Predigt im Eröffnungsgottesdienst der Konferenz "Coburg XIII" in der St.-Moriz-Kirche in Coburg am 25. Oktober 2009
Eröffnungsgottesdienst der Konferenz „Coburg XIII“
am 25. Oktober 2009
in der St. Morizkirche in Coburg
Predigt zu Phil 2,1-4
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
mit diesem apostolischen Gruß beginnt Paulus den Philipperbrief; er stehe auch als Segen über unserer ganzen Konferenz, sodass die Gnade Gottes und sein Friede unter uns erfahrbar werde. Ich freue mich sehr auf die gemeinsame Zeit, die vor uns liegt.
Wir haben vorhin die Lesung gehört, die ebenfalls im Philipperbrief steht, im zweiten Kapitel. Daraus möchte ich einen Kernvers noch einmal herausheben: „Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.“
Zwei Gedankengänge zum Text aus dem Philipperbrief. Zum einen: Das ist ein Bibelwort, das zum ökumenischen Miteinander passt. Paulus stellt für die Gemeinde in Philippi erfreut fest, dass schon viel Glaubenspraxis da ist; so wie wir dankbar feststellen können, dass in der Ökumene gerade in den letzten Jahrzehnten viel gewachsen ist: Die Meißener Erklärung zwischen der EKD und der Kirche von England wurde im Jahr 1988 unterzeichnet, 1999 die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen der Römisch-Katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund. Wir feiern ökumenische Gottesdienste – wie heute –, pilgern gemeinsam, erleben viele gemeinsame Einweihungen, führen miteinander Aktionen und Projekte durch. Häufig ist dabei tatsächlich – wie Paulus sagt: Trost der Liebe, Gemeinschaft des Geistes, Liebe und Barmherzigkeit erfahrbar.
Liebe Schwestern und Brüder, es ist wirklich ein großer Grund zur Freude, was nach all den Kämpfen des 16. und 17. Jahrhunderts und nach den Feindseligkeiten des 18. und 19. Jahrhunderts in den letzten hundert Jahren an neuer Verbundenheit und Gemeinschaft, an Liebe und Barmherzigkeit gewachsen ist.
Paulus will weitergehen und bittet: „Macht meine Freude vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“
Hohe Ansprüche an diese eh schon gute Gemeinde? Paulus will mit dieser Gemeinde nicht hoch hinaus, sondern in die Tiefe des Glaubens hinein. Er möchte, dass die Gemeinde den Weg Christi, den Weg echter Demut, geht.
Im Anschluss an unser Bibelwort folgt der so genannte Philipperhymnus. In ihm wird Christus gepriesen, der in göttlicher Gestalt war und doch Knechtsgestalt annahm und sich erniedrigte bis zum Tod am Kreuz. Dass sich dieser Weg des Dienens lohnen würde, war nicht offensichtlich. Gott selbst hat diesen Weg der Demut und Hingabe bestätigt, sodass der, der diente und liebte wie kein anderer, nun unser Herr ist.
„Rechte Demut weiß niemals, dass sie demütig ist; denn wenn sie es wüsste, so würde sie hochmütig von dem Ansehen dieser schönen Tugend“, so Luther sehr treffend. Es gibt eine eitle Schein-Demut in der Ökumene. Jede Konfession kennt Regionen, in der sie zahlenmäßig und personell stärker ist als die anderen. Ist es da nicht großmütig, wenn die stärkere Konfession die schwächere an Einweihungen und öffentlichen Festakten beteiligt? Die Haltung solcher Großmut ist schön und gut. Paulus will mehr, er will Demut, in der einer den anderen höher achtet als sich selbst in der Nachfolge Christi. Das muss auch ich mir selbst sagen in einem großteils evangelisch dominierten Kirchenkreis.
Paulus bittet: Seid „eines Sinnes“, „einmütig“, „demütig“. Paulus zielt mit seinen Worten auf die Veränderung des Herzens. Wir sind in der Ökumene weit gekommen. Zu der Herzensökumene, die uns weiterführt, gehört Demut, wie sie uns nur Christus schenken kann. In dieser Demut Christi achtet einer den anderen höher als sich selbst. Auch im Verhältnis der Konfessionen zueinander? Ja, auch dort und gerade dort, wo die andere Konfession in der Minderheit ist. Die von Paulus erbetene Demut kann und will in der Ökumene konkret werden.
Der zweite Gedanke. Das Thema für unsere Tagung lautet dieses Mal: „Die Kirche und ihr Einfluss auf die Öffentlichkeit und Politik.“ Wie es sich damit in England verhält, werden wir gewiss in den kommenden Tagen erfahren. In Bayern ist der Einfluss sicher größer als im Norden und Osten Deutschlands. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass in den Landesregierungen Menschen Verantwortung tragen, die sich bewusst als Christen bezeichnen und in ihrem Leben und Arbeiten darauf ansprechbar sind. Ein Warnsignal muss es daher für alle Christen sein, wenn von 73 Mitgliedern des Bundestages, die der Linkspartei zugehören, nur noch 5 Personen die evangelische und 4 Personen die katholische Konfession angeben - 9 von 73!
Gegenwärtig wird in Deutschland eine Wertediskussion geführt. Recht auf Leben, Würde der Person, Freiheit und Gerechtigkeit sind unveräußerliche Werte; das betonen politisch und kirchlich Verantwortliche gemeinsam. Doch nun muss eigentlich erst die Diskussion beginnen; denn es bedarf erstens der Kenntnis der christlich-jüdischen Wurzeln dieser Werte, zweitens einer entsprechenden Interpretation und drittens der persönlichen Aneignung dieser Werte in Form einer Lebenshaltung, die diese so gefüllten Werte auch schützt und stützt. D.h. eine Diskussion über „Gerechtigkeit als unverzichtbaren gesellschaftlichen Wert“ führt sich selbst ad absurdum, wenn es keine Menschen gibt, die den Wert als Haltung mitten im Leben verkörpern und anwenden.
Paulus spricht in unserem Bibelwort genau solche Haltungen an. Früher sagte man Tugenden dazu. Paulus leitet an zu christlichen Tugenden, zu Haltungen, die dem Glauben an Jesus Christus entsprechen. Zentral ist für ihn die Demut. Das ist natürlich ein Stachel für eine Gesellschaft, in der Selbstdarstellung prämiert wird. Setzen wir doch diesen Stachel.
Es ist ein Fehler, dass wir in der gegenwärtigen Diskussion nur von Werten und nicht auch von Tugenden, von Haltungen sprechen. Genauso wie es für das Miteinander der christlichen Konfessionen die Herzensökumene braucht – braucht es für das Miteinander in der Gesellschaft Herzensbildung. Es braucht Menschen, die sich mit Mut einsetzen und in Demut dienen.
Bei dem Thema „Die Kirche und ihr Einfluss auf die Öffentlichkeit und Politik“ darf es uns nicht primär um den Machterhalt unserer Kirchen in dieser Gesellschaft gehen. Wenn wir Kirchen uns zu erhalten suchen, werden wir uns verlieren. Wenn wir, wie Paulus, als Kirche in die Nachfolge unseres Herrn rufen und in ihr leben, wird Christus seine Kirche bewahren und ihr Einfluss wird ihm entsprechen.
Unser wichtigster Dienst an der Gesellschaft wird es immer sein, Menschen zum Glauben an Jesus Christus zu rufen und zum Leben in einer Haltung, die unserem Herrn entspricht. Werte sind wertvoll, doch es braucht Menschen, die sie in sich tragen und in die Gesellschaft tragen durch den Glauben an Jesus Christus unseren Herrn.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.