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Predigt zur Ordination am Sonntag Quasimodogeniti, 19.4.2009

Ordination Pfarrer z.A. Holger Winkler

am Sonntag Quasimodogeniti, 19.4.2009

in der Jubilate-Kirche zu Heinersberg-Nordhalben

Predigttext: Johannes 20,19-29

 

 

 

Gnade und Friede von Gott dem Vater

und Christus Jesus, unserem Heiland. Amen (Tit. 1,4b)

 

Liebe Gemeinde, vor allem lieber Herr Pfarrer Holger Winkler,

 

Sie, lieber Bruder Winkler, verstehen sich als „Mann des Wortes“; – nicht, weil Sie sich gerne reden hören oder sich irgendetwas auf Ihr Redevermögen einbilden würden – ich habe Sie eher als bescheiden erlebt – sondern weil Sie selbst wollen, dass das Wort der Heiligen Schrift Sie leitet und nährt. Ihm wissen sie sich verpflichtet in Ihrem Dienst als Pfarrer.

 

Das freut mich und ich denke auch die Gemeinde Heinersberg/Nordhalben. Denn es tut einer Gemeinde gut, wenn sie spürt: der Predigende nimmt sich nicht selbst zum Maß der Dinge, sondern das Wort der Heiligen Schrift. Die Gemeinde hat ein feines Gespür, ob es uns Predigenden darum geht, dass unser Wort brilliert, oder ob wir bittend predigen, bittend, dass Gottes Wort die Herzen der Menschen berührt. Wer meint, sich selbst produzieren zu müssen, dem geht sehr bald beim Schreiben der Predigt die Puste aus. Wer dagegen schriftbezogen Christus verkündigen will und weiß, wie angewiesen er auf den Heiligen Geist ist – nämlich ganz und gar –, dem wird Christus durch den Heiligen Geist auch sein Wort aufschließen und ihn und die Gemeinde daraus geistlich ernähren. Das ist meine feste Überzeugung und Erfahrung.

 

Als ich das Wort der Heiligen Schrift las, das uns für heute als Evangelium des Sonntags vorgegeben ist, war ich betroffen, wie sehr es zu einer Ordination passt und Ihnen Leitwort sein kann. Ich meine gar nicht so sehr den zweiten Teil mit der Geschichte, in der Jesus den Zweifel des Thomas überwindet, sondern den ersten Teil mit der Sendung und der fast ungeheuren Zusage an die Jünger.

 

„Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“

 

Die Ordination ist eine Sendung. Es ist die Sendung zum Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung und der Seelsorge bis hin zur Beichte.

 

Nun wird durch unseren heutigen Bibeltext deutlich: Sie, lieber Bruder Winkler sind nicht eigentlich Gesandter dieser Kirche. Unsere Kirche sendet Sie zwar durch mich als Ordinatorin zusammen mit Ihnen als Gemeinde. Aber auch für mich ist ganz klar: Ich stehe selbst im Dienst eines anderen und trete zurück hinter ein Geschehen, das sich durch Christus vollzieht. Christus will Sie senden und wir glauben daran, dass er das tut, wenn wir als Menschen in bittender und glaubender Haltung die Sendungsworte sprechen und gemeinsam beten.

 

In unserem Bibelwort wird so wunderschön deutlich, dass Christus nie einen Menschen sendet, ohne ihn vorher zu segnen. Christus bläst seine Jünger an und sagt zu ihnen: „Nehmt hin den Heiligen Geist“. Das ist eine Segenshandlung, in der die Jünger die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Bevor Jesus eine Aufgabe gibt, gibt er die Gabe dazu und die Grundgabe ist der Heilige Geist.

 

Unser Dienst ist darin ein ständiger Lernprozess, dass wir lernen unsere Aufgaben in der Kraft der uns geschenkten Gabe zu tun. Wir strengen uns oft viel zu viel an, statt dass wir uns vor einem Gespräch, bevor wir uns an den Schreibtisch setzen, bevor wir auf die Kanzel steigen, bevor wir aus dem Bett aufstehen, uns für die Gegenwart des Heiligen Geistes bedanken und für die Kraftquellen, die uns offen stehen.

 

Wir besitzen den Heiligen Geist nicht. Wir haben als Theologen gelernt, dass er weht, wo und wann es ihm gefällt. Aber dieses „wo und wann es ihm gefällt“ darf nicht so verstanden werden, als sei der Heilige Geist so flirrend, schwirrend irgendwo, dass man sich sowieso nicht auf ihn verlassen könnte. Das Gegenteil ist der Fall. Der Heilige Geist will bei uns sein und ist uns zugesagt. Wir können uns auf sein Wirken verlassen und uns ihm anvertrauen. Er ist da, nicht wie etwas, das wir besitzen; seine Gegenwart ist reines Geschenk und doch Wirklichkeit.

 

Manche Charismatiker in und außerhalb unserer Kirche haben ein Problem mit der Unverfügbarkeit des Heiligen Geistes und mit der Ohnmacht Gottes am Kreuz. Wir volkskirchlichen Christen haben dagegen eher ein Problem mit dem Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes und der Macht Gottes, die er in der Auferstehung Christi gezeigt hat. Wir sind manchmal eher wie der skeptische Thomas, über dessen Unglauben Jesus stöhnt. Aber Jesus wendet sich ja vom ungläubigen Thomas nicht ab, sondern er wendet sich ihm zu und bittet ihn, näher zu treten und ihn zu berühren.

 

Der Heilige Geist als Gabe wird in unserem Predigtwort den Jüngern durch Christus selbst versprochen. Nun mag sich ein einfaches Gemeindeglied fragen, ob es sich so einfach mit einem Jünger identifizieren kann. Doch erinnere ich uns an die Pfingstpredigt des Petrus, der aus dem Propheten Joel folgenden Spruch zitiert: „Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen und eure Alten sollen Träume haben und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen und sie sollen weissagen.“ Diese letzte Zeit, in der das geschehen soll, ist seit dem ersten Pfingstfest angebrochen. Christus hat den Heiligen Geist als Tröster versprochen. Er ist gekommen und wirkt unter uns.

 

Bei der Taufe ist uns allen die Hand aufgelegt worden. Dazu wurde gesagt: „Der allmächtige Gott und Vater stärke dich durch seinen Heiligen Geist, er erhalte dich in der Gemeinde Jesu Christi und bewahre dich zum ewigen Leben“. Bei der Taufe sind wir alle der Wirkung des Heiligen Geistes anvertraut worden. Wenn er seitdem nicht an uns gewirkt hätte, wären wir alle nicht hier in der Kirche.

 

Der Heilige Geist macht keinen Unterschied zwischen Ordinierten und nicht Ordinierten. Er fragt nur, ob unser Herz für ihn offen ist – und arbeitet in uns, dass es sich öffnet oder wieder für ihn öffnet.

 

Trotzdem ist es gut, lieber Herr Pfarrer Winkler, dass dieses Wort heute Ihnen in besonderer Weise gilt und Ihnen zugesagt werden kann: „Nehmt hin den Heiligen Geist.“ Als Ordinierte stehen wir in einem besonderen Auftrag. Die öffentliche Wortverkündigung ist uns anvertraut. Mit dieser öffentlichen Verkündigung haben wir eine große Verantwortung. Die Menschen, an die wir gewiesen sind, sind angewiesen darauf, dass sie von uns das Evangelium hören, dass der Heilige Geist ihre Herzen berührt durch das Wort, das wir sprechen.

 

Luther war da auch sehr direkt. Er hielt große Stücke auf dieses Amt, das uns anvertraut ist. Wenn wir reden und der Heilige Geist uns als Werkzeug gebraucht, dann gilt „deus dixit“. „Gott spricht“.

 

Wer das versteht, der wird als Mensch und gerade auch als Prediger oder Predigerin nicht hochmütig, sondern zutiefst demütig. Wer sich dem Wirken des Heiligen Geistes öffnet, mit dem geht Gott den Weg, den auch Christus gegangen ist, den Weg der Niedrigkeit und der Zuwendung zu den Menschen, die Gott liebt – und er liebt alle Menschen. Das Wirken des Heiligen Geistes bewirkt, dass wir mehr und mehr anfangen, nicht uns selbst in den Mittelpunkt zu rücken, sondern Christus. Er bewirkt, dass wir aus seiner Liebe, seiner Freude, seinem Frieden schöpfen. Das ist ein Prozess, der oft gerade dann kräftig fortschreitet, wenn wir Phasen haben, in denen wir uns nicht stark fühlen, denn dann zeigt sich die Wahrheit der paulinischen Aussage: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Es geht noch weiter in unserem Bibelwort. Christus spricht: „Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ Hier wird überdeutlich, wie sehr der Evangelist Johannes das Wort Christi und das Wort der Jünger zusammen sieht. Nicht nur wir sind als Getaufte an Christus gebunden, sondern Christus hat sich auch an uns gebunden. Er braucht uns als seine Gesandte und Botschafter. Auch dieser Bibelvers gilt nicht nur für Ordinierte. Es kann ja sein, dass ein Christ zu einem anderen geht und mit ihm über sein Leben spricht. Da wird einer für den anderen zum Seelsorger oder zur Seelsorgerin. Ermahnen und trösten und die Vergebung Gottes zusprechen darf jeder Christ.

 

Freilich gehört das besonders zu unserem Amt als Ordinierte. Vielleicht schrecken wir zurück vor der Macht, die uns da zugesprochen wird, sie scheint zu gipfeln in der Macht, die Sünden zu behalten und nicht zu vergeben. Nein, darin gipfelt die uns geschenkte Macht nicht. Sie gipfelt immer in der Versöhnung, immer in der Barmherzigkeit. Wenn wir einmal nicht die Vergebung zusprechen, dann nur, weil deutlich ist, dass wir damit der Versöhnung im Wege stehen würden. Manchmal haben wir die Verantwortung zu sagen: Hör auf, schlecht über Deinen Bruder zu sprechen, hör auf, Dich selbst zu betrügen, hör auf – mit was auch immer. Manchmal müssen wir Widerstand leisten, damit der Weg der Versöhnung mit Gott und mit den Mitmenschen gefördert wird. Aber es geht immer um diesen Weg der Versöhnung in allem, was wir tun.

 

Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Pfarrer Winkler, dass durch Sie solche versöhnende Seelsorge geschehen kann und die Menschen zu Ihnen kommen oder dafür offen sind, wenn Sie sie besuchen. Mögen Sie selbst solch einen Seelsorger oder eine Seelsorgerin haben, zu dem sie regelmäßig gehen. Das schult und stärkt uns mehr für unsere Seelsorge als vieles andere. Der Aufgabe ging schon damals die Gabe voraus. Christus will und wird Sie beschenken. Christus will und wird für Ihre Seele sorgen. Der Sie sendet, segnet sie zuvor.

Amen.

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