Wiedereinweihung der Stadtkirche Naila am Sonntag Exaudi, dem 16. Mai 2010
Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der Stadtkirche Naila
am Sonntag Exaudi, dem 16. Mai 2010
Predigttext: Epheser 3, 14-21
Gnade sei mit Euch und Friede durch Gott unseren Vater und Jesus Christus unseren Heiland. Amen.
Liebe Festgemeinde!
Der Predigttext, der regulär für diesen heutigen Sonntag vorgesehen ist, soll auch Grundlage meiner Predigt sein. Er steht im Epheserbrief, c. 3, die Verse 14-21
Textlesung:
Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,
dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.
So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Liebe Festgottesdienstgemeinde!
Die letzten Verse unseres Bibelwortes stimmen uns ein ins Gotteslob. „Gott sei Ehre in der Gemeinde von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Ja, so soll es sein! Und in der Gegenwart sei ihm Lob und Ehre, denn wir feiern die Wiedereinweihung der Stadtkirche. Wir loben Gott mit unserem Gemeindegesang. „Nun danket alle Gott“, haben wir gesungen. Chor und Posaunenchor werden uns mitreißen in die Stimmung von „Nun lob, mein Seel, den Herren“. Kantorin Ruth Hofstetter lässt die Orgel jubilieren, denn endlich erklingt das Instrument wieder zum Lob Gottes.
Sicher, auf dem Weg zur heutigen Wiedereinweihung gab es „Auseinandersetzungen“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Doch heute sitzt die Gemeinde im Kirchenschiff wieder zusammen.
Ich hoffe, alle Kritiker sind da. Denn damit zeigen sie doch Größe. Sie drücken damit aus: Wichtig ist nicht, dass sich die eigene Meinung durchgesetzt hat. Wichtig ist, dass wir hier als Gemeinde wieder zusammenfinden, um Gott zu loben.
Auch die Künstlerin Frau Meide Büdel hat Größe gezeigt, denn ihren durchdachten Entwurf hat sie deutlich verändert, weil sie ihn nicht gegen die Gemeinde durchsetzen, sondern der Gemeinde und dem Gotteslob der Gemeinde dienen wollte. (Nur in dieser Gott und der Gemeinde dienenden Haltung kann Kirchliche Kunst zur vollen Reife kommen.)
Gerade nach den gewesenen menschlichen Misstönen in Auseinandersetzungen können die Klänge des gemeinsamen Gotteslobes trösten und heilen.
Und versöhnt nicht auch das Ergebnis? Ich finde: Die Nailaer Gemeinde hat eine wunderschöne helle, einladende Kirche. Diese Renovierung ist etwas Besonderes, weil ein Gesamtkonzept für den ganzen Innenraum verwirklicht werden konnte, das gelungen ist. Ein Dank an alle Verantwortlichen im Bauausschuss und Kirchenvorstand und insbesondere Dekan Förster, der nachher allen anderen danken wird.
Bei der weiteren Auslegung unseres Predigtwortes möchte ich mit Ihnen drei ganz besondere Orte dieser Kirche anschauen: Den Altar, die Kreuzigungsgruppe und die blauen Fenster.
Der Altar. Vielleicht haben Sie schon einmal von dem Altar in der Christuskirche Nürnberg gehört oder ihn sogar schon gesehen. Er ist ebenfalls von Meide Büdel entworfen. Er hat eine besondere Leichtigkeit. Eine Platte schwebt im Raum. Sie hat keine Füße, sondern ist an der Kirchendecke aufgehängt. Deutlicher als sonst wird dadurch, dass das Brot, das wir am Altar teilen, Himmelsbrot ist, das uns nährt auf dem Weg in den Himmel und stärkt zum Ewigen Leben, dass der Segen, der von Menschen am Altar gesprochen wird, doch vom Himmel auf uns kommt, und unsere Gebete, die wir am Altar sprechen, zum Himmel aufsteigen.
Hier in der Stadtkirche geht die Aussage der Gestaltung des Altars genau in die gegenläufige ebenso wichtige Richtung. Sie betont – passend zur oberfränkisch bodenständigen Mentalität – die Verankerung des Altars in einem tragenden, tiefen Fundament. Dieser Altar steht nicht auf dem sichtbaren Kirchenboden, sondern 30 cm tiefer – auf dem Grund der ersten hier gebauten Kirche. Hier an diesem Altar wird deutlich, wie sehr alles, was an diesem Ort geschieht – Abendmahl, Gebet und Segen – in Jahrhunderte, ja Jahrtausende alte Glaubenstradition gegründet ist. Er erinnert, wie gut, gewiss machend und gründend es ist, dass wir in solch einer langen, tiefen Glaubenstradition stehen.
Kommen Sie ruhig nach dem Gottesdienst nach vorne zum Altar und sehen sich ihn an. Man sieht die volle Tiefe der Versenkung nicht. Sie ist nur angedeutet durch einen Spalt. So wie wir auch die Tiefe der christlichen Tradition, in der wir stehen, nur erahnen können.
Fassen Sie den Altar ruhig an. Ich zitiere unser Predigtwort: „Ihr könnt begreifen, welches die Breite und die Länge, die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft.“ Manchmal hilft es hinzugreifen, um zu begreifen: Ja, unser Glaube ist fest. Er steht. Er ist tief und gegründet.
Für dieses Begreifen ist es auch so hilfreich, dass die alte Kreuzigungsgruppe nun so im Kirchenraum platziert ist, dass wir unsere Finger auf die Zehen des Johannes und der Maria legen können oder auch ans Kreuz fassen können. Das hilft uns zu erfassen, was am Kreuz für uns geschehen ist. Ich finde es besonders gelungen, dass diese Kreuzigungsgruppe nun Glaubens-Kunst zum Anfassen geworden ist.
Was unerreichbar schien ist erfahrbar, fühlbar nah: Alle, die die Vergebung Gottes erbitten, die können gewiss sein, dass Gott ihnen durch Christus vergibt. Er hat am Kreuz sogar für die gebeten, die ihn ans Kreuz geschlagen haben: „Vater, vergib ihnen“. Wie sollte Christus uns nicht vergeben, wenn wir ihn von Herzen bitten. Fassen Sie ruhig an den Kreuzesstamm, um diese gute Nachricht in ihrer Länge und Breite, Höhe und Tiefe zu erfassen. Unter dem Kreuz eröffnet sich jedem und jeder ein neuer Lebensraum. Taufen werden hier sein. Mögen alle hier Getauften wissen, dass sie unter dem Kreuz Leben finden.
Dem Schreiber des Epheserbriefes geht es vor allem darum, dass wir die große Liebe Christi erkennen. Gerade diese Kreuzigungsgruppe stellt eine Szene dar, in der diese Liebe Christi überdeutlich wird. Die Szene wird uns im Johannesevangelium erzählt.
Maria, die Mutter Jesu, und Johannes, ein Jünger Jesu, stehen unter dem Kreuz. Sie sind zu Tode betrübt, weil sie meinen, dass ihnen Jesus, ihr ein und alles, genommen wird. Da sagt der sterbende Jesus zu seiner Mutter Maria: „Frau, sieh, das ist dein Sohn“ und zu Johannes sagt er, „sieh, das ist deine Mutter“. In der Geschichte heißt es dann: „Und von Stund an nahm sie der Jünger zu sich.“ Sterbend und durch die Folter der Kreuzigung mit unerträglichen Schmerzen gequält, kümmert Jesus sich um zwei Menschen, die er lieb hat. Von Johannes heißt es in dieser Kreuzigungsgeschichte sogar ausdrücklich, dass Johannes der Jünger war, den Jesus lieb hatte. Berühren wir ruhig die Füße des Jüngers, den Jesus lieb hatte, und lassen wir uns dabei berühren von der Liebe, die Christus sterbend zu ihm hatte und eben auch zu uns. Oder berühren wir die Füße Marias, um uns berühren zu lassen davon, dass Jesus der ist, der sich um unser Leben kümmert, gerade dann, wenn wir uns fragen, wie es weitergehen wird.
Möge das Stehen unter diesem Kreuz zum Verstehen beitragen, wie unermesslich die Breite und Länge, Höhe und Tiefe der Liebe Christi zu uns ist.
Diese Kreuzigungsgruppe steht vor einem blauen Fenster. Als ich vor knapp drei Wochen diese Kirche betrat, fiel mein erster Blick auf dieses starke, intensive Blau im Fenster, das mir entgegenstrahlte. Ich war überrascht und fasziniert zugleich. Daher fragte ich die Künstlerin Meide Büdel: „Warum dieses Blau im Fenster?“
Meide Büdel erläuterte, dass Blau auch die Grundfarbe in den beiden Glasfenstern von Ammann rechts und links sei. Das leuchtet ein, auch zieht sich das Blau durch die ganze Kirche, der Deckenhimmel ist blau, eine der beiden Emporenbrüstungen ist blau und vieles andere. Blau ist die Grundfarbe dieser Kirche. Das ist nun durch die drei neu gestalteten blauen Fenster verstärkt und unübersehbar geworden.
Natürlich ist uns allen bewusst, dass grün die Farbe der Hoffnung, rot die Farbe der Liebe und blau die Farbe des Glaubens ist. Doch ich wollte wissen, was die Künstlerin mit dem „Blau“ verbindet und so fragte ich weiter: „Was drückt sich für sie darin aus?“ „Blau ist eine Farbe, die ich verbinde mit ‚In-sich-gehen‘“, antwortete sie.
Eine Kirche ist für viele von uns der wichtigste Ort um „in uns zu gehen“. Der Alltag fordert uns. Wir eilen da- und dorthin, – in der Kirche gehen wir in uns.
Je schneller und hektischer unsere Gesellschaft wird, desto größer wird unsere Sehnsucht nach innerer Ruhe.
Je beliebiger und haltloser die Gesellschaft zu werden scheint, desto bedeutsamer wird für den Einzelnen die innere Stabilität.
Je mehr auf Äußerlichkeiten bedacht viele Menschen in unserer Gesellschaft scheinen, desto wichtiger werden anderen die inneren Werte.
Der Schreiber unseres Bibelwortes betet für die Gemeinde. Er beugt seine Knie, er bittet Gott, auf Knien, dass sie „stark wird am inneren Menschen“. Das ist sein eigentlicher Wunsch für die Gemeindeglieder. Das passt sehr zu unserem Bedürfnis nach innerer Ruhe, Stabilität und inneren Werten. Was hilft uns dazu? Was hilft uns dazu, dass unser innerer Mensch stark wird?
Einer meiner liebsten Sprüche, wenn Menschen meinen, sich selbst erlösen zu können durch esoterisch begründete Versenkung in sich selbst, ist: „Geh in dich, wenn´s dich da nicht graust“. Oft ist die gegenwärtig moderne Esoterik kombiniert mit der buddhistischen Philosophie, die den Menschen dazu führen möchte, alles loszulassen und innerlich leer zu werden. Nur so käme man zur inneren Ruhe. Den Weg, den uns der Epheserbrief weist und den ich für unvergleichlich wirksamer halte, ist ein anderer Weg, der weit darüber hinaus geht.
Wir gewinnen nicht innere Ruhe durch inneres Leer werden, sondern im Gegenteil dann, wenn Christus in unseren Herzen wohnt und mit ihm die ganze Gottesfülle. Er in uns vertreibt Unruhe. Er bringt Stabilität in unser Leben und Werte, die nicht vergehen.
Der, der den aufgewühlten See Genezareth gestillt hat, kann das Toben innerer Gefühle, auch unsere Angst still machen, so dass seine Ruhe sich in uns ausbreitet.
Der den Gelähmten auf die Füße gestellt hat, so dass er stabil und aufrecht stehen und gehen konnte, der kann uns helfen, unser Leben zu bestehen.
Der, der Worte ewigen Lebens hat, kann uns lehren, was wirklich wichtig ist für unser irdisches Leben. Seine inneren Werte machen unser äußeres Leben lebenswert.
Stark werden am inneren Menschen, das geht eben nur, wenn wir auch immer wieder in uns gehen, innehalten und innewerden, dass Christus in uns wohnen will, denn der liebste Raum, in dem er sein will, ist und bleibt unser Herz. Eine Kirche, wie diese, ist der äußere Raum, der uns hilft innerlich stark zu werden.
Dass dies an uns und an allen geschehe, die hier ein- und ausgehen werden, dazu gebe der dreieinige Gott seine Gnade.
Amen.