Ordination von Ulrike Schmidt-Rothmund am 19.03.2017 in der Kirchenscheune Fechheim

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Lukas 9,57-62

Liebe Gemeinde, vor allem liebe Ordinandin Ulrike Schmidt-Rothmund mit Ehemann, Familie und Freunden!

Wir feiern Ihre Ordination heute, am Sonntag Okuli. Okuli ist der Sonntag im Kirchenjahr, bei dem es thematisch um radikale Nachfolge geht.
In dem Evangelium, das wir vorhin gehört haben, führt Jesus drei Menschen zum Loslassen dessen, was ihnen - außer ihm - wichtig ist.
Da kommt ein Mensch zu Jesus und sagt: Ich will Dir folgen. Jesus sieht ihm ins Herz und spürt, wie sehr dieser Mensch sein Haus liebt. Vielleicht hat er es gerade erst fertig gebaut. Und Jesus antwortet fast konfrontativ: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“.
So erging es dann tatsächlich vielen seiner Jünger. Viele gingen ins Ungewisse in alle Welt: Der Jünger Thomas nach Indien, Matthäus nach Äthiopien, Bartholomäus nach Armenien. So breitete sich das Evangelium in Windeseile aus - eben durch radikale Nachfolge.
Jeder von uns hat ein warmes Bett. Wie oft lege ich mich nachts in mein Bett und schicke ein Dankgebet zum Vater im Himmel, dass ich so warm und behütet liege. Nach radikaler Nachfolge sieht das nicht aus.
Sie, liebe Frau Schmidt-Rothmund und Ihr Mann, sind in ein wunderschönes Pfarrhaus eingezogen. Ihre Augen haben beim Ordinationsgespräch geleuchtet als Sie davon erzählten. Sie empfinden es als großes Privileg in diesem kleinen Schloss zu wohnen. Ich freue mich darüber, dass Sie sich freuen. Alle in der Gemeinde sind froh und dankbar, dass nun wieder Licht im Pfarrhaus brennt und darin ihr „Haupt hinlegen“.
Das Evangelium macht Ihnen das Wohnen in diesem Haus nicht madig. Unsere Nachfolge heute sieht anders aus als die der ersten Apostel.
Doch immerhin haben auch Sie sich von unserer Kirche senden lassen. Es trifft sich gut, dass Sie auch selbst an den Sendungsort, nach Fechheim, wollten. Denn hier werden Sie gebraucht.
Ein herzlicher Dank an dieser Stelle an Herrn Pfarrer Seeger und alle Ordinierten und Beauftragten, den Kirchenvorstand und weitere Mitarbeitende, die diese Zeit der Vakanz überbrücken halfen.
Alle, die ich gerade nannte, haben sich eingesetzt. Für diesen Einsatz gibt es gewiss auch äußerliche Gründe. Doch niemand hält ein segensreiches Engagement in Kirchengemeinden lange durch ohne die innere Motivation, dass Christus es ist, der uns ruft und braucht.
Auch wenn unsere Nachfolge anders aussieht als die der Jünger und Apostel, so ist doch der Sinn des Bibelwortes für uns derselbe: Nichts soll Dir lieber sein in Deinem Leben als Jesus Christus. Lass innerlich los, was Dir am Leben wichtig ist. Gib es ab und lege es betend in Gottes Hand: Es gehört Dir, Gott.

Das heißt für mich persönlich: meine liebsten Menschen, mein Aussehen, meine Gesundheit, meinen Erfolg, meine Singstimme - das gehört nicht mir, sondern Christus. Wenn er es mir nimmt, werde ich traurig sein, doch er wird bei mir sein und ist mein Halt. Und wenn er mich mir nimmt, bin ich bei ihm.
Letztendlich kann ich um diese sehr einfache Glaubens-Haltung nur bitten. In dieser Haltung will ich leben und mich in sie einüben. Anstrengung hilft dabei nicht, sondern das Gegenteil: Loslassen, Sich Fallenlassen in Gottes Hand.
Das hat nichts heldenhaft Frommes, auch wenn es fälschlicherweise so klingen könnte. Denn wer sich einmal auf diesen Weg des Loslassens eingelassen hat, der merkt, wie frei und fröhlich er dadurch wird. Wir lassen alles, was uns lieb ist innerlich los - und erhalten die Dinge und Menschen zurück, doch in großer Freiheit und als Geschenk Gottes. Die Folge ist, die Liebe wächst und das Genießen können.
Viele Ehepaare wären erlöst, wenn die Eheleute beherzigen würden, dass ihr Ehepartner nicht ihnen gehört, sondern Gott. Und viele Kinder wären vom besitzergreifenden Zugriff ihrer Eltern geheilt. Viele Menschen wären weniger eitel oder depressiv, wenn sie Erfolge oder Misserfolge in Gottes Hand zurücklegen würden.

Was gilt es in Ihrem Leben loszulassen, liebe Frau Schmidt-Rothmund? Ich glaube, gerade Ihr Mann und Ihre Eltern werden es gut verstehen, wenn ich ermutige: Geben Sie alle, was Ihnen lieb ist innerlich Gott. Ihr Leben und Ihre Lieben, alles gehört ihm.
Auch Ihre Erfolge: Sie haben studiert in Würzburg, Göttingen, Istanbul und Berlin und haben zwei kirchliche Examina in der Tasche. Ich gratuliere und freue mich, dass Ihr Weg so erfolgreich war.
Wenn wir unser Bibelwort anwenden, so fordert es: Lass sie los, Deine sehr guten Leistung und die Noten über die Du Dich ärgerst. Sie sind nicht mehr wichtig. Sei wie eine Bauer am Pflug oder wie eine Bäuerin auf einem großen Bulldog: Schau nicht zurück. Zieh hier Deine Spur.
Jetzt bist Du hier. Es ist wichtig, aber nicht entscheidend für Fechheim, was Du kannst und was Du nicht kannst. Entscheidend ist, was Christus durch Dich hier tun kann - im Team mit Kirchenvorstand, Mitarbeitenden, Kollegen und Kolleginnen.

Sie, liebe Frau Schmidt-Rothmund, sind jetzt hier und all Ihre Gaben und Prägungen bringen Sie mit. In Werdau, Sachsen geboren, sind Sie in Berlin aufgewachsen - in einem christlichen Pfarrhaus mit völlig säkularem Umfeld. Obwohl im jugendlichen Freundeskreis der Glaube an Christus alles andere als selbstverständlich war, wurde er doch immer mehr Ihr zu Hause. Sie merkten beim Studium der Kulturanthropologie, Germanistik und evangelische Theologie, dass Ihnen bei theologischen Fragen das Herz aufgeht. Also studierten Sie Theologie.
Durch den Pfarrberuf Ihres Vaters hatten Sie großen Respekt vor der damit verbundenen Lebensweise mitsamt all den Lebenszumutungen und wussten nicht, ob Sie so offen für Menschen da sein können. Doch Sie merkten immer mehr, dass Sie genau das wollen. Und so haben Sie Ihre Zweifel losgelassen.
Vielleicht kommen sie wieder, die Zweifel: Kann ich das wirklich? Kirche sanieren, Menschen trösten, Kinder unterrichten, Glauben nahe bringen, Mitarbeitende ermutigen? Können Sie das?
Sie können viel. Manches können Sie aber gar nicht können, sondern Christus allein; tief im Innern trösten zum Beispiel. Das Wichtigste überhaupt: Glauben an Christus wecken und stärken - das können Sie nicht. Aber der Heilige Geist kann und will das tun - durch Sie.
Darum lassen Sie alle Restzweifel an Ihr Können los. Sie sind angekommen im Beruf der Pfarrerin; das wird heute besiegelt. Christus selbst sagt Ihnen heute zu, dass er Sie ruft, segnet und sendet, weil er Sie liebt und braucht als ordinierte Pfarrerin lebenslang, denn die Ordination gilt bis Sie sterben.


Okuli ist heute; und der Name des Sonntag ist die Lösung: Denn der Name Okuli – übersetzt „Augen“ - erinnert an das Psalmwort: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ Auf ihn zu schauen ist die Lösung - die Loslösung von allem, was Sorgen macht, von allen Zweifeln an sich selbst oder Einbildungen über sich selbst. Christus ist da. Meine Augen sehen auf ihn.
Er wird Ihnen manchmal auch Menschen zeigen, die Ihnen helfen können und Menschen, die Ihre Hilfe brauchen. Der Blick auf Christus weitet den eigenen Blick. Der Blick auf Christus macht die eigene Anschauung nie eng, sondern öffnet.
Manche denken - je frömmer desto enger, deswegen lieber nicht so fromm werden. Das Gegenteil ist der Fall: Je mehr wir Christus lieben, desto weiter wird unser Herz für die Menschen, die uns begegnen, desto breiter der Horizont für alles, was es so gibt auf Gottes Erde, desto tiefer der Dank für all das, was uns im Leben geschenkt ist, desto größer die Kraft zu tun, was mitten im Alltag der Welt nötig ist, desto froher die Freiheit, weil alles Gott gehört.

Es gibt eine Frage, liebe Frau Schmidt-Rothmund, unter den Ordinationsfragen, die ich Ihnen jetzt gleich stellen werde, die spiegelt die Radikalität der Nachfolge wider. Sie lautet: „Bist Du bereit, in der Nachfolge Jesu Christi jederzeit so zu leben und zu wirken, wie es deinem Auftrag entspricht?“ - Jederzeit?
Auf alle anderen Fragen antworten Sie: Ja, mit Gottes Hilfe. Diese letzte Frage ist eigentlich unzumutbar, genauso unzumutbar wie diese Konfrontationen Jesu an diejenigen, die ihm nachfolgen wollen. Jederzeit so zu leben wie es Ihrem Auftrag entspricht - das ist nicht Ihre Möglichkeit. Darum Ihre Antwort: „Ja, dazu helfe mir Gott durch Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes.“
Vergessen Sie Ihre Antwort in den kommenden Jahren nicht. Darum geht es, dass Gott selbst Ihnen hilft in der Kraft des Heiligen Geistes.
Er wird es tun.
Denn Sie werden heute nicht nur gerufen und gesendet. Sie werden mit Handauflegung gesegnet. Im Segen sagt der Dreieinige Gott Ihnen zu, dass er mit Ihnen sein wird - in jedem Klassenzimmer, in jeder Wohnung; immer am Schreibtisch, wenn es darum geht die nächste Ansprache zu verfassen. Auch dann gilt es loszulassen - die eigenen Ideen nämlich - und zu fragen: Was willst Du, Jesus, den Menschen sagen?
 
Christus ruft Sie heute in die Nachfolge und wird selbst dafür sorgen, dass sie immer radikaler – übersetzt tief wurzelnder - wird. Er ist es, der Sie sendet an all die Orte, an denen Sie ihn verkündigen werden. Jetzt braucht er sie erst einmal in Fechheim.
Er segnet Sie für alles, was zu tun ist. Es wird mehr sein als Sie ahnen, was er tun wird durch Sie in Ihrem Leben.
Amen.