Fernsehgottesdienst am 05.02.2017 in St. Moriz, Coburg

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu 2. Mose, Kapitel 3 am letzten Sonntag der Epiphaniaszeit

Brennender Dornbusch!

Wir Menschen haben oft eine tiefe Sehnsucht in uns. So auch Mose. Er sehnt sich nach Hilfe für sein Volk, das in Ägypten Frondienste leisten muss.
Er erträgt es nicht, als wieder einmal ein ägyptischer Aufseher einen israelischen Sklaven auspeitscht. Da langt er selbst zu. Er erschlägt den Ägypter – und muss fliehen.
Fern von seinem Volk, in Midian, findet er eine Ehefrau und hütet die Schafe seines Schwiegervaters. Doch seine Sehnsucht nach Hilfe für sein Volk bleibt in ihm wach.
Ob er auch Sehnsucht nach Gott hat?
Ja wahrscheinlich. Denn unser Bibelwort erzählt, dass er seine Schafe über die Steppe hinaus treibt - in ein als heilig geltendes Gebiet - zum Horeb, dem Berg Gottes.
Am Fuß des Berges wird er aufmerksam auf einen brennenden Dornbusch, den das Feuer nicht verzehrt. Er geht hin um die wundersame Erscheinung zu sehen.
Dort ruft Gott ihn bei seinen Namen: „Mose, Mose“. „Hier bin ich“ antwortet Mose; und legt seine Schuhe ab und verhüllt sein Gesicht aus großer Ehrfurcht vor Gottes heiliger Gegenwart.
Was Gott zu Mose sagt, berührt seine tiefe Sehnsucht:
„Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.“
Gott sieht Elend, hört Geschrei, erkennt Leiden.
Welch eine hoffnungsvolle Botschaft für Mose und für unsere Welt heute:
-    das Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt – von Gott gesehen;
-    das Geschrei der Einwohner von Aleppo – von Gott gehört;
-    das Leiden der weltweit um die 100 Millionen verfolgten Christen – von Gott erkannt.
Glaubend vertraue ich: Gott hat offene Ohren, offene Augen, ein offenes Herz für seine Menschen.
Er hört auch mein Rufen, wenn ich wach werde in der Nacht und um Hilfe bitte.
Er hört auch dein Schreien, auch wenn kein anderer Mensch es hört.
Gott zeigt sich im brennenden Dornbusch als Gott, der Leiden wahrnimmt - und es wenden will.
So hat Mose Gott erfahren.

Und so hat Martin Luther Gott erfahren, als er hier in Coburg auf der Veste festsaß. Wir haben es gehört: Er war in dieser Zeit nicht gesund. Wahrscheinlich hatte er Koliken. Mit seinen 47 Jahren war er für die damalige Zeit schon im vorgerückten Alter.
Zudem machte er sich große Sorgen um den Fortgang der Reformation.
Als Sorgenkiller hat Luther immer wieder seine eigenen Lieder gesungen: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen, er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen“.
Das Singen hat ihm geholfen und auch das Lesen und Übersetzen der Heiligen Schrift. In ihr war er zu Hause und so hat Gott zu ihm durch Bibelworte gesprochen.
Besonders ein Bibelwort wirkte wie Balsam in seine durch Koliken ausgelöste Lebensangst hinein.
Er bezog einen Vers aus dem 118. Psalm auf sich.
Dort heißt es: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.“
Damit er dieses Wort als Zusage Gottes immer vor Augen hatte, schrieb er es in lateinischer Sprache an die Wand.
Wer heute das Lutherzimmer in der Veste besucht, kann es dort lesen:
Non moriar, sed vivam, et narrabo opera Domini. „Des Herrn Werke verkündigen“, das war Luthers Herzenswunsch.
Wie bei Mose, setzt Gott an Luthers Sehnsucht an und sagt ihm: „Ich brauch Dich noch, Martin. Du sollst mich auch in Zukunft weiter verkündigen.“ – Und das hat Luther 15 weitere Jahre getan.
In der Mitte seiner Verkündigung stand Jesus Christus: „Allein in Christus findest Du das Heil; durch ihn steht Dir der Himmel offen, durch ihn ist Dir vergeben, durch ihn findest Du Licht und Leben.“
Luther liebte die Weihnachtsgeschichte. „Ich fange bei der Krippe an“, sagte er einmal im Blick auf seine Theologie und sein Predigen.
„Ich fange bei der Krippe an“, das sagte er nicht nur, weil an der Krippe das Leben Jesu beginnt, sondern, weil Gott sich in der Krippe in ähnlicher Weise zeigt, wie im Dornbusch.
Mit der Geburt seines Sohnes sagt Gott:
„Ich habe gesehen, gehört und erkannt, wie verloren und dunkel diese Welt ist. Ich schenke Euch meinen Sohn, das Licht der Welt, das Licht, das alle Völker erleuchten kann.“

Dass die Geburt Jesu auf Hilfe für alle Völker zielt, das zeigt sich in der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland.    
Sie kommen aus dem heutigen Irak oder Iran, fallen - wie Mose am Dornbusch - an der Krippe nieder und beten das Kind an.   
Im Dornbusch für Israel und in Jesus für alle Völker dieser Erde erscheint Gott als ein Erbarmer, der Not sieht, hört, erkennt und wendet.

In einer Kathedrale in Frankreich, in Aix en Provence gibt es ein Altarbild, das diese beiden Geschichten verbindet:
die Erscheinung Gottes im Dornbusch und die Geburt Jesu.     Im brennenden Dornbusch, der sich nicht verzehrt, sitzt Maria mit dem neugeborenen Jesuskind.
Vor dem Dornbusch steht ein Hirt mit Schafen – und dieser Hirte ist der schafhütende Mose oder auch einer der Hirten, der von den Engeln zur Krippe gerufen wird.
Und so erzählt das Bild: Gott hat sich Mose zugewandt und sich im Dornbusch gezeigt als Gott, der Leiden wahrnimmt und hilft;
und genauso hat er sich unüberbietbar in Jesus gezeigt.   Jesus Christus hört uns, sieht uns, nimmt uns wahr.   Jesu Christus hilft, heilt und rettet.
Denken wir an die vielen Menschen, die Jesus heilte, denen er half, wieder ins Leben zurück zu finden.   
In Jesus zeigt sich Gottes großes Erbarmen zu allen Menschen und erst recht zu denen, die zu ihm rufen.
(aus Zeitgründen bei der Sendung nicht gesprochen)

Gibt es diese Zuwendung Gottes auch für uns? Erfahren wir wie Mose im Dornbusch, wie die Menschen um Jesus oder wie Luther auf der Veste Coburg, dass Gott da ist?
Auch wir haben Sehnsucht nach Gottes Hilfe im Herzen.
Beispielhaft nenne ich drei Wege, wie wir sie erfahren:
Der erste Weg ist die Liebe, die wir empfangen von Menschen und die Liebe, die wir geben. Denn Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gottes Gegenwart und Gottes Gegenwart in ihm.
Der zweite Weg ist das Wort Gottes. Gott erneuert die Welt durch Menschen, die in der Bibel lesen und sein Wort hören wie Sie heute, liebe Gemeinde. Mose hörte und ließ sich senden.
Luther ließ sich trösten als er in den Psalmen las.
Und der dritte Weg sind die Sakramente, Abendmahl und Taufe und eben auch der Segen. Wenn Gott uns segnet – und das geschieht am Ende jedes Gottesdienstes, dann wendet sich Gott uns zu – mitten in unsere eigene Sehnsucht hinein.
Was geschieht wenn wir gesegnet werden?
Gott enthüllt Mose am Dornbusch ein Geheimnis. Mose fragt Gott: Was soll ich den Menschen sagen, wenn sie mich nach deinem Namen fragen.
Gott antwortet Mose. „Sage ihnen: ´Ich werde sein` hat mich zu Euch gesandt.“ „Ich werde sein“ – so nennt sich Gott selbst. In dieser Formulierung klingt im hebräischen Wortlaut der heilige Gottes-name „Jahwe“ an. Er bedeutet: Ich werde da sein.
Nur wenige Kapitel nach dieser Dornbusch-geschichte beauftragt Gott Aaron, Moses Bruder. Aaron soll die Menschen segnen.
Den Wortlaut des Segens kennen wir. Es ist der so genannte Aaronitische Segen, den Luther so liebte. Ihm verdanken wir es, dass wir in lutherischen Kirchen diesen Segen am Ende fast jeden Gottesdienstes empfangen, auch heute.
Gott verspricht Aaron, dass er seinen Namen, seine Gegenwart, auf alle Menschen legen wird, die diesen Segen empfangen. Das geschieht im Segen: Gott wendet sich Dir wirksam und bleibend zu. Er wird da sein, bei Dir.

Als ich Flüchtlingsunterkünfte besuchte vor zwei Jahren, hat es mich tief bewegt, wie viele Christen dort leben, die Sehnsucht nach Gott haben, nach seinem Wort, dem Abendmahl, dem Segen.
Darum feiern wir seit über einem Jahr monatlich einen Internationalen Gottesdienst in der Bayreuther Stadtkirche.
Die Schriftlesungen und Fürbitten erklingen auch in Persisch und Französisch, Arabisch und Russisch. Das Glaubensbekenntnis spricht jeder in seiner Muttersprache.
Schon beim ersten Gottesdienst war ich erstaunt, dass nicht nur christliche Flüchtlinge kamen, sondern auch viele muslimische. Offenbar von einer Sehnsucht angezogen. 
Ab dem zweiten Gottesdienst bot ich darum denen, die nicht getauft sind, an, gesegnet zu werden.
Ich war gespannt, wie viele kommen würden. Und so stand ich da - als Frau im Leitungsamt mit Amtskreuz auf der Brust.
Es gibt Muslime, die sich da eher abgewandt hätten und war daher überwältigt, wie viele kamen, um sich die Hände auflegen zu lassen.
Inzwischen sind viele von ihnen nach intensiven Taufvorbereitungskursen getauft und sie kommen weiter, um sich segnen zu lassen.
Und es kommen auch die Menschen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, damit sie weiter Kraft haben für ihren Dienst.
Es kommen Menschen, die bitten: Legen Sie mir die Hände auf und segnen Sie mich für meine kranke Mutter.
Und es kommen Menschen, die nichts sagen und sich einfach segnen lassen wollen, weil sie Sehnsucht nach Gott und seiner Hilfe haben.

Nicht nur Mose am Dornbusch,
nicht nur Menschen um Jesus,
nicht nur Martin Luther im Lesen der Bibel,
nicht nur Frau Wecker, die in ihrer Krankheit so viel Liebe erfahren hat,
nicht nur Frau Liebst, die durch Gottesdienst, Bibellesen, Singen und Beten im Gottvertrauen stetig wuchs,
nicht nur Amir, der eine große Gebetserhörung erlebte und zu den getauften Iranern gehört,
sondern wir können gewiss sein: Gott ist da.
Gott hört, sieht und erkennt dein Leid, deine große Sehnsucht.
In diese Sehnsucht hinein legt Gott im Wort seine Zusage und im Segen seine Gegenwart.
Sein leuchtendes Angesicht, sein Licht strahlt über deinem Leben. Amen.