Predigt im Festgottesdienst am 5. Sonntag nach Trinitatis, dem 12. Juli 2009, zum Tag der Begegnung in den Himmelkroner Einrichtungen für Menschen mit Behinderung
Festgottesdienst am Tag der Begegnung in den Himmelkroner Einrichtungen für Menschen mit Behinderung
am 5. Sonntag nach Trinitatis, dem 12. Juli 2009
im Park der Himmelkroner Heime
Predigttext: Lukas 5, 1-11
Gnade sei mit Euch von Gott unserem Vater und Jesus Christus unserem Heiland.
Liebe Gemeinde,
das für diesen Sonntag in allen lutherischen Kirchen Deutschlands vorgesehene Bibelwort passt auf den ersten Blick nicht zum Fest der Begegnung in Himmelkron. Die Geschichte vom Fischzug des Petrus fordert uns dazu heraus, eine missionarische – oder sagen wir es ohne Schlagwort – eine zum Glauben an Jesus Christus einladende – Kirche zu werden. Hier in Himmelkron haben wir es mit der diakonisch profilierten Kirche zu tun.
Einen anderen Text nehmen? Viele evangelische Christen in aller Welt – und sicher auch einige unter Ihnen – lesen jeden Morgen vor oder beim Frühstück die Losungen im Herrnhuter Losungsbüchlein. Die heutige Losung steht in Psalm 146 und lautet: „Der Herr schafft Recht den Unterdrückten, er gibt den Hungernden Brot.“ In der heutigen Losung geht es um diakonisches Handeln. Wer den Psalm 146 aufschlägt, kann sogar wahrnehmen, dass der Psalm 146 der Diakoniepsalm schlechthin ist. Gott ist der eigentliche Diakoniker, ich zitiere einige weitere Verse:
Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott, …
Der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset.
Der Herr macht die Gefangenen frei.
Der Herr macht die Blinden sehend.
Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind …
Der Herr behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen …
Der Herr ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja.
Das ist ein wunderschöner Psalm, der zum einen allen, die im sozialen, diakonischen, helfenden Bereich haupt- oder ehrenamtlich tätig sind, deutlich macht: Was wir da tun, ist im Sinne unseres Gottes. Er will helfen. Er will durch uns helfen. Und der Psalm macht zum anderen denen, die Hilfe annehmen, deutlich, dass Hilfsbedürftigkeit in Gottes Augen nichts, aber auch gar nichts Minderwertiges ist. Im Gegenteil, wer meint, keine Hilfe zu brauchen, dem entgeht nicht nur etwas, dem entgeht die Erfahrung von Gottes liebevoller Zuwendung. Denn Gott kommt gerade zu Menschen, die offen sind für seine Hilfe.
Auch Jesus stellt sich in diese diakonische Tradition Gottes. Als Johannes der Täufer im Gefängnis sitzt, wird Johannes unsicher, ob Jesus wirklich der verheißene Messias, der Christus, ist. Er schickt Boten zu Jesus und lässt ihn fragen, ob er der Ersehnte sei. Jesus macht mit seiner Antwort deutlich, dass er der ersehnte Messias und was für ein Messias er ist:
„Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündigt.“
Jesus stellt sich also in das diakonische Profil Gottes. Doch interessant ist: In der Antwort Jesu gehören konkrete leibliche Hilfe und die Verkündigung des Evangeliums an die Armen zusammen.
So war es ja auch im Leben Jesu. Da gehörte Wort und Tat zusammen. Zum einen sprach er dem Gelähmten die Vergebung Gottes zu und zum anderen heilte er ihn. Zum einen heilte er ausgegrenzte Aussätzige und ermöglichte ihre Rückkehr in das normale menschliche Leben im Dorf und zum anderen erzählte er den Menschen vom Vater im Himmel, der den verlorenen Sohn mit offenen Armen empfängt.
Bei Jesus gehört das eine und das andere eben zusammen. Bei ihm lässt sich da gerade kein Gegensatz aufbauen zwischen diakonischem und verkündigendem Wirken, zwischen Tat und Wort. Christus liebt die Menschen. Warum hätte er da nicht seine Gabe der Heilung einsetzen und vom Vater im Himmel erzählen sollen? D.h. die Geschichte vom Fischzug des Petrus, die uns dazu einlädt, dass wir selbst zum Glauben einladen, kann gerade nicht in den Gegensatz zum diakonischen Profil dieser Gemeinde gesetzt werden.
Doch wenden wir uns zunächst dieser heilenden, diakonischen Seite Jesu und unseres Christseins zu. Nun haben wahrscheinlich die wenigsten von uns die Gabe der Heilung wie Jesus, doch auch wir haben helfende Hände und können dazu beitragen, dass Menschen die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Auch möchten viele unter uns, dass Menschen, die eher an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, einen Platz mittendrin haben. Vielen von uns hier ist es ein Anliegen, dass unsere Kindergärten in Deutschland Integrationsgruppen haben und dieser Integrationsgedanke auch bei Schulen nicht Halt macht.
Neuere maßgebliche politische Dokumente reden sogar nicht nur von integrativer, sondern von inklusiver Gesellschaft. Integration strebt die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die bestehende Gesellschaft an; Inklusion will die Veränderung der bestehenden Strukturen und Auffassungen dahingehend, dass die Unterschiedlichkeit von Menschen zum Leben gehört. Nicht nur Integration, sondern auch Inklusion ist nun ein Leitbegriff, weil unsere Gesellschaft merkt, ihr entgeht etwas, wenn sie exklusiv ist und Aussiedler, Ausländer oder auch Menschen mit Behinderung an den Rand drängt. Im Gegenteil, sie gewinnt, wenn sie diese Menschen in ihrer Mitte hat.
Konkret: In einer Kirchengemeinde, die ich jüngst besuchte, wurde eine Pfarrerin sehr, sehr krank. Die Gemeinde lernte, diese Situation mit der kranken Pfarrerin und dem Ehemann, der ebenfalls Pfarrer war, aber nun doch auch noch die kleinen Kinder versorgen musste, zu tragen. Die Mitarbeitenden der Gemeinde sind dabei selbst menschlicher geworden. Es war eine Freude, dies so wahrzunehmen.
Ich will solche Prozesse nicht beschönigen. Sie sind meist mit viel Leid, Einübung in Verzicht und Arbeit an der eigenen Person verbunden. Und doch braucht unsere Gesellschaft dringend mehr Menschlichkeit. Gesunde sind eingespannt ins berufliche Räderwerk, das sich immer schneller dreht. Sie müssen funktionieren und wehe, wenn der Körper oder die Seele nicht mehr mitspielt, sondern Grenzen der Belastbarkeit markiert. Wehe? Nein, es ist so wichtig, dass wir auf unseren Körper und unsere Seele achten. Wir sind wertvoll – auch wenn wir nicht oder nicht mehr funktionieren. Wir alle haben Grenzen und dürfen sie haben. Viele hat das Leben mit Menschen, bei denen die körperliche, geistige oder seelische Belastbarkeitsgrenze offensichtlich ist, befreit, die eigenen Belastbarkeitsgrenzen anzunehmen.
Hier in den Himmelkroner Heimen arbeiten haupt-, neben-, und ehrenamtlich Menschen, die notwendig in solchen Lernprozessen sind und dadurch eine große Kompetenz gewinnen können. Unsere Diakonie gehört mit ihrer praktizierten Menschlichkeit mitten in unsere Kirche, weil sie dem Handeln Jesu Christi entspricht und sie gehört mitten in unsere Gesellschaft, weil es eine Teilhabegerechtigkeit für behinderte Menschen an unserem Zusammenleben geben muss und weil diese Teilhabe dazu beitragen kann, dass unsere Gesellschaft menschlicher wird.
Was ist nun aber mit der verkündigenden Seite Jesu und unseres Christseins? Die Aufteilung: Unsere Kirchengemeinden verkündigen das Evangelium und die Diakonie hilft, wäre absurd. Was bei Christus zusammengehört, gehört auch bei Christen zusammen: das Helfen und das Erzählen von Gott.
Vor einiger Zeit – ob vor 15 Jahren oder 15 Tagen ist nicht wichtig – habe ich ein christliches Altenheim besucht. Ich kam in den Gemeinschaftsraum, als die Fachkraft mit einer großen Runde von teilweise debilen Senioren und Seniorinnen an Tischen saß und „Hoch auf dem gelben Wagen“ sang. Wie schön, dachte ich, dass hier gesungen wird. Die Fachkraft hatte einen Ordner mit kopierten Liedblättern vor sich. Die Gruppe sang kräftig. Sie schien das also öfter zu machen. Da ich als Seelsorgerin kam, wollte ich an die Situation anknüpfen und sagte: „Singen wir doch ´Nun danket alle Gott`“. „Oh, das ist schlecht, das können wir nicht“, meinte die Fachkraft. „Na dann ´Großer Gott wir loben dich`“. „Tut mir leid, das ist nicht in meinem Ordner.“ Wir sangen trotzdem „Nun danket alle Gott“ und die Senioren und Seniorinnen stimmten kräftig mit ein.
Schade, dass in diesem Haus nicht im Alltag beieinander war, was doch für Christus und für Christen zusammengehört. Vielfach ist das in unseren diakonischen Häusern glücklicherweise anders, da gehört der Glaube zum Leben. So lädt die Diakonie Neuendettelsau gezielt ihre Mitarbeitenden ein, die christliche Dimension ihres Dienstes kennenzulernen oder zu vertiefen, z.B. durch die berufsbegleitende Ausbildung zum Diakonat.
Wenn ich später einmal in einem Seniorenwohnheim sein sollte, dann wünsche ich mir, dass mit mir nicht nur „Hoch auf dem gelben Wagen“ gesungen wird, sondern auch „Nun danket alle Gott“. Ich wünsche mir, dass mit mir am Mittagstisch gebetet wird und mir das Abendmahl aufs Zimmer gebracht wird, auch wenn ich es nicht mehr verstehe. Und ich bin sicher, das ist nicht nur der Wunsch einer Regionalbischöfin, sondern auch der von vielen, vielen Christen hier.
Jesus antwortet auf die Frage, ob er der ersehnte Messias sei: „Blinde sehen, Lahme gehen … und den Armen wird das Evangelium verkündigt.“ Das Evangelium weiterzusagen steht also in der Reihe der Liebesdienste.
Wenn Jesus Petrus lehrt, Menschenfischer zu werden, so lehrt er ihn, den Menschen einen Liebesdienst zu tun. Vom Glauben zu erzählen und ihn im Lebensalltag zu pflegen, ist ein Dienst der Liebe. Er muss daher völlig ohne Manipulation und Druck auskommen. Er geschieht aus Liebe und in der großen Sehnsucht, dass Menschen etwas wissen und erfahren von der großen Liebe Gottes zu ihnen, von der Erlösung in Christus, von Kraft zu neuem Leben aus Gottes Geist. Das geschieht oft in ganz einfachen Worten mitten im Leben.
Es ist so gut, liebe Mitglieder der Kirchengemeinde Himmelkron und Freunde, Familienmitglieder, Bewohner und Mitarbeitende der Himmelkroner Heime, dass wir diesen Gottesdienst zusammen feiern und hier einander begegnen. Denn es darf kein Gegensatz sein zwischen Kirche und Diakonie, zwischen Wort und Tat, zwischen verkündigendem und helfendem Handeln. Es gehört für Christus und für Christen im Alltag zusammen. Christen leben Kirche und Diakonie inklusiv. Den anderen vom Glauben erzählen und diesen Glauben gemeinsam zu pflegen ist ein Liebesdienst.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.