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Gottesdienst in Schney anlässlich der Vollversammlung

Gottesdienst in Schney am 15. Mai 2011

anlässlich der Vollversammlung der afa zu Joh. 15, 1-8

 

Liebe Gemeinde!

Ein paar persönliche Worte vorab an die Schneyer Kirchengemeinde. Dass ich heute am Sonntag Jubilate 2011 hier in Schney predige, war schon lange vereinbart – meines Wissens schon bevor bekannt war, dass Pfarrer Stauch, Ihr bisheriger Ortspfarrer eine neue Stelle antritt. Als der Stellenwechsel klar war, besuchte ich Ihre Gemeinde, lernte  das wunderschöne Gemeindehaus kennen, die Mitarbeiterschaft und den Kirchenvorstand. Ich verstand nicht, dass sich hierher zunächst niemand bewarb und sprach immer wieder Pfarrer und Pfarrerinnen an, machte deutlich, dass an dieser Stelle wirklich kein Haken sei. Die Zeit verging, ich litt mit Ihnen und dachte schon, wie wird das werden, am Sonntag Jubilate zu kommen, in eine Gemeinde, die – mitsamt den hilfreichen Pfarrerinnen Salzbrenner, Ullmann, Zeiß-Horbach und Pfarrer Höhr  –  an der Vakanz zu tragen hat.

Doch liebe Gemeinde, in 10 Tagen wird sich eine junge und doch erfahrene, gute Pfarrerin dem Kirchenvorstand vorstellen.  Der Kirchenvorstand wird sich selbst eine Meinung bilden können, ob das Miteinander gelingen kann. Es ist noch zu früh zum Jubeln, doch Hoffnung ist angebracht.

 

Zu diesem Gottesdienst heute wurde ich eingeladen, weil die afa, die Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, hier in Schloss Schney ihre Vollversammlung hält. Ich sagte gerne zu. Mir war das Signal wichtig: Zu denen, die sich um die Belange der Arbeiterschaft kümmern, gehe ich nicht erst 7 Jahre nach Dienstantritt als Regionalbischöfin, sondern so bald wie möglich.  Dem Geruch, dass die Kirchen den Kontakt zur arbeitenden Bevölkerung verloren haben, kann man nicht durch Worte begegnen, sondern eben nur durch Kontakt.

Ich bin sehr froh, dass es in unserer Kirche, die afa gibt. In den afa-Gruppen, die sich in vielen Kirchengemeinden treffen, finden Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen eine christlich motivierte Solidargemeinschaft, die die Fragen der arbeitenden Bevölkerung zur ihren Fragen macht.  Die afa sagt von sich selbst: „Wir verstehen uns als kirchliche Gemeinschaft, deren Kirchturm aus unserem gemeinsamen Ideal besteht, einer Verbindung aus religiösem Glauben und politischer Solidarität.“

Ich komme darauf noch zurück. Zuerst möchte ich aber unseren Predigttext vorlesen. Es ist das für diesen Sonntag Jubilate vorgesehene Evangelium. Es handelt eigentlich nicht vom Jubeln, leider auch nicht von der Arbeitswelt; es gebraucht ein biologisches Bild. Trotzdem passt es. Ich lese Joh. 15, 1-8:

 

Christus spricht:

„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe.

Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.

Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

Darin wird mein Vater verherrlicht, daß ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“

 

Soweit der Predigttext. Wir Christen werden in diesem Gleichnis mit Früchten am Weinstock verglichen, nicht mit den „Arbeitern im Weinberg“. Das wäre ein anderes Gleichnis. Hier in diesem Gleichnis arbeitet interessanterweise nur einer – Gott. Er schneidet vertrocknete Reben ab und reinigt diejenigen, die Frucht tragen, damit sie noch mehr Frucht tragen. Gott arbeitet. Für viele Religionen wäre das ein absurdes Bild für Gott. Doch wir Christen glauben an einen Gott, der Hand anlegt. Eine Verachtung von Arbeit – auch und gerade der Arbeit mit den Händen - kann es in einer Religion nicht geben, die Gott selbst in Bildern darstellt, die ihn mit Händen arbeitend zeigen.

Auch in der Schöpfungsgeschichte, die wir vorhin gehört haben, schafft Gott. Allerdings ruht er auch und heiligt diese Ruhe. Der Sonntag ist Tag der Freude und des Jubels – daher wird die biblische Schöpfungsgeschichte am Sonntag Jubilate vorgelesen. Lassen wir uns als Gesellschaft diesen Tag des Ruhens mit Gott unter keine Umständen nehmen, auch nicht durch die Verführung der verkaufsoffenen Sonntage. Zuviel würden wir dadurch verlieren – auch Freude am Leben, auch Freude an der Arbeit. Doch der Sonntagsschutz ist ein anderes Thema.

 

Unser Predigtwort legt es nahe über Religion zu sprechen. Die afa versteht sich – wie vorhin erwähnt  –  als kirchliche Gemeinschaft, deren Ideal die  „Verbindung aus religiösem Glauben und politischer Solidarität“ ist. Kirchengemeinden wie Schney sind Orte der Pflege unserer  christlichen Religion. Doch was ist Religion; was ist Kern der christlichen Religion?

Das Wort Religion ist lateinischen Ursprungs. Wir können es übersetzen mit Rückbindung, Verbindung, gemeint ist die Rückbindung der eigenen Existenz an Gott, die Verbindung mit Gott. Christliche Religion meint immer die Verbindung mit Jesus Christus.

Von nichts anderem handelt unser Predigtwort, es handelt davon, dass wir Christen mit Christus verbunden sein sollen und zwar so eng, so unmittelbar, wie eine Rebe am Weinstock. Da passt kein Blatt Papier dazwischen, sonst ist die Verbindung nicht mehr unmittelbar. Ein besseres Verbindungsbild gibt es kaum, wie dieses biologische Bild der kreatürlich gewachsenen Verbindung. Ganz feine Bahnen, in denen Flüssigkeit und Nährstoffe transportiert werden, bestehen zwischen dem Weinstock und seinen Reben. Gewachsen und wachsend soll die Verbindung zwischen uns Christen und Christus sein.

Wie zeigt sich die Verbindung zu Christus im Leben? In unserem bildlichen Predigtwort zeigt sich die Verbindung zu Christus, dem Weinstock, darin, dass die Reben Frucht tragen.

Aber was ist Frucht der Verbindung mit Christus in unserem wirklichen Leben als Mensch? Auch das formuliert unser Predigtwort: Dass wir bitten, was wir wollen und es wird uns geschenkt vom Vater im Himmel. Das ist eine wirklich große Verheißung.

Wie oft habe ich in der Seelsorge schon gehört, dass Menschen für etwas gebetet haben, und es wurde ihnen nicht geschenkt. Haben diese Menschen ihre Bitten nicht in der Verbindung mit Christus gesprochen? Hat Bonhoeffer nicht in der Verbindung mit Christus gestanden, als er für seine Freilassung gebetet hat, um wieder bei seiner Verlobten sein zu können und wieder theologischer Lehrer sein zu können. Er selbst sagte: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“  Wahrscheinlich wurde er auch darum ein so großer theologischer Lehrer für uns, weil er diese Sätze im KZ schrieb und hinterher nicht mehr in Freiheit wiederholen konnte, sondern sie als Blutzeuge besiegelte. Seine Verlobte – ich glaube schon, dass er sie inzwischen wiedergesehen hat, doch nicht so wie er es sich gewünscht hat und wie wir es ihm gewünscht hätten.

Jedenfalls ist dieser Satz: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott“  in seiner Christusbeziehung entstanden, die fester und fester wurde, je länger er litt. Auch andere seiner Worte zeugen davon. Um diese fester werdende Beziehung zu Christus geht es in unserem Predigttext, um christliche Religion im tiefsten Sinne –  um die gelebte Verbindung mit Christus.

Die allererste unscheinbare Weinstockblüte ist sicher, dass wir zu beten beginnen und zu betenden Menschen werden. Das Gebet ist die Bahn, in der die Kraft des Weinstocks den Weg zu uns findet.  In Verbindung mit Christus wird die Frucht reifen, dass unser Gebet den Willen Gottes sucht und findet. Denn Christus selbst hat gebetet mit der Haltung und den Worten: Dein Wille geschehe.

 

Wir Christen in der Kirchengemeinde Schney oder anderen Kirchengemeinden, manche davon in der afa, wir alle möchten, dass unser Leben Sinn hat, dass unsere Bemühungen fruchten, dass unsere Arbeit guten Ertrag zeigt. Allerdings ist unser Bibelwort radikal: bleibende, gute Frucht wird es in unserem Leben nur geben, wenn wir bei Christus bleiben und mit ihm verbunden sind.

Kirchengemeinden sind Orte der Pflege christlicher Religion, Orte des Gebets. Um was beten Sie in der Kirchengemeinde? Ich kann mir viele Anliegen vorstellen, die Ihnen in Ihrer Kirchengemeinde wichtig sind:  dass Ihre getauften Kinder als Reben am Weinstock leben und Ihr Kindergarten dazu beiträgt, dass der Kirchenvorstand in zehn Tagen weise entscheidet und bis zur Neubesetzung alle Kraft hat, die er braucht, zusammen mit den vertretenden Pfarrern und Pfarrerinnen die Gemeinde geistlich zu leiten. Wichtig ist, dass Sie beten und dass dabei die Verbindung zu Christus wächst. Ob unsere Kirchengemeinden blühen ist viel weniger abhängig von der Arbeit des einzelnen Pfarrers oder Pfarrerin als von den Menschen, die zu Christus beten – auch für die Pfarrer und Pfarrerinnen und mit ihm verbunden sind, gewachsen und wachsend.

 

Um was beten Sie als Mitglieder und Leiter der afa-Gruppen? Ich kann mir viele Anliegen vorstellen, die Ihnen wichtig sind: dass die Menschen, die keine Arbeit haben, nicht verzweifeln,  dass diejenigen, die an ihrer Arbeit kaputt zu gehen drohen, Kraft finden, sich selbst zu schützen, dass Menschen, die voll arbeiten auch so viel verdienen, dass sie und ihre Familie davon leben kann, dass die Manager in den Banken und Firmen und unsere Politiker und Politikerinnen aus der Wirtschaftskrise lernen, dass wir selbst sinnvolle Schritte fordern und wagen. Wichtig ist, dass wir beten und mit Christus verbunden sind, gewachsen und wachsend.  Seine Verheißung ist es, dass Gott unser Gebet erhören wird.

Die afa will als kirchliche Gemeinschaft die Verbindung aus religiösem Glauben und politischer Solidarität. Das braucht es. Möge beides miteinander wachsen. Aus der Verbindung zu Christus wächst die Kraft zu wirklich sozialem Handeln unter uns Menschen.  Beten ist ja keine Alternative zum Engagement. Beten und Arbeiten gehörte schon für die Benediktiner zusammen. Doch eine Arbeit, die aus dem Gebet, aus der Verbindung zu Christus wächst, wird viel mehr Kraft haben und Frucht bringen für das Gottes Reich und diese Welt.

 

„Lernen aus der Krise“ ist das Thema der afa-Vollversammlung. Das ist gut, denn die Ursachen der Wirtschafts- bzw. aus der Finanzmarktkrise  drohen schon bald wieder in Vergessenheit zu geraten. Dass wir lernen aus der Krise,  dafür lohnt es sich zu beten und arbeiten. Ein sinnvoller Schritt, ein Zeichen des Lernens aus der Krise wäre es in meinen Augen, wenn in Deutschland und möglichst vielen weiteren Staaten eine Finanztransaktionssteuer eingeführt würde – quasi also eine Umsatzsteuer auf Finanztransaktionen. Die Finanztransaktionssteuer würde sehr kurzfristige An- und Verkäufe von Aktien, Derivaten, Rohstoffen etc. unrentabler werden lassen, mittelfristige und langfristige Investitionen dagegen nicht behindern, zumal nur eine Steuer von 0,01-0,05 % gedacht ist. Die Erträge dieser Steuer sollen gezielt für soziale und ökologische Zwecke eingesetzt werden. Nicht Geld soll die Welt regieren, sondern es soll dienen, damit Menschen  leben können, damit die Schöpfung nicht stirbt, sondern blüht.

Der Landeskirchenrat hat in seiner letzten Sitzung in der vergangenen Woche angeregt, dass in unseren Kirchengemeinden eine Unterschriftenaktion durchgeführt wird mit dem Ziel, die Unterschriften der bundesweiten Kampagne „Steuer gegen Armut“ zuzuführen. Es würde mich sehr freuen, wenn der kirchliche Dienst in der Arbeitswelt und insbesondere die afa-Gruppen zum Motor würden, dass diese Unterschriftenaktion in ihren Kirchengemeinden durchgeführt würden. Und auch die Kirchengemeinde Schney könnte dafür ein Beispiel   werden im Dekanatsbezirk.

 

Liebe afa-Leute, liebe Gemeinde in Schney, solche Aktionen, sind freilich nicht Kern unseres Glaubens, nicht Kern unserer Religion. Mitte unseres Glaubens  ist die Verbindung mit Christus. Sie zeigt sich zuerst im Gebet. Doch im Gebet gewinnt unser Handeln Kraft. So wie eine Rebe nur Kraft hat, wenn sie am Weinstock bleibt. Wir brauchen für unsere Welt, für unsere Aufgaben und auch für unser persönliches Leben Kraft.  Christus ist da. Zwischen ihm und uns passt kein Blatt Papier. Wir hängen an ihm wie Reben am Weinstock.

Die Gemeinschaft mit Christus müssen wir uns nicht erarbeiten. Sie ist uns geschenkt durch unsere Taufe und den uns geschenkten Glauben an Christus. Möge er wachsen.  Auch das kann nur Gott schenken. Er mache uns zu betenden Menschen. Es ist doch gut, dass  da einer ist, der arbeitet ­–  an uns: Gott selbst.

 

Amen.

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