Predigt im Gottesdienst zum 40-jährigen Frauenkreisjubiläum in Gestungshausen am 8. November 2009
Gottesdienst zum 40-jährigen Frauenkreisjubiläum
am 8. November 2009
in der Matthäuskirche zu Gestungshausen
Predigttext: 4. Mose 27, 1-7
Gnade sei mit Euch und Friede, von dem, der da war, der da ist und der da kommt.
Liebe Gemeinde in Gestungshausen!
Liebe Frauen und liebe Männer!
Dass die Frauen des Frauenkreises sich den Text aus 4.Mose 27 ausgewählt haben für die Gedanken, die sie im Gottesdienst einbringen wollten, hat mir ausgesprochen gut gefallen. Dieses Bibelwort kommt in unserer Ordnung der Predigttexte nie vor. Über ihn haben Sie wahrscheinlich noch nie eine Predigt gehört; jedenfalls habe ich noch nie eine dazu gehalten. Warum bei solch einem besonderen Anlass nicht auch solch einen besonderen Text zur Grundlage der Predigt nehmen. Sie haben die Geschichte vorhin schon gehört. Ich lese uns nochmals die Verse 1-7 aus dem 4. Mosebuch, Kapitel 27.
Textlesung:
Und die Töchter Zelofhads, des Sohnes Hefers, des Sohnes Gileads, des Sohnes Machirs, des Sohnes Manasses, von den Geschlechtern Manasses, des Sohnes Josefs, mit Namen Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza kamen herzu
und traten vor Mose und vor Eleasar, den Priester, und vor die Stammesfürsten und die ganze Gemeinde vor der Tür der Stiftshütte und sprachen:
Unser Vater ist gestorben in der Wüste und war nicht mit unter der Rotte, die sich gegen den Herrn empörte, unter der Rotte Korach, sondern ist um seiner eigenen Sünde willen gestorben und hatte keine Söhne.
Warum soll denn unseres Vaters Name in seinem Geschlecht untergehen, weil er keinen Sohn hat? Gebt uns auch ein Erbgut unter den Brüdern unseres Vaters.
Mose brachte ihre Sache vor den Herrn.
Und der Herr sprach zu ihm:
Die Töchter Zelofhads haben recht geredet. Du sollst ihnen ein Erbgut unter den Brüdern ihres Vaters geben und sollst ihres Vaters Erbe ihnen zuwenden.
Frauen haben einen Platz in der Gemeinde. Das ist das Motto unseres Gottesdienstes. – Ja, ist denn das keine Selbstverständlichkeit, dass Frauen einen Platz in einer Kirchengemeinde haben? Doch schon! Aber oft ist es ein Problem, dass wir z.B in unseren Ehen und Familien gute Selbstverständlichkeiten nicht mehr zum Ausdruck bringen. Es ist eigentlich selbstverständlich, dass Vater den Rasen mäht, es ist selbstverständlich, dass Mutter kocht, es ist selbstverständlich, dass Oma während der Hausaufgaben bei den Enkeln ist. Es mag selbstverständlich sein und doch ist es so wohltuend, das Selbstverständliche extra zu erwähnen und dafür auch mal danke zu sagen oder auszudrücken, dass es gut ist. Es ist gut, dass Frauen einen Platz in der Kirchengemeinde haben. So soll es immer sein.
Der Gottesdienst – so auch heute – ist der Platz in der Gemeinde, an dem immer alle willkommen sind, Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder. Darüber hinaus hatten und haben die Frauen der Kirchengemeinde Gestungshausen mit ihren vielen Dörfern einen Ort, der nur für Frauen da war und ist, den Frauenkreis. Als ich hier wohnte als Ehefrau des Gestungshäuser Vikars und dann als Vikarin in Sonnefeld, war ich selbst einige Male im Frauenkreis mit dabei. Unvergessen ist mir das Lied über Stadt- und Landfrauen, das wir sangen unter entsprechender Verkleidung als Stadt- oder Landfrauen. Der Frauenkreis war ein Platz, an dem ich selbst gerne war.
Dass die fünf Frauen der biblischen Geschichte einen ihnen angemessenen Platz bekamen, war alles andere als selbstverständlich. Dazu musste erst eine uralte Tradition gebrochen werden. Bis dahin durfte Erbland nur an männliche Nachfahren gehen. Wenn kein Sohn in der ersten Erbfolge da war, sondern nur eine Tochter, dann bekam die Tochter nichts, sondern die Brüder des Verstorbenen wurden bedacht. Unsere alttestamentliche Geschichte erzählt nun von einer großen Veränderung dieser uralten Tradition. Das finde ich faszinierend. Ziemlich sicher haben wir es hier mit einer historischen Begebenheit zu tun; das Geschlechtergefüge im Erbfall wandelt sich und unsere Bibel erzählt davon.
Sehr konservative Kräfte in den christlichen Kirchen pochen oft darauf, dass das Verhältnis der Geschlechter in der Bibel völlig klar sei. Die Frau hat dem Mann untertan zu sein. Sie schweige in der Gemeinde und so weiter und so weiter. Die vielen Texte der Bibel sind geschrieben in einer Zeitspanne von ca. 1000 Jahren. Viele verschiedene Formen des Miteinanders der Geschlechter finden sich in der Bibel.
Ein für alle Seiten zufriedenstellendes Geschlechterverhältnis ist ein hohes Kulturgut. Situationen und Lebensbedingungen verändern sich. Welche Rechte, welche Rolle von Männern und Frauen als zufriedenstellend empfunden wird, wandeln sich mit der Zeit. Das muss uns auch keine Sorge bereiten. Hier an dieser Geschichte wird aber deutlich, dass die Bibel selbst Zeuge dessen ist, dass sich das Gefüge der Geschlechter wandeln kann und manchmal wohl sogar soll.
Die fünf Frauen wollten bestehende Regelungen nicht mehr akzeptieren, sie empfanden sie als ungerecht. Es gab nur zwei Möglichkeiten, entweder die Regelungen passen sich an, oder die Frauen passen sich an, ob sie wollen oder nicht. Es ist faszinierend, dass Mose als alter Patriarch nicht automatisch verlangt, dass die Frauen sich anpassen, sondern wahrnimmt, dass bestehende Regelungen überdacht werden müssen.
Liebe Männer der Kirchengemeinde Gestungshausen; das ist wohl keine ungewohnte Situation für Sie, dass Frauen Forderungen haben können. Ich kann mir sogar vorstellen, dass der Frauenkreis durchaus auch manches Bewusstsein der Frauen über ihre Rechte oder Wünsche gefördert haben könnte. Da ich Gudrun Wurmthaler als damalige Leiterin des Frauenkreises schätzen gelernt habe und den Frauenkreis erlebt habe, meine ich, dass dies nicht aus der Luft gegriffen ist. Die fünf Frauen in der Geschichte haben sich sicher wechselseitig in ihrer Meinung, dass sie berechtigte Wünsche haben, bestärkt. Im Frauenkreis waren es weit mehr als fünf. Männer haben ihre Stammtische und ihre Sportvereine; das stützt auch. Vermutlich reden Frauen aber, wenn sie untereinander sind, sehr viel mehr von sich selbst, ihren Gefühlen und dem, was sie wirklich bewegt. Zumindest ist und war ein Frauenkreis wie dieser ein Platz dafür. Das hat die Frauen in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt. Es hat sie sprachfähiger gemacht für ihre Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche. Es ist zu vermuten, dass das für manche Männer auch nicht immer einfach war.
Und liebe Frauen in der Gemeinde, Sie können sich sicher in diese fünf Frauen gut hineinversetzen. Ich kann mir vorstellen, dass sie auch Zweifel hatten, ob sie berechtigt sind, solche Forderungen zu stellen. Manche von ihnen hatten vielleicht Mut nach außen aber Zweifel nach innen. Wer kommt sich nicht merkwürdig vor, wenn er Forderungen für sich erhebt. Frauen können gut Forderungen für andere erheben, für ihre Männer und besonders gut für die eigenen Kinder – aber für sich fällt ihnen das oft schwer. Auch für diese fünf Frauen war es nicht einfach – aber es war notwendig für sie und für die folgenden Generationen von Frauen.
Für Mose war es auch nicht einfach. Mindestens so faszinierend wie die biblisch dokumentierte Schilderung des Traditionswandels ist für mich, was Mose in dieser Situation tut. Mose hört sich die Forderungen der fünf Frauen an, schiebt sie nicht weg, sondern es heißt „Mose brachte ihre Sache vor den Herrn“. Mose wird uns geschildert als ein betender Mensch. Vielleicht kennen Sie die Geschichte, in der das Volk Israel kämpft, und Mose kämpft nicht mit, sondern betet. Der Kampf dauert so lange, dass er seine Hände nicht so lange zu Gott empor heben kann. So werden Stützen hergestellt für seine Arme, damit er weiterbeten kann. Mose nimmt nun die Forderungen der Frauen in sein Gebet. Er erzählt Gott davon und überlegt im Angesicht Gottes, was da wohl richtig sei.
Es heißt dann: Und der Herr sprach zu ihm: die Töchter Zelofhads haben recht geredet. Du sollst ihnen ein Erbgut unter den Brüdern ihres Vaters geben und sollst ihres Vaters Erbe ihnen zuwenden. Ich weiß nicht, ob Mose wirklich Gott reden gehört hat. Es gibt Menschen, die haben nicht nur Visionen, sondern auch Auditionen; also sie hören Stimmen und sind doch nicht verrückt. Ob das bei Mose so war? Ich weiß es nicht und will es gar nicht ausschließen, denn er war in besonderer Weise mit Gott verbunden. Ich kann mir auch vorstellen, dass er diese Sachfrage betend Gott erzählte, sich der Gegenwart Gottes bewusst war und sozusagen im Bewusstsein der Nähe und Gegenwart Gottes über die Sache nachdachte. In Gott sind verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis, weiß auch Paulus. Gott zu suchen, nicht um sich selbst zu bestätigen, sondern um durch seine Weisheit weise zu werden, mag für manche als ein Umweg in der Entscheidungsfindung empfunden werden. Es ist sicher der direkteste Weg zum Frieden mit Gott, mit sich und anderen. Offensichtlich hatten die Frauen, bevor sie einen Platz im Volk Israel bekamen, schon lange einen Platz im Herzen Gottes.
Dass Menschen im Gebet Klarheit erhalten, über das, was sie tun sollen, ist nun wirklich keine Seltenheit. Im Gegenteil; ich bin mir sicher, dass viele fromme Staatsmänner und Staatsfrauen wichtige Fragen mit ins Gebet nehmen und ihre Meinung und Überzeugung im Gebet reift.
Nachdem nun Gott mit Mose damals schon den Frauen mehr Rechte einräumte und dieser Prozess zwar mit mancher Verzögerung aber doch in der Geschichte des Judentums und Christentums weitergegangen ist, kommen eben auch immer mehr Frauen in diese Rolle, die Mose damals hatte, Entscheidungen für eine politische Gemeinde, einen Bezirk oder gar ein Land treffen zu müssen. In der Kirchengemeinde Gestungshausen ist das auch so, dass Frauen im Kirchenvorstand sitzen und die Weichen für die Gemeinde mit stellen müssen; denn der Kirchenvorstand leitet zusammen mit dem Pfarrer bzw. der Pfarrerin die Gemeinde. Auch im Kirchenvorstand haben Frauen inzwischen einen selbstverständlichen Platz, wie gut.
Doch nicht nur in der Leitung eines Gemeinwesens, fast jeden Tag im Leben, müssen wir alle, ob Männer oder Frauen, Mädchen oder Jungen, Entscheidungen treffen in Schule und Freundeskreis, Beruf und Familie. Entscheidungen sind nicht immer einfach; sie haben manchmal schwerwiegende Konsequenzen.
Wie treffen wir schwierige Entscheidungen? Heute, von unserer Warte können wir sagen, dass Mose seine schwierige Entscheidung richtig getroffen hat. Nicht nur das Ergebnis war richtig, sondern auch der Weg dorthin. Ich bin – für die fünf Frauen – dankbar, dass Mose seine Entscheidung im Licht Gottes reifen ließ. Mose kann hier Vorbild sein für Männer wie Frauen.
Vorbild freilich sind auch die fünf Frauen, die den Mut hatten, dem politischen und geistlichen Leiter ihr Anliegen darzustellen. Hätte es nicht im Laufe der Geschichte – in politischen und in religiösen Zusammenhängen Menschen – wie diese fünf Frauen – gegeben, dann hätte sich nichts weiterentwickelt und Frauen würden heute noch nicht lesen können. Es ist eine hohe Kunst, Missstände so zu benennen, dass die Reklamation nicht zur Abwehr führt, sondern zum Nachdenken – und sogar zum Nachdenken vor Gott. Die fünf Frauen konnten das wohl. Es ist anzunehmen, dass sie ihre Kritik begründet vortragen konnten. Das Ergebnis gibt ihnen Recht. Eine Tradition wird verändert; sie sehen Land und bekommen Land.
Wir haben es hier mit einer biblischen Mutmachgeschichte zu tun. Sie macht Mut, Missstände beim Namen zu nennen, sie macht Mut, anstehende Entscheidungen im Gebet vor Gott zu bedenken, sie macht Mut, Veränderungen von Traditionen nicht nur als Verlust zu sehen, sie macht Mut, Gott zu vertrauen, der allein weise ist, und der weiß, dass wir Orte brauchen, an denen wir leben können. In seinem Herzen haben wir alle einen Platz und darum auch in der Gemeinde.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin