Referat "Gerne Christsein" EAK der CSU am 7.2.2012

„Gerne Christsein“ Referat
bei der Diskussionsveranstaltung des Evangelischen Arbeitskreises der CSU
am 7.2.2012 in Bayreuth im Lokal „Sieben Raben“

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlichen Dank für die Einladung. Ich komme gerne zu den Parteien, weil ich es sehr honoriere, wenn Menschen sich in den demokratischen Parteien engagieren. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich selbst jeder Parteipolitik oder gar Parteiwerbung enthalte. Als Regionalbischöfin ist Unabhängigkeit von Nöten. Mein Amt hat der Einheit aller Christen zu dienen.
Trotzdem lasse ich mich sehr gerne zu den demokratisch gesonnenen Parteien einladen. Denn Parteien werden gebraucht zur politischen Meinungsbildung und für überlegte, tragende, weiterführende politische Entscheidungen. Sie sind ein unverzichtbarer, stabilisierender Faktor  im Staat.
Danke, dass Sie als EAK dazu beitragen, dass Politik christlich orientiert geschieht. Ich danke allen, in der CSU, die es mit dem C ernst nehmen und dazu beitragen, dass es nicht zur leeren Hülle wird. Dass Sie es ernst meinen, dafür ist dieser Abend ein beredtes Zeichen. Denn das Thema dieses Abends haben Sie mir vorgegeben: „Gerne Christ sein“.
Es ist kein direkt politisches Thema. Doch Sie wollen vermutlich eine Vergewisserung in Ihrem C, der zu Ihrem Parteinamen gehört und eigentlich Ihr Programm ist. Dazu will ich gerne beitragen. Denn ich bin gerne Christ und werde Ihnen gerne mitteilen, warum.
Ich würde mich aber auch freuen, wenn wir anschließend ins Gespräch darüber kommen, warum Sie gerne Christ sind. Sicher können Sie weitere Gründe benennen. In meinen Augen gibt es unzählige Gründe, warum ich gerne Christ bin. Ich musste mich sehr beschränken. Sie haben anschließend Gelegenheit den bunten Strauß an Gründen zu ergänzen. Auch Ihre Zweifel und Anfragen haben Platz.

Ich nenne sieben gute Gründe, warum ich gerne Christ bin

1.    Transzendenz
Am vergangenen Wochenende war ich in Güstrow. Ein Oberkirchenrat der mecklenburgischen Landeskirche berichtete von einer kirchlichen Umfrage unter Jugendlichen, um deren Zugang zur Religiosität zu erheben. Einer der Jugendlichen sagte, ich zitiere wörtlich: „Komischerweise gibt es ja in jeder Religion einen Gott. Das ist ja das Schlimme. Gibt es nicht etwas, wo ich mich in den Mittelpunkt stelle?“
Natürlich gibt es das. Nur ist das dann keine Religion. Der Jugendliche hat es voll erkannt. „Komischerweise gibt es ja in jeder Religion einen Gott.“ Er hat mit ihm nie Bekanntschaft gemacht, sonst würde er zumindest ahnen, dass es ihm viel mehr für sein Selbstwertgefühl und Glück bringt, wenn er nicht eine Lebenshaltung pflegt, die sich selbst in den Mittelpunkt stellt. In unserem christlichen Glauben ist er nicht Mittelpunkt, sondern Gott. Doch hat Gott in Jesus Christus gezeigt, dass jeder Mensch Mittelpunkt seiner Liebe ist. Es ist viel mehr wert, Mittelpunkt der Liebe Gottes zu sein als Mittelpunkt des eigenen Weltbildes.
In Mecklenburg gehören 80% keiner christlichen Kirche mehr an. Die meisten derer, die nicht mehr Mitglied einer Religionsgemeinschaft sind, haben ein rein immanentes Weltbild. Das Glück hat man sich da selbst erarbeitet oder man hat es nicht; und nach dem Tod ist sowieso alles aus.
Nirgendwo hat der neue Nationalsozialismus so viel Nährboden als dort, wo kein Gott ist. Da braucht es einen Religionsersatz. Da braucht es den starken Mann, den Führer. Politik wird zur Ersatzreligion. Das ist genauso verheerend wie die ideologische Überhöhung der Politik durch Religion.
Der Dienst von Staatsbeamten, von Politikern bis hin zu Gemeinderäten beginnt mit dem Eid auf die Verfassung. Er endet - für den, der es sagen will - mit: „so wahr mir Gott helfe“. Dieses Satzende ist nicht mehr selbstverständlich. Ich höre hier immer sehr genau zu, wer diesen Satz sagt.
Die ersten Worte unserer Verfassung sind: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ - in diesem Land bin ich gerne Bürgerin.
Diese Formulierungen drücken aus, dass kein Mensch und auch kein noch so hohes politisches Organ die letzte Instanz sind, sondern dass wir unser Leben vor Gott verantworten müssen, dass wir aber auch Hilfe zu einem verantwortlichen Leben von ihm erwarten können. Wir relativieren uns selbst durch die Relation zu Gott, das ist der Grundzug christlicher Religion.
Ich bin allen politisch denkenden Menschen dankbar, die noch wissen, dass sie sich verantworten müssen. Sie sind geschützter vor Selbstüberhebung, vor Selbstgerechtigkeit, aber auch vor Verzweiflung, zumindest wenn sie nicht an irgendeinen Gott glauben, sondern an den Vater Jesu Christi.


2.    Geborgenheit
Wenn ich mir persönlich überlege, was für mich der wichtigste Grund ist, warum ich gerne Christ bin und es um keinen Preis missen möchte, ist es dies, dass ich mich - wo ich auch bin - in Gott geborgen weiß. Es ist mehr als ein Gefühl. Es ist eine Grundbefindlichkeit, die mir geschenkt ist durch den Glauben.
Sie bewährt sich in den Situationen, in denen wir Menschen uns manchmal allein fühlen; zum Beispiel:
-    in Konflikten wenn ich die Distanzierung anderer spüre oder wenn ich mich distanzieren muss,
-    wenn ich bei Nacht irgendwo allein bin, sei es allein in der S-Bahn oder allein auf dem Bahnsteig, allein auf einsamen Wegen,
-    wenn ein mir lieber Mensch stirbt,
-    wenn ich mit meinen Gedanken allein bin, jede Nacht vor dem Einschlafen.
Das sind nur Beispiele von Situationen, in denen in besonderer Weise erfahrbar wird, was es bedeutet, in Gott geborgen und nicht allein zu sein, sondern umgeben von Gottes Gegenwart, die mir von niemandem und von nichts genommen werden kann.

Wer seine Heimat in Gott hat, kann auch Schritte ins Neuland gehen. Ich behaupte; Er oder sie ist fähiger als andere Menschen zum Aufbruch. Die alte Abrahamgeschichte ist dafür die Symbolgeschichte: Gott sagt zu Abraham: „Geh in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Und: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Abraham kann gehen, weil er zugleich die Zusage der Begleitung Gottes im Segen hat. Glaubende sind Menschen, die sich auch im Aufbruch, auch unterwegs im unbekannten Neuland, grundlegend geborgen wissen und darum gehen können.

Die Geborgenheit in Gott macht mutig auch zum politischen Handeln. Bonhoeffer war ein Beispiel dafür. Er hat der nationalsozialistischen Bewegung mutig die Stirn geboten, weil ihm klar war, dass die braune Bewegung den Grundfesten unseres Glaubens widerspricht. Sein Mut gründete in der Geborgenheit in Gott.
Er schrieb: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Diese Geborgenheit in Gott, hat ihn fähig gemacht, sich in Gefahr zu begeben. In dieser Gefahr ist er dann auch umgekommen. Doch die Geborgenheit in Gott hat er dabei nie verloren.
„Von guten Mächten wunderbar geborgen“, hat er im KZ geschrieben. Auch ein anderes unbekannteres Gedicht ist dort 1944 entstanden.
„Wer bin ich?“, beginnt es;  „unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig“, so empfindet er sich selbst. Er beschreibt auch, wie andere ihn erfahren: „Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.“ Er zögert: „Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich?“ Das Gedicht endet: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, oh Gott!“


3.    Freiheit
Die Geborgenheit in Gott macht mutig. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Die Bindung an Christus macht frei. Wer sich an Christus als seinen Herrn bindet, der hat eben nur einen Herrn, nur einen Führer, nur einen Meister. Deshalb war die so genannte „Bekennende Kirche“ für Hitler so gefährlich. Deshalb wurden die Pfarrer, die dazu gehörten, oftmals arretiert. Sie waren zu frei, sie waren nicht zu manipulieren, nicht zu kaufen. Der Bund mit Christus ist der Grund der aufrechten Haltung; sie ist eine unverbrüchliche Stärkung des Gewissens.
Es scheint ein Widerspruch zu sein, doch ist es für Christen tiefste Erfahrungsweisheit: Die Bindung an Christus ist der tiefste Grund innerer Freiheit.

In unserer Gesellschaft herrscht ein sehr einseitiges Verständnis von Freiheit vor. Freiheit wird verstanden als Freiheit von etwas oder von jemandem. Das ist aber nur die halbe Freiheit.
Bei dem Thema „Freiheit“ geht es - nach unserer christlichen Überzeugung - eben nicht nur um das Freisein von etwas, sondern auch um die Freiheit zu etwas, eben zum Handeln, zum neuen Leben.
Niemand ist wirklich frei von Angst, wenn er nicht frei wird zu vertrauen.
Niemand ist frei von Hass, der nicht frei geworden ist zu vergeben.
Christen können sich „frei von und zu“ schreiben. Eine Liberalität, die nur die halbe Freiheit - die Freiheit von etwas - kennt führt in Libertinismus oder auch in die Haltlosigkeit. Christen sind „frei von und zu“ - auch zum Einhalten von Regeln, die dem gelingenden Leben in Liebe dienen.

Diese doppelte Freiheit von und zu drückt Martin Luther in seiner berühmten Freiheitsschrift kernig aus. Ich zitiere ihn:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Soweit so gut. Christen sind frei, weil sie nur einen Herrn haben und das ist Jesus Christus. Doch der Satz geht weiter: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan (in der Liebe).“
Wir haben eben einen Herrn, der selbst anderen die Wohltat erwiesen hat, ihnen nach einem staubigen Fußmarsch die Füße zu waschen. Wir haben einen Herrn der seine Jünger mahnt: „Wer unter euch groß sein will, der sei Euer Diener.“ Und von sich selbst sagte er: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“
Glaubhafte Hingabe aus tiefster Überzeugung, sei es als erster Diener des Staates oder in Pflegeberufen, gründet nirgendwo tiefer als in dieser in Christus begründeten Freiheit zu echtem Dienen aus Überzeugung.
Wir Christen sind frei, erstens weil wir nur einen Herrn haben und zweitens, weil dieser Herrn uns dient und uns führt in ein Leben, das aus Liebe anderen dient.

Ich weiß nicht, was meine größere Sehnsucht ist, die Sehnsucht nach Geborgenheit oder die Sehnsucht, frei zu sein. Ich bin gerne Christ, weil ich erfahren habe, dass der christliche Glaube diese Sehnsüchte zutiefst erfüllt, sodass Ersatzhandlungen in irgendwelchen Suchbewegungen oder gar Süchten völlig überflüssig werden. Mein Leben ist erfüllt.

4.    Liebe
Eines meiner Lieblingslieder verbindet die Geborgenheit, die Freiheit und die Liebe. Es heißt: „Von Gott kommt diese Kunde, mein Leben ist ein Fest“. Die dritte Strophe lautet: „Die Freiheit, neu zu leben, geborgen und geliebt, hast du mir, Herr gegeben, wie nur der Schöpfer gibt. Verleih mir nun die Kraft, die liebend weiterschafft.“ Wir Christen glauben, dass wir diese Liebe nicht aus uns herauspressen müssen, das wird nie etwas, sondern dass der Heilige Geist sie uns schenkt, indem wir uns ihm öffnen.

Diese offensive liebevolle Zuwendung zu den Menschen in der Welt ist übrigens das, was uns vom Buddhismus unterscheidet. Es gibt durchaus viele Parallelen zwischen Buddhismus und Christentum, z.B. die Fähigkeit loszulassen, auch den Reichtum, eben alles in der Welt. Doch das Proprium des Christentums ist, dass zu der Freiheit von der Welt, die Freiheit für die Welt hinzukommt. Das Christentum hat eine ganz starke Bewegung in die Welt hinein, zur Weltgestaltung, auch zur politischen Weltgestaltung.
Wir Christen glauben an einen Gott, der seinen Sohn in die Welt schickte, weil er die Welt liebt. Ich zitiere aus Johannes 3,16 „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf das alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Christen haben eine besondere Liebe zu den Verlorenen. Denken wir im evangelischen Bereich an Johann Wichern, den Erfinder des Adventskranzes. Er gründete das so genannte Rauhe Haus für verwahrloste, verwaiste Kinder. Er ist einer der Gründerväter unserer Diakonie, die heute ein Netz hat von Seniorenwohnstätten, Behindertenheimen, auch Einrichtungen für Jugendliche, die an der Grenze stehen zum Abgleiten in die Kriminalität. Wer kümmert sich um diese Jugendlichen? - Gerade unsere christliche Diakonie. Was in der evangelischen Kirche die Diakonie ist, ist in der katholischen Kirche die Caritas.
Unsere Liebe schaut auch über den Tellerrand des nationalen Egoismus´ hinaus und hat Hilfswerke gegründet wie „Brot für die WeltW evangelischerseits und „Misereor“ katholischerseits.
Christen wenden sich dieser Welt und den Menschen in Liebe zu, sonst haben sie nicht verstanden, was Christsein heißt. Eine Partei, die kein Erbarmen mehr für die Schwachen in unserer Gesellschaft kennt, hat nicht verstanden, was Christsein heißt. Christliches und soziales Engagement gehören notwendig zusammen.
Die Liebe zu den Menschen ist kein Ersatz für die Liebe zu Gott und umgekehrt. Die Liebe Gottes zu uns ist der Grund für beides.
Ich bin gerne Christ, weil diese Liebe zu den Menschen - so wie die Menschen sind - meinem Leben Sinn und Ziel und Humor gibt.

5.    Vergebung
Die Botschaft von der Liebe verstehen wir Christen viel radikaler als andere Religionen.
-     Die christliche geprägte Liebe gipfelt zum einen in der Feindesliebe. „Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die Euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.“ Solch ein Gebot kennt keine andere Religion. Christen, die dies verstanden haben und durch die Gottes Geist wirkt, werden zu Friedensstiftern.
-     Die christliche geprägte Liebe gipfelt zum anderen im Kreuzestod Jesu. Christus geht den Weg gewaltloser Liebe bis zur letzten Konsequenz. Selbst am Kreuz betet Jesus für seine Folterer: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Er selbst kann mit diesen Menschen versöhnt sterben, weil er ihnen nichts nachträgt und sogar möchte, dass diese ihn quälenden Menschen zu einem Leben finden, das mit Gott versöhnt ist. Weil Christus Vergebung Gottes brachte - selbst im Tod, ist das Kreuz für uns zum Symbol der radikalsten Liebe geworden.
-    Auch der Schuldige ist von Christus geliebt. Darum ist es so wichtig, dass Kreuze in unseren Gerichten hängen.
-    Christus kennt Schwachheit und Tod. Er wird keinen allein lassen im tiefsten Leid. Darum ist es so wichtig, dass Kreuze in den Krankenzimmern der Krankenhäuser hängen.
-    Christus ist bei dem, der hilflos ist und nichts mehr leisten kann. Darum ist es so wichtig, dass Kreuze in unseren Klassenzimmern hängen.
Das Kreuz - mit dem ohnmächtig leidenden Gottessohn - ist das Symbol der Macht der Liebe schlechthin geworden.
Das Kreuz ist vor allem den Muslimen völlig unverständlich. Ihre Märtyrer sind im Kampf gestorben. Auch Mohamed ist in die Schlacht gezogen. Christus hat sich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen lassen. Unsere christlichen Märtyrer sind hingerichtet worden ohne eigene Gewaltanwendung.

Christen gehen den Weg der Feindesliebe, Vergebung und Versöhnung. Manche Christen werden so auch zu Pazifisten. Doch eine militante Gewaltlosigkeit dient manchmal weniger dem Frieden als ein Weg, der Gewaltanwendung größtmögliche befriedende Grenzen zu setzen sucht. Dazu bedarf es in Ausnahmen als ultima ratio auch der Gewaltanwendung. Doch sie ist so einzusetzen, dass erkennbar wird, dass sie den Frieden sucht. Wir Christen bleiben dabei der Überzeugung, dass in der Regel dieser Friede viel eher durch gewaltlose präventive Maßnahmen, durch Feindesliebe und Vergebung zu erzielen ist als durch Gewaltanwendung.
Ich bin gerne Christ, weil ich erfahren habe, dass dieser Weg des Vergebens tatsächlich zum inneren Frieden führt.

6.    Gemeinschaft
Warum Gemeinschaft? Warum Kirche? Christsein ist doch eine Sache des persönlichen Individuums. In der Tat: Der christliche Glaube schafft eine große Freiheit des Einzelnen durch die ihn stärkende Gottesbeziehung. Gerade die Reformation hat die Freiheit des Individuums gestärkt. Sie wird darum als Beginn der Neuzeit gefeiert. Alle Parteien haben darum die Feier von 500 Jahren Reformation im Jahr 2017 zum Ereignis von Weltrang erklärt. Gigantische Vorbereitungen für dieses Jubiläumsjahr sind im Gange. Ja, die Reformation hat das Individuum gestärkt, das ist auch gut so. Doch das ist wieder nur die eine Seite. Für Luther war gepflegte christliche Gemeinschaft selbstverständlich.
Graf Ludwig von Zinzendorff sagt sehr deutlich und ich stimme dem zu: „Ohne Gemeinschaft konstatiere ich kein Christentum“.
So sehr der christliche Glaube den einzelnen stärkt, weil er sich als Person von Christus geliebt weiß, so sehr ruft dieser Christus in die Gemeinschaft seines Leibes. Der Heilige Geist ruft in die „Gemeinschaft der Heiligen“, wie die Kirche im Glaubensbekenntnis bezeichnet wird.
Diese Gemeinschaft der Heiligen gibt es in Reinform erst im Himmel. Wir alle sind noch auf der Erde. In unseren vorfindlichen Kirchen geht es manchmal sehr unheilig zu. Auch in unseren Kirchen sind wir Menschen aktiv, wir Menschen mit Fehlern und Schwächen. Nur, wer gelernt hat, die Menschen anzunehmen, wie sie sind und zu lieben, wird die eigene Kirche annehmen können und sogar lieben.

Der Individualisierungsprozess in unserer Gesellschaft ist inzwischen zu sehr ein Vereinzelungsprozess geworden. Die Einsamkeit in unserer Gesellschaft nimmt zu. Christen, die sich zur Gemeinde halten, finden Menschen, die mit ihnen Christ sein wollen. In der Volkskirche lässt sich das Christsein leben in einem Bindungsgrad der dem jeweiligen Lebens- und Glaubensweg gerade entspricht. Manche Menschen leben ihr Christsein sehr verbindlich in einem Hauskreis, manche im Senioren- oder Frauenkreis, anderen genügt der sonntägliche oder gelegentliche Gottesdienstbesuch. Ich meine, dass die Freude am Christsein wächst, je mehr es unser Leben prägt. Darum:

7.    Unsere Glaubenspraxis
Wir haben wunderschöne Lieder. Was ist Ihr Lieblingslied? Nun danket alle Gott? Großer Gott wir loben Dich? Der Mond ist aufgegangen? Oh Du fröhliche? „Geh aus mein Herz“ Oder ein unbekannteres Lied? Dass zu unserem Christsein das Singen gehört, für mich zum Schönsten an unserer Glaubenspraxis. Oft singe ich in mir und freue mich über diese wunderschönen Lieder, die wir haben. Und am Schönsten ist es, sie gemeinsam zu singen im Gottesdienst. Im Mai werde ich in Tansania mit Christen singen. Da ist noch mehr Schwung im Gesang.
Oder ist es das Beten, für das ich noch dankbarer bin? Ich weiß es wirklich nicht. Denn die Lieder sind ja oft auch Gebete. Jedenfalls bin ich unendlich dankbar, dass ich meine Freude mit Gott teilen kann. Ihm zu danken für Erfolge macht bescheidener und noch vergnügter. Alles, was mich beschwert, lege ich Gott vor die Füße und bitte ihn: kümmere Du Dich auch mit darum. Menschen, die im Sterben lagen, große Konflikte, schwere Entscheidungen - alles, alles nimmt Gott uns von der Seele. Ich glaube, dass nichts verantwortungsbewusster ist, als zu beten, denn im Gebet bitten wir den um Hilfe, der allein weise ist.
Und die biblischen Geschichten! Wie habe ich es geliebt, unseren Kindern die Geschichte von Abraham, von Zachäus, vom verlorenen Sohn vorzulesen. Was haben wir als Christen für Schätze in unserer Bibel! Viel mehr als Kultur ist das: Diese Geschichten, die 10 Gebote, die Bergpredigt sind grundlegende Orientierung zum Leben. Wie gut ist es, diese gemeinsame normgebende Grundlage unseres Glaubens zu haben, die so reich ist, dass sich mir jedes Mal, wenn ich in der Bibel lese, oder wenn sie mir vorgelesen und ausgelegt wird, neue Facetten erschließen.

Warum ich gerne Christ bin?
Es ist gut, dass es einen Gott über uns allen gibt.
Im Vater bin ich geborgen
im Sohn befreit
im Heiligen Geist zur Liebe geleitet -
sogar zur Feindesliebe und Vergebung.
Ich bin Teil einer weltweiten Gemeinschaft von Christen,
die singt, betet und liest im Buch der Bücher.
Sieben Gründe - und es gibt noch viele mehr.



Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin