Festgottesdienst zum Abschluss der Sanierung der Michaeliskirche, Hof

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 1. Advent 2015

Liebe Gemeinde!
Wir feiern heute den glücklichen Abschluss der Sanierung von Oberfrankens größter evangelischer Kirche, St. Michael.
Der Erzengel Gabriel verkündigt, Raphael heilt, Michael kämpft. Unser Bibelwort, das für den 1. Advent vorgesehen ist, passt zum Anlass. Denn es zielt auf das Kämpfen mit den Waffen des Lichts.
Ich lese aus dem 13. Kapitel des Römerbriefs die Verse 8-12: Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. …Und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
Die Liebe ist die stärkste Waffe des Lichts. Die Liebe zeigt sich tief und rein am Kreuz. Bis Christus starb war das Kreuz nur Folterort. Am Kreuz aber sagt Jesus: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Selbst sterbend hat Jesus geliebt, seine Mörder und jeden. Darum ist das Kreuz für Christen das Grundsymbol zugleich für Glaube und Liebe geworden.
Dekan Saalfrank wird Ihnen nachher noch erläutern, was alles in St. Michael erneuert und sinnvoll verändert wurde. Allen, die bei der Sanierung mitgeholfen haben durch Planungen und Beratungen, durch ihrer Hände Arbeit und durch Spenden danke ich von ganzem Herzen.
Zur gelungenen Sanierung gehört – quasi als krönender Abschluss - die Illuminierung der Turmkreuze. Auf jedem der beiden Türme von St. Michael wird von heute an nachts je ein Kreuz leuchten.
Viele Menschen in Hof und Menschen, die im Dunkeln auf Hof zufahren, werden von diesem Anblick berührt sein, denn die Kreuze strahlen in alle Richtungen. Und sie sprechen für den, der die Botschaft des Kreuzes kennt: „Dir ist vergeben. Christus ist für Dich gestorben. Er hat Dich erlöst in Liebe. Unter seinem Kreuz bist Du zu Hause. Er befreit Dich zu neuem Leben.“
Die erleuchteten Kreuze bieten Orientierung in der Nacht, nicht nur wo St. Michael steht, sondern auch wofür die Kirche steht.

Das Kreuz zum Leuchten bringen - ist das unsere Weise zu kämpfen?  In gewisser Weise ja.
Doch wer das Kreuz nicht ganz und gar als Zeichen völliger Liebe versteht, steht bei diesem Kampf auf der anderen Seite. Das erleuchtete Kreuz ist kein Zeichen der Macht des Christentums über den Islam. Es ist kein Zeichen der Macht über andere oder der Selbstbehauptung, sondern der Selbsthinhabe und Liebe zu allen Menschen.
Jedes Mal schäme und ärgere ich mich, wenn ich sehe, dass bei abendlichen Pegida-Demonstrationen ein erleuchtetes Kreuz getragen wird. Welch ein Missbrauch des Kreuzes! Es wird dort hochgehalten gegen die Islamisierung des Abendlandes. Das ist ein völkischer Machtkampf unter Missbrauch des christlichen Grundsymbols. Es geht dort nicht um die  Liebe zu allen Menschen, sondern nur zur eigenen möglichst geschlossenen Volksgemeinschaft.
Dieser Missbrauch des Kreuzes desorientiert und verunsichert die Menschen. Überhaupt nehme ich eine große Verunsicherung wahr in unserem Land. Viele Menschen sind von Sorgen und Ängsten bewegt in diesen Tagen – und nicht ohne Grund.
Da sagte ein Muslim allen Ernstes: Mit einer Bürgermeisterin verhandle ich nicht; sie ist eine Frau. Da warnen Juden: Wir werden in Deutschland bald nicht mehr sicher sein, weil so viele Menschen kommen, die mit antiisraelischer Propaganda aufgewachsen sind in ihren Herkunftsländern. Mit islamistischen Terroranschlägen müssen auch wir in Deutschland rechnen. Doch bedenken wir bitte: Viele Muslime schämen sich des Missbrauchs ihres Gebetsrufs „Allah ist groß“ bei Terrorakten. Diese Barbarei ist auch für sie gottlos.

Was sollen wir nun tun? Die Grenzen dicht machen? Wie sollten wir denen Schutz versagen, die vor eben diesem Terror fliehen? Das wäre nicht mit der Liebe Christi vereinbar.
Ebenso wenig wie es mit Liebe unvereinbar ist, dass Polen die Aufnahme selbst eines kleines Kontingents von Geflüchteten verweigert.
Was der Liebe dauerhaft dient, dient dauerhaft der Welt: endlich für menschenwürdige Bedingungen in den Aufnahmelagern in Syriens Nachbarstaaten sorgen;  um Solidarität in Europa ringen;  den IS entmachten. Unsere Politik braucht eine von Liebe geleitete Vernunft. Sie muss im Extrem auch Waffengewalt anwenden, um dem Bösen Einhalt zu gebieten, dem Hass und der Menschen-verachtung Grenzen zu setzen, wenn alle anderen Wege der Liebe versagt haben oder in großer Schuld vorher nicht begangen wurden.
Zurück zu uns: Manche haben Sorge, der Weg der Liebe zu den Fremden könnte über Multikuli zur Selbstauflösung christlicher Kultur hier bei uns führen. Ganz im Gegenteil: Wir brauchen noch viel mehr. Denn christliche Liebe will nie Beliebigkeit. Christliche Liebe betreibt in ihrer Selbsthingabe nie die Selbstauflösung. Das Profil ihres Handelns hinterlässt willentlich starke Spuren in unsrem Lebensumfeld und in der Gesellschaft.
So ist in unseren Grundrechten christliche Liebe in Form gegossen. Darum müssen sie erhalten und durchgesetzt werden: die Gleichberechtigung der Frau, die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen, die Freiheit zur Religionsausübung – auch die Freiheit keine Religion zu haben oder eine andere. Das alles ertragen Islamisten nicht. Christen aber stützen diese Grundrechte aufgrund ihres Glaubens.

Es beunruhigt mich darum mehr als vieles andere, wenn ich höre, dass Menschen, die besonders tolerant sein wollen, das Kreuz verhüllen oder abhängen, wenn sie Muslime oder Andersgläubige zum Gespräch und zur Begegnung einladen.
Genauso verkehrt ist es, dass die Katastrophenhilfe der deutschen Diakonie, in den Hilfsländern nicht als christliche Organisation erkennbar sein will, weil sie auch staatliche Gelder verwende und ausschließlich humanitär arbeite. Ein Unsinn! Wir müssen als Christen erkennbar sein und uns an den Türmen von St. Michael ein Beispiel nehmen.
Die Diakonie hier in Hof ist erkennbar mit ihrem Kronenkreuz. Und auch bei der Nothilfearbeit unserer bayerischen Landeskirche gehen wir bewusst anders vor. Wir machen deutlich, dass unsere humanitäre bedingungslose Hilfe für Menschen aller Religionen von Christen kommt. Wir versehen die Pakete unserer Hilfsgüter mit unserem Kreuz und dem der irakischen Kirche. Wir bringen das Kreuz zum Leuchten. Die Wirkung ist versöhnend: Muslime erleben Christen als Helfende und nehmen diese Hilfe meist gerne an.
Ein alter Muslim erzählte, dass in seinem Dorf in der Südosttürkei Christen sehr angesehen seien, weil Christen ihnen dort nach dem ersten Weltkrieg geholfen hätten. Das habe man ihnen nicht vergessen.
Es macht Sinn, erkennbar zu sein im Zeichen des Kreuzes. Denn der stärkste Antrieb zur Versöhnung, zum Brückenbau, zur Liebe gegenüber jedermann kommt aus dem Kreuz Christi. Darum sollen wir es zeigen auf unseren Kirchtürmen und auch in unserem sozialen Engagement hier im Land. Lasst uns als Christen erkennbar sein in der Liebe. Das wird uns froh machen und in der Welt Versöhnung und Frieden fördern.
Doch nochmals: Christus kämpfte am Kreuz nicht für die Macht eines Volkes oder einer Religion, sondern für die Liebe in der ganzen Welt. So begann unsere Religion. Unser König reitet nicht auf einem Schlachtross, sondern einem Esel. Sein Symboltier ist das Lamm. Und das sanfte Lamm trägt die Siegesfahne.

St. Michael heißt unsere Kirche. Die Bibel erzählt bildhaft vom Erzengel Michael, dass er im Himmel kämpfte und siegte gegen Mächte der Finsternis.  Michaels Kampf geht auf der Erde weiter. Doch dem Drachen, dem Satan, den Michael aus dem Himmel geworfen hat, dieser zum Hass und zur Selbstliebe verführenden Schlage ist auch auf der Erde am Kreuz der Kopf zertreten worden.
Der letzte Satz, den Dekan Wunderer schrieb, im  - zum großen Kirchenjubiläum 1984  herausgegeben - Kirchenführer lautet: „Der Erzengel Michael, dem die Kirche geweiht ist, möchte die Besucher erinnern: Jesus bleibt Sieger.“

„Liebt“ sagt unser Bibelwort ohne jede Einschränkung. Liebend erfüllt Ihr alle Gebote. Und: „Die Liebe schuldet Ihr immer.“ Das bedeutet: Mit der Liebe seid ihr nie fertig“. Sie bleibt Eure Lebensaufgabe. Das tröstet mich. Auch wenn ich einst vielleicht in ein Seniorenheim komme, brauchen Personal und Mitbewohner Liebe. Überall wo Ihr sein werdet, werdet Ihr gebraucht als Liebende. Gebt seiner Liebe, seinem Licht Raum in Euch und um Euch. Das ist Euer Lebenssinn. Vertraut dabei für die kleine und große Welt darauf: Die Liebe Jesu trägt die Verheißung in sich, dass sie stärker ist als alles Dunkle.

Deswegen zünden wir in der dunklen Jahreszeit im Advent glaubend eine Kerze an. Advent, wir glauben, dass Jesus einst wiederkommen wird, und dass er stets kommt mit seiner Liebe wenn wir ihn bitten. Deswegen sind Christen nie ohne Hoffnung für diese Welt. Deswegen siegt in uns das Vertrauen über die Angst, der Mut über die Sorge.
Wir werden nicht kopflos, wenn Christus im Herzen ist.
Das Kreuz, die Liebe Christi, orientiert sehr konkret:
Verfahren, in denen Geflüchtete teils ein Jahr warten müssen, bis sie den Asylantrag stellen können, sind lieblos. Dass junge Männer monatelang in den Unterkünften sitzen, ohne arbeiten zu können, sich schämen unserem Sozialsystem auf der Tasche zu liegen, ist lieblos. Unsere Verfahren müssen schlanker werden und sollten ausländische Arbeitskräfte angesichts der Überalterung unserer Gesellschaft integrieren. Christliche Liebe ist nicht unvernünftig. Liebe bedenkt die Folgen für eine Gesellschaft, will und kann sie auf Dauer prägen. Bitten wir um viel Liebe und Kraft zur Integration. Wir brauchen sie dringend.

Thomas Prieto Peral, der neue Planungsreferent unserer Landeskirche war bisher in der Ökumene tätig und weltweit unterwegs. Er erzählte, dass ihm im Irak und Syrien, aber auch in Palästina und aus Afrikanischen Ländern immer wieder Muslime begegneten mit großer Neugierde auf den christlichen Glauben. Was sie neugierig gemacht hat sagen sie auch: „Wir nehmen bei Euch Versöhnungsbereitschaft und Respekt gegenüber jedem Menschen wahr.“ Wie gut, wenn wir so erkennbar sind.
Wir sind erkennbar, wenn wir im Advent Kerzen anzünden; jeden Sonntag eine mehr, bis der Lichterbaum erstrahlt zur Geburt Christi. Wir sind erkennbar, wenn wir beten vor dem Essen, wenn wir ein Kreuz als bewusstes Zeichen tragen und es mitten in der Stadt erstrahlen lassen und wenn wir lieben mit Worten und Taten.
Christen kämpfen mit Waffen des Lichts. Sie entwaffnen, sie entfeinden. Dieser  Kampf fängt in uns an und dauert lebenslang – auch bei mir. Mehr und mehr lernen wir mit den liebenden Augen Christi alles anzuschauen – uns selbst und jeden Menschen. Dann können wir über manches bei uns anderen lächeln aus der Liebe und Leichtigkeit, die der Glaube schenkt. Prüfen wir uns, ob wir immer liebevoller werden. Denn die Liebe als wirksamste Waffe des Lichts will durch uns wirken, wenn wir teilen und helfen, beten und segnen, Hände reichen und versöhnen, Kerzen anzünden und singen. Die Liebe im Zeichen des Kreuzes ist stark, viel stärker als wir oft ahnen. 
Amen.