Einweihung der Waldkapelle von Familie Lang in Gefrees am 13.05.2017

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Psalm 84

Liebe Gemeinde

Diese geweihte Kapelle verstehen wir nun als Wohnung Gottes. Für sie gilt Psalm 84.
Über diesem Psalm steht in der Bibel:
Ein Psalm der Korachiter, vorzusingen, auf der Gittit.
Eine Gittit ist ein altertümliches Saiteninstrument. Wir haben den Psalm vorhin mit neueren gehört. Ich trage Ihnen den Wortlaut nun nochmals als Predigtwort vor:

2 Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
3 Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
4 Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth,
mein König und mein Gott.
5 Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar.

6 Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
7 Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
8 Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.
9 Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet;
vernimm es, Gott Jakobs!

10 Gott, unser Schild, schaue doch;
sieh an das Antlitz deines Gesalbten!
11 Denn ein Tag in deinen Vorhöfen
ist besser als sonst tausend.
Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause
als wohnen in den Zelten der Frevler.
12 Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild; 
der Herr gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
Stuhlfelden im Salzburger Land hat eine Waldkapelle, Sexten in Südtirol und nun auch Gefrees in Oberfranken. Bei meinen Forschungen im Internet, wo es überall schon Gebäude gibt, die Waldkapelle genannt werden - wie dieses Kirchlein hier auch - da hat sich bestätigt, was ich vermutete: Die meisten privat erbauten Waldkapellen - und auch sonstige Kapellen oder Marterl - wurden von katholischen Christen erbaut.
Doch es ist offensichtlich vorbei, dass man so Evangelische und Katholische unterscheiden kann. Die evangelische Familie Schwemmlein war Motor für den Kapellenbau in Lochleithen bei Mitwitz, eine evangelische Familie stiftete ein Marterl in Holzkirchen Oberbayern. Der evangelische Pfarrer Taegert schrieb ein anerkennendes Buch über Opferstöcke und Marterl rund um Kirchenpingarten. Und auch hier ist eine evangelische Familie Bauherr und Eigentümer dieser Kapelle.

Was ist los, mit den Evangelischen?
Wir evangelischen Lutheraner kehren zurück zu unseren Wurzel. Unser Kirchengründer Martin Luther war einer, der viel betete und die Einübung in konkrete Frömmigkeitsformen von Herzen empfahl. Freilich hatte er ein mehr als gespaltenes Verhältnis zum Pilgern. Dazu später.
Insgesamt aber muss in unserer evangelischen Kirche noch mehr zum Tragen, wie sehr Luther dazu anleitete, seinem Glauben konkrete alltägliche Gestalt zu geben:
Er wollte dass wir den Tag beginnen mit einem Gebet und beenden mit einem Gebet. Und er wollte dass wir dabei das Kreuzzeichen an unserem Körper machen – zumindest jeden Morgen und jeden Abend, eben bei der Anrufung Gottes, „des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.
Er riet, jeden Tag die Messe – wie er den Abendmahlsgottesdienst nannte -  zu besuchen. Das war im Mittelalter noch möglich. Viele nahmen sich wirklich dafür täglich Zeit.
Auch für sich selbst suchte er Orte des Gebets auf, spornte sich selbst an, so oft wie möglich zum Abendmahl zu gehen. Er war ein Lehrer zur gelebten Frömmigkeit und lebte sie selbst.
Diese konkrete Frömmigkeit im Alltag wurde uns nicht durch die Reformation genommen, sondern durch den Rationalismus des 18. Jahrhunderts, der in der evangelischen Kirche viel stärker Fuß fasste als in der katholischen.

Familie Lang hilft also zu gelebter Frömmigkeit im Sinne Martin Luthers, wenn sie einen Ort zum Gebet, zur Andacht hat und andere einlädt ihn zu benutzen. Ich sage Ihnen ein herzliches „Danke!“, dass Sie es zulassen, dass fremde Leute über Ihr Grundstück laufen und Ihre Kapelle betreten und nutzen dürfen. Sie wird offen sein – ein Ort des Gebetes für jeden der kommen will.
Diese Kapelle war einmal eine Garage und Werkstatt. Werkstatt ist sie in gewisser Weise geblieben: Glaubenswerkstatt, Lebenswerkstatt. Autos werden hier nicht mehr heil gemacht, repariert. Ihre Kapelle trägt dazu bei, dass unser Leben heil wird durch die Ruhe vor Gott, durch Gebet, durch Wort Gottes. Keine Autoabgase, sondern frische Waldluft und Atem Gottes: Einatmen und ausatmen, durchatmen und aufatmen in Gottes Gegenwart.
Autos dienen der Fortbewegung, Beschleunigung des Lebens, dem Transport. Kapellen sind dazu kontrapunktisch: Sie dienen dem Innehalten, der Entschleunigung, dem, dass die Seele nachkommt, mit allem, was sie erträgt, in sich transportiert.
Die Lebenssehnsucht vieler Menschen wächst nach diesem Kontrapunkt, den wir brauchen, um in Balance zu sein.

Wie sehr passt der Psalm 84 zu dieser Waldkapelle mitten in der Natur! Denn im Psalm werden Bilder aus der Natur auf das Gotteshaus übertragen:
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.
Wieviel Nester mögen hier rings um uns sein? Viele Vogeleier werden hier gerade gelegt, ausgebrütet und die Jungen gefüttert.
Unser Psalm vergleicht Altäre mit den Vogelnestern. Wie ein Vogeljunges gefüttert wird im Nest, so auch wir Glaubende am Altar mit Brot und Wein, mit nachhaltiger Nahrung für unser Leben. Die Geborgenheit, die Vögel im Nest empfinden, ergreift den Psalmbeter am Altar, in der Gegenwart Gottes. Da entspannt er sich, gewinnt Ruhe durch vollstes Vertrauen.
Mir geht es auch so am Altar. Ich liebe es, meine Hände auf ihn zu legen. Da bin ich zu Hause. Nun gehört das gewiss zu meinem Beruf. Und doch beten diesen Psalm nicht nur Kleriker, sondern das Volk Gottes. Die Vertrautheit und Heimat am Altar wächst mit der Einübung der Nähe.
Habt keine Scheu in evangelischen Kirchen und in dieser Kapelle zum Altar zu treten. Der Altar ist unser Symbolort der Nähe Gottes. Das Gebet in Altarnähe hilft uns, auf die Nähe Gottes zu vertrauen. Dann wächst Nestgefühl: Du bist Zuhause bei Gott.

Zum zweiten sehr passenden Naturvergleich im Psalm:
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.

Menschen, die von Herzen Gott nachwandeln, was meint das? Das sind Menschen, die in ihrem Leben Gottes Willen tun wollen.
Was ist Gottes Wille für unser Leben? Das Doppelgebot der Liebe:
Dass wir ihn lieben von ganzem Herzen - und so in ihm heil werden, zur Ruhe kommen, Frieden finden; und dass wir unseren Nächsten lieben – eben den Menschen, der uns begegnet, egal wer es ist.
Lieben! Leichter gesagt als getan. Doch das ist unser Lernweg. Und jeder Mensch, der ihn geht, dessen Leben mag ein dürres Tal sein, es wird für ihn zum Quellgrund werden. Bevor die Sonne aufgeht, fällt der Regen und das Grün sprosst tagsüber, sodass er Kraft über Kraft empfindet und Gott schaut.
Das ist die große Verheißung unseres Psalms für Familie Lang und uns alle.
Dieser lebenslange Lernweg – Gott lieben und jeden Menschen - ist unser Pilgerweg zum Himmel. Glaubende gehen nicht primär auf den Tod zu, sondern auf das Leben bei Gott. Ist er doch die Liebe in Person.
Die Pilgerfreizeiten und Pilgerwege, die Sie anbieten, lieber Herr Lang, die helfen dies wahrzunehmen, dass wir mit Gott unterwegs sind zum Leben bei Gott. Luther verspottete das Pilgern und meinte, man sollte doch zu Hause bleiben, statt nach Santiago de Compostela zu pilgern; zumal man eh nicht wisse, ob da nicht statt dem Apostel Jakobus, die Knochen eines Hundes begraben lägen.
Sein eigentlicher Kritikpunkt war aber, dass Menschen meinten sich den Himmel verdienen zu können durch Pilgern. Nachdem aber Evangelischen wie Katholischen klar ist, dass uns der Himmel offen steht, indem wir die Vergebung in Jesus Christus für uns annehmen aus reiner Gnade und Liebe Gottes, unverdient – da können wir umso fröhlicher pilgern, um uns einzuüben in die Liebe zu diesem Gott und den Menschen.

Der Psalm hat drei Strophen. Zwei Strophen haben diese Naturbilder gebraucht um die Geborgenheit in der Gegenwart Gottes wie in einem Nest und das Glück eines Lebensweges mit Gott wie in einem fruchtbaren Tal zu beschreiben.
Der Psalm endet in seiner dritten Strophe:
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen
ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause
als wohnen in den Zelten der Frevler.
Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild; der Herr gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
„Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen“ – mit dieser wunderbaren Verheißung endet der ganze Psalm.
Und was ist mit dem Elend, der Krankheit, dem Scheitern, das Fromme auch durchleiden?
Das gibt es. Doch Paulus, der 500 Jahre später den christlichen Glauben verbreitet, dafür fast zu Tode gesteinigt wird, im Gefängnis liegt und schließlich wohl mit dem Schwert in Rom enthauptet wird, sagt aus voller Überzeugung: „Denen die Gott lieben müssen alle Dinge zum besten dienen“.
Wer Gott liebt und in dieser Grundbeziehung atmet, dem kann geschehen, was will. Es setzt sich doch die Erfahrung durch: „Mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott“ – mit dem erlebten Schönen oder auch gegen das erlebte Schlimme. In allem machen Glaubende die Erfahrung: mit der Liebe zu Gott wächst die Kraft, wächst die Lebensfreude, wächst die Liebe zu allen Menschen.
 
Doch vergessen wir am Ende nicht, wie der Psalm beginnt - mit dem Ausruf: Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth und auch in der dritten Strophe heißt es ähnlich: Ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.
Der Lernweg der Liebe und Pilgerweg des Lebens, der sein Ziel hat bei Gott und so wunderbare Verheißungen hat, der gelingt nicht ohne das Aufsuchen von Orten, an denen Leib und Seele zu sich und zu Gott kommen. Dazu braucht es offene Kirchen und Kapellen.
Darum sagen wir „Danke!“ für diesen Ort. Wir sagen „Danke!“ für alle Einübung ins Beten, in den singenden Lobpreis Gottes, ins Meditieren seines Wortes, das hier geschehen wird.
Auf seinen Segen für diesen Ort, für Familie Lang, die ihn pflegt und für alle, die ihre Lebenssehnsucht hierher führt, vertrauen wir.     Amen.