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Osternacht in der Spitalkirche Bayreuth, 4. April 2010, 5.30 Uhr

 

 

 

„Der Herr ist auferstanden“, sagt ein Gottesdienstbesucher zum anderen – „er ist wahrhaftig auferstanden“, so antwortet die Gottesdienstbesucherin neben ihm. Beide kennen sich nicht, beide sind in die Osternacht gegangen, saßen zufällig nebeneinander. Nun, als die Pfarrerin aufrief, einander diesen Ostergruß zu sagen, stehen sie auf, reichen sich die Hand und sprechen einander die Osterbotschaft zu: „Der Herr ist auferstanden“ – „er ist wahrhaftig auferstanden“. Die beiden schauen einander an. Der Blick des einen ist eher fragend; in ihrem Blick leuchtet die Osterfreude wie ein Funke des Osterlichts. Das steckt an. Beide lächeln, nicken einander freundlich zu und wenden sich ihren anderen Banknachbarn zu, mit demselben Gruß. Er verbreitet sich durch die ganze Kirche und mit ihm das Lächeln.

So oder so ähnlich ereignet sich dies in jeder Osternacht, wie auch gerade hier bei uns in der Spitalkirche.

„Der Herr ist auferstanden – und du auch“, das wäre doch sehr merkwürdig, wenn jemand die Grußantwort in dieser Weise verändern würde. Jeder von uns wäre verwundert.

Der Schreiber des Kolosserbriefes im Neuen Testament aber spitzt die Osterbotschaft genau in dieser Weise zu.

 

Ich zitiere den ersten Vers unseres Predigttextes, Kolosser c. 3, Vers 1: „Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“

Verständlich, wenn wir dem Schreiber des Kolosserbriefs widersprechen wollten: „Nein, ich bin noch nicht auferstanden, weil ich noch nicht einmal gestorben bin. Also kann ich auch noch gar nicht auferstanden sein.“

„Dein Freund ist schon tot – und du bist es auch!“ Eine unmissverständliche Drohung, wie sie in manchem Krimi zu lesen oder Western zu hören ist. Der Bedrohte weiß, dass er zwar noch nicht tot, doch grundlegend gefährdet ist und hinter jeder einsamen Ecke und in jedem dunklen Durchgang der Tod lauert. Er ist so gut wie tot, auch wenn er noch lebt. Die Angst geht von jetzt an mit. Über seinem Leben liegt eine tödliche Spannung. Eine Frage der Zeit, wann sie sich entlädt. Über seinem Leben liegt ein Schatten. Eine Frage der Zeit, bis es ganz dunkel ist.

„Der Herr ist auferstanden – und du auch“. Das ist das Gegenteil von jener tödlichen Drohung. Es ist die Zusage, dass wir auferstehen werden, wie Christus, unser Herr und Freund, auferstanden ist. Wem dies zugesagt ist, weiß, dass er leben wird, auch wenn er den irdischen Tod noch vor sich hat. Mit dieser Zusage, die über unserem Leben steht, verändert sich unser Leben schon jetzt. Durch die Verheißung: „Christus ist auferstanden und damit du auch“ strahlt ein Licht über unserem Leben; es ist nur eine Frage der Zeit bis wir ganz im Licht stehen. Freude leuchtet aus unseren Augen; es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie uns ganz erfüllt.

 

„Ihr seid mit Christus auferstanden.“ – Gewagt ist die These des Kolosserbriefs – und auch die folgenden sind nicht einfach zu verstehen. Sie sind fast philosophisch. Doch folgen wir ihr noch ein Stück weiter, ich lese nun den Rest des Predigttextes, die Verse 2-4:

„Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.“

Der Kolosserbriefschreiber sagt also nicht nur: „Ihr seid auferstanden“, sondern auch, „ihr seid gestorben“. Anders aber als die Drohung in Krimi und Western, entmachtet er damit unseren noch ausstehenden leiblichen Tod. Er nimmt dem Tod, der uns noch bevorsteht, seine eigentliche Bedrohung.

Sicher, wir alle werden noch sterben. Doch ist Christus vor uns gestorben und auferstanden. Diese Wirklichkeit durchdringt unsere Realität. An unserem Leben und Sterben wird sein Sterben und Leben wirksam – schon jetzt. Für Menschen, die die Welt nicht mit den Augen des Glaubens sehen, ist das nicht sichtbar und offenbar. Es ist eine verborgene Wirklichkeit. Aber sie ist die alles Entscheidende und sie wird offenbar werden.

 

Das Schlüsselwort in unserem Predigttext hat nur drei Buchstaben im Griechischen wie im Deutschen. Sie alle kennen es – das griechische Wörtchen „syn“ oder als Vorsilbe auch „sym“. Im Deutschen sagen wir dafür „mit“ oder „zusammen“.

Bei einer Sym-phonie klingt etwas miteinander. Es ist ein Zusammenklang.

Syn-chron sagen wir, wenn etwas gleichzeitig geschieht.

Wir kennen den Syn-ergieeffekt, wenn etwas mitwirkt, zusammenwirkt.

Dreimal kommt in unserem Predigttext das Wörtchen „syn“ vor. Was wird da in unserem Predigttext zusammengebunden? Christus mit uns. Wir mit Christus.

Erstens: Mit Christus sind wir auferstanden. Wir sind Auferstandene.

Zweitens: Wer wir sind – nämlich Auferstandene – ist mit Christus verborgen. So wie seine Auferstehung und seine Herrschaft ein Geheimnis ist, ist auch unsere Auferstehung ein Geheimnis.

Drittens: Doch dass wir Auferstandene sind, wird offenbar werden mit ihm, wenn er offenbar werden wird in Herrlichkeit.

An unserem Predigtwort wird so sehr deutlich, dass unser christlicher Glaube im Kern eine Beziehung ist. Wir leben mit Christus. Wir sind mit Christus in allem verbunden. Es ist eine Sym-biose – aber im besten Sinne. Wir leben unser Auferstehungsleben mit und durch Christus.

 

Darin steckt viel Trost. Wir sind nicht allein. Aber es geht dem Schreiber des Kolosserbriefes nicht so sehr um diesen Trost, sondern dass sich durch dieses „mit Christus leben“ unser Leben ändert.

Er fordert auf: „Trachtet nach dem, was droben ist, und nicht nach dem, was auf Erden ist.“ Und: „Sucht, was droben ist“. Was er damit meint, ist eindeutig. Direkt im Vers nach unserem Predigttext fordert er sehr direktiv zur Lebensänderung auf: Lasst „Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft“. Wir sagen heute dazu: „Missbrauch, Kinderpornographie, Sextourismus.

Auch wenn der Kolosserbrief hier so direkt wird, liegt doch auch für ihn die Grundverfehlung des Menschen nicht im sexuellen Bereich. Nicht die Sexualität ist böse. Sie ist ein gutes Geschenk Gottes. Die eigentliche Sünde ist die Beziehungslosigkeit, dass wir nicht mit Gott leben, nicht mit Christus.

Denn dieses Leben mit Christus hat Konsequenzen – auch im Bereich der Sexualität. Und es ist richtig, dass wir als Menschen, die zu Christus gehören – als Christenmenschen – Abwege im sexuellen Bereich klar beim Namen nennen und laut sagen: Lasst das! Fahrt nicht über die Grenze nach Tschechien, um im anderen Land Bedürfnisse an Frauen zu befriedigen, mit denen ihr keine Beziehung habt. Lasst die Sexseiten im Computer zu. Es ist ekelhaft genug, wie oft wir belästigt werden mit unzweideutiger Werbung. Euer Leben sei eindeutig. Dort, wo Sexualität nicht im Rahmen einer partnerschaftlichen Beziehung gelebt wird, dort, wo also ein Mensch am anderen seine Begierde mit Macht über einen anderen Menschen auslebt, wird er schuldig am anderen.

Interessant ist aber, dass der positive Appell des Kolosserbriefs im Anschluss an seine vehemente Ablehnung der Unzucht nicht lautet: „Reißt euch am Riemen“, sondern: „Zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen.“

Wir werden angesprochen als Auserwählte Gottes, als Heilige, als Geliebte. Wir Christen sind wirklich etwas Besonderes. Wir sind Menschen, denen durch Christi Tod am Kreuz vergeben ist und die nun mit ihm, dem Auferstanden leben. Wir sind Geliebte, denen das Erbarmen Christi zuallererst selbst gilt, die umfangen sind von seinem Erbarmen, wie ein Kleid.

An diese Anrede - Auserwählte, Heilige, Geliebte - schließt sich die Aufforderung an: „Zieht an herzliches Erbarmen.“ Das ist kein moralischer Appell. Moralische Appelle können manchmal nötig sein, aber sie greifen letztlich zu kurz. Sexueller Missbrauch vor allem an Kindern und Jugendlichen ist eine wirklich schlimme Schuld. Allzu lange wurde von der Gesellschaft, in den Familien, und von uns nicht wahrgenommen, wie schrecklich und anhaltend die Zerstörungen in den Seelen der Kinder sind; schlimmer als ich es mir je vorstellen konnte. Meine Hoffnung ist, dass unsere Gesellschaft gerade einen dringend not-wendigen Lernprozess durchläuft. Möge er wirklich tiefgreifend und anhaltend sein. Die Folgen des Missbrauchs hat unsere Gesellschaft viel zu lange verdrängt und verharmlost. Wenn wir diese Folgen wahrnehmen, berührt es unser Herz, erbarmt es uns.

„Zieht an herzliches Erbarmen.“ Selbstbeherrschung aufgrund moralischer Appelle kann platzen wie eine Seifenblase. Wenn aber Erbarmen uns Menschen ergreift, wandelt sich unser Herz.  

Wie oft bitten wir: „Herr erbarme dich“, weil Christus voll Erbarmen ist. Christus führt Christen zum herzlichen Erbarmen. Es ist ein Erbarmen, das keinen Menschen ausschließt. Dieses Erbarmen brauchen wir selbst und wir brauchen es in unseren Herzen für andere Menschen, damit wir ihre Wunden sehen und verbinden. Gott schenke auch denen, die Wunden geschlagen haben, sein Erbarmen ins Herz und wandle das Leben aller Menschen zu einem Leben aus der Kraft seines Erbarmens.

 

Liebe Gemeinde, der Kolosserbrieftext ist ein schwerer Text, aber er passt doch zu Ostern, zum Fest der Auferstehung Jesu. Das Fest erfasst uns, unser Leben. Auferstanden ist der Herr, und wir mit ihm zu neuem Leben schon hier.

Als Menschen, die mit Christus leben, - als Christenmenschen - trachten wir nach dem, was droben ist. Was ist droben? Droben ist Christus. Droben ist seine Liebe, sein Erbarmen, seine Niedrigkeit, mit der er den Menschen dient. Dienende Niedrigkeit, Liebe, herzliches Erbarmen erwartet uns droben im Himmel. Das soll unser Leben hier schon prägen, weil wir Auferstandene sind, die mit Christus, dem Auferstandenen, leben.

 

„Der Herr ist auferstanden“ – „und du auch“. So sprechen wir den Ostergruß nicht. Doch dieses „und du auch“ schwingt mit. Nicht nur Christus ist auferstanden - und wir mit ihm.

Amen.

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