Predigt zur Ordination am 19. September 2009 in der St.-Gumbertus-Kirche zu Schwarzenbach a.d. Saale
Ordination von Pfarrer z.A. Martin Kollei und Pfarrer z.A. Daniel Lunk
am Samstag, dem 19. September 2009
in der St.-Gumbertus-Kirche zu Schwarzenbach an der Saale
Zu Matthäus 6,25-34 am 15. Sonntag nach Trinitatis
Liebe Gemeinde,
Sorgen habe ich mir schon gemacht um den Dekanatsbezirk Münchberg! Das will ich gerne eingestehen angesichts unseres Predigttextes, der ein Aufruf ist, sich nicht zu sorgen; denn dieser Dekanatsbezirk ist mit außergewöhnlich vielen Vakanzen auf Pfarrstellen und theologisch-pädagogischen Stellen besonders stark betroffen. Meine Sorge um den Dekanatsbezirk hat auch dazu geführt, dass ich die Situation des Dekanatsbezirks im Landeskirchenrat vorgetragen habe und deutlich gemacht habe, dass wir junge Pfarrerinnen und Pfarrer brauchen, damit die Haupt- und Ehrenamtlichen, die hier vor Ort sind, nicht untergehen vor lauter Arbeit und Mühe, und vielleicht sogar noch krank werden durch die Überlastung.
Dass wir nun gleich zwei Pfarrer im Dekanatsbezirk Münchberg ordinieren dürfen, empfinde selbst ich als ein großes Geschenk. Es ist wie eine Bestätigung der Aussage in unserem Predigtwort: Euer Vater weiß, wes ihr bedürft. Lieber Herr Pfarrer Kollei, lieber Herr Pfarrer Lunk, Sie werden in unserer Landeskirche und besonders hier gebraucht. Wir sehen Ihr Kommen als großes Geschenk Gottes.
Sie sind da. Wir freuen uns. Wir freuen uns, dass Sie bereit sind, Ihr Leben und Ihre Arbeitskraft in den Dienst der Kirche Jesu Christi, in den Dienst am Reich Gottes zu stellen. Sie werden heute ordiniert. Wir berufen, segnen und senden Sie zum Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. Eine Ordination ist also etwas anderes als eine Amtseinführung. Denn die Ordination gilt lebenslang unabhängig davon, an welchem Ort in der bayerischen Landeskirche Sie noch Dienst tun werden. Aber denken wir nicht an das Weitergehen. Wir freuen uns von Herzen, dass Sie da sind und wünschen uns und Ihnen, dass Sie sich hier bald und lange zu Hause fühlen.
Zwei Ordinationen in einem Dekanatsbezirk. Das ist etwas Besonderes. Wer weiß, ob ich das selbst noch einmal erleben werde als Regionalbischöfin, denn der Nachwuchs wird auch in den kommenden Jahren nicht üppig sein. Es ist aber, als ob diese beiden Ordinationen – angesichts des heutigen Predigttextes – uns auch lehren wollen, darauf zu vertrauen, dass Gott sich auch in Zukunft um unsere Gemeinden kümmern wird, um die Gemeindeglieder, die hier leben, um die Kirchenvorstände, die hier leiten, um die Pfarrer und Pfarrerinnen und alle kirchlichen Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen, die hier Dienst tun. Gott lässt seine Gemeinden und die Menschen, die ihm nachfolgen, nicht allein. Sorget nicht, der Vater weiß, wes ihr bedürft, eh ihr ihn bittet.
Das bedeutet ja nicht, dass wir ihn nicht mehr bitten sollen, dass ich nicht mehr im Landeskirchenrat erzähle, wenn es irgendwo brennt, dass Sie nicht mehr Pfarrer oder Pfarrerinnen, die Sie kennen und schätzen, ansprechen sollten, ob er oder sie nicht nach z.B. Helmbrechts oder Wüstenselbitz kommen will. Dass sich Gott um uns sorgt, das bedeutet nicht, dass wir uns nicht mehr um Herausforderungen kümmern, auch wenn es so klingt.
Sorget nicht um euer Leben. Seht die Vögel unter dem Himmel – sie säen nicht. Seht die Lilien auf dem Feld – sie spinnen nicht. Mit diesem einprägsamen Bibelwort ist in der Kirchengeschichte schon mancher Streit geführt worden. Säen war Beispiel für die Männerarbeit, Spinnen für die Frauenarbeit. Unser Kirchenvater Augustin hatte viel zu tun, um Mönchen entgegenzutreten, die meinten, mit diesem Bibelwort ließe sich begründen, nichts mehr zu arbeiten, sondern sein Leben ganz dem Gebet und der passiven Frömmigkeit zu widmen. Die Benediktiner mit ihrem „bete und arbeite“ sind sicher näher an dem Text als Menschen, die meinen, Jesus rufe mit diesen Worten zum Nichtstun auf.
Die Vögel unter dem Himmel, die nicht säen und die Lilien auf dem Feld, die nicht spinnen, sind nämlich nicht Vorbild zur Faulheit, sondern Zeichen der Fürsorge Gottes. Natürlich ist es richtig, zur Krebsvorsorge zu gehen und mit unserem Leib und unserer Seele sorgsam umzugehen. Natürlich ist es richtig, für unsere Kinder oder unsere alten Eltern zu sorgen, für einen Freund, der uns gerade braucht, oder auch einen Dekanatsbezirk fürsorglich zu bedenken. Und es ist richtig, auf einsame Menschen besonders zu achten. Wieder einmal hat in der vergangenen Woche ein Jugendlicher seine ganze Aggression und Verzweiflung in einen Amoklauf umgesetzt, der zuvor in der Schule immer allein saß. Es ist „notwendig“ im wahrsten Sinne des Wortes, dass Mitschüler und Mitschülerinnen sorgsam miteinander umgehen, sie eben gerade nicht umgehen, sondern freundlich aufeinander zugehen und sich auch nach unfreundlichen Reaktionen nicht zurückziehen. Vielleicht könnt Ihr Jugendliche, die Ihr heute hier seid, Vorreiter für solchen achtsamen Umgang in den Klassen sein. Ich werde es nie vergessen, dass einmal zwei Konfirmandinnen bei mir an der Pfarrhaustür klingelten und sagten, wie sehr sie Angst haben um ein anderes Mädchen. Sie seien in ihren Bemühungen gescheitert. Es war höchste Zeit. Ich vermute, die beiden Mädchen haben ihrer Mitschülerin das Leben gerettet. Wir alle brauchen ein fürsorgliches Auge für die Menschen unserer Umgebung. Dass Gott sich um uns sorgt, macht uns also nicht träge, sondern nimmt uns manche Bekümmerung um uns selbst, sodass wir freier werden, uns zu kümmern und das zu tun, was getan werden muss. Unser Leben ist in Gottes Hand, dieses Vertrauen stärkt unsere Hände, sei es bei den Herausforderungen in unseren Familien und Ehen, am Arbeitsplatz, in der Schule und in unserem eigenen persönlichen Leben. Wir brauchen Menschen in unserer Welt, die erlöst sind vom Kreisen um sich selbst und so gelöst und befreit von lähmender Sorge um sich selbst auf andere zugehen können.
Es hat mich sehr gefreut, dass Sie beide – so unterschiedlich Ihre theologische Entwicklung auch war, Zugang haben zur Erlösung, die am Kreuz für uns geschehen ist. Sie heben das Kreuz je auf Ihre Weise, aber doch unverkennbar besonders hervor. Am Kreuz hat Christus alles für uns vollbracht. Nirgendwo zeigt Christus seine Liebe zu uns so sehr, wie am Kreuz. Für uns ist Christus am Kreuz gestorben. Wir sind erlöst. Wir sind erlöst davon, uns selbst vor Gott und uns selbst zu rechtfertigen. Wir sind Gott recht, wie wir sind. Glaubend an Christus brauchen wir uns um unser Heil nicht mehr zu sorgen. Das Wichtigste hat er für uns getan. Wir sind Kinder Gottes, gehören ihm. Nicht nur für unser Wohl sorgt Gott, er hat auch für unser Heil gesorgt.
Gehen wir noch einen Schritt weiter, denn Gottvertrauen hat Folgen. Durch dieses Gottvertrauen werden wir frei vom Kreisen um uns selbst, sodass wir damit frei sind für Gott und die Welt. Diese Freiheit für Gott und die Welt ist sogar das eigentliche Ziel unseres Predigttextes. Jesus will nicht nur, dass wir frei werden von Sorge, sondern dass wir durch diese gewonnene Sorgenfreiheit frei werden für den Dienst für andere. Er möchte, dass wir – befreit aus dem Kreisen um uns selbst – uns einsetzen können für Gott und sein Reich. Trachtet zuerst nach Gottes Reich!
Unser Predigtwort war einer der Lieblingstexte des großen Philosophen Sören Kierkegaard. Er erzählt dazu eine hintergründige Geschichte zu Jesu Aufruf, zuerst nach Gottes Reich zu trachten. Es ist die Geschichte des Theologiekandidaten Ludwig Fromm, der zuerst eine königliche Anstellung als Geistlicher sucht, darum „zuerst“ Examina macht, dann „zuerst“ das Amtsexamen und das Seminar absolviert, dann sich „zuerst“ verlobt und schließlich, nachdem er „zuerst“ noch um sein Gehalt hatte feilschen „müssen“, auf der Kanzel steht und seine Antrittspredigt hält über den Text: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes“. Der Bischof ist beeindruckt über die hier verkündigte „heilsame unverfälschte Lehre“, besonders über den Predigtteil, in dem er das „zuerst“ herausstellte. Und nun die beißende Frage Kierkegaards: „Aber meinen denn Euer Hochwürden, dass hier die wünschenswerte Übereinstimmung da sei zwischen Lehre und Leben?“
Zwar haben Sie beide, lieber Herr Pfarrer Kollei und lieber Herr Pfarrer Lunk die Hürden zum Pfarrberuf bestens überwunden. Doch erzähle ich diese Geschichte gewiss nicht, um sie primär auf Sie beide anzuwenden, denn die Geschichte träfe mich gewiss noch mehr, als erste Frau der bayerischen Kirchengeschichte, die vor gut 10 Jahren in den Landeskirchenrat berufen wurde. Im Gegenteil freue ich mich von Herzen über Ihren Weg in den Dienst im Amt der Kirche. Die Geschichte trifft aber in gewisser Weise in das Schwarze jedes Talars, weil sie treffend vor Augen führt, dass Pfarrer und Pfarrerinnen – nur weil sie zu dieser Berufsgruppe gehören – nicht unbedingt mehr als andere und zuallererst nach dem Reich Gottes trachten. Die Ordination erlöst nicht vom Kreisen um sich selbst. Mit der Sorge um uns selbst haben wir genauso zu tun, wie alle anderen. Kirchliches Karrierestreben kann etwas ganz anderes, ja sogar Gegenteiliges sein als das Streben nach dem Reich Gottes. Umgekehrt gilt: Auch Arbeitslose haben Arbeit bei Gott.
Unser Leben kann nach außen hin genauso aussehen wie das Leben des Kandidaten Fromm oder ganz anders. Das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist nämlich für Gott, dass wir uns in unserer jeweiligen Lebenssituation leiten lassen von der Frage: „Gott, wo brauchst Du mich?“
Gottes Reich zuerst. Dieser Grundsatz begründet eine neue Lebensweise. Unser Bibelwort führt sicher nicht – wie früher manche Mönche meinten – zum Nichtstun, aber es erlöst uns leistungsorientierte Menschen des 21. Jahrhunderts aus einer falschen Geschäftigkeit und Leistungsorientierung: Nicht die Frage leitet uns: „Was muss ich heute alles tun?“, sondern „Gott, was willst du, dass ich tun soll“. „Wie kann in dem, was ich heute zu tun habe, dein Wille geschehen.“ Diese Frage und das Hören auf Gott bringt eine große Gelassenheit und Klarheit in unser Leben. Lieber Herr Pfarrer Kollei, lieber Herr Pfarrer Lunk, möge diese Frage, was willst du Gott, dass ich tun soll, was dient deinem Reich?, Ihnen zugleich den notwendigen Abstand zu allen Anforderungen schenken, die an Sie herangetragen werden, aber auch die Freude und Kraft zuzupacken, weil Sie spüren, es geht nicht darum, dass ich mich hier beweise, sondern es geht darum, dass Gottes Reich wächst. Gott will sein Reich durch Sie beide bauen und durch Sie seine liebevolle Gerechtigkeit spürbar werden lassen – durch Sie beide und durch uns alle hier im Kirchenschiff.
Gottes Reich zuerst! Das klingt für manche abgehoben und weltfern. Das Gegenteil ist der Fall, denn wir glauben an einen Gott, der in die Welt kam aus Liebe zu ihr. Weil Gott die Welt und die Menschen liebt, ermöglicht Gott uns auch eine neue liebevolle Hinwendung zu den Sehnsüchten der Menschen, die uns begegnen, sogar zu uns selbst. Möge dieses „Gottes Reich zuerst“ uns alle, aber besonders Sie beide, in große Freiheit von allen Menschen und ihren Anforderungen führen, aber in noch größere Liebe zu diesen Menschen, so wie sie sind.
„Alles, was ihr braucht, wird euch zufallen.“ Diese Zusage steht als Verheißung am Ende des Bibelwortes und der Predigt. Ein Mensch, der danach fragt: „Gott, wo brauchst du mich heute?“, wird erfahren, dass Gott ihm schenkt, was er zum Leben braucht. „Alles wird euch zufallen“, sagt unser Bibelwort. Wir sind für ihn da. Aber er ist eben auch für uns da, er mit seiner Kraft, mit seiner Liebe. Er ist da mit allem, was wir brauchen. Wir alle sind in den Dienst im Reich des Gottes gestellt, der uns dient und für uns sorgt.
Lieber Herr Kollei, lieber Herr Lunk, Sie werden oft dasitzen und sich fragen, was predige ich zu diesem Text? Vertrauen Sie darauf: Gott selbst will sein Reich bauen durch Sie. Er will durch Sie reden. Er wird auch helfen, dass Sie die rechten klaren und liebevollen Worte finden.
Wie oft werden Sie in schwierigen Seelsorgesituationen sitzen. Wichtig ist dann nicht die Frage, was soll ich sagen, sondern die Frage, Gott, was willst du diesem Menschen sagen. Der Blick auf Gott wird Ihnen selbst einen neuen Blick auf den Menschen schenken.
Wie oft werden Sie dasitzen und sich fragen, was ist angesichts der Fülle zuerst dran. „Zuerst Gott“ und in ihm die Fülle all dessen, was Sie brauchen.
Gibt es am Anfang eines Dienstes eine stärkere Zusage als die: Euch wird alles zufallen? Sie werden berufen und gesendet in den Dienst der öffentlichen Wortverkündigung. Aber Sie werden eben auch gesegnet. Gesegnet sein bedeutet, Gott wird mit Ihnen gehen und für Sie sorgen. Dass Ihnen zufallen wird, was Sie brauchen, ist nicht Zufall, sondern Erfüllung seiner Zusage.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.