Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner über den Hl. Rupert
Predigt in der Rupertkapelle bei Obernsees am 31.7. 2010
Predigttext: Matthäus 5, 13-16
Salz der Erde, Licht der Welt
Liebe Gemeinde!
Es ist Abend, eine Zeit, in der ich meinen Kindern immer Biblische Geschichten, Kinderbücher oder auch ein Märchen vorgelesen habe. Heute Abend will ich Ihnen das Bibelwort auslegen, das wir vorhin als Lesung schon gehört haben und darin besonders den Satz: „Ihr seid das Salz der Erde“. Meine Auslegung beginne ich – passend zur Abendstunde und zum Bibeltext – mit einem mitteleuropäischen Märchen. Es heißt:
„Salz ist kostbarer als Gold“.
Es war einmal ein König, der drei Töchter hatte. Er liebte alle und darum wusste er nicht recht, welche er zu seiner Nachfolgerin wählen sollte.
Er rief sie zu sich und sprach zu ihnen: „Bevor ich mich entscheide, wer nach mir Königin werden soll, möchte ich von euch hören, wie sehr ihr mich liebt.“
Die Älteste trat vor: „Ich liebe dich mehr als Gold.“
Die Mittlere schloss sich an: „Ich liebe dich mehr als Edelsteine und Perlen.“
Nicht schlecht, dachte der König, wo die beiden doch Gold und Edelsteine so sehr lieben.
„Und du Mariechen?“, fragte er die Jüngste. Sie überlegte ein wenig und dann antwortete sie: „Ich liebe dich wie Salz.“
„Was“, schnaubte der Vater verächtlich – „Du liebst mich nur wie gewöhnliches Salz, das jeder arme Bauer auch hat. Geh mir aus den Augen. Ich will dich nicht mehr sehen.“
Mariechen verließ das Schloss und lief weinend in die Ferne.
Nach Tagen kam sie in ein Birkenwäldchen. Dort begegnete ihr eine alte Frau.
„Was bedrückt dich, Kleines“?
„Ach Mütterchen frag nicht, mir kann niemand helfen.“
„Vielleicht doch, sagte die Alte, sag mir was dich quält; wo graue Haare sind, ist auch Vernunft.“ So erzählte Mariechen, was sich zugetragen hatte; und endete mit dem Ausruf:
„Ich will doch gar nicht Königin werden, ich will doch nur, dass mein Vater erkennt, wie sehr ich ihn liebe. Doch das wird nie geschehen.“
„Wart nur, es kommt die Zeit“, sagte die Alte.
Mariechen lernte von der Alten Schafe hüten, melken, spinnen und weben.
Inzwischen lebten die beiden älteren Töchter in Saus und Braus, warfen das Geld hinaus für teuren Schmuck. Und bald erkannte der Vater, dass sie Gold und Edelsteine mehr liebten als ihn. Ihm fehlte die herzliche, ehrliche Zuwendung seiner Jüngsten. Ach wenn sie doch nur wiederkäme. Doch wenn er an den Vergleich mit dem Salz dachte, ergrimmte immer noch sein Herz.
Da geschah es, dass das Salz im Land knapp wurde. Durch Regen zerflossen die letzten Reste. Sie wurden in den Häusern schal. Die Not im ganzen Land war groß. Auch der Koch des Schlosses kam klagend zum König, denn wie sollte er die Gerichte für das anstehende große Festmahl zubereiten –ohne Salz. „Dann würze eben mit was du willst“, meinte der König unwillig.
Der Koch bot seine ganze Kunst auf – doch ohne jedes Salz blieb das Essen fad. Jeder Gang wurde mit immer weniger Appetit gegessen. Schließlich gingen die Gäste, bevor das Fest zu Ende war.
Bald waren alle im Land matt und krank – auch der König.
Die Zeit war gekommen, dass die Alte, Mariechen nach Hause schickte. Sie gab ihr einen Beutel Salz mit, der nie versiegen sollte.
Niemand erkannte Mariechen als sie das Schloss betrat, doch sie wurde zum König vorgelassen, weil sie sagte, sie habe etwas, was ihn gesund machen würde. Sie brachte ihm ein Butterbrot bestreut mit Salz. Der Vater aß und erkannte sein Töchterlein. Trotz seines ungerechten Handelns, hatte sie ihm längst vergeben und sagte ihm: „Nichts wünsche ich mir mehr, als dass du mich liebst, wie Salz.“ „Ja, ich liebe dich wie Salz“, antwortet ihr der Vater und schloss sie herzlich und dankbar für ihre Liebe in die Arme.
Mariechen teilte ihr Salz frei im Volk aus, auch dem Allerärmsten, und ihr Beutel wurde nie leer. Dass sie Königin wurde, versteht sich von selbst.
Liebe Gemeinde,
Salz der Erde, so nennt Jesus seine Jünger und Jüngerinnen. Welch eine Wertschätzung darin liegt, ist nach diesem Märchen überdeutlich. Ohne Salz werden Menschen krank. Alles wird fad; nichts schmeckt mehr, denn von Süßspeisen lässt sich nur ein Weilchen leben.
„Ihr seid das Licht der Welt“. Auch mit diesem Zuruf Jesu, ließe sich eine Geschichte erzählen. Viel Phantasie gehört gar nicht dazu, ein Märchen zu erdichten, aus dessen Verlauf sonnenklar wäre, wie lebenswichtig Licht für unser Leben ist.
Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt, ruft Jesus seinen Jüngern zu. Das bedeutet auch, er liebt uns wie Salz und schätzt uns wie Salz. Er sagt damit: Ihr seid lebenswichtig für diese Welt. Denn die Welt wird krank ohne Menschen,
die Gottvertrauen und Liebe ausstrahlen – wie Licht im Dunkeln strahlt,
und die kräftig vom Glauben reden und ihn leben und so heilsam sind für die Welt – wie das Salz.
Wie wichtig Menschen sind, die an Christus glauben und diesen Glauben zum Ausdruck bringen mit Worten und Taten, das ahnen wir Christen wohl manchmal am allerwenigsten, so wie der König nicht im Traum ahnte, wie wichtig Salz ist.
Unser Bibelwort ist umwerfend in seinem ermutigenden Vertrauen in uns. Es wirft uns schlechtes Selbstbewusstsein um. Unser Bibelwort spricht uns einfach zu: Ihr seid das Salz der Erde.
Glauben Sie es ruhig: Sie alle hier, Sie sind wichtig für das Reich Gottes. Der Heilige Geist will durch Sie wirken. Sie sind wichtig für die Gemeinde Jesu Christi hier in den Kirchengemeinden. Ihre Familie braucht Sie, Ihr Arbeitsumfeld braucht Sie, diese Gesellschaft braucht Sie als Menschen, die Licht in die verschiedensten Dunkelheiten bringen. Diese Welt braucht Christenmenschen, die wie Salz durch Kraft des Evangeliums ein Leben ermöglichen, in dem Menschen in ihrer Seele gesund werden.
Christus will, dass wir als seine Nachfolger an unserer Bestimmung, an unserem Wert und unserer Bedeutung nicht vorbeigehen. Nehmen wir uns selbst ernst, so wie Christus uns ernst nimmt und unserem Leben große Bedeutung beimisst. Wir bezeugen die Kraft des Evangeliums mit Worten, Klängen und Taten. Wir tragen sein Licht in die Welt.
Der Heilige Rupert hat dies in besonderer Weise getan. Er starb am 27. März 718. Doch zuvor war er Chorbischof von Worms am Rhein und kam von dort nach Bayern zu Herzog Theodo, der in Regensburg residierte. Rupert unterwies ihn im christlichen Glauben und Theodo ließ sich taufen. Dem Beispiel des Herzogs folgten viele seiner Edelleute und viele aus der Bevölkerung.
Rupert zog donauabwärts, erzählte von Jesus Christus und verkündigte das froh machende Evangelium, wo immer er war, so auch in Lorch und Seekirchen am Wallersee. Schließlich ließ er sich in Juvarium oder Helfenburg, dem heutigen Salzburg, nieder und gilt als erster Bischof und eigentlicher Begründer dieser Stadt, weil er den Menschen Arbeit gab durch die Förderung des Salzbaues. Er wird darum mit einem Salzfass dargestellt. Doch dieses Salzfass wird bei einem solchen Leben natürlich auch zeichenhaft dafür, dass er Salz der Erde war, indem er sich senden ließ von Jesus Christus, um von ihm zu erzählen.
Rupert setzte sich auch als Salzburger Bischof nicht zur Ruhe, sondern gründete von dort aus Weltenburg und die älteste deutsche Benediktinerabtei Nonnberg. Im so genannten „Großen Buch der Heiligen“ ist zu lesen, ich zitiere: Er predigte „um das erstorbene Christentum überall zu neuem Leben zu erwecken“ und weiter: „Er scheute keinen noch so beschwerlichen Weg durch die Täler und über steile Bergpässe zu den entferntesten Almen, wo er das Volk unterwies und Unglauben und Aberglauben ausrottete.“
Bei uns evangelischen Christen ist es nicht ausgeprägt von Heiligen als Schutzpatronen zu sprechen, wenngleich ich nicht ausschließen will, dass die Christen, die bei Christus sind, an uns denken und für uns beten. Freilich beten wir nicht zu ihnen. Ich wüsste auch nicht, dass uns die Bibel an irgendeiner Stelle dazu anleitet. Vielmehr hat Jesus Christus uns gelehrt zum Vater im Himmel direkt zu sprechen, weil der uns von Herzen liebt. Er schützt und behütet uns mit seinen Engeln. Und die neutestamentlichen Schriften leiten an, auch zu Jesus Christus als unserem Herrn zu beten.
Doch Luther verehrte Maria zutiefst und ermutigte, von ihr und den anderen Heiligen zu lernen. Gebet – nein, Verehrung – ja. Die Heiligen sind und bleiben für uns evangelische Christen ein großes Vorbild, an denen wir uns ein Beispiel nehmen können und sogar sollen. Dazu ist es freilich gut, wenn wir ihre Geschichte kennen lernen, wie heute die des Heiligen Rupert.
Wir haben hier in der Gegend mit der St.Rupertkapelle ein wirkliches Kleinod, das uns an diesen missionarischen Heiligen erinnert. Und nun haben wir durch die Rupertfigur auch in der Kapelle wieder eine Erinnerung an ihn, wie schön.
Auf dem Gottesdienstprogramm sehen wir die Rupertfigur noch im Garten von Föttingers. Sie hat mir von Anfang an gefallen, vor allem aus einem Grund, sie schaut freundlich, fast als ob sie etwas lächelt.
Salz der Erde zu sein, könnten wir missverstehen, so als sollten wir beißend wie eine Salzbeize unsere Meinung sagen, wenn wir in unserem Umfeld etwas Unchristliches wahrnehmen. Natürlich könnte man bissig werden, wenn man sieht, wie Menschen auf einmal aus Steinen Heilkraft erwarten und ihren Friseurtermin nach dem abnehmenden oder zunehmenden Mond richten. Esoterische Literatur ist oft nicht weit vom Aberglauben entfernt, von dem es heißt, dass Rupert ihn ausrotten wollte.
Doch wir handeln nur im Sinne des Evangeliums von Jesus Christus, wenn unsere Worte und unser Handeln von Liebe zu genau diesen Menschen geprägt sind. Die Kraft des Evangeliums liegt darin, dass es erzählt von der Menschenfreundlichkeit Gottes. Gott kommt zu uns Menschen im Kind in der Krippe. Selbst am Kreuz vergibt Jesus in fast unverständlich großer Liebe genau denen, die ihn gefoltert und ans Kreuz geschlagen haben.
Vor unserem Bibelwort: „Ihr seid das Salz der Erde“, stehen die Seligpreisungen. Selig werden da nicht die Grimmigen gepriesen, sondern die Sanftmütigen, nicht die Eisenharten, sondern die Barmherzigen, nicht die Durchsetzungsfähigen, sondern die Friedfertigen.
Im Gesicht dieses Rupert spiegelt sich die Sanftmut, die Barmherzigkeit, die Friedfertigkeit, eben die Menschenfreundlichkeit, die Gott zu uns hat und zu der er uns einlädt.
Natürlich sollen wir bei passender Gelegenheit etwas sagen, wenn wir merken unsere Nachbarin glaubt mehr an den Mond als an den lieben Gott und unser Freund am Stammtisch schaltet schon am Sonntagmorgen den Fernseher an, statt in die Kirche zu gehen. Nicht der Mond lenkt unser Geschick, sondern der Schöpfer des Mondes. So wichtig es ist, informiert zu sein: Nicht durch den Fernseher sehen wir was wichtig ist für unser Leben, sondern durch den Blick, den uns der im Gottesdienst gefeierte Glaube eröffnet. Wir sollten etwas sagen, doch so, dass Gottes Liebe spürbar wird, wie Salz auf dem Butterbrot des kranken Königs.
Liebe Gemeinde, der Heilige Rupert hat sich nicht gescheut, beschwerliche Wege durch Täler und über steile Bergpässe zu den entferntesten Almen zu gehen. Das kostet schon Überwindung. Und manchmal kostet es auch uns Überwindung, etwas vom Glauben an Jesus Christus zu sagen, zu ihm einzuladen oder ihn - wenn Worte schaden würden – still zu leben. So – als Menschen, die das Evangelium in alle Winkel unserer Gesellschaft hineintragen, sind wir Salz der Erde. Wichtig ist, dass wir – wie vorhin zitiert – mit St. Rupert die Sehnsucht teilen, das erstorbene Christentum überall zu neuem Leben zu erwecken und das lebendige Christsein zu stärken.
Doch – schauen wir auf unseren St. Rupert – immer mit Liebe. Letztlich ging es schon im Märchen um die Liebe. Nur die Tochter soll regieren, die Liebe hat. Sie liebt den Vater wie Salz und teilt dieses Salz auch den Ärmsten der Armen aus.
Wir sind wertvoll für Christus wie Salz, weil wir ihn lieben und diese Liebe zu ihm und den Menschen in die Welt, in die Gesellschaft, in unsere Familien tragen. Unser Leben ist mit der Taufe ihm geweiht. Geweihtes Salz sind wir durch ihn.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.