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Bürgerforum am 14. Dezember 2011 in Moosing/Oberobsang

„Wie viel Wert hat die Wertediskussion?“

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Wie viel Wert hat die Wertediskussion? Diese Frage bewegt mich selbst und ich komme gerne mit Ihnen zusammen darüber ins Gespräch. Ich habe Anfragen an die gegenwärtige Wertediskussion. Führt sie uns wirklich ausreichend weiter?

 

1.    Der Wert der Wertediskussion

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen, Menschen brauchen Werte. Die Wertediskussion in unserer Gesellschaft ist zweifellos wichtig und notwendig. Menschen, die eine Diskussion - wie heute Abend - über Werte anregen oder sich an ihr beteiligen -  wie Sie - , sind meist Menschen, die merken,

dass diese Gesellschaft dekadent wird,

wenn es primär um Geld, Out-fit und Selbstdarstellung geht,

wenn unsere Kommunikation von seichten Inhalten bestimmt wird

und wenn den Menschen ein tieferer Sinn ihres Lebens entgleitet.

Es gibt in unserer Gesellschaft eine Sehnsucht darüber zu reden, was wirklich Wert hat, damit dieses „etwas“ uns nicht unmerklich abhandenkommt.

 

2.    Die Öffentlichkeit der Wertediskussion

Wenn irgend möglich, gehe ich einmal pro Woche ins Fitnessstudio, absolviere ein kurzes Training und anschließend einen Saunagang. Neulich schwitzte ich also vor mich hin, kommen zwei Frauen in die Sauna. Sagt die eine.

„Hast Du das vorhin mitgekricht?“

„Wos?“

„Na, da lag eine britscherbreit auf der Umkleidebank und schrieb ihre smsn. Dass da noch jemand kam, der sich umziehen wollt und dabei vielleicht mal sitzen wollt, war der völlig wurscht. Glaubst Du, die hat sich auch nur ahn Zentimeter bewegt?“

„Mmh – des is wieder mal typisch für den Werteverfall in unserer Gesellschaft!“

 

 

Dieses reale, kleine Saunagespräch zeigt einiges.

a: Das Thema Werteverfall ist nicht nur ein Thema der Kirchen oder der Verantwortlichen in der Politik, sondern es ist mitten in der Bevölkerung angekommen. Es ist ein öffentliches Thema mitten in der Gesellschaft.

b: Es gibt auch mitten in der Bevölkerung wohl zumindest die Befürchtung, dass wir in einem Dekadenzprozess sind und unsere Werte verfallen–wobei ich nicht einfach in dieses Horn blase.

c: Das Wort „Wert“ in der Wertediskussion wird völlig unspezifisch gebraucht. In diesem Beispiel ging es nicht um Werte, es ging um menschliches Verhalten und um Haltungen – früher nannte man das Tugenden - wie:

Rücksicht und Höflichkeit.

Hier fängt auch meine Kritik an der Wertediskussion an.

 

3.    Die Kritik der reinen Wertethik – es braucht den Menschen

Die beiden Saunagängerinnen haben intuitiv den Begriff „Werte“ ausgeweitet. Sie haben gut daran getan. Denn eine reine Wertethik hat keinen Wert. In der Ethiklehre ist die Werteethik ein Modell ethischen Denkens, das neben anderen Modellen wie dem einer Gewissensethik oder einer Tugendethik bzw. Verhaltenslehre gegenübersteht.

Die Tugendethik setzt bewusst am Individuum und seinem Verhalten an: Sicher haben Sie schon einmal alte Darstellungen der Tugenden als Skulpturen oder Gemälde gesehen. Gewöhnlich sind das Frauengestalten – natürlich sind auch die Untugenden Frauengestalten – es geht hier nicht um ein geschlechtsspezifisches Thema. Vielmehr will ich mit dem Hinweis auf die Frauengestalten deutlich machen, dass es nicht von ungefähr kommt, dass Tugenden in Menschengestalt dargestellt werden. Tugenden sind Grundhaltungen des Menschen. Allen ist klar: Tugenden werden verwirklicht durch Menschen.

Die vier Kardinalstugenden der Philosophie der Antike sind: „Frömmigkeit, Tapferkeit, Verständigkeit, Gerechtigkeit“. Zusammen mit den drei christlichen Tugenden: „Glaube, Hoffnung, Liebe“ kann man von sieben Grundtugenden, von sieben – das Leben und Zusammenleben fördernden – menschlichen Grundhaltungen oder auch Charakterstärken sprechen, die sich in konkretem Verhalten äußern.

 

Nehmen wir dagegen den Wert: „Freiheit“. Freiheit ist ein großer Wert. Da geht es zunächst nicht um menschliches Verhalten, sondern es geht eher um ein hohes Gut, das den Menschen erhalten bleiben soll. Nur wie?

Die Kritik der Wertethik besteht zu Recht darin, dass die Wertethik ein Ethikmodell ist, das dazu tendiert, vom menschlichen Verhalten zunächst abzusehen, bzw. das menschliche Verhalten nicht genug in den Blick zu nehmen.

Grundlegende Werte sind – um nur einige zu nennen: Die Würde des Menschen, Freiheit, Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit, Gemeinschaft. Ich behaupte, wir werden die grundlegenden Werte in unserer Gesellschaft nur erhalten können, wenn wir sie mit einer Tugendethik, einer Verhaltensethik verbinden, wenn wir danach fragen: Wie können wir durch unser Verhalten und durch unsere Haltung dazu beitragen, dass die Werte in unserer Gesellschaft erhalten bleiben? Es braucht Menschen, die tapfer (eine Tugend!) für Werte eintreten. Es braucht Menschen die liebevoll (Liebe ist eine Tugend) sich unwert fühlende Menschen pflegen.

Neben diesem Hinweis auf die dringende Ergänzungsbedürftigkeit der Diskussion über Werte durch eine Diskussion über menschliches Verhalten, möchte ich auf eine zweite Schattenseite der Wertediskussion hinweisen.

 

4.    Die Umwertung der Werte

Friedrich Nietzsche ist nicht unbedingt mein Lieblingsphilosoph. Doch auch von ihm lässt sich lernen. Er hat einen Relativismus der Werte behauptet – freilich leider auch weiter befördert. Jedenfalls hat er von der „Umwertung der Werte gesprochen“ – und er hat Recht gehabt, dass dies möglich ist.

Übrigens sind auch Tugenden von einer Um-, Auf- und Abwertung nicht ausgeschlossen. Es geht mir an dieser Stelle nicht mehr um die Ergänzungsbedürftigkeit der Wertethik durch eine Tugendethik, sondern es geht mir nun darüber hinaus um die Brüchigkeit beider Formen der Ethik. Es geht um die realistische Möglichkeit des Schwindens oder der Umwertung von Werten und Tugenden.

 

Denken wir etwa an den Werbeslogan „Geiz ist geil“. Er wurde im Rahmen einer längeren Werbekampagne der Firma Saturn ab dem Jahr 2002 eingesetzt. Er hat gewirkt. Wir kennen ihn noch heute, neun Jahre später. Ist Geiz geil? Geiz ist natürlich eine der klassischen Untugenden; Im Werbespot wird sie bewusst positiv besetzt. Ist Geiz nicht gut? Jedenfalls schont er den eigenen Geldbeutel.

Dieses Phänomen der Umwertung der Werte und Perversion der Tugenden ist aber nicht erst ein Phänomen der Neuzeit. Nietzsche hat nur auf das Phänomen hingewiesen und es befördert. Schon die Bibel kennt dieses Phänomen und auch Luther weist z.B. darauf hin in seiner Auslegung der biblischen Geschichte vom „Reichen Mann und dem armen Lazarus“. Ich zitiere ihn:

„Wer will die(jenigen) strafen und bessern, die da Untugend zu Tugend, Sünde zu Gerechtigkeit, Schande und Laster zu Ehren machen? Wenn Geiz heißt Nahrhaftigkeit (Sparsamkeit), Hoffart (Hochmut) heißt Ehre, Zorn heißt Eifer, dann muß man es wohl ungestraft gehen lassen, wie es gehet.

Solcher Art ist dieser reicher (sic) Mann auch gewesen; der hat nicht wollen geizig noch des Geizes willen gestrafet sein, ob er schon mit dem Geiz also besessen ist, daß er auch dem Armen Lazarum (sic) vor seiner Thüren hat Hungers sterben lassen.“[1]

Die eigene Haltung lässt sich schön reden. Wertloses kann die Maske des Wertvollen tragen. Die Umwertung der Werte zeigt, wie korrosionsanfällig nicht nur materielle, sondern auch ideelle Werte – nicht im Himmel – aber auf der Erde sind.

 

Dabei ist der Wertewandel auch nicht immer schlecht. Seit 1975 ist der Wert der „Lebensqualität“ und seit 1985 der Wert der „Nachhaltigkeit“ im Gespräch. Nachhaltigkeit verbindet sich mit dem Wert der Generationengerechtigkeit. Beide Werte verstärken sich wechselseitig. Das ist gut!

Werte kommen und gehen. Das heißt: Werte können auch kaputtgeredet werden und verschwinden. Es gibt den Wertverlust. Auch die wichtigsten Werte sind nicht beständig, wenn sie nicht wurzeln. Wichtige Werte brauchen Wurzeln und bestehen nur durch die Pflege dieser Wurzeln. Dann bekommen sie manchmal sogar neue Triebe.

 

5.    Die Wurzeln der Werte

Letztendlich ist die Wertethik ein relativ junges Ethikmodell. Sie wurde erst im 19. Jahrhundert durch den Philosophen Max Scheler entwickelt. Scheler meinte noch, dass den Werten eine objektive Gültigkeit und Bestand zukomme. Dieses Denken hat, wie dargestellt, Friedrich Nietzsche zu Recht destruiert. Diese Destruktion konnte Nietzsche auch darum so radikal vornehmen, weil er einen atheistischen Ansatz hatte. Gerade seine Philosophie macht deutlich: Wenn es keinen Garanten bleibender Werte wie Gerechtigkeit und Wahrheit, Freiheit und Gemeinschaft gibt, dann sind Werte flüchtig. Dann zählt – wie bei Nietzsche – der jeweilige Wille des Menschen.

 

Was gibt Werten Halt über Generationen hinweg? Was gibt Menschen Halt, sodass sie eine konsequente Haltung einnehmen und für wichtige Werte eintreten?

Wichtige Werte und Tugenden werden uns nur erhalten bleiben, wenn es Instanzen gibt, vor denen Menschen sich in ihrem Verhalten verantworten müssen und wollen. Vor wem? Vor der Justiz? Ja! Die Justiz, die im Namen des Volkes spricht, ist eine nicht zu verachtende Wert- und Tugendstütze. Doch die Justiz kann auch ausgetrickst werden. Das weiß sie selbst am besten.

Nachdem Luther dargestellt hat, wie der Geiz sich als Sparsamkeit, der Hochmut sich als Ehre darstellt, also Untugenden als Tugend verkauft werden, fährt Luther in der Auslegung der Geschichte vom Armen Lazarus fort mit folgenden Worten: „Dann spricht Christus zu ihnen: ihr werdet Gott nicht täuschen. Ihr betrügt niemand denn euch selbst.“ Ich kenne wirklich keine mir einleuchtende Antwort außer der, dass in Gott die Wurzel aller wichtigen Werte ist. Gott ist der Anker im Gewissen, der Halt für unsere Haltung und Werterhaltung.

Sowohl die Tugend- als auch die Wertethik muss sich verbinden mit einer Verantwortungsethik. Ein Mensch, der sich in seinem Gewissen vor Gott verantwortet, hat ein Rückgrat, das ihm zum ethisch aufrechten Gang verhilft, zur Wahrung wichtiger Werte und auch zur Wachsamkeit, wenn sie verloren zu gehen drohen.

 

6.    Werteerhalt jenseits von Appelatis und Moralitis

Sie werden von mir keine Apelle hören, unsere christlichen Werte zu erhalten und tugendhaft zu leben. Appelle und Moralpredigten machen ein schlechtes Gewissen. Damit ändert sich aber nichts grundlegend beim Menschen. Ich glaube, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist und nichts ihn so verändert, wie Beziehungen zu anderen Menschen und insbesondere zu Gott. Das höchste Gebot lautet nicht umsonst: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Das zweite aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Nichts verändert mehr als die Liebe zu Gott, der uns geschaffen hat, zu Jesus Christus, der uns vergibt und in seine Nachfolge ruft und zum Heiligen Geist, der uns hilft, liebevoll, frei und gerecht zu leben.

Durch diese Beziehung zu unserem christlichen Gott füllen sich auch die Werte neu.

 

7.    Werte bedürfen der Näherbestimmung

Selbst wenn wir Werte vertreten, ist das noch nicht unbedingt hilfreich, denn Werte sind interpretationsbedürftig.

Für Machiavelli war Macht der höchste Wert. Über Christus singen wir an Weihnachten: „Er äußert sich all seiner Gwalt wird niedrig und gering.“ Ein hilfloses Kind in der Krippe und ein ebenso hilfloser Sterbender am Kreuz verwandelt die Welt. Und doch sagt er: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Seine Macht ist die Liebe, die sogar dem Zustand der Ohnmacht nicht ausweicht, mit der er die Welt verwandeln will.  Christus verneint den Wert der Macht nicht, doch füllt er ihn neu, indem er den Wert der Macht an die Grundhaltung der Liebe bindet. Werte brauchen Näherbestimmung.

Für Sartre war Freiheit der höchste Wert. Christus ließ sich fesseln und binden und ans Kreuz schlagen. Trotzdem oder gerade deshalb wurde das Kreuz für uns zum Symbol der Freiheit von Schuld.

Frei zu sein von Schuld durch Vergebung eröffnet die Freiheit neu zu leben. Mehr Freiheit als durch die Verbindung mit ihm, kann es nicht geben. Wer ihn als Herrn hat, buckelt vor niemandem. Wer ihn als Herrn hat, ist sich nicht zu fein, sich zu bücken und zu dienen, wie er den Menschen gedient hat. So verstehen Christen Freiheit: Freiheit von allen Herrschaftsansprüchen anderer Menschen, Freiheit zum Dienen – allen Menschen. Werte brauchen Näherbestimmung.

Von mir werden Sie also keine moralischen Apelle hören, sondern die Bestärkung, die Verbindung mit Christus zu pflegen und die eigene Haltung an ihm auszurichten. Keine Apelle, sondern ein Beispiel zum Schluss, wie Menschen aus der Christusbeziehung gegen den Wertverlust in unserer Gesellschaft angehen.

 

8.    Ein Beispiel ethischer Wachsamkeit gegen den Werteverfall

Es ist nicht gesagt, dass es uns gelingt, unsere christlich geprägte Kultur zu erhalten. Sie zeigt sich gerade im Begehen des Kirchenjahres und unserer Feste. Doch neuerdings wird „Weihnachten unterm Baum entschieden.“ So lautet das Motto einer großen Elektromarkt-Kette zum Weihnachtsfest. Die Botschaft: Weihnachten steht und fällt mit den Geschenken, die wir kaufen und bekommen.

Wie schön, wenn Menschen sich an Weihnachten beschenken und sich zeigen: Ich habe an Dich gedacht. Doch Weihnachten steht und fällt nicht mit den Geschenken; an diesem Slogan ist etwas faul, das spüren viele unter uns. Weihnachten wird nicht „unterm Baum entschieden“.  Wer mit solch einem Slogan wirbt, unterhöhlt das Fest und nimmt zumindest seine Entleerung billigend in Kauf. Wie billig!

Ich gebe unser christliches Wertgefüge und unsere christlich geprägte Kultur nicht verloren, solange es noch Jugendliche gibt wie die, die am Morgen des      8. Dezember folgende Pressemeldung herausgegeben haben: „Weihnachten wurde unterm Stern entschieden. Wir sind doch nicht blöd. Mit dieser Aktion gibt die evangelische und katholische Jugend eine Antwort auf die Werbung des Media Markt Konzerns.“

Nein. Wir sind nicht blöd. Wir können auch anderswo einkaufen. Wir können auch konsequent sein und Haltung zeigen – wehrhaft im Werterhalt.

 

Dr. Dorothea Greiner

Regionalbischöfin



[1] Dr. Martin Luthers sämtliche Werke, Band 4, S. 200 hg. von Georg Plochmann, Erlangen 1826

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