Predigt im Festgottesdienst zum Reformationssonntag am 1. November 2009
Predigt im Festgottesdienst zum Reformationssonntag
am 1. November 2009
in der Petrikirche zu Kulmbach
Predigt zu Matthäus 5,1-10
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und Jesus Christus, unserem Heiland. Amen.
Liebe Gemeinde!
Kaufst du nicht, so hast du nicht. Der Satz, den Martin Luther geprägt hat, lautet leicht anders: „Glaubst du nicht, so hast du nicht.“ Wer an Jesus Christus glaubt, hat das große Los gezogen, den wertvollsten Schatz gefunden, hat ohne Geld das herrlichste Gut erworben. Darum fordert Luther auf: „Glaube an Christus, in dem ich dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit, Friede und Freiheit. Glaubst du, so hast du; glaubst du nicht, so hast du nicht.“
Der Predigttext für das Reformationsfest 2009 sind die so genannten Seligpreisungen im Matthäusevangelium. Wir haben sie vorhin als Lesung gehört. Ich möchte die Auslegung der ersten Seligpreisung vertiefen und rufe sie uns nochmals in Erinnerung. Sie lautet: „Selig sind, die geistlich arm sind, denn ihnen gehört das Himmelreich.“
Im Lukasevangelium findet sich diese Seligpreisung so ähnlich. Dort heißt es „Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich“. Matthäus ergänzt das Wort „geistlich“ vor arm. Beide Varianten dieser Seligpreisungen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beide, die Armen und die geistlich Armen werden im Neuen Testament selig gepriesen.
Beide Seligpreisungen sind merkwürdig, fast widersinnig. Seit wann ist Armut etwas Positives? Seit wann ist ein Mensch, der arm ist, glücklich oder gar selig. Luther hat dementsprechend eine seiner Predigten zu den Seligpreisungen überschrieben mit dem Titel „Der widersinnige Weg zur Seligkeit“. Er mag widersinnig scheinen. Aber es ist der einzige. Der Weg hat einen Namen. Er heißt Jesus Christus.
Passenderweise hat Luther besagte Predigt über die Seligpreisungen genau heute am 1.11.1519, also vor 490 Jahren gehalten[1]. Luther unterscheidet in dieser Predigt drei Arten der Armut und nimmt damit Matthäus und Lukas auf. Ich zitiere Luther:
„Selig sind die Armen. Dreierlei sind solche Armen …
Erstlich solche, die äußerlich, leiblich und an Gütern arm sind, ohne ihren Willen und vor den Menschen, nicht vor Gott.
Zum anderen solche, die reich sind an Gütern, aber einen Geist haben, der um Gottes willen zu allem bereit ist und nicht nach Gütern schielt. Solche (Menschen) haben als hätten sie nicht, stellen alles in Gottes Hand und sind bereit, es zu verlieren, ohn Leid zu tragen …“
Mit diesen zuletzt genannten Menschen meint Luther die Menschen, die Matthäus „geistlich arm“ nennt. Sie besitzen viel, aber ihr Besitz besitzt sie nicht. Sie sind frei, ihn so einzusetzen, wie es Gott gefällt.
Die dritte Form der Armen, die Jesus selig preist, sind daher – nach Luther – Menschen, die äußerlich und innerlich arm sind. Sie sind äußerlich arm aber hängen auch nicht an dem Geld, das sie nicht haben.
Wichtig ist nun, dass alle eben beschriebenen armen oder geistlich armen Menschen selig gepriesen werden, denn ihnen gehöre das Himmelreich. Ich gestehe, dass ich als Jugendliche und junge Erwachsene nicht verstanden habe, warum Jesus auch die äußerlich Armen selig preist. Dass er die selig preist, die es geschafft haben, sich vom Reichtum zu lösen, das habe ich gleich verstanden; denn das ist ja eine religiöse Leistung, wenn man sich von der Anziehungskraft des Reichtums lösen kann. Es hat lange gebraucht, bis ich verstehen konnte, warum im Lukasevangelium Jesus auch die selig preist, die einfach arm, mittellos sind.
Denken wir an die vielen Quellemitarbeitenden. Wir ahnen doch, was ihnen vorgeht. Nach wochenlangem quälendem Tauziehen - arbeitslos. Was nun? Hartz IV oder neue Arbeit aber viel schlechter entlohnt? Wir in unserer Gesellschaft im Niedriglohnbereich arbeitet, kommt sich oft ausgeschmiert vor. Die anderen sitzen in noblen Restaurants und tragen feine Kleidung – sie nicht. Doch auch hier gilt: Den Armen gilt die Seligpreisung. Jesus hat einen ganz anderen Blick auf Menschen und ihre Situation.
Warum?
Wenn Jesus solche Menschen selig preist, dann weil er weiß: Für Gott ist ihr Leben keinen Deut weniger wert, er achtet sie mindestens genauso; und vor allem: der Himmel steht gerade ihnen offen. Gott lädt sie ein, an seinem Festmahl im Himmel teilzuhaben.
Warum das? Weil unser Gott eine große Liebe – gerade zu den Armen – hat, und zwar zu Armen aller Ausprägungen. Er liebt die äußerlich Armen und die sich innerlich vom Reichtum frei gemacht haben. Wenn wir die Liebe Gottes gerade zu den Armen verstehen, dann verstehen wir auch, warum Jesus sie selig preist. Gottes liebevoller Blick ruht auf ihnen.
Das ist keine Vertröstung auf das Jenseits, sondern für das Leben im Diesseits eine unverlierbare Kraftquelle, die sicher hilft Schweres auszuhalten, aber auch mutig das eigene und das gesellschaftliche Leben zu gestalten.
Gäbe es eine Zeitschrift, in der Menschen abgebildet sind, auf denen im besonderen Gottes liebevoller Blick ruht, – wie anders sähen die Bilder aus als die Fotos in der Neuen Revue, in der Frau im Spiegel oder im Playboy. In der Zeitschrift Gottes wäre ein Mann, dessen Hosen abgewetzt sind, Kinder, denen die Tränen beim Hausaufgaben machen herunter laufen, weil sie nichts verstehen aber kein Geld für Nachhilfe da ist, eine Frau mit einem Einkaufskorb, die ihren Geldbeutel vor dem Verlassen der Wohnung noch einmal öffnet, um zu rechnen, wie viel sie ausgeben darf; da wären auch Reiche drin, die ihren Reichtum nicht zur Schau tragen müssen und daher wohl für die Medien unattraktiv wären. Die Bibel erzählt natürlich nichts von solch einer Zeitschrift Gottes, aber vom Buch des Lebens. Und darin stehen viele Namen, die in der Welt völlig unbekannt sind. Gott sind sie bekannt und das zählt; ihnen gehört das Himmelreich.
Selig sind die Armen, bzw. die geistlich Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich. Gehört uns das Himmelreich, gehören wir dazu? Ist diese Seligpreisung so zu verstehen, dass wir erst äußerlich oder zumindest innerlich-geistlich arm werden müssen, damit uns das Himmelreich gehört? Ist es also Voraussetzung, dass wir unser Geld hergeben oder zumindest uns innerlich vom Reiz des Geldes und des Reichtums jeder Art lösen, damit uns der Himmel offen steht? Ohne Mühe kein Lohn – wie auf Erden so im Himmel? Ohne Armut hier – kein Reichtum dort?
Lassen wir heute am Reformationssonntag nochmals Luther sprechen aus einer anderen Predigt über die Seligpreisungen, die er exakt 3 Jahre später, also wieder an einem 1. November gehalten hat.[2] In dieser Predigt sieht er die Seligpreisungen als Verheißungen. Ich zitiere: „Die Verheißungen (gemeint sind die Seligpreisungen) sind nicht hinzu getan als Verheißungen des Lohnes, den wir verdienen sollten, sondern als eine liebliche Reizung und Lockung, mit der uns Gott dazu lustig macht, fromm zu sein.“
Nicht nur die Werbung kann locken und uns Lust machen zu kaufen. Gott wirbt noch viel mächtiger, nämlich mit der ganzen Kraft seiner Liebe zu uns. Es geht ihm auch nicht um unseren Geldbeutel, sondern um uns selbst. Er möchte, dass wir unser Herz aufmachen für Christus. Er ist die Tür zum Himmel. Was sind alle Schätze der Erde gegen Christus und den Himmel, der uns offen steht? Gott macht uns Lust auf den Himmel.
Der Himmel gehört uns, nicht weil wir es geschafft haben, uns vom Reichtum der Erde zu lösen, sondern umgekehrt: Weil uns durch Christus der Himmel gehört, deshalb hat der Reichtum auf der Erde nur noch eine beschränkte Anziehungskraft.
Wer anfängt, vor Gott aufzuzählen, was ihm die Berechtigung verschaffen könnte, in den Himmel zu kommen, hat schon verloren. Geistlich arm sein bedeutet, alles von Christus zu erwarten. Er vergibt, er schließt die Tür zum Himmel auf und nimmt uns dort in Empfang. Er öffnet uns schon hier die Tür zu einem glücklichen Leben.
Frömmigkeit ist nicht die Voraussetzung in den Himmel zu kommen; sondern wer im Glauben an Jesus Christus darauf vertraut, dass er in den Himmel kommt, wird froh und wird fromm. Fröhliche Frömmigkeit ist – nach evangelischem Verständnis - immer eine Folge der Freude über Christus.
Wir werden auch nicht wirklich frei vom Sog, den die Werbung, das Geld und der Wohlstand auslöst, in dem wir Verzicht üben oder den Wohlstand schlecht machen. Ein Miesepeter und Kostverächter war weder Luther noch sollten wir es sein. Wie sollten Christen nicht genießen, was Gott ihnen schenkt. Christen schätzen den Wohlstand, aber überschätzen ihn nicht. Wir werden frei von ihm, indem sich unser Herz über Christus freut und über den Schatz, den wir in ihm haben.
Von der Anziehungskraft des Reichtums frei zu werden ist ein unüberbietbarer Gewinn. Es mehrt die Freude am Leben und ist der erste Schritt in die Kunst des Genießens.
Evangelische werden auch Protestanten genannt. Welch großer Protest gegen die Leitphilosophie in unserer Gesellschaft steckt in dieser ersten Seligpreisung. Eine der Grundursachen für unsere Wirtschaftskrise war die Mentalität des „Immer-mehr-haben-Wollens“ – immer mehr Zinsen, immer höhere Gewinne bei Aktiengeschäften. Die Spirale des Haben-Wollens ist grenzenlos und wird nie ihr Ziel erreicht haben. Auch wenn uns die Werbebranche dies professionell glauben machen will, lassen wir uns nichts vormachen. Selig sind wir nicht, wenn uns dies oder jenes Produkt im Schaufenster auch noch gehört, sondern wenn wir zu Jesus Christus gehören. Hier kommt unsere Sehnsucht nach Leben zum Ziel. Lassen wir uns nichts vormachen: Bleibend selig machen kann Geld nicht. Das kann nur der Glaube an Christus. Durch ihn steht uns das Himmelreich offen. Diese offene Tür am Ziel unseres Lebens verändert unser Leben auf dem Weg dorthin. Unser Leben bekommt Sinn und Ziel. Widersinnig erscheint das nur dem, der Christus noch nicht als größten Schatz seines Lebens liebt.
Protestieren wir dagegen, dass wir verschaukelt werden, als läge das Glück im Reichtum. Christen protestieren aber nicht nur gegen etwas. Sie protestieren für etwas. Sie bekennen: Unser größter Reichtum ist Christus. In diesem Protest liegt unsere größte Kraft zur Veränderung.
Wir bewegen uns auf das große Reformationsjubiläum im Jahr 2017 zu; denn im Jahr 1517 hat Luther seine berühmten 95 Thesen veröffentlicht. In der Lutherdekade, die wir bis dahin begehen, hat jedes Jahr ein anderes Motto. Für das Jahr 2009 heißt das Thema: „Reformation und Bekenntnis“. Dass Jesus Christus die Mitte unseres Glaubens ist, der alleinige Grund für die offene Tür zum Himmel und die einzig tragfähige Grundlage für ein glückliches Leben – dieses Bekenntnis trennt uns nicht mehr von unseren katholischen Mitchristen. Im Gegenteil, das führt uns zusammen; das glauben und bekennen wir gemeinsam. In diesem Sinne sind daher auch unsere katholischen Mitchristen Protestanten.
An diesem Wochenende feiern Evangelische und Katholische Kirche in Augsburg das 10-jährige Bestehen der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre gefeiert. Das Himmelreich gehört nicht der evangelischen oder katholischen Konfession, sondern den Menschen, die von Christus alles für ihr Leben erwarten, weil er sie reich macht.
Inmitten einer Gesellschaft, in der die Kaufkraft zählt, erzählen wir von der Glaubenskraft, die Christus uns schenkt. „Glaubst du, so hast du!“
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin