Einweihung des Stephanshofs Bamberg

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea am 20.09.2015 zu Johannes 11, 25-28

Liebe Gemeinde!
Heute ist ein Freudentag. Denn diese geglückte Renovierung und Neukonzeption des Gesamtkomplexes Stephanshof ist ein großer Grund zu feiern.
Drei Institutionen haben ein neues Zuhause: Erstens die Kirchengemeinde St. Stephan für ihre vielfältigen Gruppen und Veranstaltungen, zweitens der Dekanatsbezirk Bamberg für seine Gremien und Einladungen und drittens das Kirchengemeindeamt, das die Verwaltung für die Dekanatsbezirke Bamberg, Forchheim und Rügheim bewältigt. Ich gratuliere diesen drei Nutzern, dass sie so gut miteinander geplant haben und nun hervorragende Bedingungen zum Arbeiten und Feiern, zu  Engagement und Gemeinschaft haben.
Dieses gelungene Gemeinde- und Dekanats-zentrum ist sowohl innerkirchlich ein Gewinn als auch für Stadt und Region. Denn die Räume werden dem christlichen, kulturellen und sozialen Leben sehr dienlich sein.
Weder die anderen großen Dekanatssitze Bayreuth, Coburg und Hof haben solch hervorragende räumliche Bedingungen, noch die anderen Kirchengemeinden im Dekanatsbezirk Bamberg. Doch keiner soll dieses Glück neiden. Denn erstens waren die Bedingungen hier bisher sehr beengt, die sanitären Umstände sogar katastrophal, zweitens ist das verwirklichte Konzept nicht überzogen, sondern passgenau und drittens gilt unter Christen: Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit und wenn ein Glied sich freut, freuen sich alle mit.
Unser neues Gemeinde- und Dekanatszentrum dient zu allererst der Verkündigung des Evangeliums. Selbst die Verwaltung hat in unserer Kirche kein Eigenleben, sondern dient der Hauptaufgabe. Die Pflege des Bewusstseins, gemeinsam der Verbreitung des Evangeliums zu dienen, kann und soll auch in Zukunft das Miteinander der drei Institutionen im Stephanshof beflügeln.

Was hat uns nun das vorhin in der Lesung gehörte Evangelium zu sagen? Ich lese nochmals die Kernverse. Hören wir das Glaubenszeugnis Marthas:
„Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?
Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.“
Ein starkes Glaubensbekenntnis zu Christus!

Als Dekan Lechner mich im Juli durch die Räumlichkeiten führte, nannte er die Namen der neuen Räume.
Wir schritten von der Kirche kommend durch das Kunigundengewölbe, bewunderten den Martin Luthersaal und das Schwanhäuser-Foyer im Kapitelshaus, sowie den Otto-Dietz-Saal, das Dietrich-Bonhoefferzimmer und den Dorothee-Sölle-Raum im Gemeindehaus.
Es gibt noch mehr Räume, doch diese sechs haben Name erhalten. „Ja“, sagte Dekan Lechner, „wir wollten die sechs großen Räume nach Glaubenszeugen in Geschichte und Gegenwart benennen“. Mit Stephan sind es übrigens sieben.
Glaubenszeugen in Geschichte und Gegenwart.
„Ich glaube“, sagt Martha zu Jesus, „dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist“. Faszinierend finde ich, dass Martha sich zu Jesus mit fast denselben Worten bekennt wie Petrus; wir können auch sagen, dass Petrus mit fast denselben Worten bekennt wie Martha.
Kurz ein wenig biblische Hintergrundinformation:
In den synoptischen Evangelien – also in den Evangelien Matthäus, Markus und Lukas, die sehr viel gleichlautende Texte haben, spricht Petrus das berühmte Petrusbekenntnis: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn“. Jesus reagiert und sagt ihm: „Selig bist Du, denn Fleisch und Blut haben Dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel“. „Du bist Petrus, auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“
Dieses Petrusbekenntnis wird aber im vierten Evangelium, dem Johannesevangelium nicht erwähnt, sondern das Bekenntnis der Martha, das wiederum bei den drei synoptischen Evangelien nicht vorkommt. Das ist doch faszinierend: hier Petrus, dort Martha. Auch bei Martha kann es nicht sein, dass ihr dies Fleisch und Blut offenbart haben, sondern der Vater im Himmel. Einfacher ausgedrückt: Dass Martha dies bekennt, hat sie sich nicht selbst ausgedacht. Der Vater im Himmel hat ihr dieses Vertrauen auf Christus geschenkt. Dass ein Mensch – sei es Frau oder Mann – auf Christus vertraut, ist immer ein Geschenk, nie Eigenprodukt. Menschen können sich für Glaubenswissen verschließen, doch dass es ihnen so einleuchtet, dass sie ihr Leben darauf bauen, ist Geschenk.
Martha hat also dasselbe Glaubensgeschenk erhalten wie Petrus und drückt es analog aus: 
„Du bist Christus“ bedeutet: Du bist der von Gott auserwählte Retter der Welt.
„Du bist der Sohn Gottes“ bedeutet: In Dir handelt Gott selbst.
Und das glauben Petrus und Martha.
Dass die Synoptiker dieses Bekenntnis einem Mann in den Mund legen und das Johannesevangelium einer Frau, kann uns doch sagen: Es braucht Männer und Frauen, die dieses Bekenntnis weitertragen.
Darum ist es gut, dass die Namenspatrone der Räume des Stephanshofes Männer und Frauen sind:
Allen voran die älteste: Kunigunde (1). Sie hat um das Jahr 1007 durch ausdrücklichen Verzicht auf ihr Witwengut die finanzielle Grundlage und Ausstattung für das zu gründende Bistum Bamberg gegeben.
Ihr Leben ist ein Glaubensbekenntnis: „Mir ist Geld weniger wichtig als Gott.“ Die Ausbreitung des Evangeliums von Jesus Christus – dem diente die Neuerrichtung der Diözese – war ihr bedeutender als noch mehr finanzielle Sicherheit. Auch wir Evangelischen sind ihr dafür dankbar, denn sie ist auch unsere Mutter im Glauben, zumal sie noch vor der Kirchenspaltung lebte.
Natürlich muss der Stephanshof einen Martin-Luther-Saal (2) bekommen schon allein um dem imposanten Gemälde „Luthers Hochzeit“, Raum zu bieten. Doch der eigentliche Grund ist sein Glaubenszeugnis. Er hat mit allen Reformatoren bekannt: Allein der Glaube ergreift das Heil, das allein durch Christus, den Sohn Gottes, erwirkt ist. Er ist die Auferstehung und das Leben; wer an ihn glaubt, hat allein aus Gnade das ewige Leben bei Gott – wie die Heilige Schrift es verheißt, die allein Maßstab für unseren Glauben ist.
Doch Luther unterscheidet sich an einigen Punkten von der Schweizer Reformation. Luther war besonders wichtig, was Martha bekennt: dass er Gottes Sohn ist, der in die Welt gekommen ist. Auf dieses „in die Welt-Gekommensein“ legte Luther besonders Wert, weil sich darin Gottes große Liebe zu dieser Welt ausdrückt. Nach Luther sollen auch wir Christen wie Christus in der Welt wirksam sein. Die von Gott geliebte Welt braucht unseren Einsatz, das sehen wir in der Herausforderung der Flüchtlingsnot überdeutlich.

Diese liebevolle Hinwendung zur Welt mit ihrer Not nahm der Bamberger Reformator Johannes Schwanhauser (3) auf. Er wurde schon 10 Jahre vor dem Thesenanschlag Martin Luthers Chorherr in St. Gangolf. Die Menschen waren so  begierig seinen Predigten zu lauschen, dass die Kirche die Hörenden nicht fasste. Während er predigte wurde die Kollekte eingesammelt und sofort an Arme verteilt.
Als Bischof Weigand 1524 drohte, das Wormser Edikt umzusetzen, musste  Schwanhauser – um der Verhaftung zu entgehen - nach Nürnberg fliehen, bekam dort eine Pfarrstelle und heiratete. Bis Bischof Neidhardt (von Thüngen) 1595 die Gegen-reformation einleitete war übrigens in Bamberg die Bürgerschaft mehrheitlich reformatorisch.
Wir sind hier im Stephanshof; und auch Stephan war einer, der sich zu Christus bekannte. Er ist sogar der erste Blutzeuge christlichen Glaubens. Er wurde gesteinigt. Auch Dietrich Bonhoeffer (4) nahm bewusst in Kauf, dass der gelebte Glaube an Christus für ihn den Märtyrertod bringen kann. 1943 mitten im Widerstands gegen das Naziregime formulierte er sein persönliches Glaubens-bekenntnis. Ich zitiere daraus: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht es Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

Glaubenszeugen aus Geschichte und Gegenwart. Wir kommen der Gegenwart nahe. Dekan Kirchenrat Otto Dietz (5), war von 1946 bis 1963 Dekan in Bamberg. Er starb 1993 94-jährig. An seinem 60. Geburtstag sagte er zu Oberbürgermeister Mathieu und Bürgermeister Schleyer – beide katholisch: „Uns steht ein gläubiger Katholik näher als ein liberaler Protestant.“ Gut so. Das war zum einen ein Bekenntnis zur Ökumene und zum anderen eine Klarstellung: Konfession, d.h. übersetzt Bekenntnis, kann liberal ausgehöhlt werden. Liberalität als Freiheit von inhaltlicher Glaubensverbindlichkeit führt zur Beliebigkeit. Das widerspricht echten Protestanten, die „pro-stare“ – für etwas stehen: für Christus und das Bekenntnis zu ihm.

Zuletzt Dorothee Sölle (6), gestorben 2003. Widerspricht ihre „Gott ist tot-Theologie“ nicht dem Bekenntnis zum auferstandenen Christus? Nein, ganz im Gegenteil. Am Kreuz starb in Gott-Sohn Gott selbst. Auferweckt durch Gott-Vater und Heiligen Geist sind Leiden und Sterben eine Erfahrung, die Gott selbst gemacht hat. Die Betonung dieses leidenden und sterbenden Gottes hat unser Gottesbild verändert. Wir haben einen Mitleidenden Gott.
Und doch ist Gottes Sohn ist nicht im Tod geblieben. Der dreieinige Gott wird auch uns auferwecken, wie Christus auferweckt wurde.

Glaubenszeugen in Geschichte und Gegenwart. Weder Bonhoeffer noch Dietz und Sölle sind Glaubenszeugen der Gegenwart. Auch sie sind Geschichte. Glaubenszeugen der Gegenwart seid Ihr, liebe Anwesende.
Was wir bekennen, wandelt sich in den jeweiligen Situationen, doch immer muss es das in der Heiligen Schrift gegründete Bekenntnis zu Christus sein. 
Unsere Tage erfordern es, dass wir uns bekennen zu Christus, der von sich sagt: „Ich bin fremd gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ Christus ist der  Weltenrichter, wird uns einst fragen wird, ob wir den Fremden mit Liebe begegnet sind. Er ist der einzige, dem ich zutraue, den Frieden in dieser Welt zu aufzurichten. Er braucht Menschen, die sich ganz und gar mit seinem Frieden erfüllen lassen. Allein darin, dass der Vater uns aus Liebe diesen seinen Sohn gesandt hat und uns seinen weisen Heiligen Geist schenkt, ist Hoffnung für unsere verlorene Welt. Eine andere Hoffnung kenne ich nicht.
Glaubenszeugen in Geschichte und Gegenwart. Der Stephanshof ist – mit seinem Namenspatron Stephan (7) - ein Ort des Bekennens zu Christus, dem Herrn und Retter dieser Welt und darum ein starker Ort der Hoffnung für die Zukunft. Amen.