Predigt im zentralen Dank-Gottesdienst zur Aktion "Gott-sei-Dank-Brot" zusammen mit der Handwerkskammer für Oberfranken in der Spitalkirche in Bayreuth am 1. Advent, 29.11.2009
Predigt im zentralen Dank-Gottesdienst zur Aktion „Gott-sei-Dank-Brot“ zusammen mit der Handwerkskammer für Oberfranken
am 1. Advent, 29.11.2009
in der Spitalkirche in Bayreuth
Lasst uns um den Segen des Wortes bitten:
Herr Christ, du lehrst die Bitte um unser täglich Brot.
Komm selbst in unsere Mitte, du Lebensbrot aus Gott. Amen.
Liebe Gemeinde,
dieses Gebet, das ich gerade gesprochen habe, stand auch auf den Karten, die in etlichen Bäckereien seit dem Erntedankfest auslagen. Diese Bäckereien hatten sich an der „Gott-sei-Dank-Brot-Aktion“ beteiligt. Ich vermute, die Gott-sei-Dank-Brot-Aktion wird bekannt sein und ich muss gar nicht viele Worte darüber verlieren. Viele Bäckereien in Oberfranken haben seit dem Erntedankfest Brot mit einem runden Aufkleber „Gott sei Dank“ verkauft, um an Gott zu erinnern, dem wir verdanken, dass wir Brot zu essen haben. Viele Bäckereien haben einen Teil des Erlöses für Brot-für-die-Welt gespendet. Die Gott-sei-Dank-Brot-Aktion ist mit dem heutigen Sonntag beendet.
Zeitgleich ist auch die 50. Aktion Brot für die Welt zu Ende gegangen. Angesichts des runden ansehnlichen Alters muss ich vermutlich zu Brot-für-die-Welt noch viel weniger sagen als zur Gott-sei-Dank-Brot-Aktion. Heute am ersten Advent – mit dem neuen Kirchenjahr – wird in vielen Gottesdiensten noch einmal der 50 Jahre Brot-für-die-Welt gedacht und beginnt die 51. Aktion. Beide Aktionen, die 50. und die 51., stehen unter dem Motto: „Es ist genug für alle da.“ Es ist genug für alle da, wenn wir Menschen einander helfen.
Liebe zu Gott, der uns hilft – Gott sei Dank – und Liebe zum Nächsten, dem wir helfen wollen, gehören bei Christen immer schon zusammen. Deshalb passt es auch, dass die Gott-sei-Dank-Brot-Aktion mündet in das Einläuten der neuen Brot-für-die-Welt-Aktion.
Dafür haben sich die Bäcker sogar wieder etwas Besonderes ausgedacht. Heute nach dem Gottesdienst werden Weihnachtsbrote – Christstollen – verkauft; der Erlös ist für Brot-für-die-Welt. Gott schütze das ehrbare Handwerk, kann man da nur sagen, – so enden Grußworte und Reden in den Kreisen des Handwerks. Meine Predigt wird so nicht enden, doch diesen Wunsch bekräftige ich von Herzen und darüber hinaus: Gott möge Menschen überall in Wirtschaft und Gesellschaft schützen und segnen, die verwurzelt sind in der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen.
Der reguläre Predigttext für den 1. Advent handelt von der Liebe zu den Menschen. Wir haben ihn vorhin in der Lesung gehört. „Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung“, sagt Paulus. Unser Predigtwort ist fordernd; aber im Kern fordert es nur eines von uns: Dass wir lieben; denn – so Paulus – wer den andern liebt, der hat alle Gebote, „der hat das ganze Gesetz erfüllt.“
Viele von Ihnen kennen das Hohe Lied der Liebe in 1. Kor 13. Da preist Paulus die Liebe und sagt über sie: die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe prahlt nicht, sie lässt sich nicht erbittern, … sie erduldet alles. 1. Kor 13 wird häufig gewählt von jungen Paaren als Trautext. 1 Kor 13 kann schwer missverstanden werden. Bei manchen älteren Eheleuten habe ich mir schon gedacht: dieser Mann ist zu lieb und duldsam. Sie stichelt, tratzt, hetzt ihn herum, und er lässt es geschehen. Sie bräuchte es, dass er Grenzen setzt.
Die Geschlechter sind bei diesem Beispiel austauschbar. Das Phänomen ist aber dasselbe. Es gibt eine Gutmütigkeit, die dem Übermut des anderen zu viel Raum lässt, es gibt eine Geduld, die der Garstigkeit des anderen zu spät Grenzen aufweist.
Das ist aber nicht die Liebe, die Paulus vor Augen hat – auch nicht in 1. Kor 13. Er spricht in unsrem Predigtwort von den Waffen des Lichts. Die sollen wir anlegen. Die Liebe ist seine Lieblingswaffe, weil sie entwaffnet und Boshaftigkeiten aller Art die Kraft entzieht und Bitterkeit vertreibt. Paulus meint eine Liebe, die hoch wirksam ist, weil sie Böses mit Gutem überwindet.
Seit Jahren gibt es einen Film, der zu jedem Weihnachtsfest gesendet wird. Es ist eine ganz liebenswerte Schnulze mit dem Titel: Der kleine Lord. Ein alter verbitterter Graf hat sich mit allen zerstritten; er schikaniert und verletzt Dienstboten und Verwandte. Er ist ein Menschenhasser geworden. Da kommt der kleine Lord, ein Kind im Alter von ungefähr 10 Jahren, auf´s Schloss. Durch seine Art, die nur das Beste von dem Alten denkt und ihm in größter Freundlichkeit begegnet, wird der harte Haudegen weich. Neue Seiten an ihm kommen zum Vorschein. Er entdeckt selbst wieder, wie schön es ist, geliebt zu werden, und selbst Liebe und Freundlichkeit zu zeigen. Die zerteilte Familie findet am Ende zusammen. Es wird Weihnachten im doppelten Sinne, weil die Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes auch in dieser Familie durch neu gelebte Liebe und Menschenfreundlichkeit untereinander erfahrbar wird.
Diese Geschichte ist so anrührend, weil darin die Sehnsucht und auch die Hoffnung Raum gewinnen, dass Freundlichkeit und Liebe tatsächlich Härte und Lieblosigkeit besiegen können.
Liebe Gemeinde, wir Christen sehnen und hoffen das auch und unser Gott auch. Gott hat seinen Sohn geschickt mit der Sehnsucht und Hoffnung, dass seine Freundlichkeit und Liebe unsere Welt verändert. Die Geschichte seines Sohnes hat freilich einen anderen Verlauf genommen als beim kleinen Lord. Am Kreuz wird deutlich, dass der Weg der Liebe Opfer kostet. Am Kreuz wird sichtbar, dass es ein Kampf ist und die Waffen des Lichts, von denen unser Predigttext redet, manchmal kräftig in den Schatten gestellt werden durch die Waffen der Finsternis. Trotzdem gibt Gott nicht auf. Er sucht Menschen, die sich mit Kampfgeist anstecken lassen, um mit Liebe Lieblosigkeit zu überwinden, mit Freundlichkeit Feindseligkeit zu vertreiben. Gott kämpft um uns und um diese Welt. Er kämpft mit Waffen des Lichts. Die erste Kerze, die wir heute entzündet haben, ist dafür Zeichen. Er kämpft mit Liebe, er kämpft mit Bandagen, die den Menschen und die Welt heilen können.
Doch ist die Welt überhaupt noch heilbar? In der Mitte dieses Monats war der Welternährungsgipfel in Rom. Seit 1996 finden diese Welternährungsgipfel statt; doch was hat sich seitdem verändert? Vor einigen Jahren wurde dort der Beschluss gefasst, dass der Hunger in der Welt halbiert werden soll bis zum Jahr 2015. Bei Beschlussfassung zählte man 800 Mio. Hungernde. Wir sind inzwischen bei 1 Milliarde angelangt. Das ist jeder Sechste in der Welt. Auch der neue Welthungergipfel scheint nicht wirklich weiterzuführen. Die Headline in einer Zeitung lautete: „Der Hunger wächst, der Westen schaut zu“. Jeden Tag, auch heute, sterben 17.000 Kinder an Hunger. Dass in manchen Ländern Tonnen an Lebensmitteln weggekippt werden, während in anderen Ländern Kinder Hungers sterben, zeigt, dass die Welt aus den Fugen ist, in ganz grundlegender Weise.
Dabei ist genug für alle da. Jeder sechste Mensch, also 1 Milliarde Menschen hungern, doch Wissenschaftler haben errechnet, dass unsere Erde die doppelte Anzahl an Menschen, d.h. 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Doch es geschieht nicht.
„Komm selbst in unsere Mitte, du Lebensbrot aus Gott“, so haben wir vor der Predigt gebetet. Wir brauchen in dieser Welt Brot, und wir brauchen Christus das Lebensbrot, der die Liebe in uns Menschen nährt, der uns Menschen zu einem Denken und Handeln befähigt, Menschen in Not zu sehen und zu unterstützen, der uns menschenfreundlich macht. Das gilt für den kleinen Bereich in der Familie und für den großen der Politik. Welthungergipfel sind notwendig. Ich will sie gewiss nicht schlecht machen; doch kein Gipfel wird helfen, wenn nicht Menschen auf allen Ebenen der Verantwortung in Wirtschaft und Gesellschaft da sind, die beherzt – mit einem Herz, in dem Liebe regiert – die Hungernden der Welt ernst nehmen.
„Komm“ ist der adventliche Ruf. Der Advent ist die Zeit der Sehnsucht und Hoffnung, dass Christus, der in diese Welt gekommen ist, wiederkommt. Wir Christen glauben: Er wird wiederkommen am Ende der Welt und wird sie richten. Bis zum Weltgericht bitten wir aber, dass er dieser Welt nicht fern ist, sondern immer wieder in die Herzen kommt und so diese Welt verändert: Unsere Hoffnung wird genährt durch die Zusage unseres Wochenspruches aus Sacharja 9,9: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ „Komm“ ist einer der kürzesten aber stärksten Gebetsrufe. Ein adventliches Gedicht von Hans Graf von Lehndorff ist überschrieben mit: „Komm“. Es beginnt: Komm in unsere stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben. Es endet mit der Strophe: Komm in unser dunkles Herz, Herr, mit deines Lichtes Fülle.
„Komm, o mein Heiland Jesu Christ“, werden wir am Ende des Gottesdienstes singen, „meins Herzens Tür dir offen ist.“ Christus, unser Lebensbrot, soll in unser Herz kommen und in unserem Herzen die Liebe nähren. „Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein.“ Denn manchmal sind wir schon auch hart und kalt, abgestumpft, weil die Welt halt so ist wie sie ist. Seine uns entwaffnende Liebe braucht es auch in unserem Herzen, damit wir wirklich die Waffen des Lichts gebrauchen und nicht die Finsternis in der Welt einfach erdulden und ihr Raum lassen. Komm Lebensbrot, nähre uns, damit wir Kraft haben zu kämpfen für ein Leben, in dem Liebe spürbar ist, in unserer Ehe, in unserer Familie, in dieser Stadt, in dieser Welt.
Unser Predigttext ist übrigens nicht die einzige Stelle, in der Paulus von einem Kampf mit den Waffen des Lichts spricht. Bereits in seinem ersten uns erhaltenen Brief, dem Brief an die Thessalonicher schreibt er in c.5: „Wir aber, die wir Kinder des Tages, bzw. Kinder des Lichts sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.“
Ein Schüler des Paulus setzt im Epheserbrief noch eins drauf, in dem er aufruft: „Legt die Waffenrüstung Gottes an“. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Hier wird nicht einem marcialisch-aggressiven Gebaren das Wort geredet, denn der Epheserbrief macht deutlich, dass wir „an den Beinen gestiefelt“ sein sollen, „bereit, einzutreten für das Evangelium des Friedens“.
Gestern Abend habe ich in der großen Hofstube der Veste Coburg einen Vortrag gehalten, umgeben von Ritterrüstungen, Brustpanzern, Helmen und Hellebarden. Meine Söhne wären als Kinder und Jugendliche davon sicher begeistert gewesen angesichts dieses Anblickes. Diese Bilder von Waffen und Kampf sind sicher keine Bilder, die ich von mir aus gebrauchen würde. Aber was mir an diesen paulinischen Bildern der Waffen so sehr einleuchtet ist, dass Christus Mitstreiter braucht, Mitstreiter, die gerade mit dem Frieden des Evangeliums und der Liebe Gottes im Herzen kämpfen für diese Welt, damit mehr Menschen Liebe erfahren, Menschen, die sich nicht dem Zeitgeist und den Mechanismen dieser Welt kampflos ergeben. Das Böse ist nicht weg, nur weil Menschen die Augen davor verschließen; im Gegenteil, wir geben ihm dadurch Raum. Wenn wir in die Welt schauen, dann brauchen wir schon den Helm der Hoffnung und die Brustpanzer des Glaubens, denn Rückschläge, wie der steigende Hunger tun weh und entmutigen gerade die Aktiven. Wir haben den Helm der Hoffnung auf, weil Christus selbst die Hoffnung und Liebe in uns nährt als unser Lebensbrot.
Großer Kampfgeist für die Liebe in der Welt zeigt sich oft in kleinen Schritten. Brot für die Welt geht seit 50 Jahren tapfer Schritte, die der Hungerbekämpfung dienen und nun auch der Umweltzerstörung wehren. Kleinbauern in Afrika lernen, wie sie Öfen bauen können, die nur die Hälfte Brennholz zum Kochen verbrauchen, sie lernen Anbauweisen, die die Feuchtigkeit im Boden halten und so Vegetation ermöglichen. Und hier in Bayreuth verkaufen und kaufen wir Christstollen, spenden für Brot-für-die-Welt, damit solche Hilfe zur Selbsthilfe in Afrika geschehen kann. Kleine Schritte, aber sie gehen in die richtige Richtung. Es ist besser ein Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.
Es sind kleine Schritte auf dem Weg, den Gott selbst geht. Es ist der Weg des Sehnens und Hoffens für diese Welt in Liebe zu den Menschen. Seine Liebe ist stark! Es ist ein seltsamer Kampf, den wir da kämpfen durch Unterrichten von Ofenbau und Maisanbau mit Verkaufen von Eine-Welt-Kaffee im Kircheneck und Christstollen für Brot-für-die- Welt nach dem Gottesdienst. Manchmal fassen wir uns vielleicht selbst an den Kopf und fragen uns, ob das etwas bringt. Gut, wenn wir dann den Helm der Hoffnung aufhaben, wissend dass Gott mit uns hofft und liebt.
Es ist Advent. Voll Hoffnung bitten wir: Komm, Christus; komm zu uns und durch uns in deine Welt. Komm in diese Stadt, den Markt, in unsere Betriebe, in unsere Häuser, in unser Herz mit deines Lichtes Fülle. Komm, du Lebensbrot aus Gott. Amen.