Nachrichten > Nachrichtenleser

Predigt zur Ordination am Sonntag Kantate, 10. Mai 2009

Ordination von Pfarrverwalter z.A. Thomas Kohl

am Sonntag Kantate, dem 10. Mai 2009,

in der St.-Maria-Magdalena-Kirche zu Arzberg

Predigttext: Matthäus 11,25-30


 

Gnade und Friede von Gott unserem Vater und Jesus Christus, unserem Heiland.

 

Liebe Gemeinde, vor allem, lieber Bruder Kohl,

 

wir feiern heute, am Sonntag Kantate, Ordination in Ihrer Gemeinde Arzberg. Es ist ein großer Grund zu singen und sich zu freuen, dass ein junger Mann Pfarrer werden will und unsere Kirche ihn auch berufen will zum Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung als ordinierter Pfarrer unserer Kirche.

 

Manche haben vielleicht schon gehört, dass Herr Kohl sich gelegentlich als Pfarrverwalter vorstellt. Pfarrverwalter sind auch Pfarrer und werden genauso ordiniert; sie haben nur einen etwas anderen Zugangsweg zum Pfarrberuf. Herr Kohl hat nach dem Fachabitur einen Beruf gelernt, war dort auch erfolgreich tätig und wurde dann ohne Allgemeine Hochschulreife zum Studium der Theologie an der Augustana-Hochschule zugelassen, weil unsere Kirche ihm diese Ausbildung zutraute.

 

In unserem Predigtwort ist eine tiefe Wahrheit für den Weg zum Pfarrberuf. Dort heißt es:

„Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.“ Nun würde es wirklich schief werden, wenn man die Weisen und Klugen mit den normalen Abiturienten und Theologiestudierenden vergleichen würde und mit den Pfarrern und Pfarrerinnen, die an der Universität studiert haben, und die Pfarrverwalter mit den Unmündigen. Das wäre völlig daneben, sowohl für die Pfarrverwalter wie auch für alle anderen Pfarrer und Pfarrerinnen.

 

Und doch lässt uns dieses Bibelwort aufhorchen, gerade bei der Ordination eines Menschen, der auf einem anderen Weg Pfarrer geworden ist. Dieses Bibelwort und dieser andere Weg zum Pfarrberuf erinnern uns daran, dass angelesenes Wissen und intellektuelle Wendigkeit nur einen Teil der Befähigung für den Pfarrberuf ausmachen. Wesentlich ist für diesen Beruf eben auch, dass Gott einem Menschen offenbart, welchen Schatz wir in Jesus Christus haben. Es gibt ein Glaubenswissen, das man sich nicht anlesen kann, sondern das uns nur geschenkt werden kann. Es ist die Gewissheit, dass Jesus Christus uns den Weg zum Vater im Himmel geöffnet hat, dass er uns alles vergibt, dass er uns einen Frieden schenkt, den uns niemand nehmen kann. Diese Glaubensgewissheit, diese Herzensbildung kann bei einem Erwachsenen, der nie irgendeinen Schulabschluss gemacht hat, bei einem Jugendlichen, der gerade wieder eine Fünf nach Hause getragen hat, genauso da sein, wie bei einem gelehrten Menschen. Jesus jubelt sogar, dass die einfachen Menschen hier viel mehr verstehen. Wahrscheinlich ist die Einbildung, gebildet zu sein, das größte Hindernis, um sich von Jesus Christus bilden zu lassen.

 

Bei einem Pfarrverwalter ersetzt die Herzensbildung nicht die theologische Bildung. Die braucht er auch für diesen Beruf. Auch ein Pfarrverwalter muss schwere Examina ablegen und beim zweiten theologischen Examen gibt es kaum noch einen Unterschied. Doch als Kirche bewahren wir uns in dieser anderen Zugangsmöglichkeit für den Beruf ein waches Gespür dafür, dass wir in der Ordination berufen zu einem Dienst, der nicht nur Bildung, sondern auch Herzensbildung voraussetzt, und dass Gott, wenn er ruft, manchmal anders führt als die Universitätslaufbahn es vorgibt.

 

Die Herzensbildung des Glaubens ist unabhängig von den Schulnoten, vom Abitur und vom theologischen Examen. Zwar sind die theologischen Examina Zugangsvoraussetzung zu diesem Beruf, aber die Herzensbildung des Glaubens, die Liebe zu Jesus Christus und zu den Menschen ist Voraussetzung für eine gelingende Berufspraxis. Diese Liebe lässt sich nicht prüfen, die lässt sich nur erbitten.

 

„In Liebe Note 1“, so heißt ein wirklich rührender Film über eine alleinerziehende Mutter, die weder schreiben noch lesen kann. Vielleicht kommt der Film heute am Muttertag sogar in irgendeinem Fernsehprogramm. Weil diese Mutter zu ungebildet, zu einfältig ist, wird ihr vom Jugendamt ihr Kind entzogen. Die Mutter hofft in ihrer Liebe, dass die Pflegefamilie dem Kind mehr Bildung mit auf den Weg geben kann, als sie das vermag. Am Ende des Films bekommt sie das Kind zurück, weil alle eingesehen haben, dass nichts für ein Kind so wichtig ist, wie die wechselseitig gelebte Liebe zwischen Kind und Mutter und Mutter und Kind. Der Film ist ein schönes Märchen und doch zeigt auch er diese Wahrheit, dass es eine Bildung gibt, die nicht aus Büchern kommt.

 

Wir brauchen diese Herzensbildung des Glaubens in unserer Gesellschaft mehr denn je. Die Leistungsorientierung in unserer Gesellschaft, die mit Noten, mit Erfolgsquoten, mit wirtschaftlichen Bilanzen arbeitet, verstellt uns den Blick für das, was wirklich wichtig ist. Wir brauchen nicht nur in unserer Kirche und für unseren Glauben, sondern auch für unsere Gesellschaft eine Bildung, wie eine liebende Mutter, ein liebender Vater, und wie Christus in seiner Liebe sie uns gibt. Wir werden christlich und menschlich zugleich, dadurch, dass wir uns von Christus lieben lassen und von ihm lernen zu lieben.

 

Bevor wir von ihm lernen zu lieben, geht es darum, dass wir uns von ihm lieben lassen. Sich lieben zu lassen ist nicht einfacher als zu lieben. Christus ruft uns allen zu in unserem heutigen Evangelium: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

 

Wir nennen diesen Ruf, den Heilandsruf, denn wer diesem Ruf folgt, wer zu Jesus Christus kommt, der erfährt, dass viele seelische Verletzungen geheilt werden können, dass unser Leben trotz äußerer Probleme heil werden kann.

 

Christus ruft „kommt alle“, kommt alle ihr Mütter, die ihr euch abmüht, und ihr Väter, ihr Frauen und Männer, die ihr mitten im Beruf steht, ihr Kinder, die ihr Schwierigkeiten in der Schule oder mit den Freunden habt, ihr Jugendliche, die ihr euch behaupten müsst, um zu spüren, wer ihr seid, ihr Kranken, die ihr Angst habt, dass es nicht mehr besser wird, ihr Alten, die ihr gerne noch mehr leisten würdet als ihr könnt, ihr Arbeitnehmer, die ihr Angst habt um euren Job, ihr Arbeitgeber, die ihr nicht wisst, ob ihr den Betrieb so halten könnt, ihr Menschen, die ihr alle eure euch eigene Last zu tragen habt – kommt zu mir, ich will euch erquicken.

 

Damit fängt die Herzensbildung des Glaubens an, dass wir unser Herz öffnen und uns von Christus beschenken lassen, dass wir bitten, schenke du mir, was ich brauche: Liebe für meine Kinder oder für meine Eltern, Kraft für meine Aufgaben. Christus schenkt mehr als wir brauchen. Wie uns nach ermüdender Arbeit ein Schlaf erquickt und nach langer Wanderung eine frische Quelle, so erquickt uns Christus, wenn wir uns ihm öffnen und ihn darum bitten.

 

Sich von Christus beschenken zu lassen ist immer das erste. Wohlweislich kommt erst nach dem Heilandsruf „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ die Aufforderung „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir“. Er gibt uns keine Aufgabe, bevor er uns nicht stärkt und erquickt. Er sendet auch heute Sie nicht, lieber Herr Kohl, bevor er Sie nicht segnet. Er schenkt, was Sie für Ihren Dienst brauchen. Er gibt, bevor er Ihnen etwas aufgibt.

 

Der Aufruf „Nehmt auf euch mein Joch“ lässt Menschen, die in der Liturgiewissenschaft zu Hause sind, gerade bei einer Ordination aufhorchen. Manchmal bekommen Pfarrer zur Ordination eine Stola geschenkt. Diese Stola symbolisiert das Joch Christi, das uns auferlegt ist. Von diesem Joch heißt es in unserem Text, dass es sanft und die uns auferlegte Last leicht sei.

 

Wie ist das mit dem Pfarrberuf, ist die Anforderung sanft und die Last leicht? Ich will nicht sagen, dass der Beruf leicht ist – aber schwer machen wir es uns auch manchmal selbst. Es tut mir sehr leid, wie manche Pfarrer und Pfarrerinnen sich keine „Stille Zeit“ mehr nehmen für Gott und sich selbst, weil die Arbeit sie so sehr in Beschlag nimmt. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ gilt eben auch den Pfarrern und Pfarrerinnen. Wie wollen wir etwas weitergeben, wenn wir uns nicht zuvor beschenken lassen?! Die Liebe beginnt immer mit dem Geliebtwerden. Die erste Lektion für die Herzensbildung des Glaubens ist: Lass dich beschenken von Christus. Nimm dir dafür Zeit. Folge selbst dem Heilandsruf.

 

Dann freilich kommt die Aufforderung: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Ist Ihnen das auch aufgefallen? Demütig-sein ist doch normalerweise die Haltung des Schülers. Aber Jesus sagt von sich als dem Lehrer, er sei von Herzen demütig und sanftmütig.

 

Beobachten wir doch mal die Gurus in Sekten oder auch die charismatischen Führer mancher außerkirchlichen Bewegung. Wie arrogant sind manchmal Menschen, die sich für fromm und die Kirche für tot halten. Sie haben diese Lektion von Jesus noch nicht gelernt. In gewisser Weise sollen wir alle Lehrer und Lehrerinnen des Glaubens sein in unseren Familien und Freundeskreisen. Wenn unsere Lehre Jesus Christus entsprechen soll, dann wird sie frei von jedem Hochmut, von jeder Arroganz sein. Wenn wir so Lehrer sind wie er, demütig und sanftmütig, dann werden wir Ruhe finden für unsere Seelen und andere mit uns.

 

Lieber Herr Kohl, ob Sie in Ihrem Leben als Pfarrer eine Stola tragen werden oder nicht, das ist nicht entscheidend. Entscheidend wird sein, dass Sie sich tagtäglich von ihm beschenken und erquicken lassen. Uns ist ein Amt anvertraut und wie ein Joch auferlegt. Wenn immer es schwer zu werden droht, dann lassen Sie sich von Christus erquicken, von ihm dienen. Die Liebe, die Sie von ihm annehmen und weitergeben, macht es leicht. Ich schließe mit einem Wort Augustins, das für Ihren Dienst aber auch für unser aller Leben gilt: „Was immer hart ist in dem, was uns auferlegt ist, die Liebe macht es leicht.“

 

Amen.

Zurück