Predigt im Gottesdienst zur Fusion der Dekanatsbezirke Kronach und Ludwigsstadt in der St.-Michaelis-Kirche in Ludwigsstadt
Gottesdienst zur Fusion der Dekanatsbezirke Kronach und Ludwigsstadt
am 10. Januar 2010
in der St.-Michaelis-Kirche in Ludwigsstadt
Predigttext: Römer 12, 4-8
Votum: Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater durch unseren Herrn Jesus Christus.
Gem: Amen.
Liebe Gemeinde,
„So sind wir, die vielen, ein Leib in Christus. Als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören.“
Das Bibelwort, das durch die Ordnung der Predigtexte, für den heutigen Sonntag vorgesehen ist, könnte passender kaum sein. Ich habe es also nicht ausgewählt, sondern als vorgegebenes Wort gerne angenommen. Unser Predigtwort steht im Römerbrief, c. 12. Ich lese die Verse 4-8:
„Wie wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder denselben Dienst leisten, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören. Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Hat einer die Gabe prophetischer Rede, dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben; hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre; wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken; wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig.“
Liebe Gemeinde,
unser Bibelwort führt nicht zu der platten Aussage: „Seht Ihr, bei Paulus steht es auch schon, dass die Einheit der beiden Dekanatsbezirke gut ist“. Meine Predigt ist nicht dazu da, schön zu reden, was für manche nicht schön ist: das Ende zweier selbständiger Dekanatsbezirke und die Fusion zu einem neuen Kronach-Ludwigsstadt.
Für manche unter uns ist heute ein eher schmerzlicher Tag. Der Zusammenschluss der Dekanatsbezirke schlägt vor allem für Gemeindeglieder aus dem bisherigen Ludwigsstädter Dekanat in eine Kerbe, die in den vergangenen Jahren ständig vertieft wurde: Hier oben im Norden Frankens ist die Landflucht größer als andernorts. So gut die Grenzöffnung war und ist, sie hat doch Arbeitsplätze gekostet. Die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben hier. Dadurch sinkt die Zahl der Geburten. Die Bevölkerungszahlen gehen deutlich zurück. Mit den Menschen gehen Ärzte und Schulen, der Sitz des Amtsgerichts wurde aufgegeben und nun auch noch der Dekanatssitz in Ludwigsstadt.
Dabei hatte es Hoffnungen geweckt, dass ein neuer Dekan hier durch den Regionalbischof mit ermutigenden Worten eingeführt worden war, und der Landesbischof zu verstehen gab, dass er die Fusion nicht betreibe. Dann kam alles anders. Durch die Umverteilung kirchlicher Mittel nach einem transparenten für alle geltenden Schlüssel zeigte sich mehr und mehr, dass die Tage der Eigenständigkeit als Dekanatsbezirk gezählt sind. Die Enttäuschung war oder ist bei vielen groß.
Aus Perspektive der Ludwigsstädter sieht es fast so aus, als gewänne das Kronacher Dekanat etwas, nämlich den nördlichen Teil des Landkreises. Aber auch die Kronacher geben die Eigenständigkeit auf. Nach diesem Tag gibt es keinen Dekanatsbezirk Kronach und keinen eigenen stellvertretenden Dekan mehr, denn nun vertritt Dekan Voss. Überhaupt soll der Stellvertreter immer in Ludwigsstadt sitzen.
Wenn man so will, verlieren alle etwas.
Gibt es auch einen Gewinn? Viele können das inzwischen so sehen: Beide Dekanatsbezirke haben eine zukunftsfähige, tragfähige Struktur gewonnen. Die Strukturdebatten sind zu Ende – sie wären bei faulen Kompromissen sonst jahrelang weitergeführt worden. Nun muss die Kraft nicht mehr in mühsame Diskussionen über Rahmenbedingungen gesteckt werden. Nun kann der neue Rahmen mit Leben gefüllt werden. Man kann sagen, dass die zwei Pfarrkapitel in den letzten Jahren zusammengefunden haben und kein Zweifel besteht, dass auch die Dekanatsausschüsse und die Dekanatssynoden gut zusammenarbeiten wollen und auch werden.
Bei allen Nachteilen, die ich nicht verschweige oder zudecke, möchte ich keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass ich den Zusammenschluss für richtig halte. Er ist vernünftig. Die Vorteile wiegen in meinen Augen mittelfristig schwerer als die Nachteile. Ich danke allen, die Signale für das Zusammenwachsen gesendet haben und gerade auch denjenigen, denen es Überwindung kostet, solche Signale zu senden und die es doch getan haben oder in Zukunft tun werden.
Der Prozess hatte zweifellos seine Stolpersteine. Manche Schritte und manche Worte waren ungut. Dass es in solch einem Prozess nie ohne Fehler und Verletzungen abgeht, ist eine Allerweltsweisheit. Sie befriedigt nicht, und muss uns Christen, Gott sei Dank, auch nicht befriedigen, weil Christen nicht aus Allerweltsweisheiten, sondern aus der Versöhnungsbotschaft des Kreuzes ihr Leben gestalten. Deshalb bat Senior Wiederanders heute zu Beginn des Gottesdienstes, dass alle, die in diesem Prozess verletzt worden sind, denen vergeben, denen sie etwas nachtragen. Auch und gerade für uns selbst ist es heilsam, wenn wir unsere Enttäuschungen ans Kreuz hängen und dem abgeben, der sterbend allen vergeben hat, selbst denen, die ihn willentlich geschlagen hatten. Aus dem Vergeben wird Segen für das eigene Leben und das anderer Menschen wachsen; das ist ganz gewiss.
Wir nehmen, wenn wir auf das Kreuz Christi blicken und von dort wieder auf uns hier, eine neue Perspektive ein. Beim Blick aufs Kreuz wird deutlich: Strukturen sind für die Kirche dieses Herrn nicht das Wichtigste. Es ist ja eher das Problematische solcher Prozesse, dass sie uns manchmal als das Wichtigste der Welt erscheinen. Das Wichtigste aber ist, dass wir als Kirche die Botschaft von Christus als dem Licht der Welt weitertragen.
Die Ludwigsstädter Kirche ist so wunderschön geschmückt, sogar mit echten Kerzen am Weihnachtsbaum! Der Schmuck dieser Kirche ist ein sprechendes Zeichen, dass wir an Christus als Licht unseres Lebens und der Welt glauben. Für die Verkündigung dieser guten Botschaft sind die Strukturen da und nicht umgekehrt. Dafür sind sie wichtig. Ob wir heute einen Grund zu feiern sehen oder nicht: gemeinsam feiern wir Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Er ist unsere Mitte. Er verbindet uns. In Christus „sind wir, die vielen, ein Leib. Und genau das sagt unser Predigtwort.
Gemeinschaft und Einheit unter Christen ist kein Strukturprodukt, es ist Wirkung des Heiligen Geistes. Aber diese durch den Glauben an Jesus Christus geschaffene Einheit ist die eigentliche und wesentliche und sie kann in ganz verschiedenen Strukturen gelebt werden. Nicht sola struktura ist unser Bekenntnis, sondern solus christus.
Strukturen bauen nicht die Kirche Jesu Christi und unser Einsatz für oder gegen sie auch nicht. Sie sind vergänglich. Bad Steben war einmal Dekanatssitz und Seibelsdorf bis 1925. Wir gewinnen als Christen unser Selbstbewusstsein und unsere Beständigkeit nicht aus Strukturen, sondern aus unserer Verbundenheit mit dem einen Herrn. Luther wusste: „Wir sind es doch nicht, die die Kirche erhalten, unsere Väter waren es nicht und unsere Kinder werden es nicht sein. Sondern der allein ist es, der die Kirche erhält, unser Herr Jesus Christus, der gesprochen hat: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Diese Kirche, die Christus selbst baut und erhält, ist weder identisch mit einer Landeskirche, einem Dekanatsbezirk noch mit einer Kirchengemeinde. Die weltweite Christenheit ist sein Leib und wenn zwei oder drei Christen zusammenkommen zum beten, dann sind sie auch sein Leib. Immer wenn Christen zusammenkommen und Gottes Geist in ihrer Mitte ist, so wie auch bei uns jetzt, dann zeigt sich sein Leib, dann wird er anschaulich und erfahrbar.
Wir, die wir hier in dieser Kirche sind, ob wir aus Küps kommen, aus Weißenbrunn, Lauenstein, Steinbach am Wald und wie alle Gemeinden des neuen Dekanatsbezirks heißen, oder aus Bayreuth, wir gehören zusammen, weil wir zu Christus gehören. Insofern ist die durch Christus gewirkte Einheit eine große heilsame Relativierung aller Fusionen.
Trotzdem können uns Rahmenbedingungen nicht egal sein. Wir müssen uns um sie kümmern und sie in ihrer Bedeutung ernst nehmen. Der Leib Christi ist zwar zweifellos ein Geistgeschehen. Doch so wie Gott leiblicher Mensch geworden ist und dazu den Stall benutzt hat, so kommt Christus auch durch uns Menschen in diese Welt und gebraucht Strukturen und Gebäude. Der Leib Christi zeigt sich inmitten von Versammlungen fehlbarer Menschen inmitten von sanierungsbedürftigen Gebäuden und umstrittene Strukturen und heiligt sie durch seine Gegenwart.
Gott will in ihnen wirken. Mit dieser Hoffnung arbeiten wir an ihnen und in ihnen. Wir halten uns zu dieser verfassten Kirche mit ihren Dekanatsbezirken und vor allem ihren Kirchengemeinden, weil wir vertrauen, dass Christus in ihr seine Kirche baut und sein Leib in ihr lebt.
Gehen wir mit unserem Bibelwort noch einen letzten Schritt weiter:
„Denn wie wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder denselben Dienst leisten, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören.“
Ich füge ein Lutherzitat hinzu:
„Niemand hat alle Gaben, Ämter, Tugenden. So muss an einem jeglichen Christen etwas sein, was da mangelt. Darum hat es Gott so geordnet, dass einer dem anderen diene. Kein Glied verrichtet seinen Dienst durch sich selbst. Die Augen könnten nicht sehen, wenn sie nicht aufgeschlagen würden. Der Magen verdaute nicht, wenn der Mund ihm nicht Speise verschaffte … usw., sondern jedes Glied dient dem anderen. Und gerade das am allerwenigsten geachtete ist am allernotwendigsten. Ebenso ist es im Christenvolke.“
Auch dieser Gottesdienst lebt davon, dass wir unsere Gaben einbringen und voneinander annehmen. Ich predige, aber was wäre die Predigt wenn Sie nicht zuhören würden? Der Dekanatskantor spielt den Choral auf der Orgel, aber wie wäre das, wenn wir alle nicht sängen? Was wäre das für ein Gebet, wenn da einer am Altar Worte spräche und wir alle beteten im Stillen nicht mit? Vielleicht haben Sie auch im Stillen für den Segen dieses Gottesdienstes gebetet oder tun es noch; und dieser Gottesdienst – auch mein Dienst –lebt davon. Nachher am Ausgang werden viele etwas einlegen und anderen wird dadurch geholfen. Auch dieser Dienst des Gebens wird von Paulus als Gabe des Heiligen Geistes erwähnt. Der Leib Christi lebt davon, dass die Glieder zusammenkommen und sich einbringen miteinander und füreinander.
Unser Predigttext drückt das sehr stark aus: „Wir sind Glieder, die zueinander gehören.“ Als Christen sind wir uns nie selbst genug, sondern suchen die Gemeinschaft mit anderen und gewinnen aus ihr Kraft. Die grundlegendste aller Gaben, die der Heilige Geist in uns gewirkt hat ist, dass wir uns zur Gemeinschaft der Glaubenden halten und da sind. Nur so können wir mitwirken. Unsere Anwesenheit stärkt den anderen und die anderen neben uns. Wenn wir uns manchmal an einem Sonntagmorgen fragen, soll ich in die Kirche gehen oder nicht, so ist es nicht nur eine Frage, was uns gut tut. Es tut dem Leib Christi gut, es tut den anderen Gliedern gut, wenn wir da sind. Danke, dass Sie da sind.
Deshalb war es auch bedeutsam, dass gestern Gemeindeglieder aus dem alten Dekanatsbezirk Ludwigsstadt nach Kronach gefahren sind, heute sind viele aus dem alten Dekanatsbezirk Kronach hierher gekommen. Auch der Chor ist gekommen und der Bläserchor Kronach; so wie der Ludwigsstädter Projektchor gestern in Kronach gesungen hat.
Wir bringen uns ein für Christus und für einander in den Gottesdiensten, in den vorfindlichen Ausschüssen, Synoden, Kirchenvorständen Gruppen und Kreisen. Liebe Mitchristen, wenn das geschieht – und es geschieht hier bereits und wird weiter geschehen –, dann wird Christus seine Gemeinde, seine Kirche bauen inmitten und mit dem neuen Dekanatsbezirk Kronach-Ludwigsstadt. Und das ist das Entscheidende!
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.