Ansprache zur Einweihung des oberfränkischen Pilgerweges (Teilstück des Jakobsweges von Hof über Bayreuth nach Nürnberg) am 25. Juli 2009 um 13.00 Uhr in Marktschorgast
Einweihung des oberfränkischen
Pilgerweges (Teilstück des Jakobsweges von Hof über Bayreuth nach Nürnberg)
am 25. Juli 2009 um 13.00 Uhr
in Marktschorgast
Kurzansprache zu Dtn. 8, 2-18
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
als ich hier als Regionalbischöfin meinen Dienst vor gut drei Monaten begann, wurde mir bekannt, dass heute die Einweihung des Pilgerweges sein soll und zugleich die Eröffnung der Wagnerfestspiele. Die Einweihung des Pilgerweges war zwei Stunden später angesetzt und meine Teilnahme wäre unmöglich gewesen. „Sie müssen zu den Wagnerfestspielen allein schon um der Begegnungen willen“, sagten diejenigen, die ihre Meinung äußerten. Doch mein Herzensanliegen ist die geistliche Vertiefung unserer Kirche, die Erneuerung christlich-spirituellen Lebens, die Stärkung der Frömmigkeit. Und gerade das Pilgern trägt in den letzten Jahren kräftig dazu bei, dass Menschen im Zuge der Bewegung der Füße im Herzen bewegt werden. Beim Fragen nach dem Sinn des Lebens besinnen viele sich auf den Schöpfer und Erhalter ihres Lebens, auf das Brot des Lebens, Christus, auf den neu lebendig machenden Heiligen Geist. Pilgern verleiht kein ewiges Leben und nicht das Heil, aber auf dem Weg der Heiligung unseres Lebens hilft das Pilgern Schritte des Glaubens zu tun. Nachdem dies klar ist, werden sogar manchmal evangelische Geistliche zu Motoren der Pilgerbewegung – und das ist gut so und ich unterstütze das ungeteilt aus ganzem Herzen.
Pilgern ist keine elitäre Angelegenheit für wenige, sondern das Kirchenvolk ist auf den Beinen; und was besonders schön ist - oft machen sich evangelische und katholische Christen gemeinsam auf den Weg, wie zum Beispiel – sie sei stellvertretend für andere erwähnt - die Pilgergruppe aus Gefrees. Der Jakobusweg Fichtelgebirge, der hier in Marktschorgast mit unserem einzuweihenden Pilgerweg zusammentrifft, verbindet nämlich in Gefrees die alte evangelische und neue katholische Kirche und das wurde im tiefen Sinne verbindungstiftend. Wir sind gemeinsam im Glauben unterwegs, liebe Schwestern und Brüder, darum ist es ein gutes Zeichen, dass wir gemeinsam den Pilgerweg einweihen, der ebenfalls katholische und evangelische Stationen ökumenisch verbindet.
Die Einweihung wurde um zwei Stunden nach vorne verlegt. Und siehe da, auch mein katholischer Kollege, Regionaldekan Dr. Zerndl, hatte dasselbe Terminproblem und uns beiden gemeinsam ist nun die Einweihungshandlung ermöglicht. Wir christlichen Kirchen haben sowieso im Kern dieselben Probleme und Möglichkeiten. Das Problem des Traditionsabbruchs und der Herausforderung aktiver einladender Glaubensvermittlung müssen wir je in unseren Kirchen und doch auch miteinander angehen. Die geistliche Vertiefung, die Stärkung gelebter Christusfrömmigkeit sind darum gemeinsame Anliegen. Auf dem Jakobusweg führt unsere Christusnachfolge uns zusammen.
Einen ungeheuer gehaltvollen Bibeltext hat uns gerade Bürgermeister und Vertrauensmann Tischhöfer vorgelesen. Ich wünsche allen, die pilgern, dass auf dem Weg genau das geschieht, was hier im Text beschrieben ist.
Doch ist das durchaus schwergewichtig, was wir da im 5. Buch Mose lesen.
„Gedenke des ganzen Weges, den dich der Herr, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit kund würde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht.“
Das ist die große theologische Leistung des Volkes Israel, dass es die schweren Erfahrungen bei der Wanderung durch die Wüste oder auch später bei der Exilierung nach Babylon aus Gottes Hand genommen hat. „Gott hat uns gedemütigt aus seiner großen Liebe, die er zu uns hat; das Schwere hat uns gelehrt, seine guten Gebote zu halten“, so haben sie das Schwere in ihrer Geschichte interpretiert und integriert.
Wenn Menschen viele Tage pilgern, bleibt es nicht aus, dass auch die schweren Lebenserfahrungen aufsteigen. Sie aus Gottes Hand anzunehmen und in Gottes Hand zurückzulegen ist ein Prozess, der notwendig ist in jedem Leben; denn dadurch kommen Heiligung und Heilung unseres Lebens zusammen.
„Er demütigte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, auf dass er dir kund täte, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund Gottes geht.“
Pilgern ist viel mehr als Wellnessspiritualität, so wie unser Glaubensweg viel mehr ist als eine Aneinanderreihung von Glückssträhnen. Nur wer auch das Unglücklichsein, die Schicksalsschläge, die Misserfolge vor Gott ausbreiten kann, der spürt, dass Gott in allem seine schützende Hand ausbreitet über uns und uns begleitet und trägt in allem – und dass diese Begleitung Gottes das größte Gut und kostbarste Lebensbrot ist.
Unser Bibelwort ist alles andere als depressiv. Im Gegenteil lehrt es im ersten Schritt das Schwere annehmen und an Gottes Liebe trotz allem festzuhalten, vielleicht sogar Gottes Liebe darin zu erkennen und im zweiten Schritt das Gute zu sehen, es zu genießen und Gott dafür zu loben. „Denn der Herr, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Brunnen und Seen sind, … ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke … wachsen, ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt … und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den Herrn, deinen Gott loben.“
Es ist insgesamt ein Weg zur Dankbarkeit, den uns das Bibelwort führt. Die Dankbarkeit heilt viel mehr Wunden als die Zeit. Sie verhindert zum einen die Bitterkeit und Depression in Schwerem und zum anderen die Eitelkeit und den Hochmut im Erfolg und im Guten.
Möge der Pilgerweg, den wir heute einweihen, ein Weg werden, auf dem Menschen sich erinnern an das Schwere und Gute und dankbar werden für beides und darüber hinaus vor allem für die liebende Begleitung Gottes in allem.
Amen.