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Gottesdienst am 4. Advent, Gaudete, dem 19. Dezember 2010 in der St. Jakob & St. Erhard-Kirche in Rugendorf

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

in der St. Jakob & St. Erhard-Kirche in Rugendorf

am 4. Advent, Gaudete, dem 19. Dezember 2010


Predigttext: Philipper 4,4 u.5

 

 

 

„Es geht uns nicht um bunten Traum

von Kinderlust und Lichterbaum;

wir bitten, blick uns an

und lass uns schaun dein Angesicht,

drin jedermann, was ihm gebricht,

gar leicht verschmerzen kann.“               (Rudolf Alexander Schröder)

 

Liebe Gottesdienstgemeinde!

 

„Freut euch in dem Herrn alle Weg und abermals sage ich euch: Freut euch! Der Herr ist nahe!“

So lautet der Wochenspruch für diese Woche, den ich meiner Predigt zugrunde lege. Er findet sich im Philipperbrief, Kapitel 4, Verse 4 und 5.

 

Heute ist der Sonntag, der im Kirchenjahr den Namen Gaudete trägt, übersetzt „freut euch“. Das passt, denn Sie freuen sich, dass ich heute zu Ihnen komme und ich freue mich wirklich sehr, bei Ihnen zu sein. Freilich heißt der Sonntag Gaudete, weil wir kurz vor dem Christfest stehen, weil Christus zu uns in die Welt gekommen ist. Der Aufruf „gaudete“ – „freut euch“ wird im Wochenspruch begleitet von dem Ausruf: „Der Herr ist nahe.“ Das ist der Urgrund unserer gemeinsamen Freude.

 

Doch wenigstens ein paar Worte zu meiner Freude heute bei Ihnen zu sein. Gegenwärtig sind ungefähr 40 Pfarrstellen im Kirchenkreis Bayreuth unbesetzt. Vakante Gemeinden brauchen in besonderer Weise Zuwendung. Die Rugendorfer freilich sind mir bei der Stellenbesetzungsbesprechung im Mai letzten Jahres in besonderer Weise ans Herz gewachsen.

Im Kirchenvorstand fand ich damals Menschen vor, die wirklich trauerten und litten am Weggang der Pfarrerin, an den Vorwürfen aus der Gemeinde und an den Vorwürfen, die sie sich selbst machten. Wenn Menschen mit sich und der Situation ehrlich ringen, sich nicht schonen und man sie begleitet, dann wachsen sie einem eben manchmal ans Herz und so war das damals auch.

Und deshalb konnte und wollte ich es dem Kirchenvorstand auch nicht abschlagen, als er mich einlud und so bin ich sehr gerne bei Ihnen. Außerdem besteht die Vakanz immer noch und es ist auch so unmittelbar noch kein Ende abzusehen.

 

Freuet euch“ hätte ich damals im Kirchenvorstand nicht sagen dürfen, denn das hätten alle Mitglieder sicher als Hohn empfunden.

„Freut euch“, - darf ich Sie heute dazu aufrufen? Schließlich ist der lange Weg durch die Vakanz immer noch nicht zu Ende.

 

Liebe Gemeinde, unser Bibelwort ruft uns auch nicht auf, uns über unsere Wege, die wir als Gemeinde oder auch in unserem Privatleben gehen müssen, zu freuen.

Manchmal sind unsere Wege, die wir selbst gewählt haben oder die uns beschieden sind, eher unerfreulich. Auch auf unserem persönlichen Lebensweg gibt es Durststrecken und Stressphasen.

Für Euch Schüler und Schülerinnen gibt es Stressphasen in der Schule; manche von Euch haben Probleme in einem Fach oder sogar in zwei oder drei Fächern. Ihr lernt und kommt auf keinen grünen Zweig, weil schon zu viele Lücken da sind, oder weil Eure Begabungen in anderen Bereichen liegen. „Freut euch“ – über diese Durststrecken? Nein, dazu ruft Paulus Euch nicht auf.

Wir Eltern kennen auch Durststrecken. Die meisten unter den Erwachsenen sind Eltern; und man hört ja nicht auf Vater oder Mutter zu sein. In jeder Eltern-Kind-Beziehung gibt es Durststrecken, weil Entfremdungsprozesse schmerzen oder weil wir spüren, dass unser Kind leidet und wir können so wenig helfen.

Wieder andere unter uns erleben Stressphasen, in denen sie aus familiären oder beruflichen Gründen kaum dazu kommen tief einzuatmen. Solche Zeiten in unserem Leben sind nun einmal keine Wegetappen, über die wir uns freuen könnten – und wir brauchen das auch nicht.

Unser Bibelwort heißt nicht: Freut euch über alle Wege, die ihr als Gemeinde und in eurem Leben so gehen müsst. Sondern es lautet: Freut euch in dem Herrn allewege.

 

Was ist das für eine Ortsbestimmung: „in dem Herrn“? Ich komme hier an die Grenzen meiner sprachlichen Möglichkeiten, wenn ich beschreiben soll, was es bedeutet, in Gott, in Christus, im Herrn zu sein. Ich kann es nur umschreiben.

Im Herrn zu sein ist, als ob wir an einem fremden Ort trotzdem zu Hause sind, eben weil der Herr da ist.

Es ist, als ob wir auf einer Durststrecke von innen heraus erfrischt werden, weil die Gegenwart Jesu Christi uns tränkt, er – das Wasser des Lebens.

Es ist, als ob wir mitten in der Stressphase Ruhe finden. „Unruhig ist unser Herz bis es ruht, Gott in dir“, so sagt es der Kirchenvater Augustin.

In Gott bin ich geborgen, still wie ein Kind“, so die Aussage einer Mystikerin.

In Gott zu sein, in Christus, im Herrn ist eine Ortsbestimmung eigener Art. Wir sind mitten in der Welt in unseren oft schwierigen Situationen und doch ist in dieser Situation Christus da – unsichtbar und doch erfahrbar. In ihm zu sein, bedeutet in seiner Gegenwart zu leben. Wie gut das tut, sich zwischendurch zu vergewissern: Du bist da.

Je schwerer die Situation zu tragen ist, desto entlastender wirkt die Gegenwart des Herrn.

 

Was bedeutet: „Freuet euch in dem Herrn“, wenn Ihr Schüler wirklich gelernt habt und doch eine „5“ kassiert? Es bedeutet, dass ihr in den Augen Christi kein bisschen weniger wert seid, als wenn ihr eine „1“ geschrieben hättet. Euer Wert bestimmt sich für ihn nicht durch Eure Leistung, sondern dadurch, dass Ihr von ihm geliebt seid und immer geliebt sein werdet. Denkt an ihn, dann seid Ihr selbst im Klassenzimmer umgeben von seiner Liebe.

Was bringt´s?, mag mancher fragen, dadurch wird die Note nicht besser. Das ist wahr, der Notenwert wird dadurch keinen Deut besser. Doch das Selbstwertgefühl verändert sich sehr, wenn wir uns geliebt und geachtet wissen.

Der Aufruf: gaudete, „freut euch“ ist ja kein Aufruf zur Gaudi. Äußerlich betrachtet gibt es oft keinen Grund zur Freude. Doch die Freude, die Paulus meint, wurzelt im Innern, in der Beziehung zu Jesus Christus, unserem Herrn.

 

Was bedeutet „Freuet euch in dem Herrn“ in einer Vakanz?

Pfarrer Oertel müht sich mit großem Fleiß und wird sicher von allen hier geschätzt. Es ist wirklich ein Glück für die Gemeinde Rugendorf, wie sehr er sich kümmert. Doch auch er redet die Situation nicht schön. Das Pfarrhaus ist eben leer. Das deprimiert den Kirchenvorstand manchmal, wenn er zusammensitzt. Auch Ihnen als Gottesdienst-gemeinde ist es wichtig, dass bald auf dieser Kanzel wieder der eigene Pfarrer, die eigene Pfarrerin steht und wir ahnen doch, dass es so schnell nicht gehen wird. Was bedeutet da „Freuet euch in dem Herrn“?

 

Dieser Aufruf – „Freuet euch in dem Herrn“ – steht im Philipperbrief. Diesen Brief hat Paulus im Gefängnis geschrieben. Im Gefängnis zu sitzen oder eine Vakanz zu ertragen sind zwei völlig verschiedene Situationen. Ich will sie gar nicht gegeneinander abwägen oder ausspielen. Beide sind zweifellos unerfreulich.

Ausgerechnet der, der im Gefängnis sitzt, schreibt „freut euch in dem Herrn allewege“. Er hat wohl die Erfahrung gemacht, dass er sich im Herrn, selbst im Gefängnis freuen kann.

Paulus wird sich, weil er sich im Herrn freut, trotzdem niemals gefreut haben im Gefängnis zu sein. Er hat sicher alle Kommunikationskanäle benutzt, die ihm zur Verfügung standen, um das Gefängnis bald verlassen zu können.

Doch diese Freude am Herrn hat ihn sicher dort am Leben erhalten. Sie hat ihm Kraft geschenkt. Sie hat dazu geführt, dass er auch den anderen Insassen Mut gemacht hat.

Die Freude am Herrn führt also nicht dazu, alles hinzunehmen, nichts mehr verändern zu wollen, weil man sich ja im Herrn überall freuen kann. Das Gegenteil ist der Fall. Die Freude am Herrn ist die Quelle, aus der unsere Kraft fließt, das, was wir ändern können zu ändern und das, was wir nicht ändern können zu ertragen.

 

„Freut euch im Herrn alle Wege“, ruft Paulus und er fügt hinzu: „und abermals sage ich euch ‚Freut euch‘“. Paulus meint es ernst mit der Freude. Für Christen ist das Schimpfen über Umstände und die Klage manchmal kurzzeitig auch notwendig, damit der Ärger rauskommt und nicht innen gärt. Allerdings können manche einen Ärger oder die Klage auch schlecht loslassen. Sie wiederholt sich in Schleifen, die immer tiefer in die Traurigkeit oder in den Ärger hineinführen.

Nietzsche hat ja den Satz geprägt: „Die Christen müssten fröhlicher aussehen.“ Solch ein Satz stimmt natürlich in der Pauschalität nicht. Christen müssen auch mal auf den Tisch hauen, weil sie merken, dass nun eine Grenze erreicht ist und es so nicht weitergeht. Dabei sieht man sicher nicht fröhlich aus. Doch Nietzsche hat natürlich auch etwas Richtiges erkannt. Wir Christen sind nicht im Ärger zu Hause oder in der Klage, wir richten uns nicht in der Traurigkeit ein, sondern wir haben eine tragende, unbesiegbare Freude in uns, die immer wieder durchbricht, weil wir in Christus sind, weil er gegenwärtig ist und wir in seiner Gegenwart leben – egal, was sonst noch unsere Wirklichkeit gerade prägt.

Wer sich in der Klage einrichten will, den paukt Paulus heraus: „Freut euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich euch freut euch.“

 

Mancher mag einwenden. Auf Kommando kann ich mich nicht freuen. Die Aufforderung „sei spontan“ macht so ziemlich jede Spontaneität zunichte. Die Aufforderung „gaudete – freut euch“ könnte ähnliche Gegenwirkung erzeugen, – wenn da nicht eben dieser Blick auf Christus wäre.

Es geht nicht um selbst erzeugte Fröhlichkeit. Da kommt allenfalls Gaudi heraus. Gaudi, Spaß ist ja auch nichts Schlechtes. Doch die Freude, die Paulus meint, ist keine Eigenproduktion, sondern entsteht durch den Blick auf Christus. Deshalb endet unser Wochenspruch mit dem Ausruf: „Der Herr ist nahe.“

Paulus richtet unseren Blick auf Jesus Christus. Und wer auf Jesus Christus schaut, der schaut in Augen, die ihn lieb haben. Das ändert so viel in unserem Leben, wenn wir auf diesen Jesus Christus schauen und uns berühren lassen von seiner Liebe zu uns.

 

Ich bin überzeugt, er liebt nicht nur einzelne Menschen, er liebt auch Gemeinden. Er ist auch den Rugendorfern nahe gerade in ihrer Situation der Vakanz.

Die ganze Gemeinde ist darum aufgerufen: Freut Euch in dem Herrn, und abermals sage ich Euch freut Euch. Dadurch wird die Vakanz genauso wenig weggeredet, wie bei Paulus das Gefängnis. Aber Paulus richtet eben den Blick nicht auf das, was ihn bindet, sondern auf den, der ihn befreit von Angst und Depression. Er richtet seinen Blick nicht auf das, was ihm fehlt, sondern auf das, was er hat: Christus. „Der Herr ist nahe“.

Er kommt. Er kommt auch in die Rugendorfer Gottesdienste, darum kommen Sie bitte auch in der Vakanz weiter.

Er kommt zu Ihnen, wenn Sie hier gemeinsam beten und singen. Auch wenn Sie als ganz normales Gemeindeglied einen Krankenbesuch machen, kann etwas spürbar werden von der Gegenwart Jesu Christi in Ihrer Gemeinde.

Die Freude am Herrn ist eure Stärke, sagt der Prophet Nehemia. Das Faszinierende daran ist, dass wir das sogar oft umso stärker empfinden, je bedürftiger wir sind.

„Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus tritt herein“, singen wir im Lied „Jesu, meine Freude“. Wir werden nach der Predigt singen: „Er wird nun bald erscheinen in seiner Herrlichkeit und all eu´r Klag und Weinen verwandeln ganz in Freud. Er ist´s, der helfen kann.“

 

In einer Situation wie dieser, mag man das Wort „Advent“ Ankunft am liebsten umdeuten auf die baldige Ankunft eines Pfarrers im Pfarrhaus. Doch liebe Gemeinde; ein viel Wichtigerer steht vor der Tür und klopft an. Er ist nahe, Jesus Christus.

Er ist der Heiland der Welt, der sich nicht scheute, im Stall geboren zu werden. Er ist bereit in jede Situation zu kommen. Er wollte nie eine Idealsituation noch verzieren durch seine Gegenwart. Er will da sein, wo er wirklich gebraucht wird.

Wo brauchen Sie ihn in Ihrem Leben ganz besonders? Wo brauchen Sie ihn in der Gemeinde ganz besonders? Dahin will er kommen, dort will er helfen.

 

Liebe Rugendorfer, richten Sie den Blick auf Christus in dieser Vakanzsituation, gemeinsam in den sonntäglichen Gottesdiensten aber auch jeder für sich zu Hause im Alltag, im Abend- und Morgengebet und in vielen anderen Lebenssituationen, besonders in den Stressphasen und Durststrecken und immer wenn Sie seine Gegenwart brauchen. Ich kenne aber keine Situation, in der ich sie nicht bräuchte. Auf den Herrn zu blicken, wird jeden einzelnen, der das tut, stärken, und es wird die Gemeinde stärken. Sie werden erfahren: Er blickt Sie schon lange in Liebe an, Sie als Mensch und Sie die Rugendorfer Gemeinde. Er ist Ihnen nahe.

Darum: „Freut euch in dem Herrn alle Wege und abermals sage ich euch, freut euch.“

 

„Es geht uns nicht um bunten Traum

von Kinderlust und Lichterbaum;

wir bitten, blick uns an

und lass uns schaun dein Angesicht,

drin jedermann, was ihm gebricht,

gar leicht verschmerzen kann.“

 

Amen.

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