Eröffnung der "Woche für das Leben" am 28.04.2017, Lebenshilfe Hof

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

Liebe Schwestern und Brüder!

Zuerst ein Vorwort, denn ich möchte der Lebenshilfe danken, dass wir die Eröffnung der Woche für das Leben hier begehen können. Danke für Ihre Gastgeberschaft.
Dieses Jahr organisiert die Evangelische Seite die ökumenische Eröffnung; und manche werden sich fragen, warum wir dann in einer Einrichtung der Lebenshilfe sind und nicht bei der Diakonie. Doch die Lebenshilfe Stadt und Landkreis Hof e.V. ist nicht nur mit der Diakonie Hochfranken eng verbunden, sondern auch Mitglied im Diakonischen Werk Bayern.
Und im Internetauftritt bekennt sich die Lebenshilfe zum christlichen Menschenbild. Ich freue mich über diese organisatorische und inhaltliche Verbundenheit.
Gottes Segen für alle Menschen hier, die durch die Lebenshilfe begleitet werden, für alle Mitarbeitenden und für alle in Trägerverantwortung!

Psalm 139 (Verse 13b ff.) ist Grundlage meiner Predigt.
Der Psalmbeter spricht zu Gott:
„Du hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele. Es war Dir mein Gebein nicht verborgen, da ich im Verborgenen gemacht wurde… Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Wenn ich aufwache, bin ich noch immer bei dir.“

Schon seit vielen Jahren ist der Psalm 139 mein Leib- und Magen-Bibelwort wenn es um Fragen des Lebens mit Behinderung geht: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“ Ich beziehe diese Worte auf mich – auch wenn sich langsam leichte Beschwerden des Älterwerdens einstellen und ich beziehe sie auf meine 90-jährigen gebrechlichen Schwiegereltern. Vielleicht haben Sie auch gesundheitliche Beeinträchtigungen. Sind Sie nicht trotzdem ein wunderbares Werk Gottes? Ich meine, Sie sind es.
Mein Mann bekam vor vier Monaten ein Cochlea-Implantat. Er lernte viel über das Ohr, wie Hören funktioniert und sagte: „Wie kann man bei diesem Wunderwerk der Ohren nicht an Gott glauben“. Das bekannte er gerade angesichts seiner Hörschwäche.
Nicht nur das Perfekte an uns ist Gottes wunderbares Werk, sondern wir mit allem. Wir sind Werk seiner Liebe.
Ein Künstler, den ich sehr schätze, hatte einen schweren Bandscheibenvorfall, und große Schmerzen; er war fast unfähig zu gehen. Er schleppte sich zu seinem Kunstwerk, das in einem Park stand und schlich über die Wiese. Da ergriff ihn der Gedanke: Von Gott geliebt. Mein Rückgrat – von Gott geliebt. Meine Schmerzen von Gottes Liebe umfangen und durchdrungen.
Diese Erfahrung war für ihn die Wende. Die Behinderung blieb, doch sein eigener Zugang zu ihr änderte sich. Er lernte zu leben mit eben dieser immer noch maroden Wirbelsäule. Heute sagt er glaubhaft: Es geht mir gut.

Freilich sind die Grade der Behinderung unterschiedlich. Sie können so groß sein, dass Menschen nicht alleine leben können, sondern Zeit Lebens Förderung brauchen. Gilt da auch: „Wunderbar sind Deine Werke“? Ganz gewiss: Ja.

Und diese wunderbaren Werke Gottes haben einen tiefen Sinn in sich selbst. Und sie haben einen tiefen Sinn für uns. Wir lernen an ihnen Menschlichkeit und Liebe. Perfektes können wir nicht lieben, nur achten. Nur Unvollkommenes reizt unsere Liebesfähigkeit.

Freilich hilft mir, dass dieser Psalm auch sagt: „Wie schwer sind für mich, Gott, Deine Gedanken“. Manche Menschen haben es so schwer mit sich, und manchmal auch wir mit ihnen. Sie anzunehmen, bedarf oft langer Zeit. Und es bedarf in dieser Zeit vieler Augenblicke des Betens, Staunens, Dankens, so wie im Psalm. Seine Worte helfen, uns selbst und den anderen von Gott her zu verstehen – als wunderbares Werk.

Vielleicht haben Sie schon vom Programm „Seitenwechsel“ gehört. Da können Führungspersonen aus Wirtschaft und Politik in sozialen Einrichtungen eine Woche mitarbeiten. Viele erleben dadurch eine grundlegende Veränderung und Verschiebung ihrer eigenen Werte. Ein Geschäftsmann sagte nach einer Woche Mitleben in einer Wohngruppe im HPZ der Diakonie Bayreuth:

„Bisher dachte ich immer: Wenn man solch eine Behinderung schon im Mutterleib diagnostiziert, dann schnellstmöglich abtreiben. Nun habe ich erfahren, wie sich diese Kinder und Jugendlichen am Leben freuen können, oft mehr als ich. Ich lerne von ihnen die elementaren Vollzüge des Lebens zu achten. Wie wertvoll ist ihr Leben.“

Kinderwunsch. Wunschkind. Designerbaby – so die neue Themenreihe für die Woche für das Leben. Als der Psalm vor 2500 Jahren entstand, konnte noch niemand Ultraschall machen, niemand mütterliches Blut untersuchen um dabei Trisomie festzustellen. Fruchtwasserpunktionen und Gewebeentnahmen aus der Plazenta gab es nicht.
Die Glaubensaussagen „Es war dir mein Gebein nicht verborgen, da ich im Verborgenen gemacht wurde“ und „Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war“ haben heute neue Brisanz. Wir ahnen, was Gott sieht, im Bauch einer Schwangeren. Er sieht mehr und tiefer und weiter als wir.

Auch das ist eine wahre Begebenheit: Beim Ultraschall erkennt ein Arzt den verstärkten Nacken des Jungen im Mutterleib. Die Eltern werden gedrängt zu weiteren Untersuchungen. Aber sie weigern sich. Massiver Druck wird von Seiten der Ärzte aufgebaut, bis die Eltern sagen: Wir werden das Kind auch lieben, wenn es Trisomie hat. Es darf in jedem Fall zur Welt kommen.
Immer mehr Eltern berichten von Druck, Untersuchungen vornehmen zu lassen, um potentielle Behinderungen auszuschließen. Erlaubte Tests werden zum faktischen Muss. Nicht immer steht dabei im Vordergrund, was diesen Eltern und dem Kind im Mutterleib zum guten Leben dient.
Perfektion der Gene zukünftiger Generationen führt sehr sicher am guten Leben vorbei. Christen sagen: Das Unvollkommene ist von Gott geliebt. Nur darum bin auch ich von Gott geliebt und bist Du von Gott geliebt. Und der Grad der Behinderung ist für Gottes Liebe irrelevant. Sie ist immer vollkommen.

Wir können sehr dankbar sein, für das, was moderne Medizin zu leisten vermag. Viele Kinder würden nie geboren ohne die Anwendung von Wissen und Technik. Und doch besteht in der Pränataldiagnostik ein schmaler Grat zwischen helfender Medizin und solcher, die Menschen entmündigt oder Leben mit Behinderung entwertet. Perfektionierung des Lebens macht nicht glücklich. Der Wahn der Machbarkeit des Lebens zerstört gerade die Dankbarkeit als Keimzelle des Glücks.
Da braucht es Menschen unter den Arzthelferinnen und Beraterinnen, Freunden und Ärzten, die den Automatismus des Machbaren durchbrechen helfen. Menschen, die uns helfen, vor Gott innezuhalten und im Blick auf unsere eigene Unvollkommenheit und die werdenden Lebens zu sagen:
„Wunderbar sind Deine Werke, das erkennt meine Seele“.
Schwer sind Gottes Gedanken für uns manchmal, doch immer sind sie voll Liebe und wollen uns den Weg zu tiefer Liebe leiten.
Amen.