50-jähriges Bläserjubiläum von Herrn Reinhard Lammel am 6. Januar 2012 in der Kirche St. Marien zum Gesees

Laudatio von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
zum 50-jährigen Bläserjubiläum von Herrn Reinhard Lammel
in der Kirche St. Marien zum Gesees, 6. Januar 2012, 17.00 Uhr
 

Sehr verehrte Anwesende, liebe Geschwister in Christus,
vor allem lieber Reinhard Lammel,

„Reformation und Musik“, das ist das Thema des Jahres 2012 in der Lutherdekade. Reformation und Musik – darüber lässt sich endlos theoretisieren. Heute, in dieser Stunde, bei der Ehrung von Reinhard Lammel für seine 50 Jahre Bläserdienst wird das Thema konkret.
Denn gerade Posaunenchöre sind unverwechselbar typisch für die kirchenmusikalische Arbeit reformatorischer Kirchen. Welche katholische oder orthodoxe Gemeinde hat einen Posaunenchor? Dagegen ist bei fast allen evangelischen Kirchengemeinden meines Kirchenkreises ein Posaunenchor fester Bestandteil der Gemeindearbeit.
Posaunenchöre gehören zum unverwechselbaren Profil kirchenmusikalischen und gottesdienstlichen Lebens der Kirchen und Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind.
Nicht umsonst findet genau in der Mitte des Jahres „Reformation und Musik“ ein Kirchenkreisposaunentag in Coburg statt, zu dem schon 1.000 Bläser und Bläserinnen angemeldet sind – auch der Geseeser Posaunenchor – unter Leitung von Reinhard Lammel – wird kommen.
Daher hat es sich wunderbar ergeben, dass meine erste öffentliche Handlung im Jahr „Reformation und Musik“ die Ehrung von Reinhard Lammel ist für 50 Jahre treuen Bläserdienst. Das passt.
An einer sehr kurzen Skizze zur Geschichte der Posaunenchorarbeit wird deutlich, was Dein Dienst, lieber Reinhard, in der Gegenwart bedeutet.

Entstanden ist die Posaunenchorarbeit im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert. Sie ist ein Kind der pietistischen Erweckungsbewegung in den reformatorischen Kirchen, zuerst in den Herrnhuter Brüdergemeinden. Sie diente insbesondere der missionarischen Arbeit – waren doch diese Blechbläser „mobile Allwetter-Orgeln“ bei Zeltmissionen und Freiluftgottesdiensten.
Es waren im 19. und 20. Jahrhundert die Pfarrer Eduard Kuhlo und sein Sohn Johannes (+1941), die die Posaunenchöre ins kirchliche Leben integrierten, weil sie erkannten, welche missionarische Kraft der Posaunenchorarbeit für jede Kirchengemeinde innewohnt.
Im Jahr 1865 wurde in Neuendettelsau der älteste Posaunenchor Bayerns gegründet. Heute, knapp 150 Jahre später, zählen wir in Deutschland ca. 7.000 Posaunenchöre mit rund 100.000 Bläsern und Bläserinnen in Deutschland.
Obwohl diese beiden Pfarrer Kuhlo so prägend waren, ist die Posaunenchorbewegung, noch stärker als die – ebenfalls in dieser Zeit entstandene – Kirchenchorbewegung,  eine Laienbewegung. Sie wird sogar vor Ort im Wesentlichen geleitet durch Ehrenamtliche. Mancher Pfarrer spielt unter der Leitung eines Ehrenamtlichen mit.
Die Theologische Realenzyklopädie – ein äußerst profundes Lexikon – sagt über die Kirchen- und Posaunenchöre: „Sie … sind bis heute die beständigsten Träger des gemeindlichen Lebens.“
Ein wahres, hohes Lob! Dazu braucht es auch beständige Persönlichkeiten, wie Reinhard Lammel.

Pfarrer Reinhard Lammel war es, der den Einsatz des Bezirkschores Dinkelsbühl am 3. Advent 1961 leitete. Der jüngste Bläser mit gut 12 Jahren war damals Reinhard Lammel Junior. Er stand mitten im Chor unter dem Christbaum des Krankenhauses Dinkelsbühl und blies ein Flügelhorn, auch „alte Knarre“ genannt. Wer sich von diesem Instrument nicht abschrecken lies, blieb dabei. Reinhard blieb dabei aber wechselte das Instrument. Hatte er das Flügelhorn zusammen mit seinem Bruder Ludwig bei Pfarrer Günter-Uwe Thie erlernt, so unterrichtete derselbe Lehrer ein Jahr später wieder zwei Lammel-Söhne: Helmut und erneut Reinhard an der Basstuba.
Geige, Bratsche, Cello, Contrabass, all diese Instrumente beherrschte er auch, doch das Blech und das mit diesen Instrumenten verbundene kirchliche Leben begeisterte ihn.
Schon im Folgejahr, also ab 1963 bis zu seinem Abitur im Jahr 1968 vertraute Vater Reinhard Lammel seinem Sohn die Jungbläserausbildung des Dinkelsbühler Posaunenchores an. „Es war einfach eine Notwendigkeit“, meinte Reinhard Lammel kürzlich trocken und bescheiden, „mein Vater hatte gar nicht die Zeit dazu.“ Mit seinen nur 14 Jahren unterrichtete Reinhard wesentlich Ältere, die aber seine Anleitung annahmen. Schon damals eignete ihm wohl nicht nur große Musikalität mit fachlichem Wissen und Können, sondern auch seine bis heute wirksame natürliche Autorität.
Nach dem Abi 1968 folgte ein Semester Studium in Bayreuth – dann zwei Jahre Bundeswehr. Auch in dieser Zeit gab er unentgeltlich Privatunterricht, auch seiner zukünftigen Frau Uschi, ebenfalls Dinkelsbühlerin.
Als er nach der Bundeswehr sein Studium in Bayreuth fortsetzte, traten Uschi und Reinhard im April 1972 in den Posaunenchor Bayreuth-Altstadt ein. Die Rolle der Basstuba war schon besetzt, also blies er Tenorhorn – später Posaune.  Bei Eintritt meinte Chorleiter Puchtler: „Wir sind fei ein guter Chor, da müsst ihr euch bewähren!“
Offensichtlich bewährten sie sich, denn schon zwei Jahre später wurde Reinhard gebeten, die Leitung des Chors zu übernehmen, hatte Bäckermeister Puchtler ihn doch schon seit 1929 geführt. Bedenkt man, dass Reinhard Lammel ihn 33 Jahre dirigierte, der Chor also binnen 78 Jahren nur in Händen zweier Leiter war, so wird deutlich, dass die vorhin vom Lexikon gerühmte Beständigkeit, die die Posaunenchöre ins Gemeindeleben bringen, eben auch mit der Beständigkeit der leitenden Personen zusammenhängt – übrigens auch mit der der Bläser und Bläserinnen. Viele Bläser und Bläserinnen beginnen als Jugendliche und hören auf mit mindestens 75 Jahren. Vorher sollte auch keiner aufhören, der noch blasen kann.
Es ist ja gerade ein großer Schatz der Posaunenchöre, dass hier Generationen in größter Selbstverständlichkeit beisammen sind. Wo gibt es das sonst noch in unserer Gesellschaft. Das tut den Jungen und den Alten gut. Hier im Geseeser Chor liegt die Altersspanne zwischen 13 und 69 Jahren. Im Posaunenchor gelingt es sogar, dass Mutter oder Vater mit Sohn oder Tochter musizieren und harmonieren. Oft überflügeln die Kinder die Eltern. Da sind die Eltern stolz und die Kinder. Posaunenchorarbeit ist Jugend- und Familienarbeit eigener Art.

In den 35 Jahren Mitgliedschaft und Leitung des Posaunenchores Bayreuth-Altstadt war Reinhard Lammel auch von 1975 an zunächst stellvertretender Chorleiter und später Chorleiter des Bezirksposaunenchores Bayreuth. Eine Periode lang von 1992 bis 1998 war er Mitglied des Landesposaunenrates des Verbands evangelischer Posaunenchöre in Bayern und darüber hinaus auch drei Jahre Abgeordneter zur Bundesversammlung des Evangelischen Posaunendienstes in Deutschland.
Wichtiger aber als all die verantwortungsvolle Gremienarbeit erscheint mir, dass Reinhard Lammel wohl allein in der Zeit der 35 Jahre Mitgliedschaft in der Altstadt ca. 60 - 70 Jungbläser ausgebildet hat. Zu diesen von ihm eingewiesenen Jungbläsern gehören auch einige aus Hummeltal und Eckersdorf. Den letztgenannten Chor gründete er in den Jahren 1979/80. Im Jahr 1983 bildete er sozusagen den ganzen Chor in Neunkirchen-Emtmannsberg als Jungbläsergruppe aus. 1984 war der erste Einsatz dieser Truppe.
Wäre Reinhard Lammel nicht solch ein begnadeter Ausbilder und Leiter, würde auch die Bayreuther Regionalbischöfin nicht Posaune spielen. Unser Sohn Benjamin hörte den Altstädter Posaunenchor und wollte Trompete lernen. Da es mir unmöglich war, ihn dabei zu unterstützen, weil ich kein Blechblasinstrument spielte und es andererseits mein Traum war, in der Familie zu musizieren, wurde ich ebenfalls mit 33 Jahren noch Jungbläserin.
In der Aussage, dass die junge Generation die alte in der Familie manchmal überflügelt, sprach ich aus Erfahrung. Reinhard Lammel hatte einen Blick dafür, welche Jugendlichen man auch durch zusätzlichen Unterricht bei der Musikschule fördern sollte.
So kam es, dass mein Mann und ich Posaune bliesen und unser Sohn Trompete. Als wir nach Holzkirchen in Oberbayern zogen, gründeten wir zusammen mit zwei weiteren Bläsern im Jahr 2003 den Posaunenchor Holzkirchen neu, der inzwischen ohne uns weiterbestehen kann und besteht. So wirkt der Same weiter, sodass selbst in der Gegenwart noch neue Chöre entstehen. Auch der Geseeser Chor ist noch nicht einmal 20 Jahre alt – im Jahr 1993 gegründet durch Pfarrer Taegert. Die Posaunenchorarbeit ist jung.

Aus persönlichen Gründen beendete Reinhard Lammel sein Engagement im Posaunenchor Bayreuth-Altstadt. Am 29.9.2007 fand dort das letzte Konzert unter seiner Leitung statt. Am Tag danach, am 30.9. wurde er Mitglied des Posaunenchores Gesees. Die Geseeser sagen: „Welch ein Glück für uns.“ Sofort wurde ihm die Jungbläserausbildung anvertraut. Als die Chorleiterin ein Jahr später aus beruflichen und privaten Gründen von Gesees nach Württemberg zog, war klar, wer den Chor weiterführen konnte, weil er das Charisma zur Leitung des Chores hatte und hat: Reinhard Lammel.
Ja, er hat Charisma: Er ist so musikalisch, dass er jeden falschen Ton hört und so geduldig, dass er ihn auch erträgt. Klare Ansagen und klares Dirigieren, Arbeiten am Ton und am Rhythmus bringen jeden Chor, den er leitet, vorwärts zu einem transparenten Miteinander der Stimmen.
Er fordert den Einzelnen und spricht ihn an, doch nie verletzend, sondern warmherzig und anspornend. Er fördert den Einzelnen und formt dabei einen Chor. Selbst begeistert vom Blasen ist es sein Ziel und seine Gabe, diese Begeisterung weiterzugeben. Den einen halten dann Spielen und Klang, die andere mehr die Gemeinschaft und der menschliche Zusammenklang im Chor. Auf beides achtet er. Daher bekommt seine Arbeit an der Qualitätssteigerung nie exklusive Züge. Jeder und jede hat seinen Platz im Chor und zählt als volles Mitglied, auch wenn er oder sie immer wieder „voll falsch zählt“. Nie wird das musikalische Miteinander auf dem neuzeitlichen Altar der Perfektion geopfert.  Nicht über Drill, sondern über die Freude lässt sich Qualität anhaltender steigern. Das kann man bei ihm lernen. Er lässt nicht stundenlang die Instrumente stimmen und trotzdem stimmt die Stimmung im Chor musikalisch und menschlich.

Von Posaunenchorarbeit spricht er, das ist mir aufgefallen. Das tut er, nicht weil ihn das Leiten des Posaunenchors anstrengen würde – es ist ja eines seiner Lebenselexiere –, sondern weil ihm bewusst ist, dass hier grundlegender Gemeindeaufbau, Mitarbeit am Verkündigungsdienst geschieht.
Hand auf´s Herz ihr Bläser und Bläserinnen hier im Raum: wie viele Gottesdienste mehr habt ihr besucht, weil ihr mitgeblasen habt? Es sind einige. Der Pfarrer konfirmiert, doch oft ist es der Posaunenchor, der den Jugendlichen beim Kirchgang hält.
Blaise Pascal (1623-62), ein christlicher Philosoph, Mathematiker und Physiker des 17. Jahrhunderts, bemerkte: „Es gibt drei Wege zum Glauben: die Vernunft, die Gewöhnung und die Eingebung.“ Ich meine im Protestantismus haben wir den Weg der Gewöhnung zu wenig beachtet. Wer Posaunenchorarbeit betreibt, geht diesen Weg, bewusst oder unbewusst. Was in der katholischen Kirche die Ministrantenarbeit ist, ist bei uns die Posaunenchorarbeit. Hier geschieht Einübung in den Gottesdienst durch Mitwirkung.
Dienten die Posaunenchoreinsätze in den geschichtlichen Anfängen zur Begleitung missionarischer Einsätze für andere, so sehen wir heute die missionarische Wirkung für uns Bläser und Bläserinnen selbst. So laut und impulsiv das Blech spielen kann, so leise und stetig spielt die Mitwirkung im Chor die Liebe zur Kirche Jesu Christi bei manchen ins Herz.

Daher ist dieser Dank, lieber Reinhard, für 50 Jahre Bläserdienst zugleich ein Dank für 50 Jahre Arbeit im Gemeindeaufbau, 50 Jahre Einsatz für das gottesdienstliche Leben, 50 Jahre Dienst am Wachstum der Kirche Jesu Christi, 50 Jahre Mitwirkung in der Verkündigung des Evangeliums. Persönlich als Deine ehemalige Schülerin – seitdem verbunden in Freundschaft – aber auch im Namen unserer Kirche danke ich Dir von Herzen  für diese 50 Jahre. Mögen es noch viele werden. Gott segne Dich und diese Arbeit.