Kantatengottesdienst am 7. Januar 2012 in der Erlöserkirche Bayreuth

Predigt Teil 1

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt.

Liebe Gemeinde!
„Statt zu klagen, dass wir nicht alles haben, was wir wollen, sollten wir lieber dankbar sein, dass wir nicht alles bekommen, was wir verdienen“, meint der zeitgenössische Kabarettist Dieter Hildebrandt nicht ganz zu Unrecht.
Etwas anders der Inhalt eines Wortes unseres alten Kirchenvaters Hieronymus. Dieser führt weg von der Klage hin zum Dank. Dieses Zitat kommt mir jedes Mal in den Sinn, wenn ein mir lieber Mensch stirbt:
„Wir sollen nicht trauern, dass wir die Toten verloren haben, sondern dankbar dafür sein, dass wir sie gehabt haben, ja auch jetzt noch besitzen:
denn wer heimkehrt zum Herrn, bleibt in der Gemeinschaft der Gottesfamilie und ist nur vorausgegangen.“
So unterschiedlich die Entstehungszeiten und die Personen auch sind, so sehr stimme ich beiden zu in ihrem Aufruf, das Klagen zu lassen und zu danken.
Manchmal freilich braucht es auch die Klage, um uns Schweres von der Seele zu reden oder auch mit Tränen hinauszuspülen. Geschieht keine echte Trauerarbeit, wird auch die sich einstellende Fröhlichkeit nur oberflächlich sein.
Und doch soll die Klage immer nur ein Zwischenschritt sein – hin zu neuer Dankbarkeit. Sie darf sich nicht festsetzen in uns. Daran gilt es zu arbeiten. In der Heiligen Schrift steht nun einmal nicht: Trauert auf allen Wegen, sondern Paulus schreibt – wohlgemerkt aus dem Gefängnis – „Freut euch in dem Herrn alle Wege.“ Er schiebt sogar noch die Bekräftigung nach: „und abermals sage ich euch, freut euch“.
Auch in der vorhin gehörten Lesung hieß es nicht: Klagt allezeit Euer Leid, sondern der Aufruf war: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen.“ Dann folgt ebenfalls noch eine Bekräftigung: „Denn das ist der Wille Gottes in Jesus Christus an euch.“
Liebe Gemeinde, wie auch immer es uns heute und hier geht, immer ist dies Gottes Weg mit uns: Von der Traurigkeit zur Freude, von der Missstimmung zur Fröhlichkeit, von der Klage zum Dank.
Aber gute Laune lässt sich nicht produzieren. Wir können uns nicht am Schopf selbst aus dem Sumpf von  Traurigkeit und Klage herausziehen. Doch Gott reicht uns die Hand. Ergreifen wir seine. Glauben Sie mir, er zieht kräftig.
Wie tut er das? Zum Beispiel durch die Musik.
Unser Reformator Martin Luther sagt in einer seiner Tischreden: „Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich. Sie bringt ein ruhiges und fröhliches Herz zuwege.“[1] Das hat Luther selbst erfahren. Dabei konnte er den rund 100 Jahre später geborenen Georg Philipp Telemann noch gar nicht kennen und seine Kantate „Nun danket alle Gott.“
Kantate Teil 1       
Nun danket alle Gott, der große Dinge tut, an allen Enden.


Predigt Teil 2
„Nun danket alle Gott.“ Wenn ich Sie fragen würde, „ist das der Beginn eines Liedes oder ein Bibelvers?“, so würden alle, die hinter der Frage keine Falle vermuten, sofort antworten: Ein Lied. Wir kennen es alle. „Nun danket alle Gott“ singen wir häufig am Ende von großen Fest- und Dankgottesdiensten, insbesondere an Erntedank. Auch bei Trauungen wird es gerne gesungen, weil  selbst ein Großteil der entkirchlichten Verwandtschaft es mitsingen kann. „Lobe den Herren, den mächtigen König“, kommt im Bekanntheitsgrad noch mit – doch sonst so schnell kein weiteres Lied.
Es ist schon bezeichnend, dass in unserem Liedgut zwei Lieder, die zum Lob und Dank aufrufen, die Top-Hits sind, die sich schon seit Jahrzehnten, Jahrhunderten halten. Das hat mit dem Wesen unseres Glaubens zu tun. Unser Glaube ist eine fröhliche Sache. Er hilft zu sehen, was Gott uns schenkt – auch wenn die Lage noch so schwierig ist. Es gibt immer etwas, wofür wir danken können – und sei es die Gegenwart Jesu Christi bei uns mitten im Leid. Sie ist doch das größte Gut, das uns niemand nehmen kann.
Um dieses Gute, das wir haben, zu sehen, brauchen wir manchmal den Impuls von anderen. Bei diesem Lied rufen wir uns wechselseitig auf: „Nun danket alle Gott“. Nachher werden wir das Lied auch singen. So viele Menschen neben uns singen, so viele Aufrufe erhalten wir, Gott zu danken.
Doch nochmals zu der Frage: Ist „Nun danket alle Gott“ ein Lied oder ein Bibelvers? 
Erst kam die Bibel dann der Choral, so ist es oft; so ist es auch hier. Martin Rinckart hat das Lied: „Nun danket alle Gott“ drei Bibelversen nachgedichtet, die in Jesus Sirach, Kapitel 50, Verse 24-26 zu finden sind.
Es ist möglich, dass Sie das biblische Buch „Jesus Sirach“ gar nicht kennen. Denn Jesus Sirach wird zu den so genannten biblischen Apokryphen gezählt. Diese Apokryphen gehören bei den Katholiken und den Orthodoxen zur Heiligen Schrift, bei den Evangelischen nicht.
D.h.Katholiken und Orthodoxe orientieren sich bei ihrem Kanon des AT an der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des hebräischen Textes, die weiter verbreitet war als der Urtext.
Luther übersetzte diese Apokryphen, auch wenn er sie dem Alten Testament nicht zurechnete; übrigens rechnen auch die Juden diese Schriften nicht zu ihrem Tennach, zu ihrer heiligen Schrift. Luther galten diese Apokryphen als nützlich aber nicht als heilig. Sie sind in einigen Bibelausgaben enthalten, in anderen nicht. Wenn sie enthalten sind, dann stehen sie zwischen dem Alten und Neuen Testament. Also lesen sie ruhig einmal die Apokryphen. Es sind gut zu lesenden fromme Geschichten und Weisheiten.
Unsere Kantate, jedenfalls, gibt exakt den Wortlaut aus Jesus Sirach wieder, der eben auch dem Lied „Nun danket alle Gott“ zugrunde liegt. Jesus Sirach 50, Vers 24 lautet:
Nun danket alle Gott, der große Dinge tut an allen Enden, der uns von Mutterleib lebendig erhält und tut uns alles Guts.
Kantate 2   
Der uns von Mutterleibe an lebendig erhält und tut uns alles Guts


Predigt Teil 3
Von Mutterleibe an hat Gott uns erhalten. Wie viele Jahre sind das nun schon? Egal wie viel, ob es 26 Jahre sind oder 62, – unzählig viel Gutes haben wir alle empfangen, seit wir im Mutterleib waren und dann mit unseren Beinchen strampelnd in einer Wiege lagen. Genau dies dichtet auch Rinckart hinzu: „der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zugut bis hierher hat getan.“
Eigentlich hat Rinckart mit „Nun danket alle Gott“ gar kein Lied geschrieben, sondern ein Tischgebet, das er selbst in seinem „IESV-Hertz-Büchlein“ im Jahr 1636 unters Volk brachte. Johann Crüger hat dann wenige Jahre später eine Melodie dazu geschrieben und 1647 als Lied im Gesangbuch „Praxis pietatis melica“ veröffentlicht.
Sowohl die Dichtung Rinckarts wie die Vertonung Crügers fallen also in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der in Deutschland grausamst wütete. In dieser Zeit rufen beide auf: „Nun danket alle Gott.“ Wir leben, lasst uns ihm dafür danken und für alles, wir an Gutem doch haben. Seht darauf.

Wir leben, wir haben es überstanden, das mag auch der innere Beweggrund gewesen sein, aus dem dieses Lied gesungen wurde von völlig erschöpften deutschen Soldaten im siebenjährigen Krieg nach der Schlacht von Leuthen 1757. Daher nennt man das Lied auch den „Choral von Leuthen“.
„Nun danket alle Gott“ wurde auch 1955 angestimmt im Lager Friedland nach der Ankunft der offiziell letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion.
Sicher, es war Konrad Adenauder, der die Heimkehr politisch erwirkt hatte, das wussten alle; und doch sangen die Menschen im ganzen Lager: „Nun danket alle Gott.“
Die Zurückführung alles Guten in unserem Leben auf Gott ist auch der Grund, warum Rinckart – über den Wortlaut von Jesus Sirach hinaus – einen dritten Vers dichtet, der nur das Lob des dreieinigen Gottes zum Inhalt hat. Ihm verdanken wir alles Gute in unserem Leben. Dies zu singen und zu sagen, macht still, dankbar und fröhlich.

Freilich lassen diese Beispiele des guten Gebrauchs des Liedes in Leuthen und Friedland auch ahnen, dass die Grenze zum Missbrauch eines solchen Liedes manchmal nicht weit ist. Und es gab ihn, diesen Missbrauch. Bertold Brecht hat das zu Recht aufgespießt und den Missbrauch auf die Spitze getrieben, indem er das Lied umdichtete: „Nun danket alle Gott, der uns den Hitler sandte“ – durch den die Armen arm bleiben.
Ein Dank für das eigene Überleben nach einer Schlacht darf nicht gleichzeitig ein Dank für den Tod anderer sein. Unser Dank bei Tisch für das gute Essen ist kein Dank für die Armut der Hungernden. Der Dank an Gott für empfangenen Segen wird – recht verstanden – immer den Impuls in sich tragen, dass der empfangene Segen auch weitergegeben werden will und anderen zugute kommen soll.
Auf den dankbaren Blick in die Vergangenheit folgt in Jesus Sirach  die Bitte für die Zukunft: „Er gebe uns ein fröhliches Herz und verleihe immerdar Friede zu unserer Zeit in Israel.“ Mit Israel ist das ganze Volk Gottes gemeint. Erschöpfte und heimgekehrte Soldaten wussten nur zu gut, was sie sagen, als sie um Frieden baten. Lied und Kantate erinnern, dass ein fröhliches Herz und Friede letztlich Gottesgeschenke sind, die erbeten werden wollen.
Kantate 3   
Er gebe uns ein fröhliches Herz und verleihe immerdar Friede zu unserer Zeit in Israel
 

Predigt Teil 4
Telemann schrieb diese Kantate vermutlich für Erntedank mit Blick auf das, was Gott uns sichtbar schenkt. Als Rinckart „Nun danket alle Gott“ dichtete, hatte er die Situation des gedeckten Tisches im Blick.
Nein, wir können uns selbst nicht fröhlicher machen als wir sind. Doch das dankende Innehalten bei jeder Mahlzeit, den Anblick dessen was uns geschenkt ist, konkret vor Augen, wird uns dankbarer und fröhlicher machen. Dankbarkeit kommt auch durch die Einübung in das Danken, regelmäßig bei jedem Essen.
Gott hilft uns, fröhlich zu werden gerade, durch das Danken. Dankbar genossene Musik wird diese Wirkung ebenfalls haben, sie macht fröhlich. Noch einmal Luther zur Musik: „Ich liebe die Musik. Denn sie ist erstens ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen; zweitens macht sie fröhliche Herzen; drittens verjagt sie den Teufel; viertens bereitet sie unschuldige Freude. Darüber vergehen Zorn, Begierden, Hochmut. Den ersten Platz nach der Theologie gebe ich der Musik.“
Zorn und Traurigkeit können vergehen. Gott geht mit uns den Weg der Erlösung nicht erst im Himmel, sondern schon hier auf der Erde. Hierher zu uns auf die Erde hat er seinen Sohn Jesus Christus gesandt.
„Erlöse uns, solange wir leben“ ist die letzte Bitte in der Kantate. Beten wir hörend mit: Gott möge uns erlösen, nicht erst, wenn wir gestorben sind, sondern schon jetzt – aus der Undankbarkeit hin zu Dank und Freude.
Kantate 4   
Auf dass seine Gnade stets bei uns bleibe und erlöse uns solange wir leben.

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Erlöser. Amen.