Ordination von Jan Lungfiel am 20.08.2017 in Ermershausen

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Mk 12,28-31

Liebe Gemeinde,
wie schön, dass es nun so gekommen ist, wie wir es bei der Ordination von Frau Lungfiel erhofft hatten, dass wir in diesem Jahr hier in Ermershausen auch Ihre Ordination feiern können, lieber Jan Lungfiel.
Welch ein Geschenk ist das für Sie, liebes Ehepaar Lungfiel, dass in der Zwischenzeit Ihr Hannes geboren ist, dass er gesund ist, wächst und gedeiht.Ich freue mich als Regionalbischöfin und Mensch mit Ihnen und gewiss die Gemeinde hier auch. Das ist der Traum vieler Ortsgemeinden, dass im Pfarrhaus eine Familie wohnt. Für Euch Ermershäusern hat er sich erfüllt.
Sie beide, liebes Ehepaar Lungfiel, werden ganz gewiss einen guten Weg finden, sich Familien- und Gemeindearbeit in den kommenden Jahren aufzuteilen.
Sie wollten beide aufs Dorf – gewiss auch mit Perspektive auf hier aufwachsende Kinder. Möge Hannes hier vergnügt und behütet aufwachsen.
Solch persönliche Worte von der Kanzel zur Ordination? Ja, das passt gerade zur Ordination. Denn die Ordination ist viel mehr als nur eine Funktionsübertragung: Sie ist Berufung, Segnung und Sendung in das Amt der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung – zum Leben im und für das Amt der öffentlichen Evangeliumsverkündigung. Dies wird in der letzten Ordinationsfrage, die ich Ihnen nachher stellen werde, überdeutlich.
Dieses mit dem Amt verbundene Leben wird Sie verändern. Wenn Gottes Geist wirkt, was wir vertrauensvoll erbitten, macht uns unser Amt nicht amtlicher, sondern im guten Sinne frömmer und menschenfreundlicher. Es lässt – im Sinne des gelesenen Evangeliums - die Liebe zu Gott und zu den Menschen in uns wachsen.
Sie werden mit den Menschen hier auf dem Dorf leben und so werden sich mitten im Leben auf den Straßen an den Gartenzäunen Gespräche ergeben, die zugleich für die Menschen Lebens- und Glaubensermutigung sind. Was Sie tun, wird sich mit Ihrem Leben verbinden, Teil Ihres Lebens werden – sogar über den Ruhestand hinaus; denn wir bleiben ja lebenslang Ordinierte.
Sie, lieber Herr Lungfiel, bringen für diesen Dienst im Amt der öffentlichen Evangeliumsverkündigung viel mit. Schon als Kind sind Sie hineingewachsen in die Frömmigkeit, die in Ihrem Elternhaus gepflegt wurde. Wohl den Kindern, die so aufwachsen wie Sie mit Abendgebet vor dem Schlafengehen, mit Tischgebet vor der Mahlzeit mit Biblischen Geschichten. Ihre Mutter, die selbst Theologie studiert hatte und Kirchenvorsteherin war, hörte vielleicht manchmal Ihren leisen Protest, wenn sie Sie nun wieder zur Christenlehre – wie der kindgemäße gemeindliche spielerische Unterricht in Ostdeutschland hieß – bringen wollte. Doch ihr Auto ist stets gefahren – mit Ihnen. Und Sie erlebten dort in der Christenlehre eine Gemeinschaft, die Ihnen gut tat.
Auch der Kindergottesdienst gehörte zu Ihrem Sonntag – bis man Ihnen das Zeichen gab, dass Sie groß genug seien für den normalen Gottesdienst. So wuchs die Liebe zu Gott und zur Gemeinschaft der Glaubenden stetig und natürlich.
Das Engagement für Gott machte Ihnen Freude in der Jugendarbeit. Zwar kam kurzzeitig eine andere Berufsmöglichkeit in den Blick, doch nachdem die sich zerschlug, war klar, dass Sie nicht Philosophie, sondern Theologie studieren. Denn Ihr Denken hatte längst einen Anker gefunden im Glauben.
Sie fanden an der Augustana-Hochschule – anders als im Osten Deutschlands – endlich viele Gleichgesinnte und darüber hinaus Ihre Frau, die mit Ihnen glauben, leben und arbeiten wollte. Nach weiteren Semestern in Heidelberg und Examen, wurden Sie Vikar in Großgründlach. Sie wuchsen unter Anleitung des Pfarrerehepaares Henzler in den pastoralen Dienst hinein und konnten dort die Jugendarbeit neu beleben. Nun sind Sie hier und wir freuen uns.
Hineinwachsen in den Glauben, einüben von Gebet und Glaubenspraxis, so war der Weg bei Ihnen von kleinauf. Dieses Hineinwachsen in den Glauben und in die Glaubenspraxis gelingt auf christlich geprägten Dörfern oft in sehr natürlicher Weise. Hier gehört der Glaube bei vielen Menschen zum Leben und das Leben im Glauben geschieht in Gemeinschaft. Dabei ist oft nicht zu trennen, ob es sich um die dörfliche oder die kirchengemeindliche Glaubensgemeinschaft handelt. Kirche wird hier nicht zum Verein unter vielen degradiert. Doch Kirchenleben und Vereinsleben durchwirken sich. Beide werden dadurch gehaltvoller und glücklicher. Wenn es so läuft, ist das ein Traum, und ich habe den Eindruck, dass dieser Traum gerade hier in Ermershausen und in vielen Dörfern des Rügheimer Dekanatsbezirks Wirklichkeit ist.
Liebe Ermershäuser und Menschen aus den Dörfern ringsum, versucht das aktiv zu erhalten und zu fördern. Es ist auch hier Aufgabe der Mütter und Väter Ihre Kinder zum Kindergottesdienst und Jungschar zu bringen, solange sie den Weg noch nicht alleine oder mit dem Nachbarkind gehen. Und das geschieht hier vielfach. Andere in den Städten würden Euch beglückwünschen, wenn sie wüssten, was hier gelingt. Lieber Herr Lungfiel, ich bin froh, dass Sie die großen Chancen dörflich-christlichen Lebens wahrnehmen und aktiv mitgestalten werden.

Hineinwachsen in den Glauben und Einüben von Gebet und Glaubenspraxis - Jesu Jünger und Jüngerinnen hatten da gewiss eine Intensiv-Lebens- und Glaubensschulung! Doch Jesus wollte nicht nur die engsten Jünger, sondern alle in diese Bewegung mitnehmen. Alle sollten zu immer größerer Liebe zu Gott und den Menschen finden.
Laut unseres vorhin gelesenen Evangeliums antwortet Jesus auf die Frage nach dem höchsten Gebot mit dem Doppelgebot der Liebe. Da soll es hingehen in unserem Leben, dass wir Gott lieben von ganzem Herzen von ganzer Seele und von ganzem Gemüt – also mit jeder Faser in uns; und unseren Nächsten wie uns selbst. Dafür braucht es lebenslanges Lernen und üben bei uns allen.

Vielleicht erinnern Sie sich, lieber Herr Lungfiel an unser Ordinationsgespräch als Sie bei mir in Bayreuth waren. Ich fragte Sie, was für Sie Kern des Evangeliums ist. Und Sie antworteten spontan: Das Doppelgebot der Liebe.
Und nun ergibt es sich, dass heute an Ihrem Ordinationssonntag, der zugleich der so genannte Israelsonntag ist – genau dieses „Doppelgebot der Liebe“ Evangeliumslesung ist.
Eine kurze Bemerkung zum heutige Israelsonntag. Für unser Verhältnis zu Israel ist dieses Doppelgebot der Liebe eine sehr passende Lesung. Denn das Gebot Gott zu lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Gemüt findet sich bereits im Alten Testament und auch das Nächstenliebegebot.
Das neue im Neuen Testament ist: Jesus fügt beide Gebote als gleichwertig zusammen als höchstes Gebot. Unsere Evangeliumslesung zeigt also unsere große Verbundenheit mit dem Judentum in der Lehre und zeigt auch, dass Jesus daran anknüpfend weiterführt. Er sagt: Die Liebe zu Gott und zu anderen ist das Wichtigste in Deinem Leben und beides gehört zusammen.

Und nun ist also dieses Doppelgebot heute bei Ihrer Ordination die Lesung. Es ist offensichtlich Ihr Bibelwort, das Sie in Ihrem Dienst Ihr ganzes Leben lang leiten will und kann.
Sie nannten das Doppelgebot der Liebe den Kern des Evangeliums. Ich wand ein: Martin Luther unterscheidet Gesetz und Evangelium. Gesetz sagt uns, was wir zu tun haben; das Evangelium sagt uns, was Gott an uns tut. In diesem Sinne wäre das Doppelgebot der Liebe Gesetz und nicht Evangelium, obwohl es im Evangelium steht. Sie erwiderten: „Und doch drückt sich im Doppelgebot aus, wie sehr Gott ein Gott der Liebe ist und uns liebt.“
Und da ist etwas Wahres dran. Es ist doch logisch: Jesus schärft uns ein, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen das Wichtigste ist, weil Gott selbst die Liebe ist, uns und jeden Menschen liebt. Er weiß auch, dass wir nur wirklich glücklich werden, wenn wir ihn lieben und die Menschen. Darum will er uns in diese Bewegung wachsender Liebe hinein nehmen.

Die Liebe zu Gott und den Menschen bedarf wirklich lebenslanges Hineinwachsen und lebenslange Übung:
Die Liebe zu Gott braucht auch Übung. Von nichts kommt nichts. Sie ist auch nie nur etwas Innerliches. Sie braucht äußere Formen. Sie wächst durch das Beten, sie wächst durch den Besuch des Kindergottesdienstes und des Gottesdienstes. Sie wächst durch das Lesen in der Bibel. Wer hat schon länger als einen Monat seine Bibel nicht mehr in der Hand gehabt? Der suche sie und beginne am besten mit dem Lesen des Lukasevangeliums. Wer betet nicht vor dem Schlafengehen? Der beginne heute Abend und spreche da z.B. im Stillen ein Vater unser.
Wenn Sie es einmal vergessen, ist da nicht schlimm und wenn wir beim Vaterunser-Sprechen einschlafen auch nicht. Gesetzlich wollen wir nun wirklich nicht sein; das wäre der Liebe abträglich. Doch es gilt: der Weg der Einübung in die Liebe zu Gott will auch mit gelebten äußeren Formen beschritten sein. Er macht große Freude und bringt großen Frieden und große Kraft.
Die Liebe zu den Menschen braucht nicht weniger Übung und manchmal braucht auch sie das Gebet. Denn bei manchen Menschen fällt uns die Liebe schon manchmal schwer. Doch nachdem Jesus sogar die Feinde in die Liebe eingeschlossen hat, kommen wir nicht aus – bei keinem Menschen – immer der Anwesende ist der, an dem wir die Liebe lernen sollen. Da brauchen wir schon manchmal Unterstützung. Das Gebet zu Christus hilft: Schenke mir Liebe aus Deiner Fülle. Er liebt diesen Menschen. In diese Liebe soll er uns mit hinein nehmen. Auch die Liebe zu den Menschen braucht äußere Formen, damit wir diese Liebe wahrnehmen. Ich freue mich jedes Mal, wenn mein Mann mir in den Mantel hilft oder mir die Tür aufhält. Der Nachbarin ein Glas der selbstgemachten Marmelade bringen oder helfen, wenn der Freund an seinem Haus etwas Größeres zu verändern hat - Liebe will und soll sich zeigen und steckt so andere an.

Manche machen ja aus dem Doppelgebot der Liebe ein Dreifachgebot:
Gott lieben, den Nächsten und sich selbst. Doch Jesus geht davon aus, dass wir uns lieb haben und für uns sorgen und uns selbst annehmen.
Aber manche können sich nicht gut annehmen, wie sie sind. Besonders Jugendlichen fällt das oft schwer: Die Nase zu lang, das Haar zu glatt, die Pickel zu rot. Und uns Älteren geht es nicht besser mit den zunehmenden Falten. Doch jedem hier im Kirchenschiff sage ich: Jesus findet Dich schön. Er schaut Dich nämlich mit Augen der Liebe an und Deinen Banknachbarn auch.
Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst – dahinein werden wir wachsen, wenn und weil wir uns geliebt wissen von Jesus Christus und dem Vater im Himmel – und zwar ohne jede Einschränkung, mit Haut und Haar.
Das Doppelevangelium der geschenkten Liebe Gottes zu uns und zu jedem Menschen und das Doppelgebot der gebotenen Liebe zu Gott und jedem Menschen gehören zusammen.
Lieber Herr Lungfiel, Sie haben die Aufgabe Evangelium und Gebot zu verkünden. Beides gilt zuerst Ihnen: Auch das Evangelium, dass Gott Sie selbst liebt und Ihre Familie und alle Menschen, denen Sie begegnen.
Auch das Gebot gilt zuerst Ihnen, dass Sie Gott lieben und jeden Menschen, der Ihnen begegnet.
Sie werden Menschen mitnehmen auf den Weg der Liebe. Das ist ja das Erfüllende an unserem Beruf, dass wir Übungsleiter sind für das, was uns selbst und alle Menschen wirklich glücklich macht:
Die Liebe zu Gott und den Menschen aus der Kraft der großen Liebe Gottes. Amen.