Predigt im Gottesdienst im Grünen am 6. Sonntag nach Trinitatis, dem 19. Juli 2009, auf der Burgruine Neideck
Predigt im Gottesdienst im Grünen
am 6. Sonntag nach Trinitatis, dem 19. Juli 2009
auf der Burgruine Neideck
Predigttext Matthäus 28, 16-20
Liebe Gemeinde,
wir haben den Predigttext vorhin schon in der Evangeliumslesung gehört. Nachdem ich Ihren Dekanatsbezirk vor drei Wochen kennengelernt habe, vermute ich, dass einige von Ihnen den im Predigtext enthaltenen Taufbefehl sogar auswendig kennen. Ich wiederhole ihn noch einmal. Wer will kann ihn gerne mitsprechen:
„Christus spricht: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.
Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Dieses Bibelwort wird nicht nur „Taufbefehl“ genannt, sondern auch „Missionsbefehl“. Eigentlich aber ist es nicht nur ein Befehl, sondern der Befehl – oder sagen wir lieber der Auftrag oder das Sendungswort – ist gerahmt von zwei eindrücklichen Zusagen.
Die erste Zusage, die Christus gibt und die vor dem Auftrag steht, lautet:
„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Das Wort „Gewalt“ in unserer Lutherübersetzung ist missverständlich. Denn mit Gewalt verbinden manche genau das, was nicht gemeint ist. Die Macht, die Christus hat und ausübt, kommt gerade ohne jede Gewalt aus. Es ist die Macht des Wortes und der Liebe. Mit dieser Macht der Liebe geht Jesus sogar so weit, dass er sich nicht wehrt und sich ans Kreuz schlagen lässt. Seinen Jüngern mutet er zu „wenn Dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann biete ihm auch die Linke dar“. Wenn einer so gewaltlos zu leben vermag, dann ist das freilich etwas Gewaltiges. Die Ohnmacht der Liebe Christi kann gerade durch die Gewaltlosigkeit uns Menschen und unsere Beziehungen gewaltig verändern.
„Davon, dass Christus alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist – davon sehe ich aber nichts“, mag der eine oder andere hier sagen. „Geld regiert die Welt. Die Wirtschaftkonzerne haben Macht. Diktatoren üben ihre Gewalt schamlos aus.“
Ja, das stimmt. Christus würde dem sicher nicht widersprechen. Aber er lehrt uns erahnen und glauben, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt und er lehrt sie uns zu sehen.
Als die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland förmlich in sich zusammenfiel im Jahr 1989, also vor 20 Jahren, muss einer der Machthaber der DDR gesagt haben: „Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten.“
Bewegend hat der frühere Dekan von Saalfeld-Rudolstadt, der spätere Oberkirchenrat Große erzählt von einem der entscheidenden Abende kurz vor der Grenzöffnung: Die Kirche war voll. Der Abendgottesdienst hatte schon begonnen, da war ihm zugeflüstert worden, dass die Stadt voller Militärs sei und in den Turnhallen alles vorbereitet sei mit Feldbetten und Blutkonserven für den Kampf, der wohl an diesem Abend kommen werde. Die Menschen in der Kirche wussten von nichts, auch wenn viele die Spannung in der Luft spürten. Sie sangen und beteten. Da ging plötzlich das Licht aus. Ein Schuss fiel – wahrscheinlich um eine Panik auszulösen. Die Pfarrer baten still zu bleiben und zu beten. Minutenlange Dunkelheit, minutenlanges stilles Gebet. Dann ging das Licht wieder an. Der Gottesdienst wurde fortgesetzt. Mit Kerzen verließen die Menschen die Kirche.
Liebe Gemeinde, wenn das kein Machtkampf war! „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Die Mittel, die wir Christen haben, das Gebet, das Singen, die Gemeinschaft mit Christus und untereinander, das Wort, unsere Sakramente – sie werden immer stärker sein und bleiben als Faustschläge, Gewehrkugeln und als jede Form der Unterdrückung.
Beschönigen brauchen wir nichts. Es sind Machtkämpfe, damals vor 20 Jahren in großer umstürzender Weise, und manchmal bei uns im Kleinen in der Verwandtschaft, in den Ehen, auf den Schulhöfen, in den Betrieben, auch in uns, ob wir nicht doch lieber Druck mit Gegendruck beantworten sollen.
Beschönigen brauchen wir nichts; denn so gut wie vor 20 Jahren geht es nicht immer aus. Dass Christus der Herr der Welt ist, der Herr aller Herren, dem alle Gewalt gegeben ist, das ist manchmal ein Glauben gegen den Augenschein, gegen das unmittelbare Erleben. Paulus und Petrus sind hingerichtet worden. Dass wir heute noch von ihnen reden und lesen hätten sie selbst wohl nicht erahnt. Diese gewaltige Macht der Liebe und des Vertrauens auf Christus setzt sich auf stille Weise durch. Aber sie setzt sich durch.
Sie soll sich durch uns durchsetzen; denn an diese Zusage: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ schließt sich der so genannte Tauf- und Missionsbefehl an:
„Darum“ – weil mir alle Macht gegeben ist – „gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe.“
„Damit sind die Pfarrer gemeint, wir nicht“, denken manche, „denn taufen dürfen wir ja gar nicht und lehren auch nicht“. Weit gefehlt! Zwar sind die elf Jünger angesprochen. Doch sie sollen alle Völker zu Jüngern machen. D.h. der Begriff des Jüngerseins wird hier generalisiert auf alle Menschen, die getauft und gelehrt sind. Wir sind – gemäß unserem Bibelwort – Jünger und sind ebenfalls gesandt, andere zur Jüngerschaft einzuladen. Außerdem haben wir alle gelernt, dass jeder von uns in Notsituationen taufen darf. Viele Hebammen, Mütter und Väter haben das schon getan, weil sie wollten, dass die vom Tod bedrohten Kinder zu Jesus Christus gehören. Kinder zur Taufe bringen ist ebenfalls Teil des Taufgeschehens. Luther hat den Kleinen Katechismus geschrieben, damit Mütter, Väter, Patentanten und Patenonkel die ihnen anvertrauten Kinder lehren. Der Missionsbefehl sendet uns.
Manche mögen zurückschrecken vor dem Wort „Mission“, weil in der Geschichte des Christentums Mission als Eroberung und Evangelisierung als Kolonialisierung missverstanden und missbraucht wurde. Dabei wurde nicht bedacht, wer uns Menschen sendet. Mission heißt ja nichts anderes als „Sendung“. Christus, mit seiner gewaltlosen Liebe, sendet uns. Wer mit Druck oder Manipulation meint für Christus missionieren zu können, bewegt sich wie ein Geisterfahrer auf der falschen Spur. Doch Mission, d.h. andere zur Jüngerschaft einzuladen, gehört zur Kernbewegung unseres Glaubens. Wer erfasst ist von der Liebe Jesu Christi, von der Dankbarkeit über die Vergebung, von der Freude des ewigen Lebens, der empfände es als lieblos, wenn er davon schweigen würde.
Ich habe mich bei meinem Besuch hier im Dekanatsbezirk Muggendorf vor drei Wochen sehr gefreut über Ihre Gemeinden. Ich habe eine gewachsene fröhliche Frömmigkeit wahrgenommen. Es war eine Freude, wie auch politisch Verantwortliche zu ihrem Glauben an Christus stehen und aus dem Glauben Kraft für ihr politisch verantwortungsvolles Amt gewinnen. Der Chor in Unterleinleiter hat ein missionarisches Lied gesungen und der Posaunenchor hat ein Stück gespielt, das von der Macht des Gebets handelt. Wie gut, dass in Ihren Gemeinden, der Glaube so fröhlich und einladend ist.
Doch, liebe Mitchristen, auch hier möchte ich nichts beschönigen. Manche haben mir auch erzählt, wie sehr es sie schmerzt, dass auch hier der Traditionsabbruch um sich greift. Da sind Kinder getauft, aber das Lehren, das Einüben in den Glauben, funktioniert nicht mehr so richtig. Es tut manchen Müttern und Vätern unendlich weh, wenn sich ihre Kinder anders entwickeln und ihnen Geld, Klamotten, Outfit wichtiger sind als Gott, Gebet und Gemeinde.
Liebe Mitchristen der mittleren und älteren Generation: Christus spricht „mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“. Diese Zusage gilt auch, wenn wir meinen, mit unserer christlichen Kindererziehung zu scheitern. Geben wir nicht auf, und vor allem beten wir für unsere Kinder, Patenkinder und Enkel.
Liebe Jugendliche und junge Erwachsene, ich bitte auch Euch, dass ihr diese Aufgabe, andere zur Jüngerschaft einzuladen, annehmt. Eure Freunde und Eure Geschwister nehmen in manchen Situationen von Erwachsenen wirklich nichts mehr an, sondern von Euch viel mehr. Steht dazu, dass ihr betet und in den Gottesdienst geht. Sagt den anderen, was Ihr glaubt und von Christus wisst. Christus sendet auch Euch.
Der Evangelist Matthäus geht davon aus, dass wir in eine Lehr- und Lerngemeinschaft hineingetauft sind, in der wir von einander lernen und – manchmal sogar ohne, dass wir es merken – für andere zu Lehrern und Lehrerinnen im Glauben werden. Wichtig ist nur, dass wir diesen Sendungsauftrag von Christus annehmen, damit die Jüngerschaft sich fortpflanzt und alle Menschen erfahren, wie gut es ist, an Christus zu glauben. Traditionsabbruch wird nur verhindert durch bewusste Traditionsweitergabe und Traditionspflege.
In der Vergangenheit war nicht alles besser. Der Blick ins Mittelalter belehrt uns eines Besseren. Haben wir für unsere Kirchengemeinden keine Angst für die Zukunft, denn in ihnen ist die Kirche Jesu Christi lebendig, um die Christus sich selbst kümmert. Uns gilt die Zusage, die auf die Sendung folgt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ Der, dem alle Macht gegeben ist, verspricht uns, bei uns zu sein, in unserem Leben und in unseren Gemeinden.
„Ich bin bei Euch alle Tage“, mit diesen Worten segnet Christus seine Jünger. Diesen Segen nehmen wir in jedem Gottesdienst auf in dem Gruß „der Herr sei mit Euch“ und der Antwort „und mit Deinem Geist“, den Pfarrer und Gemeinde im Gottesdienst einander zukommen lassen: Wir segnen da einander und ersehnen Gegenwart Christi und Begleitung füreinander. „Der Herr sei mit Euch“ – „und mit Deinem Geist“ – mit diesem Wechselsegen beginnen viele unsere Gottesdienste. Vor dem Abendmahl, in dem wir die Gegenwart Jesu bei uns feiern, sprechen wir ihn, und vor dem Schlusssegen, bevor wir auseinander gehen, auch.
Wir werden jetzt gleich Abendmahl feiern. Dass wir zu Christus gehören und in einer Jüngergemeinschaft verbunden sind zeigt sich nirgendwo sinnenhafter als im Abendmahl. Wir glauben, dass die Zusage „Ich bin bei Euch“ auch durch das Abendmahl wahr wird. Dazu segnen wir vorher einander und wünschen einander: „Der Herr sei mit Euch“ – „und mit Deinem Geist“.
Ebenso bevor wir auseinander gehen. Jeder Gottesdienst endet mit „Sendung und Segen“. Denn auch am Ende des Gottesdienstes grüßen wir einander mit diesem Wechselsegen und werden wir vor dem Schlusssegen gesandt mit den Worten: „Geht im Frieden des Herrn“. Gemeint ist nicht primär, dass wir friedlich aus dem Gottesdienst gehen sollen, sondern in die Welt. Jeder Schluss eines Gottesdienstes nimmt im Kern den Missionsbefehl auf: Wir sind in die Welt gesandt. Der Friede unseres Herrn wird uns begleiten. Gott segnet uns am Ende des Gottesdienstes für alles, was wir für unser Leben brauchen und er segnet uns zum Dienst als Jünger und Jüngerin in dieser Welt. Denn er braucht auch uns.
„Der Herr sei mit Euch“! So sei es, wenn wir nun Abendmahl feiern und wenn wir dann auseinander gehen – als seine Jünger und Jüngerinnen, die er sendet und segnet.
Amen.
Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin