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Predigt zur Ordination am Sonntag Miserikordias Domini, 26. April 2009

Ordination von Pfarrer z.A. Alexander Röhm und Pfarrerin z.A. Barbara Röhm

am Sonntag Miserikordias Domini, 26. April 2009

in der Friedenskirche zu Groschlattengrün

Predigttext: Johannes 10,11-16

 

Gnade sei mit Euch von Gott unserem Vater und Jesus Christus unserem Heiland.

 

Liebe Gemeinde, vor allem liebe Schwester Barbara Röhm und lieber Bruder Alexander Röhm,

 

heute ist ein Fest für die Gemeinde. Zwei junge Pfarrersleute werden ordiniert. Unter allen Stellen, die zur Besetzung anstanden, gaben beide Marktredwitz als Priorität an. Sie wollten hierher und ich bin mir sicher, sie passen hierher.

 

Durch die Ordination sind sie lebenslang berufen, das Wort Gottes in der Öffentlichkeit zu verkündigen und die Sakramente zu verwalten, Seelsorge und Beichte auszuüben. Selbst der Ruhestand entbindet Ordinierte nicht dieser Rechte und Pflichten, denn sie sind in ein Leben als Diener und Dienerinnen des Evangeliums berufen und gesandt. Dazu brauchen sie Gottes Segen. Diese Berufung, Segnung und Sendung geschieht heute.

 

Nicht nur die beiden passen hierher; auch das Evangelium des heutigen Sonntags passt außergewöhnlich gut zur Feier der Ordination.

 

Die zwei Ich-bin-Hirtenworte Jesu finden sich in unserem Text. Das eine: Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe und das andere, auf dem in der Predigt der Schwerpunkt liegen wird: Christus spricht: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“

 

Wenn ein junger Pfarrer und eine junge Pfarrerin ordiniert werden, so werden sie zu einem Dienst berufen, gesegnet und gesandt, der auch Hirtendienst genannt wird. Das Wort Pfarrer kommt von dem Wort Pferch, gemeint ist der Schafpferch. Das norddeutsche Wort „Pastor“ ist sogar die genaue lateinische Übersetzung von „Hirte“. „Hirte“ ist ein biblischer Begriff für die Gemeindeleitung. Er galt in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten eher als altmodisch. Aber das alte Hirtenbild ist wieder im Kommen und wird neu gefüllt. Gut so.

 

Vor wenigen Monaten habe ich sogar ein säkulares Buch mit dem Titel „Das Hirtenprinzip“ gelesen. Bevor ein junger Mann das Angebot, ein Wirtschaftsunternehmen zu leiten, annimmt, will er klugerweise zuvor von dem berühmten Wirtschaftsboss lernen und dessen Erfolgsrezept kennenlernen. Der Alte aber setzt sich nicht mit dem Jungen in eine dicke Ledergarnitur zum Gespräch, sondern in einen abgewrackten Jeep, und fährt mit ihm zu seiner Schafherde. Er lässt den jungen Mann die Schafe im Pferch zählen – gar nicht so einfach, denn die bewegen sich ja. Er bessert mit ihm den Zaun aus. Als der Junge meint, jetzt sei alles getan, entgegnet der Alte: Jetzt fängt es erst an. Er zeigt ihm, wie man bei den Schafen die Klauen untersucht, ebenso Fell, Maul und Nase, worauf man achten muss, damit die Schafe gesund bleiben, und geht so mit ihm von Schaf zu Schaf. Er kennt die Schafe und die Schafe kennen ihn, sodass sie die Untersuchung willig über sich ergehen lassen. Nach vier Stunden steigen sie endlich in ihren Jeep. Als der Junge meint, nun könne das Gespräch beginnen und man könne ins Büro fahren, meint der Alte: „Nein, die erste Lektion ist schon vorbei. Das genügt für heute.“ Weil der Junge nicht ganz versteht, erklärt der Alte ihm, was es als erstes zu lernen gilt: Es gilt die Menschen, die ihm im Unternehmen anvertraut sind, zu kennen und zu wissen, wie es um sie steht. Dazu muss er hingehen zu ihnen, liebevoll und genau schauen. Das sei das erste der sieben zu lernenden Leitungsprinzipien.

 

Der Autor des Buches hat zweifellos die Bibel gelesen und bezieht sich in seinem ersten Hirtenprinzip auf das Christuswort: Christus spricht: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ Ob Leitungspersonen großer Unternehmen und Banken überhaupt noch wissen, wie es den normalen Menschen geht? Nicht nur die Gier, sondern auch dieser Beziehungsverlust ist eine der wichtigsten Ursachen unserer gegenwärtigen Wirtschaftskrise. Es ist für den Zusammenhalt einer Gesellschaft unabdingbar, dass die Leitungspersonen nicht in einer eigenen Welt leben, sondern Tuchfühlung behalten zur normalen Bevölkerung; dann spielen sie nicht mit der Rente und Versorgung der Menschen, sondern sorgen dafür. Der gute Hirte sagt: „Ich kenne die Meinen.“ Christus kennt uns und sorgt sich um uns. Liebevolle Beziehung – das ist das Leitungsprinzip des guten Hirten.

 

Pfarrer und Pfarrerin zu sein, ist eine Leitungsaufgabe. Wir leiten kein Wirtschaftsunternehmen, sondern wir leiten in gemeinsamer Verantwortung mit dem Kirchenvorstand eine Gemeinde oder mehrere Gemeinden. Seit einiger Zeit beobachte ich, dass der Pfarrberuf mehr und mehr mit Managementaufgaben belastet wird. Nun wird aber in der eben gehörten Geschichte sogar ein zukünftiger Manager als erstes darauf hingewiesen, dass es nicht primär um Prozesse, Finanzen und Erfolge geht, sondern um die Menschen. Wie viel mehr stimmt das bei einem Pfarrer, einer Pfarrerin.

 

Ich habe mich darum sehr gefreut, lieber Herr Pfarrer Röhm, wie klar Sie formuliert haben, was Ihnen im Pfarrberuf wichtig ist – nicht so sehr das Management, sondern die Seelsorge und das Gehen zu den Menschen. Ich bin überzeugt, Sie werden bald Ihre Schafe kennen, denn Ihnen liegt an den Menschen, die Ihnen anvertraut sind. Managementaufgaben sind Ihnen durchaus zuzu­trauen, aber Sie sind ein Pfarrer, der Gott sei Dank ein grundlegend seelsorgerliches und geistliches Anliegen hat. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie diesen geistlich-seelsorgerlichen Grundtenor auch inmitten von Verwaltungsaufgaben nie verlieren werden. Unser Leitungsamt ist und bleibt ein geistliches Leitungsamt.

 

Sie, liebe Frau Röhm, haben in Ihrer Kinder- und Jugendzeit eine Frömmigkeit kennengelernt und eingeübt, in der Beten, Bibellesen und die Pflege der Gemeinschaft unabdingbar dazu gehörte. Das Studium hat Sie in Ihrem Glauben nie irritiert. Sie haben erfahren, was in dem Bibelwort steht: „Niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“ Das Studium hat Ihnen aber eine größere theologische Weite und Freiheit gegeben. So werden Sie vielleicht gerade Menschen, die eine engere Form der Frömmigkeit haben und lieber im Pferch statt auf der grünen Weide sind, liebevoll einen Schritt weiterführen können zu größerer Freiheit und Glaubensfreude. Umgekehrt können Sie Menschen, die nicht oder nicht mehr beten, hinführen zu einer gelebten Christusbeziehung. Denn in unserem Bibelwort heißt es ja nicht nur: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen.“ Es geht weiter „und die Meinen kennen mich.“ Das ist unsere eigentliche Hirtenaufgabe, dass die uns anvertrauten Menschen Christus kennenlernen oder tiefer kennenlernen. Diese gelebte Christus- und Gottesbeziehung ist das eigentliche Ziel unserer Führungsaufgabe als Pfarrer und Pfarrerinnen. Unsere Beziehungsarbeit zu den Menschen steht im Dienst der Beziehung zwischen Christus und den Menschen und der Menschen zu Christus.

 

Es wird darum bei uns Pfarrern nie darum gehen, dass wir primär eine Bindung zu uns selbst erzeugen wollen, das führt nur zur Konkurrenz in der Kollegenschaft. Wir als Pfarrer können nicht sagen: „Ich bin´s.“ Wir sind keine Heilsgestalten, sondern weisen auf den Heiland hin. Wir als Pfarrer sagen: „Er ist´s“, ihm folgt, ihm traut. Wir sind nur dann gute Hirten, wenn wir zu ihm führen.

 

Wir wissen, dass Gott allein den Glauben und Gottvertrauen schenkt. Die Macht dazu liegt allein bei Gott. Aber wir können Menschen taufen und ihnen zusagen: Du gehörst zu Gott, zu Jesus Christus. Was auch kommt im Leben – niemand und nichts kann dich aus seiner Hand reißen. Wir können Menschen anleiten zum eigenen Beten, zum Bibellesen. Wir können erzählen, wie gut es ist, mitten im Leben Christus zu vertrauen. Wenn Menschen sich von der Gemeinde entfernt haben, können wir sie locken – weg von Tümpeln pseudochristlicher Theorien oder allgemeiner Gleichgültigkeit zum frischen Wasser des christlichen Glaubens und Vertrauens. Wir wissen, dass wir hier dem Hirten Christus nur zuarbeiten und das Ziel nur erreicht werden kann, wenn Christi Geist durch uns wirkt. Aber vertrauen Sie darauf, dass der Heilige Geist durch Sie wirken will. Gott braucht Menschen, die das geistliche Hirtenamt annehmen und ausfüllen.

 

Liebes Ehepaar Röhm, Christus spricht: „Ich bin der gute Hirte. Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ Dieses Wort gilt Ihnen nicht nur als Aufgabe. Dieses Bibelwort ist auch Zusage an Sie selbst. Christus ist zuallererst Ihr Hirte, der Sie kennt und liebt, so wie Sie sind. Er schätzt Sie und möchte, dass Sie ihm dienen. Als Ihr Hirte hat er Sie hierher geführt und wird Sie weiterhin führen in Ihrem Leben und in Ihrem Hirtendienst. Er ist der Hirte, der sein Leben für Sie gegeben hat, damit Ihnen alles vergeben ist. Er ist der Hirte, der Sie in Konflikten schützt und selbst verteidigt. Er ist der Hirte, der Sie nährt, indem er durch sein Wort zu Ihnen spricht, bevor Sie zu anderen reden.

 

In diesem Sinne, liebe Gemeinde und liebe Ordinanden, gehören wir alle zur Herde des einen Herrn. Einige nehmen in dieser Herde das Hirtenamt wahr. Doch sind wir alle gleichermaßen darauf angewiesen, dass dieser eine Hirte uns nährt, uns führt, uns birgt und unsere Fehlwege vergibt. Dieser eine Hirte ist für uns alle gestorben. Das verbindet uns Christen untereinander.

 

Liebes Ehepaar Röhm, dazu möchte ich alle Pfarrer und Pfarrerinnen, aber zu Ihrer Ordination besonders Sie beide ermutigen, dass Sie Ihr Hirtenamt ausüben als Menschen, die sich von Christus nähren und trösten, ermahnen und führen lassen. Christus, Ihr Hirte, leite Sie in Ihrem Hirtendienst und in Ihrem ganzen Leben. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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