Gottesdienst in der Kapelle St. Rupert am 22.07.2017, Obernsees

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

Liebe Gemeinde,
das Jahr 2017 ist ein besonderes Jahr. Die Reformation begann mit dem Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren. Das beschert uns dieses Jahr am 31.10. sogar einen zusätzlichen staatlichen Feiertag.
Was feiern wir in diesem Jahr? Wir freuen uns nicht über die Kirchenspaltung, wir stilisieren Martin Luther nicht zum Helden, aber wir freuen uns, dass er das Evangelium predigte, sodass es neu aufleuchtete.
Normalerweise dosiere ich Zitate, die ich in einer Predigt verwende. Doch diesmal nicht. Etliche der Zitate, die Sie am Eingang erhalten haben, werden Sie in der Predigt wiederfinden. In diesem besonderen Jahr will ich das Evangelium auch mittels Luthers Sprachkraft zu Gehör bringen.

Wenn ich Sie fragen würde: Was ist denn eigentlich die Kernbotschaft der Reformation? Was würden Sie dann antworten?
Die Antwort ist einfach. Man braucht nur vier seiner fünf Finger, um sie zusammenzufassen:
Kernbotschaft der Reformation sind die vier so genannten Soli.
Es ist mir eine Freude, dass diese Reformations-botschaft uns nicht mehr - wie damals vor 500 Jahren - von der Katholischen Kirche unterscheidet. Die vier Soli sind gemeinsame Glaubensgrundlage. Das haben der lutherische Weltbund und die römisch-katholische Kirche in der Gemeinsamen Erklärung von 1999 in Augsburg mit Unterschrift und Umarmung bekräftigt.
Diese vier Soli haben nichts mit dem Solidaritätszuschlag zu tun, allenfalls mit der Solidarität Gottes zu uns. Aber eigentlich heißt Sola, Solus – und im Plural Soli – „allein“.
Sie lauten:
Allein Jesus Christus ist unser Befreier und Erlöser.
Allein im Glauben an Christus erfahren wir Heil und Heilung.
Allein aus Gnade steht uns der Himmel offen.
Darin sind wir gewiss. Denn das ist in der Heiligen Schrift bezeugt. Und allein die Schrift ist uns Maßstab unseres Glaubens.

4 Soli: Christus, Gnade, Glaube, Heilige Schrift.
Fangen wir mit der Heiligen Schrift, der Bibel an. Die Bibel kündet von Christus, dem Glauben, der Gnade. Die Bibelworte heute sind der beste Beleg. Unser Wochenspruch :
- „Aus Gnade seid ihr selig geworden, durch den Glauben“.
- Und im vorhin gelesenen Evangelium haben wir gehört: „Gnade und Wahrheit ist uns durch Jesus Christus geworden.“
- Ich fasse unsere beiden Bibelworte zusammen: Aus Gnade seid ihr selig, durch den Glauben an Christus.
Wir könnten viele weitere Bibelworte hinzuziehen, die dasselbe sagen.

Diese frohe Botschaft hat Martin Luther in der Heiligen Schrift entdeckt. Darum übersetzte er sie ins Deutsche, damit jeder und jede solche Worte nachlesen kann.
Er empfand die Heilige Schrift wie ein Kräutlein, das umso kräftiger duftet – nach Heil duftet -, je mehr man es reibt. Er empfand und sagte: „Wo das Wort ist, dort ist das Paradies und alles.“

Schauen wir nun nacheinander auf das, was die Heilige Schrift bezeugt – also auf die anderen drei Soli:
Allein Christus. Christus ist der zentrale Glaubensinhalt der Christen. Halt! Moment! Wir glauben doch nicht nur an Christus, sondern an den dreieinigen Gott. Ja, natürlich. Doch den Glauben an den dreieinigen Gott haben wir eben erst, wenn wir glauben, dass der himmlische Vater so ist, wie Jesus uns ihn zeigt;
Und wenn wir glauben, dass der uns geschenkte Heilige Geist kein anderer ist als der, der in Jesus wirkte. Wer Gott ist, erschließt sich uns von Jesus Christus her.
Glaube war für Luther immer Glaube an Christus. Wörtlich: „Der Glaube ist ein steter unverwandter Blick auf Christus.“ Darum war für ihn klar:
„Wo kein Glaube (an Christus) ist, da ist lauter Furcht, Angst, Scheu und Traurigkeit, sobald auch nur an Gott gedacht oder er genannt wird. Sogar Hass und Feindschaft ist in einem solchen Herzen“.
Das ist hochinteressant. Der Gedanke an Gott allein tröstet nicht. Der Gedanke an Gott kann sogar Hass und Feindschaft hervorrufen. Der Ruf Allahu Akbar erklingt begleitend zu Terroranschlägen. Da meinen Menschen, Gott einen Dienst zu erweisen mit Gewalt. Was haben die für ein schreckliches Gottesbild. Solch ein Missverständnis Gottes gab es auch im Christentum.
Dass Gewalt im Namen Gottes Gotteslästerung ist, das erkennt, wer auf Christus blickt. Christus starb wie ein Lamm am Kreuz, setzte die erkannte Wahrheit nicht mit Gewalt durch. Er rief zur Feindesliebe und bat am Kreuz um Vergebung für seine Folterer.
So ist der Gottes Sohn, der Gottes Willen tut.
Glaube an Gott macht nicht unbedingt selig, glücklich, liebevoll, frei. Der Glaube an Gott, wie Christus ihn uns zeigt, wie Christus ist, macht selig, glücklich, liebevoll, frei.
Luther ruft: „Glaube an Christus, in welchem ich Dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit, Friede und Freiheit.“
Damit sind wir eigentlich schon längst beim dritten Kernelement der Reformationsbotschaft, nämlich dem Glauben. Allein der Glaube an Christus macht selig, froh und frei.

Warum der Glaube?

Weil der Glaube erkennt: Was Christus tat, galt mir.  Was Christus am Kreuz getan hat, das ist nicht irgendeine ferne Heils-Tat, sondern das ist für mich, für Dich geschehen.
Es ist wie in unserer Ehe: Wenn mein Mann einkauft, habe ich etwas zu essen. Was er getan hat, hat er für mich getan. Luther nutzt genau dieses Ehebild für den Menschen, der an Christus glaubt. Durch den Glauben werden unsere Seele und Christus ein Paar. Luther sagt wörtlich: „Der Glaube vereinigt die Seele mit Christus als eine Braut mit ihrem Bräutigam. Aus dieser Ehe folgt, … dass Christus und die Seele ein Leib werden. So werden auch beider Güter, Glück, Unglück und alle Dinge gemeinsam; das was Christus hat, das wird der gläubigen Seele zu eigen.  So hat Christus alle Güter und Seligkeit; die sind auch der Seele zu eigen. So hat die Seele alle Untugend auf sich; die werden Christus zu eigen. Hier erhebt sich der fröhliche Wechsel.“
Vielleicht haben Sie schon von dem Gedanken des fröhlichen Wechsels gehört, der Luther so wichtig ist. Er bedeutet: Christus bekommt Deine Schuld, alles, was Du falsch gemacht hast in diesem Leben. Christus sagt zu Dir: „Danke, dass Du mir Deine Schuld gibst. Ich gebe Dir stattdessen das Heil, die Freiheit von dieser Schuld und die Freiheit zu neuem Leben in Liebe zu Gott und den Menschen.

Weil der Glaube so befreit, kann er uns auch verändern. Wir werden kein besserer Mensch durch Anstrengung. Es gibt ganz gesetzliche Christen. Sie leben im Wahn, dass man sich echt anstrengen muss, um ein guter Christ zu sein. Das macht sie verbiestert. Es ist doch so: irgendwann, wenn wir uns gar zu sehr anstrengen, werden wir verspannt, oder es platzt uns gar der Kragen. Der Glaube bringt eine große Entspannung für Leib und Seele: Wir werden andere Menschen, wenn wir an Christus glauben, der uns Freiheit von Fehlern und Freiheit zu neuer Liebe schenkt.

Luther: „Kein Werk kann den Menschen anders machen, als er ist; allein der Glaube an Christus kann´s und tut´s.“
So merkwürdig es klingt:
An Christus glauben heißt: Wir hören auf uns anzustrengen, gut zu sein. Wir machen stattdessen unser Herz auf für Christus, für seine Güte, für seinen Heiligen Geist. Lassen uns beschenken.
Wir bitten: Komm in mein Leben, in mein Herz, fülle mich mit Deiner Liebe auch zu diesem Menschen, der mich so verletzt hat oder der mich gegenwärtig so nervt. 

Christen sind Beschenkte. Wir können auch sagen Begnadete. Gnade ist ein heute wenig gebräuchliches Wort. Es meint: Ein unverdientes übergroßes Geschenk.
Da sind wir beim vierten Merkmal evangelisch-ökumenischen Glaubens. Sola gratia.
Christus, Glaube und Gnade, diese drei Grundmerkmale evangelischen Glaubens gehören unlöslich zusammen. Genauso wie Luther sagen kann: Glaube ist stetes Schauen auf Christus, so kann er sagen: „Glaube ist eine lebendige, mutige Zuversicht auf Gottes Gnade.“
Als Christ bist Du ein begnadigter und begnadeter Sünder. Begnadigt: Deine Sünde, Deine Schuld ist weg durch Christi Tod am Kreuz. Begnadet: Sein Geist, das neue Leben macht sich in Dir breit, bis Du einst wie er auferstehen wirst. Christus zieht Dich im Tod zu sich; Deine Seele ist doch mit ihm verheiratet. Er bleibt Dir treu im Tod.
Dass deine Seele mit ihm verheiratet ist, das steht nicht in Konkurrenz zum eigenen Ehemann der eigenen Ehefrau. Im Gegenteil: wir lernen doch einander viel mehr zu lieben, wenn die Liebe zu Christus unsere eheliche Liebe vertieft. Wir lernen aneinander und voneinander Liebe, sind miteinander Schüler Christi – beide von ihm begnadigt und begnadet.

Der zweite Teil unseres Wochenspruches spitzt die Gnadenbotschaft noch zu: Ihr tragt zum Heil und zur grundlegenden Heilung Eures Lebens nichts bei, als nur, dass Ihr lernt, Eure Hände dem schenkenden Christus hinzuhalten. „Nicht aus euch“, „Aus Gnade seid Ihr selig geworden. Und das nicht aus Euch, Gottes Gabe ist es“.
„Selig geworden“: Seligkeit ist kein Zustand nur in der Zukunft. In Christen wächst schon hier die selige, glücklich machende Gewissheit: Hier auf der Erde schenkt mir Christus Freiheit von Schuld und Freiheit zu neuer Liebe und im Himmel wartet er auf mich.
Diese Freudenbotschaft ließ Luther sehr vergnügt sein. Er begann neu das Leben zu genießen. Er verstand auch die irdischen Güter als Ausfluss der Güte Gottes.
So konnte der sagen: „Den Toten Wein, den Lebenden Wasser, das ist eine Philosophie für Fische“. Und: „Darf unser Gott gute, große Hechte und auch guten Rheinwein schaffen, so darf ich sie wohl auch essen und trinken.“ Und ich ergänze für die Genussregion Oberfranken unser Bier und unsere gute Wurst, leckeres Bauernbrot, Käse, Kirschen und was uns schmeckt. Genossen in Maßen ist all das Gabe und Geschenk Gottes.
Luther war ein besonderer Genussmensch: Er lehrte die geistlichen Geschenke zu genießen in ihrer ganzen Fülle und die irdischen in Maßen.
Genießen des Heils im Glauben an Christus und Genießen der irdischen Güter – beides als Ausfluss der Gnade Gottes, gehört im Leben eines Christen zusammen. So werden wir selbst für unsere Mitmenschen genießbar.
Ihr Lieben, nach so viel Lutherzitaten, die missverstanden werden könnten, als ginge es doch um Luther und nicht um die Botschaft, muss noch eines kommen, das uns vor Augen führt, um was es Luther und mir ging. Das letzte Luther-Zitat also:
„Du darfst nicht Luthers, sondern musst Christi Schüler sein.“ Darum feiern wir dieses Jahr am Reformationstag ausdrücklich ein Christusfest.

Amen.