Predigt im 1. Weihnachtsfeiertag
1. Weihnachtsfeiertag
25. Dezember 2009
in der Stadtkirche und Spitalkirche in Bayreuth
Predigttext: Titus 3, 4-7
Liebe Gemeinde!
Unser Predigtwort für den ersten Weihnachtsfeiertag ist ein Lied. Man sieht es, wenn man den griechischen Text anschaut. Wie passend, dass die Ordnung der Predigttexte ein Lied vorsieht für den heutigen Feiertag. Nie singen wir so gern, wie an Weihnachten. Die Weihnachtszeit ist viel zu kurz, um unsere vielen wunderschönen Lieder zu singen.
Wie gern habe ich gleich am Anfang des Gottesdienstes eingestimmt in: Fröhlich soll mein Herze springen, dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen.“ Ja vielleicht singen sogar die Engel mit uns, wenn wir diese Lieder singen. Vielleicht ist um uns ein großer Chor, den wir nicht hören, der mit uns und der Orgel jubelt, dass Christus geboren ist.
Unser Predigtwort ist aber kein Weihnachtslied. Es ist wahrscheinlich ein altes Tauflied. Es geht darin wohl um eine Geburt; aber es geht um unsere Wiedergeburt durch den Glauben und die Taufe. Wieso ein Tauflied an Weihnachten?
Weihnachten ist für uns Christen die Wende in der Geschichte der Welt. Wir zählen in der abendländischen Zeitrechnung Jahre vor Christi Geburt und Jahre nach Christi Geburt.
Weil die Geburt Christi für uns Christen eine Wende bedeutet, darum wurde die Geburt Christi schon sehr bald an der Wintersonnenwende gefeiert. Ab da werden die Tage wieder länger, haben mehr Licht. Wir feiern die Geburt in den dunkelsten Nächten, weil wir ausdrücken wollen, dass Christus, das Licht der Welt, Kraft hat, jedes Dunkel zu vertreiben.
Unser Predigtwort erzählt zwar nicht von der weihnachtlichen Wende in der Geschichte oder im Sonnenkreislauf, aber von der Wende in unserem Leben. Menschen, die zum Glauben gekommen und getauft sind, leben anders. Diese Botschaft wird besonders deutlich, wenn wir unser Predigtwort im Textzusammenhang sehen.
Paulus oder vermutlich eher ein Paulusschüler schreibt an Titus. Titus ist ein christlicher Lehrer und er soll seine Sache gut machen. Daher bekommt er Ratschläge mit auf den Weg, wie er die Gemeinde lehren soll.
Ich lese also unseren Predigttext noch einmal, aber beginne drei Verse vorher:
„Erinnere sie (die Gemeinde) daran, ... dass sie zu allem guten Werk bereit (seien), niemand verleumden, nicht streiten, gütig seien, alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen. Denn auch wir waren früher unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander.“
Und nun beginnt unser Predigttext bzw. das Tauflied, denn mit dem Bad der Wiedergeburt ist nichts anderes als die Taufe gemeint:
„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus unseren Heiland, damit wir durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unserer Hoffnung.“
Nach diesem Lied geht der normale Brief an Titus weiter und die Ermahnung an ihn, den Lehrer: „Das ist gewisslich wahr und ich will, dass du dies mit Ernst lehrst, damit alle, die zum Glauben an Gott gekommen sind, darauf bedacht sind, sich mit guten Werken hervorzutun.“ Bei den ersten Christen war es meist so, dass sie erst zum Glauben kamen und sich danach taufen ließen. Seit vielen Jahrhunderten ist es meist umgekehrt. Wir werden als kleines Kind getauft und kommen dann zum Glauben.
Doch so oder so – geht es immer um eine Lebenswende. Alle, die an Gott und Jesus Christus, unseren Heiland glauben, getauft sind und den heiligen Geist empfangen haben, die sollen nun auch leben wie getaufte Christen. Zum Glauben kommen und getauft sein ist die Wintersonnenwende im Leben eines Menschen. Diese Wende beschreiben manche Menschen als plötzliches Geschehen einer Bekehrung, manche aber auch als langen Prozess steter Erneuerung. Unsere persönliche Geschichte, wie wir, wie Sie und ich zum Glauben kamen, ist in gewisser Weise auch eine Weihnachtsgeschichte, es ist die Geschichte davon, wie Christus in unserem Herzen geboren wurde.
Schauen wir doch ausgehend von unserem Predigttext, dem Tauflied zu unseren Weihnachtsliedern; denn die allermeisten erzählen von dem Geschehen damals in Bethlehem, aber sie erzählen auch davon, was es heute für uns als Glaubende bedeutet.
Lied 23: Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du Mensch geboren bist. Vers 4: Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein‘ neuen Schein; es leucht´ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.“ Wintersonnenwende in unserem Leben; wir sind Kinder des Lichts durch den Glauben an ihn.
Vers 5: „Der Sohn des Vaters, Gott von Art, ein Gast in der Welt hier ward und führt uns aus dem Jammertal, macht uns zu Erben in seim Saal.“ Ganz ähnlich sagt es unser Predigttext: „damit wir durch dessen (Christi) Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden.“ Durch den Glauben an das Kind in der Krippe als unseren Heiland ist uns ewiges Leben geschenkt; dieses ewige Leben beginnt hier und jetzt, wenn wir an Christus als unseren Heiland und Retter glauben und es endet nicht, wenn wir sterben; wir werden bei ihm sein – im Himmelreich.
Im Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“, Vers 4, da laden uns die Engel ins Himmelreich ein: „Er bringt euch alle Seligkeit, die Gott der Vater hat bereit, dass ihr mit uns im Himmelreich sollt leben nun und ewiglich.“ „Er bringt euch alle Seligkeit“ – ganz ähnlich sagt es unser Tauflied: „Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unsres Heilands, machte er uns selig“.
Wer getauft ist und an Christus glaubt, der bekennt: Mein Leben gehört Christus. Paul Gerhardt führt uns dazu hin, unser Leben Christus zu schenken:
„Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben.“ Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir`s wohl gefallen.“ Als getaufter Christ zu leben bedeutet: Ich schenke Gott mein Leben, der es mir geschenkt hat. Glaubend erhalte ich es neu.
Die Schlussbitte des Paul-Gerhardt-Liedes lautet: „So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.“ Wenn Christus in uns geboren wird, entsteht neues Leben, wächst Freude in uns, sodass ein anderer Liederdichter ausruft: „Wonne, Wonne über Wonne, Christus ist die Gnadensonne.“
Unsere Weihnachtslieder verschränken die Heilsgeschichte damals in Bethlehem mit unserer Lebensgeschichte hier und heute: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit; das Kind, dem alle Engel dienen, bringt Licht in meine Dunkelheit und dieses Welt- und Himmelslicht weicht hunderttausend Sonnen nicht.“ „Drum, Jesus, schöne Weihnachtssonne, bestrahle mich mit deiner Gunst; dein Licht sei meine Weihnachtswonne und lehre mich die Weihnachtskunst, wie ich im Lichte wandeln soll und sei des Weihnachtsglanzes voll“.
Etwas anderes soll auch Titus nicht lehren. Im Licht wandeln bedeutet im Titusbrief, dass wir nicht mehr unseren Begierden und Leidenschaften dienen, sondern Gott, dass das Hassen aufhört und das Streiten. Positiv drückt es der Briefschreiber auch aus. Menschen, die zum Glauben gekommen sind, beweisen „alle Sanftmut gegen alle Menschen“.
„Alle Sanftmut gegen alle Menschen“ hab´ ich gewiss nicht, ich gestehe es freimütig ein und Sie vielleicht mit mir. Das Bild der Wintersonnenwende zeigt aber auch sehr anschaulich, dass mit der Taufe und dem Zum-Glauben-Kommen nicht alles geschehen ist, vielmehr hat etwas sehr Hoffnungsvolles angefangen. Die Wärme und Herzlichkeit, die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes kann und wird in uns zunehmen, wie die Sonne in den kommenden Tagen wieder zunehmen wird.
Seit gestern ist ein Film über Albert Schweitzer in den Kinos. Albert Schweitzer ist uns allen bekannt durch sein überzeugendes christliches Leben voll Menschenliebe. Schon als 14-jährige habe ich antiquarisch ein Büchlein gekauft mit Zitaten von Schweitzer. Es trägt den Titel: „Kein Sonnenstrahl geht verloren.“ Nun habe ich es wieder in die Hand genommen. Als ich darin schmökerte, las ich Sätze, die mich ahnen ließen, dass wohl auch er seine Kraft, Licht zu sein, gewonnen hat aus der innigen Beziehung zu Christus, dem Licht der Welt. So sagt er z.B. „Mögen wir alle das Bedürfnis in uns erhalten, an uns zu arbeiten, dass unsere Frömmigkeit immer tiefer und lebendiger werde, auf dass die Kraft des Geistes Jesu von uns ausgehe.“ Wie kommt es dazu, dass unsere Frömmigkeit immer tiefer und lebendiger wird; wie lernen wir – um auf ein Weihnachtslied zurückzukommen – die Weihnachtskunst, dass wir im Licht wandeln?
„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, so beginnt unser Tauflied und so beginnt ein Christenleben. Unser Tauflied weist uns denselben Weg wie unsere Weihnachtslieder: Wir werden immer mehr zu Menschen, die Licht in die Welt bringen, indem wir uns bescheinen lassen vom Licht der Liebe Gottes. „Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne, bestrahle mich mit deiner Gunst.“ Wir werden doch nur des „Weihnachtsglanzes voll“, in dem wir die Sonne der Liebe Christi unseres Heilandes, die über uns scheint, wahrnehmen und aufsaugen in uns.
Manchmal, besonders, wenn die Sonne im Frühjahr wieder stärker wird, steh ich still da, schließe die Augen und strecke mein Gesicht zur Sonne. Das ist im übertragenen Sinne die Grundhaltung des Christen. Er schließt die Augen, wendet sein Gesicht zur Sonne und lässt sich bescheinen vom leuchtenden Angesicht der Liebe Christi über ihm.
Der Schreiber des Titusbriefes weiß, dass nichts uns so verwandelt wie das Ergriffenwerden von der Liebe Gottes. Heute würde er vielleicht in der Rahmung des Taufliedes andere Beispiele der Verhaltensänderung bringen. Er würde wahrscheinlich nicht nur betonen, dass Christen aufhören zu hassen und zu streiten, sondern auch dass sie aufhören, die Schöpfung zu zerstören. Manche der Appelle, die wir in diesen Tagen hören, haben ihre Berechtigung. Es ist richtig, dass wir verzichten lernen auf schnelles Fahren mit dem Auto, auf viel Fleisch, auf Urlaubsziele, die nur mit dem Flugzeug erreichbar sind.
Doch die Wende in der Welt und im Leben von Menschen kommt nicht durch Appelle. Sie fruchten nicht. Sie kommt durch die Veränderung der Herzen, durch die Wintersonnenwende in uns. Die aber ist Gottes Werk. Sie geschieht, indem wir zuerst lernen zu genießen – die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, die über uns erscheint. „Drum Jesus schöne Weihnachtssonne bestrahle mich mit deiner Gunst. So werden wir des Weihnachtsglanzes voll und so wird – um Schweitzers Worte zu verwenden: „Kraft des Geistes Jesu von uns ausgehen“. Die verwandelnde Kraft zum Lebenswandel als Christ wird uns geschenkt durch Christus. Anders haben wir sie nicht – nur als geschenkte. Aber sie ist uns geschenkt durch unsere Taufe und den Glauben an ihn, unseren Heiland, den Retter der Welt. Amen.
Amen. Singen wir davon mit dem Weihnachtslied: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen“ (40, 1.2.5).