Predigt im Einführungsgottesdienst am 5. April 2009
Gottesdienst zur Einführung als Regionalbischöfin des Kirchenkreises Bayreuth
am 5. April 2009 um 16.00 Uhr
in der Ordenskirche in Bayreuth-St.Georgen
Predigttext: Johannes 12,12-19
Gnade und Friede von Gott dem Vater
und Christus Jesus, unserem Heiland. Amen
(Tit. 1,4b)
Liebe Gemeinde hier in St. Georgen und daheim!
Heute, mit dem Palmsonntag, fängt die Karwoche an, und diese Woche ist mir so wichtig wie Weihnachten. Es ist eine heilige und heilsame Woche. Wie schön, dass die Kirche heute voll ist und darüber hinaus viele Menschen zuhause mitfeiern. Ich freue mich sehr, dass Sie alle mich bei meiner Amtseinführung begleiten und dass wir gemeinsam in diese besondere Woche gehen.
Denn nicht nur eine Amtseinführung als Regionalbischöfin ist etwas Besonderes, sondern diese Woche noch viel mehr.
Jede Woche im Kirchenjahr hat einen Wochenspruch. Für diese Karwoche steht er im dritten Kapitel des Johannesevangeliums und heißt:
Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Mit dem Wochenspruch möchte ich mit Ihnen die wichtigsten Tage dieser Karwoche durchschreiten: Da ist heute der Palmsonntag, dann Gründonnerstag, der Karfreitag und schließlich Karsamstag. Ostern gehört schon zur neuen Woche; und doch würden wir im Jahr 2009 nicht mehr an den Tod Jesu denken, wäre Christus nicht auferstanden und lebendig.
Jesus geht in der Karwoche stetig, von Station zu Station den Weg der Erniedrigung. Unser Wochenspruch sagt: `Jesus ist am Kreuz erhöht worden´. Erhöht? Das scheint ein Widerspruch zu sein. Schauen wir uns gemeinsam die wichtigsten Stationen des Weges an, so wie der Evangelist Johannes sie beschreibt.
Heute, Palmsonntag. Wir haben vorhin die Lesung aus dem Johannesevangelium gehört. Das Volk jubelt Jesus beim Einzug in Jerusalem zu: „Hosianna, dem Sohn Davids, gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn. Der König Israels.“
Was macht dieser umjubelte König? Er wehrt sich nicht gegen die große Öffentlichkeit und die Ehrung, König genannt zu werden. Aber er setzt sich nicht auf ein hohes Ross, nicht einmal auf einen Esel, sondern auf ein Eselchen als Zeichen seiner selbstgewählten Niedrigkeit. Später wird er zu Pilatus sagen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Er will unser König sein, aber ein Friedefürst, der Frieden mit Gott in unser Herz bringt und so uns und die Welt verändert.
Und dann der Gründonnerstag. Auch wenn in manchen Häusern der Brauch besteht, grüne Suppe zu essen, kommt das „Grün“ im Namen des Tages nicht von der Farbe Grün, sondern vom Wort greinen, weinen, klagen. Für mich selbst ist dieser Tag fröhlich gestimmt, weil er daran erinnert, dass Jesus uns das Abendmahl geschenkt hat.
Im Abendmahl feiern wir – auch nachher in diesem Gottesdienst -, dass wir zu Christus gehören und er zu uns. Er ist uns so nah, wie das Brot, das wir essen und der Wein, den wir trinken. Die Gemeinschaft mit Christus verbindet uns als Christen untereinander. Sein Leib, sein Blut nähren uns auf dem Weg zum ewigen Leben.
Ich freue mich, dass in unserer Kirche in den letzten Jahren das Abendmahl vermehrt gefeiert wird. Unsere lutherische Frömmigkeit ist eine Abendmahlsfrömmigkeit. Die Wertschätzung für das Abendmahl drückte sich freilich teilweise so aus, dass wir es selten feierten, um es nicht unwürdig zu essen, sondern uns gut vorzubereiten. Viele gingen nicht ohne eingehende Beichte zum Abendmahl. Es wurde sehr ernst gefeiert.
Doch das Abendmahl ist im Kern ein ernstes und fröhliches Mahl, in dem wir uns über die Gemeinschaft mit Christus und untereinander freuen und dankbar sind für Vergebung aller unserer Schuld. Nicht unsere Sündlosigkeit ist die Voraussetzung, dass wir eingeladen sind, sondern seine Liebe, die unser Leben verändert.
Der Evangelist Johannes erzählt nicht von der Einsetzung des Abendmahls in seiner Passionsgeschichte. Johannes kennt das Abendmahl. Doch er erzählt anders von dem letzten gemeinsamen Essen Jesu mit den Jüngern. Johannes lässt Jesus den Weg der Niedrigkeit weitergehen.
Der Evangelist leitet die Erzählung vom letzten gemeinsamen Abend ein mit den Worten: „Wie er die Seinen geliebt hatte, so liebte er sie bis ans Ende“. Und Jesus tut an diesem letzten gemeinsamen Abend seinen Jüngern einen Liebesdienst. Nach der Wanderung über staubige Straßen, wäscht Jesus jedem Jünger die Füße. Er kniet bei jedem nieder. Als Petrus das nicht erträgt, macht Jesus ihm deutlich: ´Petrus, du musst es zulassen, dass ich dir diene`. Vielleicht ist es wirklich schwer, sich Gutes tun zu lassen von Gott, von Jesus. Dabei ist das der Kern unseres Glaubens, dass wir uns beschenken lassen von Christus, von seiner Liebe zu uns, von der Vergebung, von der Freude und dem Frieden, den er in unser Leben bringt. So versteht Jesus sich – als unser Diener.
An jenem Abend redet er noch lange mit den Jüngern, weil er möchte, dass – so sagt er – ihre Freude, vollkommen wird. Er betet für sie und bittet sie, einander zu lieben, so wie er sie liebt und wie der Vater im Himmel ihn und sie alle liebt.
Die Menschen haben wohl Jesu Weg der Liebe, des Dienens, der Niedrigkeit nicht verstanden – oder sie haben verstanden und wollten diesen Weg nicht. Von nun an wird er erniedrigt. Er wehrt sich nicht als die Soldaten ihn holen.
Karfreitag: Welch ein Fall, welch eine Erniedrigung in so kurzer Zeit! Erst Hosianna, dann weg mit ihm, dann kreuzige ihn! Es ist kaum erträglich es zu lesen oder anzuhören, was Jesus zu leiden hat in den Stationen seiner Verurteilung bis zur Kreuzigung. Wie unerträglich muss es erst für ihn gewesen sein. Wieder erzählt Johannes auf ganz besondere Weise von dem Geschehen. Er erzählt wieder von der Liebe Jesu. Sterbend am Kreuz sieht Jesus noch seine Mutter und den Jünger, den er liebt, und weist sie einander zu, damit sie einander haben.
Es ist, als ob Johannes in diese Linie der teils selbst gewählten, teils erlittenen Erniedrigung eine gegenläufige Linie einzeichnet, die ihren Höhepunkt findet am Kreuz. Am Kreuz zeigt sich Jesu Liebe vollkommen. Darum geschieht für Johannes nicht erst an Ostern, sondern schon am Kreuz eine Erhöhung, die Krönung Jesu als Friedenskönig. Darum stirbt Jesus mit den Worten: „Es ist vollbracht“. Ja, Jesus hat den Weg der Liebe, des Dienens mit allen Erniedrigungen, die für ihn dazu gehören mussten, durchgehalten.
Christus hängt am Kreuz erhöht, erniedrigt und doch voll Größe. Er stirbt voll Liebe zu den Menschen. Sie endet am Kreuz nicht, sondern kommt dort ans Ziel. Das Werk der Liebe, der Versöhnung ist vollbracht. Der Menschensohn musste erhöht werden.
In unserer letzten Gemeinde Holzkirchen fanden mein Mann und ich eine Praxis vor, den Karfreitagvormittag zu begehen, auf die wir uns verwundert doch gern eingelassen haben, sodass sie dort bis heute besteht. Im Karfreitagsgottesdienst wird die allgemeine Beichte in den Bänken gemeinsam gesprochen. Dann kommen alle im Gottesdienst nach vorne, wie sie auch zum Abendmahl nach vorne kommen würden und stellen sich im Halbkreis um den Altar. Dort wird jeder Frau, jedem Mann, jedem Kind ein Kreuzzeichen auf die Stirn gemacht und dazu gesagt: „Dir sind Deine Sünden vergeben“. Dann wird die Hand segnend auf den Kopf gelegt und ein Segen gesprochen: „Gott heile Dich und stärke Dich zu neuem Leben.“ Auch die Pfarrer und Pfarrerinnen, die die Segnung vollziehen, geben einander auf diese Weise die Absolution und den Segen.
Dieser Beichtgottesdienst mit Einzelsegnung ist bewegend, weil er so viel in den Menschen bewegt. Vielen erwachsenen Männern und Frauen laufen dabei die Tränen herunter. Aber sie gehen getröstet und froh aus diesem Gottesdienst, weil Beichte und Vergebung eine zutiefst fröhliche Sache sind.
Das Kreuz auf ihrer Stirn sagt ihnen: ´Der Gekreuzigte hat Dir in seiner Liebe alles vergeben. Du gehörst zu ihm und er schenkt Dir neues Leben, ewiges Leben`.
Dieses neue Leben, das ewige Leben, beginnt nicht erst nach unserem Tod, sondern in der Gegenwart, wenn wir an Jesus Christus glauben, ihm glauben, dass er uns von Herzen liebt, uns vergibt. Versöhnt mit ihm und mit Gott, versöhnt mit uns und unseren Mitmenschen können wir leben, oder sagen wir vorsichtiger ´neu leben lernen`. Christus hat alles für uns getan. Aber das zu verstehen und zu glauben und anzunehmen braucht wohl ein ganzes Menschenleben. Doch eins ist gewiss. Wenn wir sterben ist unser Leben mit Christus nicht zu Ende. Es ist eben ewig. Er wird uns im Tod `bei unserem Namen rufen, denn wir sind sein´ seit der Taufe. Bei ihr ist uns allen bereits solch ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet worden.
Und schließlich der Karsamstag: Johannes erzählt nichts über diesen Tag. In unserem Glaubensbekenntnis aber gibt es einen Satz, der zum Karsamstag gehört: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“.
Denn unsere Hoffnung, dass wir durch Jesus das ewige Leben haben, gilt auch für die, die schon gestorben sind und an ihn geglaubt haben oder noch an ihn glauben werden, wenn sie ihn sehen. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Tiefer geht es nicht. Tiefer kann eine Liebe nicht sein.
Der Karsamstag ist ein stiller Tag. Viele Altäre sind leer geräumt ohne Blumen und Kerzen. Ein Tag zum Nachdenken und Beten. Auch unsere Glocken schweigen bis in der Osternacht erklingen wird: „Christus, Licht der Welt“ und wir singen werden: „Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein“.
Es ist eine heilsame Woche, die Karwoche, weil in ihr so viele Gedanken Raum und Zeit finden, die sonst in unsrem Leben zu kurz kommen. Das Nachdenken über das Sterben und den Tod, Sünde und Schuld ist ja nicht schön. Und doch ist es so heilsam, wenn dieses Nachdenken mit dem Blick auf das Kreuz geschieht, mit dem Blick auf den, der uns von Herzen liebt, für uns gestorben ist, damit wir leben - hier mit ihm und wenn wir gestorben sind bei ihm.
Unser Glaube an Jesus Christus tut uns wohl an Leib und Seele und gibt uns in unserem Leben große Freude. Gerade darum ist es so gut, wenn wir diesen Glauben gemeinsam feiern in dieser Woche und ich freue mich sehr, dass wir es heute tun. Gehen wir bewusst in die kommenden heiligen und heilsamen Tage.
Liebe Gemeinde, viel anderes hätte ich auch nicht gepredigt, wenn heute nicht meine Amtseinführung wäre. Ich hätte mir beim Schreiben der Predigt nur vielleicht etwas weniger den Kopf zerbrochen bis endlich wieder das Herz sprechen durfte. Denn das war mein Amt und wird mein Amt sein, den Gekreuzigten zu predigen und auf ihn hinzuweisen, weil wir in ihm das ewige Leben haben. Das ist auch die eigentliche Form Kirche zu leiten.
Es kam viel zur Sprache, was mir für diese Kirche wichtig ist:
Zu Jesus auf dem Eselchen passt keine triumphierende Kirche. Eine Kirche, die sich nach Palmwedeln und Rampenlicht sehnt, hat auf das falsche Pferd gesetzt. Aber zu diesem Jesus passt eine Kirche, die die Öffentlichkeit nicht scheut, sondern deutlich ausdrückt, was sie will: Als Kirche Jesu Christi geht es uns um den Frieden mit Gott, weil nichts auf der Welt dieser Welt mehr hilft und nichts sie mehr verändern kann. Und sie braucht Veränderung!
Es wird eine Kirche sein, die sich nicht scheut hinzuknien, um für andere zu beten aber auch um ganz handgreiflich zu helfen – den Menschen, die in unserer Gesellschaft unsere Hilfe brauchen - auch denen, die mit uns in der Kirche arbeiten.
Es ist eine Kirche, bei der selbst die Karwoche von einer großen Freude geprägt ist, weil Christus lebt.
Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.