kommenden Jahrhundert Frieden, sodass Kirche und Ort erhalten bleiben. Und er schenke Glauben an Christus und Sehnsucht nach ihm, sodass Menschen diese Kirche aufsuchen.

Ganz vorsichtig habe ich vor 14 Tagen bei meinem Vorbesuch gefragt: Darf ich die Schönwalder Kirche denn überhaupt bei ihrem Namen nennen, oder ist das ein Tabu? Sie heißt: „Zu unserer lieben Frau“ und ist nie umbenannt worden. Nun, ich wurde nicht gewarnt, dass dann ein Proteststurm losbreche, also ist der Name hiermit genannt.
Übrigens steht unsere Schönwalder Kirche mit diesem Namen unter den evangelischen Kirchen in Deutschland nicht allein. Ganz im Gegenteil; so heißen viele evangelische Kirchen, die vor der Reformation schon erbaut wurden wie im mittelfränkischen Merkendorf oder Katzwang und dem erzgebirgischem Schneeberg. Nicht zuletzt ist die evangelische Hauptkirche Bremens eine Liebfrauenkirche.
Das Altarbild mit Maria und dem Jesuskind auf dem Schoß, wurde nicht mit der Reformation, sondern weit über 225 Jahre danach,  1753, mit Einbau eines Kanzelaltars aus dieser Kirche entfernt.
Als die Kanzel im Jahr 1909 dann wieder aus der Mitte hierher an die Seite gesetzt wurde, kam das Altarbild mit dem sinkenden Petrus. Der Name der Kirche aber wurde nie geändert.
 
Für Martin Luther war Maria auch „die liebe Frau“, ein großes Werkzeug Gottes. Denn sie war bereit, Jesus auszutragen, in die Welt zu tragen, damit er geboren werden kann.
Luther, unsere katholischen Mitchristen und wir sind Maria dafür von Herzen dankbar. Als Evangelische beten wir nicht zu ihr. Wir freuen uns ja gerade daran, dass Christus uns direkten Zugang zum Vater im Himmel geschenkt hat. Doch Maria ist uns ein großes Vorbild im Glauben, weil sie dafür mit gesorgt hat, dass – wortwörtlich und im übertragenen Sinne – Christus groß wird in dieser Welt und Menschen auf ihn hören. „Was er Euch sagt, das tut“, das waren ihre Worte beim Weinwunder zu Kana, dem ersten von Johannes erzählten Wunder, das Jesus tat.

Es ist im Jahr des Reformationsjubiläums etwas Besonderes, dass wir hier in der Schönwalder Gemeinde eine Kirche haben, die schon 100 Jahre vor der Reformation 1417 urkundlich erwähnt wurde – zwar in einer Klageschrift; doch das macht nichts; Hauptsache sie wurde offiziell genannt. Die unteren Mauern des Turmes stehen noch aus dieser Zeit.
Ich empfinde es als große Gnade, dass wir heute wieder miteinander beten und Gottesdienst feiern können. Herzlich willkommen an unsere katholischen Mitchristen. Sie sind auch nachher zum Mahl des Herrn herzlich eingeladen.

Die Reformation zog in Schönbrunn außerordentlich früh ein, nur 11 Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg, also 1528. In diesem Jahr visitierte der Markgraf alle Kirchen, die in seiner Obhut waren. Seitdem wird in der Kirche „Zu unserer lieben Frau“ in deutscher Sprache Gottesdienst gefeiert und gesungen, das Abendmahl mit Brot und Wein gereicht und vor allem das Evangelium von Jesus Christus gepredigt.

Die Geschichte vom verlorenen Sohn und vom barmherzigen Vater, die wir heute gehört haben, beinhaltet reformatorische Kernbotschaft: Es ist allein die Gnade des Vaters im Himmel, die uns rettet.
Jesus, der diese Geschichte erzählt hat, sagt mit ihr: So wie der Vater in der Geschichte sich gegenüber dem verlorenen Sohn verhält, genauso verhält sich der Vater im Himmel zu Dir.

Aber sind wir so verloren wie der verlorene Sohn? Niemand von Euch hat doch sein Geld mit Huren verprasst, oder?
Doch das ganze Kapitel Lukas 15 erzählt Geschichten vom verlorenen Groschen, vom verlorenen Schäfchen und eben vom verlorenen Sohn. Das ganze Kapitel 15 ist eine einzige Verlockung, die eigene Verlorenheit zu empfinden, weil es so schön ist, sich von Gott finden zu lassen, wie das verlorene Schaf vom guten Hirten gefunden wird, der es mit Freuden heimträgt oder wie der verlorene Sohn, der vom Vater in die Arme geschlossen wird.
Bin ich ohne Gottes Gnade auch verloren – ich meine wirklich jetzt mich, Dorothea Greiner? Ja! Ohne Gott völlig, ohne Christus völlig. Ich wäre heute auch nicht der fröhliche Mensch, der ich bin, wenn Gott mich nicht in seine Arme geschlossen hätte, wenn Christus mir nicht alle meine Fehler vergeben hätte und weiter vergibt.
Auch Ihr Konfirmanden macht Fehler in der Beziehung zu anderen Menschen und zu Gott, gerade jetzt in diesen Jahre, wo Ihr Euren eigen Weg finden müsst und die Eltern so schwierig werden. Vor Eurer Konfirmation wird zu Recht die Beichte stehen.
Ihr Eltern habt keine Chance fehlerlos zu bleiben gegenüber Euren Kindern  und auch die Eltern nehmen an der Konfirmandenbeichte selbst teil.
Keiner kommt durchs Leben ohne Schuld. Immer geht es im Kern um fehlende Liebe; um fehlende Liebe zu Gott und um fehlende Liebe zu einem Menschen, dem Bruder, der eigenen Frau, der Mutter, dem Kind, einem Mitglied des Kirchenvorstands, der Freundin, dem Kollegen.
Unsere Liebe ist zumindest mangelhaft; manchmal ungenügend. Unsere Mitmenschen bräuchten viel mehr Liebe, als wir sie geben. Wenn unser Gewissen funktioniert, sagt es: Du bist leider durchgefallen. Lebensziel Liebe nicht erreicht.
Wenn Euch einige Lieblosigkeiten, eigenes Fehlverhalten vor Augen treten, dann seht bitte auch, was in unserer Geschichte geschieht. Was am verlorenen Sohn geschieht, geschieht an Dir: Mit offenen Armen kommt der Vater im Himmel Dir entgegen. Er läuft auf Dich zu, um Dich in die Arme zu nehmen.  Egal, was Du falsch gemacht hast in Deinem Leben, egal was schief gelaufen ist, egal welche Vorwürfe andere Dir machen oder Du Dir selbst: Der Vater im Himmel nimmt Dich mit diesen Fehlern an. Er sagt zu Dir: Wie gut, dass Du heute da bist. Ich habe auf Dich gewartet.
In unserem Gewissen sitzt Christus, der große Geschichtenerzähler und Erlöser und spricht Dich frei.

Ich bin im strengen württembergischen evangelikalen Pietismus groß geworden. Ich bin dafür überaus dankbar. Jeden Sonntag gingen wir morgens in den Gottesdienst, abends in die Gemeinschaftsstunde.
Mit 16 Jahren kamen mir die theologischen Unterschiede zwischen der Verkündigung am Morgen und der am Abend spanisch vor. Ich ging zum Pfarrer und fragte ihn: Morgens bei Ihnen höre ich so viel von Gottes Liebe, Güte und Gnade und abends höre ich viel von meiner Schuld und der Notwendigkeit zur Buße. Warum reden Sie so wenig von Buße, Beichte und Umkehr.
Er schwieg ein Weilchen, dann sagte er:
Dorle, Menschen können nur zu Gott umkehren, ihm alle ihre Gedanken, ihr ganzes Leben, ihr Herz offenlegen und es von ihm verwandeln lassen, wenn sie eine Ahnung von seiner Liebe haben.
Das hat mich sehr bewegt und bewegt mich bis heute. Es stimmt. Paulus fragt uns: „Weißt Du nicht, dass Gottes Güte, Dich zur Buße leitet.“
Auch der verlorene Sohn wäre nicht zurückgekehrt, wenn er nicht darauf gehofft hätte, dass sein Vater ihn wieder aufnimmt und annimmt. Und dann war er sicher überwältigt davon, dass diese Liebe noch viel größer war, als erhofft. Er bekommt einen neuen Ring, ein neues Kleid, ist ganz angenommen als Kind.
Nichts verwandelt unser Leben mehr, macht unser hartes Herz weich, macht uns menschlich als davon ergriffen zu sein, wie gütig Gott ist.

So und was hat das nun mit einem Kirchenjubiläum zu tun? In gewisser Weise ist eine Kirche – auch  immer eine Art Vaterhaus, in dem wir von Gott in die Arme genommen werden.
Wie gut, wenn Ihre Kirche offen steht und Menschen hier die Woche über auch einfach mal hinein kommen können. Ich habe gehört, dass Sie die Öffnung der Kirche vorhaben. Wie schön. In Ihrer „Liebfrauenkirche“, können Menschen zum Vater zurückfinden. Das geht allein im stillen Gebet vor Gott, vor Christus, der den verlorenen Petrus aus dem Wasser ziehen wird, und erst recht in den Gottesdiensten.

Auch wenn unser Abendmahl nachher nur ein Vorgeschmack ist des ewigen Freudenmahls im himmlischen Vaterhaus in der Ewigkeit, so ist doch jedes Abendmahl ein FreudenMahl der Vergebung, zu dem wir einladen mit den Worten: „Schmeckt und seht wie freundlich der Herr ist.“
Und hier auf der Kanzel, an welchem Platz sie auch hängt, hören wir die befreiende Botschaft von der großen Güte und Gnade Gottes.
Und auch heute hört Ihr diese Botschaft, die ich sogar noch zuspitzen möchte mit unserer Geschichte. Der Vater wartet schon lange auf den Sohn und hält nach ihm Ausschau. Als er ihn dann endlich kommen sieht, läuft er ihm entgegen. Und bevor der Sohn überhaupt dazu kommt, zerknirscht zu sagen, dass er sich unmöglich benommen hat – bevor der Sohn auch nur einen Ton sagen kann, hat ihn der Vater schon in die Arme genommen.
So ist Gott, so ist seine Gnade und Güte und Liebe zu uns. So malt Christus uns den Vater im Himmel mit Worten. So hat Jesus es selbst gelebt. Am Kreuz – bevor ihn jemand um Entschuldigung bitten konnte rief er: „Vater vergib ihnen“. Und er ruft uns zur Liebe und zum Vergeben – jedem; ungefragt. Das ist der Weg, den Christus uns weist – zum vergebenden Vater und zum vergebenden Leben.

Am Ende: Der eigentlich verlorene Sohn der Geschichte ist der zweite, der sich über die Güte Gottes nicht freuen kann und findet: Ich mit meiner Rechtschaffenheit, muss doch vom Vater viel mehr belohnt werden als der, der so lange weg war. Dieser rechtschaffene Sohn, der so denkt, ist verloren in seiner Selbsteingenommenheit, verloren in mangelnder Liebe zu seinem Bruder.
Er ist verloren. Wie gut, dass der Vater Verlorene sucht und findet und in die Arme nimmt und ihr Herz wandelt. Auch unseres. Amen.