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Predigt im Festgottesdienst zum 200-jährigen Jubiläum der Laurentius-Kirche in Lendershausen am Sonntag Exaudi, dem 24.5.2009

Festgottesdienst zum 200-jährigen Jubiläum der Laurentius-Kirche

am 24. Mai 2009

in Lendershausen

Predigttext: Psalm 100, 4

Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben; danket ihm, lobet seinen Namen!

 

 

 

Gnade sei mit euch von Gott unserem Vater und Jesus Christus, unserem Heiland. Amen

 

Liebe Festgemeinde!

 

Seit 200 Jahren hat Lendershausen diese Kirche. Das ist ein guter Grund zum Feiern und vor allem in einem Festgottesdienst Gott zu loben und zu danken für diese Kirche.

 

Als ich vor rund zwei Wochen bereits hier war, um einen Eindruck von Ihrer Kirche zu gewinnen, wurde mir beim Eintreten in diesen Raum sogleich deutlich, dass ich – wenn ich Gemeindeglied hier wäre – diese Kirche sehr rasch lieb gewinnen würde. Es ist eine helle freundliche, einladende Kirche, die in keiner Weise erdrückt, sondern Raum bietet zum Feiern von Gottesdiensten verschiedener Art. Taufen, Trauungen, Trauerfeiern, normale Gottesdienste, Familiengottesdienste, Festgottesdienste wie heute. Diese Kirche bietet Raum dafür. Raum für den Posaunenchor und für den Chor und für uns alle. Gott sei Dank.

 

Wer eintritt in diese Kirche, dessen Blick kann verweilen – vielleicht zuerst an dem Schmuckstück dieser Kirche, der Orgel mit dem wunderschön gestalteten Prospekt. Kein Wunder, dass diese Orgel beeindruckt, denn den Entwurf hat Balthasar Neumann gemacht. Welche evangelische Kirche hat das schon!

 

Mancher Blick wird vielleicht auch auf dem Altarbild ruhen. Es ist zwar nur eine Kopie eines Gemäldes von Gebhardt, doch wer weiß, ob nicht der eine oder andere Gottesdienstbesucher beim Gang zum Abendmahl und beim Schauen auf diese Figuren über sich selbst ins Nachdenken kam.

 

Und der Taufstein – seit 1901 steht er. Es spricht mich an, wie dieser Taufschale anzusehen ist, dass schon viele Kinder in ihr getauft wurden – wohl die meisten von Ihnen hier. Gerade die Gebrauchsspuren sind ausdrucksstark und werden manchem sagen: Ja, ich bin hier getauft. Wie gut!

 

Als ich nach dem Kirchenbesuch wieder nach Hause fuhr, war mir dies alles vor Augen, doch meine Gedanken kreisten vor allem um zwei Merkmale dieser Kirche, die wir in diesem Augenblick gar nicht sehen können und die uns auf einzigartige Weise zum Danken und Loben anleiten.

 

Zum einen hängt hinter der Kanzel über dem Eingang zur Sakristei eine liebenswerte Besonderheit dieser Kirche – ein fast 200 Jahre alter Erntedankkranz aus dem Jahr 1817.

 

Und zum anderen steht draußen über dem Eingang, durch den Sie heute alle eingetreten sind, ein Bibelwort, Psalm 100, Vers 4; dieser Vers ist wie ein Leitwort für den Kirchgang:

„Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben“.

Der ganze Psalm ist wunderschön. Er soll uns heute der Predigttext sein:

 

„Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Dienet dem Herrn mit Freuden,

kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!

Erkennet, dass der Herr Gott ist!

Er hat uns gemacht und nicht wir selbst

zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.“

 

Und dann der Torvers Ihrer Kirche:

„Gehet zu seinen Toren ein mit Danken,

zu seinen Vorhöfen mit Loben;“

 

und weiter im Psalm:

 

„danket ihm, lobet seinen Namen!

Denn der Herr ist freundlich,

und seine Gnade währet ewig

und seine Wahrheit für und für.“

 

Dieser Psalm macht die Arme weit auf: Jauchzt dem Herrn alle Welt – nicht nur die Frommen. Es ist ein Psalm, der sich an das ganze Volk Gottes richtet – und da waren immer schon manche eher Distanzierte dabei. Schon damals beim festlichen Zug zum Tempel in Jerusalem gab es sicher viele, die eigentlich nur mitgingen um der Frau willen oder weil es sich gehörte, dass man bei diesem Fest dabei ist. Das ist dem Verfasser unseres Psalms bewusst. Er teilt nun gerade nicht ein in Fromme und Mitläufer. Seine Haltung ist eine andere: Schön, dass alle da sind, herzlich willkommen, und nun macht mit, „jauchzt Gott alle Welt, dient dem Herrn mit Freuden. Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide“. Die Menschen, die kommen, sind willkommen, sind Schafe seiner Weide. Dieser Menschen wird Gott sich annehmen und ihnen als ihr Hirte geben, was sie brauchen.

 

So viel hat sich seit der Entstehung des Psalms vor ca. 2500 Jahren gar nicht geändert. Manchmal lockt Gott immer noch durch die Ehefrau, wenn sie sagt, geh mit, oder durch die Tradition, weil es sich halt gehört am Sonntag in die Kirche zu gehen. Mancher war schon länger nicht mehr in dieser Kirche, aber dann starb der Nachbar. Wichtig ist nicht, warum Menschen in diese Kirche kommen, wichtig ist, dass sie kommen und dass sie da sind. Denn dann kann Gott sprechen, kann trösten, kann lenken, wie ein guter Hirte das tut.

 

Liebe Gemeinde, das ist ein hohes Gut, dass in dieser Region der Kirchgang besonders gut ist. Davon haben mir die Pfarrer und Pfarrerinnen des Dekanatsbezirkes erzählt.

 

Das erste Ziel des Kirchenbaus vor 200 Jahren war ja nicht die Dorfverschönerung – das geschieht dadurch freilich auch – sondern, dass die Menschen im Dorf die Kirche aufsuchen und darin Gottes Angesicht suchen und finden.

 

Welch ein Gewinn ist das für diese Region, wenn Menschen hier treue Kirchgänger und Kirchgängerinnen sind. Halten Sie daran fest. Lassen Sie nicht nach. Im Gegenteil. Machen Sie das weiter zum Gütesiegel dieser Dörfer, dass Sie Ihre Kirche nicht nur zum Anschauen gebaut haben, sondern zum Hineingehen.

 

„Geht zu seinen Toren ein!“, so steht es über dem Tor dieses Kirchengebäudes. Wie gut, dass Sie dem heute Folge geleistet haben, tun Sie es auch in Zukunft und nehmen Sie andere mit in Ihrem Auto, wenn nicht hier, sondern im Nachbardorf die Glocken läuten.

 

Es wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger werden, dass es Menschen gibt, die sagen, komm geh mit. Unsere Gesellschaft bietet andere Alternativen: Schon am Sonntag gibt es x Fernsehprogramme und das Internet ist rund um die Uhr offen. Es braucht Menschen, die am Sonntag eine innere Uhr haben und den Ruf Gottes hören, Menschen die sich nicht beirren lassen. Menschen, die treu in die Kirche gehen, egal ob es regnet oder die Sonne lacht, egal ob ihnen die Nasenspitze des Pfarrers passt oder nicht, egal ob ein Lektor oder eine Lektorin predigt. Der Psalm über Ihrer Kirchentür ist eine große Einladung an alle – an die Treuen, treu zu bleiben, und an diejenigen, die es nicht sind, es mehr und mehr zu werden. „Kommt“, „Geht hinein“.

 

Der ganze Psalm lädt freilich nicht nur ein zu kommen und in das Gotteshaus zu gehen, sondern er ruft fast penetrant dazu auf, Gott zu loben und zu danken. Ja – und wenn einem nicht danach ist, was dann?

 

Nicht nur der Leitvers dieser Kirche – auch Paulus geht davon aus, dass Christen tatsächlich immer dankbar sein sollen und durch Gottes Geist auch dankbar werden können. „Dankt Gott allezeit und für alles.“ Das scheint er sehr ernst zu meinen, denn an anderer Stelle schreibt er aus dem Gefängnis: „Freuet euch in dem Herrn alle Wege und abermals sage ich euch freuet euch.“ Als ob das ginge: Freude und Lob Gottes auf Kommando. Wir sind doch keine Roboter, in denen man nur einen Schalter umstellen müsste und dann wird aus der Traurigkeit oder Gleichgültigkeit Freude und Dank.

 

In der vergangenen Woche stand in der Zeitung: Die Wirtschaftskrise hat erst Halbzeit. Die Botschaft war: Es kommt noch schlimmer mit den Firmenzusammenbrüchen. Die Arbeitsplatzverluste fangen jetzt eigentlich erst an. Blättert man einige Seiten weiter, so sticht ein Artikel in die Augen über steigenden Rechtsradikalismus. Das wird einer Region wie dieser Gegend, in der so viele Juden wohnten, nicht egal sein. Manches im Leben der Gesellschaft liegt im Argen – manches im privaten Leben tut weh. Da wird ein naher Verwandter schwer krank; da geht die Ehe der Tochter auseinander. Erscheint die Aufforderung, Gott zu loben und zu danken, da nicht wie ein Hohn?

 

Doch ich bin sicher, dass hier einige im Raum sind, die Erfahrung mit dem Danken in Not und mit dem Lob in der Tiefe gemacht haben. Diese Erfahrung ist merk-würdig im doppelten Sinne. Sie wird für Menschen, die nicht an Gott glauben merkwürdig-absurd sein, doch für Menschen, die ihm vertrauen, ist es eine Erfahrung, die sie sich immer merken werden. Wer in Not ist – aus welchem Grund auch immer – und dann anfängt sich an Gott zu wenden, der merkt, welch eine Hilfe, welch ein Schutz, welch eine Quelle der Kraft Gott ist. Gerade in der Not reift das Lob Gottes, weil wir da am intensivsten spüren, wie sehr Gott uns hilft.

 

Auch bei Trauerfeiern, die hier in dieser Kirche stattfinden? Ja, auch dann. Gott helfe gerade den Menschen, die hier auch in den nächsten 200 Jahren zu Trauerfeiern in die Kirche kommen werden zu einer Trauer und zu Tränen, in die sich Dankbarkeit mischt für alles, was Gott uns geschenkt hat durch diesen Menschen, für die Vergebung durch Christi Tod und für unsere Hoffnung auf das ewige Leben durch seine Auferstehung.

 

Das alte Lied: „Stern auf den ich schaue, Fels auf dem ich steh, Führer, dem ich traue, Stab an dem ich geh, Brot von dem ich lebe, Quell an dem ich ruh, Ziel, das ich erstrebe, alles Herr bist du“ – dieses Loblied, das lobend sagt, wie unersetzlich Gott für uns ist, habe ich selbst wieder begonnen zu singen gerade als ich vor Jahren mit meinen Kräften ziemlich am Ende war. Dann zeigt das Lob Gottes und Gott selbst seine Kraft.

 

Lob Gottes trägt aber nicht unbedingt dazu bei, stille Bürger zu machen, die alles ertragen. Das Lob, das aus der Tiefe aufsteigt, stärkt unser Rückgrat. Das lobende Bekenntnis im oben zitierten Lied „Führer, dem ich traue“, hilft, sich nicht von politischen Parolen irre machen zu lassen. Das Lob Gottes in Lied und Gebet ist sicher etwas Innerliches, aber äußert sich in Haltung und Handeln im Leben.

 

Weder der Psalm noch Paulus, noch wir machen die Augen vor der Welt und unseren Problemen zu, wenn wir Gott loben. Sondern gerade in dieser Welt zeigt sich doch, was wir an Gott haben. In allem, was zerbricht ist seine Treue zu uns unverbrüchlich, in unserem Unvermögen zu lieben und uns lieben zu lassen, hört er nicht auf uns zu lieben, in unsere Schwäche kommt er gerade mit seiner Kraft und hilft uns zu verändern, was wir verändern sollen und zu tragen, was wir nicht ändern können.

 

Gerade in dieser Gemeinde hier gibt es eine besondere Erinnerung an das Lob Gottes in schwieriger Lage, von der ich bei der Kirchenführung durch Pfarrer Dr. Wes­terhoff erfahren habe. Der Erntekranz des Jahres 1817 ist  deshalb ein besonderer, weil die Gemeinde mit ihm Gott dankte nach durchlittenen Hungerjahren. Der Vulkanausbruch auf einer indonesischen Insel im Jahr 1815 muss so heftig gewesen sein, dass die durch Ascheteilchen verminderte Sonneneinstrahlung das Jahr 1816 zum Jahr ohne Sommer werden ließ. Die Hungersnot war groß - erst recht im Jahr 1817.

 

Als dann im Jahr 1817 wieder eine kleine Ernte eingefahren wurde, brachte man diesen Erntekranz in die Kirche und der Pfarrer predigte über „Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion, und dir hält man Gelübde“. Das Leid steckte den Menschen noch in den Knochen und zeichnete sie. „Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion.“ Dieses Lob in der Stille, in der Tiefe, ist das Lob, das unserm Leben eine Freude gibt, die niemand kennt, der diesen Weg des Lobens in der Tiefe nicht gegangen ist. Gott lockt uns alle auf diesen Weg des Lobens, weil in unser aller Leben die Freude des Glaubens leuchten soll.

 

Heute loben wir ihn und danken ihm besonders für diese Kirche, die uns – wie selten eine Kirche – bei jedem Kirchgang erinnern kann, Gott zu loben und zu danken in dieser Kirche und mitten im Alltag.

Amen.

 

Das lasst uns nun auch tun mit dem Lied: Nun jauchzt dem Herren alle Welt.

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