Gottesdienst für die Rettungs- und Einsatzkräfte am 19.07.2017 in Münchberg

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Psalm 42, Vers 1.2.12

Liebe Gemeinde

Der Gottesdienst für die Hinterbliebenen fand in Dresden statt. Heute ist der Gottesdienst für Sie, die Rettungs- und Einsatzkräfte.
Ich stehe hier vor Ihnen in großer Dankbarkeit und Hochachtung Ihnen gegenüber. Sie, die Menschen in unseren Einsatz- und Rettungskräften, haben ohnehin meinen ungebrochenen Respekt. Denn Sie gehören zu den ganz besonderen Menschen, die bereit sind zum hilfreichen Dienst in Krisensituationen verschiedenster Art, ohne zu wissen, was der jeweilige Einsatz für Sie bedeuten wird.
Auch am 3. Juli haben Sie sich rufen lassen. Sie sind hingefahren zur Unfallstelle und zu Ihrem Einsatzort als Sie verständigt wurden. Sie waren auch an diesem Montag-Morgen bereit zu helfen.
Ein Busunglück ist immer gravierend, weil da immer viele Menschen betroffen sind. Doch dann haben Sie viel Schlimmeres erlebt, als Sie in Ihren dunkelsten Ahnungen erwartet hatten.
Viele Menschen mussten in Krankenhäuser gebracht werden. Menschen mit Brandwunden und traumatisiert, weil Mitreisende oder gar der eigene Ehepartner es nicht mehr geschafft hatten, den Bus zu verlassen. Dass 18 Menschen im Bus bleiben und bei lebendigem Leib verbrennen, macht sprachlos vor Entsetzen.
Alle, die direkt an der Unfallstelle waren - viele von Ihnen - haben gesehen, was kein Mensch, der ein Herz hat für andere, sehen will; Sie haben gerochen, was kein Mensch riechen will; und Sie haben gehört, was schlimmer ist als viele Töne: Das Schweigen von Menschen, die obwohl sie in der Flammenhölle sind, nicht mehr schreien, weil sie schon gestorben sind.
Ich spreche Ihnen meine allerhöchste Anerkennung aus, dass Sie sich dieser Situation gestellt haben. Sie haben getan, was Sie tun konnten. Und ich habe von verschiedensten Menschen gehört, wie hoch professionell Sie gearbeitet haben -  viele von Ihnen über viele, viele Stunden.

Das Bibelwort, unter das ich meine Predigt stelle, ist der Psalm 42. Ich lese die ersten beiden Verse und dann den letzten Vers des Psalms:

Psalm 42, Vers 1 und 2:
Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dahin kommen,
dass ich Gottes Angesicht schaue?
Vers 12:
Was betrübst Du Dich meine Seele
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott;
denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe
und mein Gott ist.

In wenigen Minuten war die Feuerwehr an der Unfallstelle. Doch der Bus stand in solchem Feuer, dass es unmöglich war, sich auch nur ihm zu nähern. Ein schlimmes Bild, wenn man weiß dass da noch Menschen drin sind und brennen; gewiss noch schlimmer der Anblick beim Bergen.
Auch unser Bibelwort, spricht von einem Brennen, aber vom Brennen in uns, vom Dürsten der Seele. „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele Gott zu Dir“.
Es ist tragisch, wenn Menschen zu viel Schlimmes erlebt haben und sich immer mehr in sich verschließen, still und stumpf werden und die Gefühle ersterben. Davor möge Gott uns alle bewahren. In heftigen Erfahrungen ist es gut, wenn eine Seele schreit, sich öffnet für Gott.
Der Psalmbeter geht diesen Weg. Wahrscheinlich hört ihn niemand; aber seine Seele öffnet sich zu Gott; innerlich schreit er hin zu ihm.
Kann Ihre Seele schreien? Das schenke Gott. Denn wenn sie zu Gott hin schreit, dann befreit sie sich.
Was mag sie geschrien haben in den Stunden und Tagen nach dem Einsatz?: „Es war zu viel! Ich habe schon viel erlebt; doch das war schlimmer als alles, was ich bisher erlebt habe. Die Bilder kommen immer wieder hoch! Ich will sie nicht mehr sehen.
Diese Menschen wollten doch nur in den Urlaub. Es war eine Fahrt in den Tod und wir konnten den Tod nicht verhindern. 18 Menschen konnten wir nicht mehr helfen.“
Und das gehört wohl zum Schlimmsten für uns alle - und erst Recht für Sie als Einsatz- und Rettungskräfte, wenn Sie nicht mehr helfen können, wenn jede Hilfe zu spät kommt. Das ist ein schreckliches Bergen; und dann ein schreckliches Aufräumen.
Ein Unfall kann furchtbar sein, doch wenn ein Mensch aus einem Fahrzeug rausgeschnitten und ins Krankenhaus transportiert werden kann und wenigstens noch etwas Hoffnung da ist, dann liegt der Sinn des Einsatzes auf der Hand.
Aber hier konnten Sie für 18 Menschen und ihre Familien nichts mehr tun. Sie konnten nicht mehr helfen. So scheint es.
Ich möchte Ihnen sagen, dass Sie trotzdem eine große Hilfe waren. Ja, es stimmt; Sie konnten diese 18 Menschen nicht mehr lebend bergen. Doch Sie haben alles dazu getan, dass die Toten - so würdig es ging -, geborgen wurden.
Tote begraben gehört zu den 7 Werken der Barmherzigkeit. Es ist nach den sechs Werken, die wir im Evangelium gehört haben, das siebente Werk, das in der christlichen Tradition hinzugefügt wurde, eben als siebentes Werk der Barmherzigkeit. - Und Sie haben einen wesentlichen Anteil an diesem christlichen Werk. Sie haben dafür gesorgt, dass Angehörige Abschied nehmen können. Das ist nicht wenig. Solch ein Dienst ist ein großer Liebesdienst im Sinne Christi. Er war schwer. Ihnen gilt mein großer Dank.

Meine Worte tun Ihnen vielleicht gut und wohl. Das würde mich freuen, denn sie kommen aus tiefstem Herzen. Doch ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Denn wenn Sie am Ort des Brandes waren, wenn Sie mit den unmittelbaren Folgen befasst waren, dann braucht Ihre Seele mehr als Dankesworte. - Die Seele braucht ihre Zeit. Sie hat zu arbeiten nach solch einer Erfahrung. In dieser Zeit braucht sie Seelennahrung durch die sie neue Kraft auftankt, wieder frei und fröhlich wird, Frieden findet und zur Ruhe kommt. Ruhe, die mehr ist als ein Verdrängen von inneren Bildern, von Gerüchen, mehr als ein Arbeitsfähig- Sein mit ruhigen Händen.
Essen, schlafen, arbeiten hilft Abstand zu gewinnen. Der Blick in die schöne Schöpfung hilft und der Dank dafür an den Schöpfer. Auch diese Stunde der Stille heute hilft und nährt die Seele. Denn in der Gegenwart Gottes tankt sie auf. In der Gegenwart Gottes saugt sie Segen in sich hinein.
Und darum ruft der Psalmbeter: Wann werde ich dahin kommen, dass ich das Angesicht Gottes schaue? Er will Gottes Angesicht sehen, seine Güte zu ihm.
Doch halt: Ist Gott überhaupt gütig, wenn so etwas passiert? Wo ist da Gott?
Bei dieser Frage kommt es sehr darauf an, welches Bild von Gott wir haben. Wie Gott ist, hat uns Christus gezeigt. Er, der Sohn Gottes, hat selbst gelitten. Gott weiß, was Leiden ist.
Der Vater im Himmel ist nicht der ferne Strippenzieher, der verantwortlich ist für den Unfall. Gott ist bei den Leidenden. Er war bei den Opfern im Bus, hat mitgelitten. Er ist bei den Angehörigen und trauert mit ihnen.  Er ist mit den Helfenden. Er war auch bei Ihnen, den Einsatz- und Rettungskräften. Er war bei Ihnen und hat Ihre Hände gestärkt beim Tun des Nötigen, hat Ihrer Seele Kraft gegeben durchzuhalten.
Er ist es, der auch helfen kann, die eigene Hilflosigkeit auszuhalten. Wir können ihm die Menschen anbefehlen, denen wir nicht mehr helfen konnten. Wenn schreckliche Bilder auf-steigen, dann entlastet es ungemein, diese inneren Sinneseindrücke ihm abzugeben, ihm in die Hände zu legen: „Kümmere Du Dich Gott um diesen Men-schen. Kümmere Du Dich um seine Angehörigen. Hilf Du auch mir und mache mich frei davon, schenke mir Frieden.“ Sprechen Sie solch ein Gebet so oft es nötig ist - bis die inneren Sinne ruhen.
Er ist „meines Angesichts Hilfe und mein Trost“, sagt der Psalmbeter.
Gott ist uns viel näher als wir ahnen. Nur nehmen wir so oft keinen Kontakt zu ihm auf. Dabei ist er da. Wie gut, wenn die Seele an Gott denkt und sich nach ihm streckt. „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ Je mehr Tod, desto mehr braucht unsere Seele den lebendigen Gott.

„Wann werde ich Gottes Angesicht sehen?“ fragt der Psalmbeter. Einst werden wir vor Gottes Angesicht stehen, und dann wird er abwischen alle Tränen. Auch der Tod wird dann nicht mehr sein. Wir werden auferstehen und bei Gott leben mit all den Menschen, deren Seele sich ihm geöffnet hat.
Dann können wir ihn auch fragen, warum manches so lief, wie es eben lief in unserem Leben und in dieser Welt. Wahrscheinlich aber werden wir dann nicht mehr fragen müssen, weil wir die Welt mit Gottes Augen sehen und verstehen.
Doch der Psalmbeter fragt in diesem Psalm nicht, wann er einst im Himmel Gottes Angesicht sehen wird. Er sucht Gottes Angesicht jetzt, mitten im Leben, das manchmal so schreckliche Seiten hat.
Er sucht Gottes Angesicht. Das ist in diesem Psalm gleichbedeutend mit der Sehnsucht nach Gottes Segen, der Leib und Seele wohltut. Im Segen, den Sie nachher empfangen, heißt es ja: „Er lasse leuchten sein Angesicht über Dir.“ Der Psalmbeter ersehnt Gottes heilende Gegenwart für sich. Jetzt!
Und dann geschieht etwas Merkwürdiges. Es ist als ob - mitten in seinem Schreien zu Gott – sich etwas Tiefgreifendes in ihm wendet. Er spricht zu sich selbst und sagt: „Was betrübst Du Dich meine Seele? Harre auf Gott.“
„Harre meine Seele, harre des Herrn, alles ihm befehle, hilft er doch so gern“ haben wir am Beginn des Gottesdienstes gesungen. Und „rett auch meine Seele, Du treuer Gott“.
Harren heißt gespannt erwarten; sehnen mit geöffneten Herzen, vertrauend, dass Gott die Seele berührt und heilt. Gott ist und bleibt der Helfer des Helfers. Gott, Dein Retter!
Liebe Einsatz- und Rettungskräfte, Gott will Sie segnen. Warum? Gewiss auch, damit Sie sich erholen und wieder einsatzfähig sind, weil Sie weiterhin gebraucht werden. Er segnet Sie für Ihren zukünftigen Dienst, sagt Ihnen: „Ich bin da. Ich bin auch in Zukunft Dein Helfer.“ 
Doch Gott segnet Sie heute nicht nur, damit Sie weiter dienstfähig sind. Er sieht nicht nur Ihre Arbeitskraft. Er sieht Sie, wie es Ihnen geht in Ihrem ganzen Leben. Er weiß, was Sie ersehnen und was Sie selbst brauchen. Er segnet Sie um Ihrer selbst willen, damit Sie Frieden haben und Freude am Leben. Er meint wirklich Sie und Ihre Seele. Darum Seele: „Harre auf Gott, denn Du wirst ihm noch danken, dass er Deine Hilfe und Dein Gott ist.“ Amen.