Kirchweihgottesdienst in Herreth am 7. Juli 2012

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der St. Jakobus-Kirche in Herreth
am Samstag, 7. Juli 2012

Predigt zu Jesaja 66,1.2 und dem Lied: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“

 
Liebe Gemeinde!

Herzliche Glück- und Segenswünsche zu Ihrem Kirchweihfest für St. Jakobus, der alten Kirche und Mutterkirche von Staffelstein und Zapfendorf. Sie haben in der Gemeinde Herreth schon eine ganz besondere Weise das Kirchweihfest zu feiern: Am Abend und mit Predigt von einem Überraschungsgast, der ein Geschenkle mitbringt. Von dieser Besonderheit lasse ich mich gerne anstecken: Ich bringe Ihnen ein Lied mit, das zur Abendstimmung passt: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ als Bilderbuch und auch als CD mit diesem und anderen Kinderliedern. Sie werden merken, dieses Lied passt sogar zum Predigttext für die Kirchweih.

„Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ – dieses Lied macht den Blick auf für die Größe der Schöpfung. „Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?“ – Nein, natürlich wissen wir das nicht. Die Sterne sind unzählbar, genauso wie die Wolken und die Mücklein.
Und was hat das nun mit der Kirchweih zu tun, die wir heute feiern?
Es gibt einen Kirchweihbibeltext, der in unserer regulären Ordnung der Bibeltexte für das Kirchweihfest steht. Er knüpft – wie das Lied „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ – an der Größe der Schöpfung an. Aber seltsamerweise macht er unsere Kirchen fast lächerlich. Hören wir ihn zunächst.
Er steht im Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 66:

„So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße! Was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet, oder welches ist die Stätte, da ich ruhen sollte?
Meine Hand hat alles gemacht, was da ist, spricht der Herr. Ich sehe aber auf die Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor meinem Wort.“

Was soll diese Abgrenzung Gottes gegenüber den Gotteshäusern: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße! Was ist das denn für ein Haus, das ihr mir bauen könntet?“ Ist dieser Bibeltext nicht Wasser auf die Mühlen derer, die sagen: „Ich finde Gott in der Schöpfung. Ich gehe lieber in den Wald als in die Kirche!“
Kennen Sie die Antwort, die ein Pfarrer einem Menschen, der so etwas sagte, gegeben haben soll?
„Na, dann empfehle ich Ihnen, dass Sie sich auch vom Förster beerdigen lassen und nicht vom Pfarrer.“

Nun, auch ich habe solche Ausreden gehört, nicht zur Kirche zu gehen. Ich habe dann nicht die Beerdigung durch den Förster empfohlen, sondern habe ehrlich nachgefragt, welchen Gott mein Gesprächspartner denn findet im Wald? Meist kam dann das „höhere Wesen“. Ich fragte weiter, ob er im Wald auch Jesus Christus findet?  Nein, war dann die Antwort, aber den Schöpfer.
Und woher er dann wisse, dass der Schöpfer nicht kalt und unberechenbar ist. Schließlich gibt es nicht nur die schönen Wälder in der Schöpfung, sondern auch ein Fressen und Gefressen werden, Tsunamis und Erdbeben, Überschwemmungen und Dürren. Da wussten meine Gegenüber nie weiter.
Aufzuzeigen, dass man mit einer reinen Feld-Wald- und Wiesentheologie in den Wald kommt, ist nicht schwer.
Doch liebe Gemeinde, wenn ein Gespräch mit solch einem Waldwanderer nur darauf zielen würde, dass man seine Theologie zerlegt, dann wäre es die blanke Destruktion und lieblos gegenüber dem Gesprächspartner. Es geht ja immer darum mit unseren Gesprächspartnern einen Schritt weiter zu gehen zu einem tieferen Verständnis Gottes und vor allem zu größerem Gottvertrauen. Zurückweisung hilft da nicht, sondern ein Aufnehmen und Weiterführen der Gedanken und ein stetes Einladen doch in die Kirche zu kommen.
Es ist ja wunderbar, wenn ein Mensch durch den Wald läuft und an Gott denkt. Ja, Gott hat den stillen Wald geschaffen und die Sterne. Nur, wie kommt ein Mensch zu der Erkenntnis, auf die unser Kinderlied zielt?
„Gott der Herr, er hat“ an der Schöpfung, an den Sternen, den Fischlein und den Kindern – „an allen, seine Lust sein Wohlgefallen, kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.“

Dass wir einen solchen liebenden Gott haben, der uns trotz Katastrophen und gerade in persönlichen Katastrophen liebevoll begleitet, das wissen wir nicht von den Fichten und Kiefern im Wald, sondern das wissen wir durch Jesus. Das wissen wir nicht aus der Betrachtung vieler Buchen, sondern eines Buches, der Bibel, die von Jesus erzählt.
Heute haben wir bei der Lesung des Evangeliums eine biblische Geschichte gehört –  die von Zachäus.
Zachäus war einer, der mehr Geld in die Tasche gewirtschaftet hat, als ihm zustand. Er war unehrlich. Er war ein kleiner Mann und kleine Männer haben manchmal kein gutes Selbstbewusstsein. Kein einfacher Typ.  Er war sicher einer der Dorfbewohner, die man meidet.
Jesus meidet ihn nicht, sondern geht gerade auf ihn zu. Er lädt sich sogar zu ihm ein: „In dein Haus will ich heute einkehren.“ Niemand mag ihn. Jesus wohl; er sieht ihn dort auf dem Maulbeerbaum. Jesus hat den Zachäus lieb und das spürt er und darum ändert Zachäus sein Leben. Er macht die Erfahrung: Jesus ist mein Freund und ich bin seiner. Das ändert sogar sein Selbstbewusstsein.

Auch die Zachäusgeschichte gehört zu den regulären Bibeltexten, die bei der Kirchweih vorgelesen werden. Merkwürdig. Auch da geht es nicht um das Haus der Kirche, sondern es geht um das Privathaus des Zachäus. Da will Jesus einkehren. Eigentlich geht es sogar um das Herz des Zachäus. Jesus will im Herzen des Zachäus wohnen und so dauerhaft bei Zachäus bleiben. Zachäus wird dann nie mehr allein sein.

Warum dieses Evangelium von Zachäus an der Kirchweih? Weil es doch auch in unseren Kirchen um nichts anderes geht, als dass Menschen – wie dieser Zachäus – von Jesus Christus angesprochen werden und ihn aus der Kirche mit zu sich nach Hause nehmen. Das soll in der Kirche geschehen, dass Menschen in der Kirche spüren: Jesus hat mich lieb, so wie ich bin, sodass sich ihr Selbstbewusstsein ändert und ihr ganzes Leben.

Und auch der Text aus dem Propheten Jesaja macht ja nicht das Gotteshaus schlecht. Er zeigt vielmehr – wie unser Kinderlied – zuerst die Größe des Schöpfers auf und dann, dass dieser große Schöpfer den einzelnen sieht: „Meine Hand hat alles gemacht, was da ist, spricht der Herr. Ich sehe aber auf den Elenden“, also auf den, der körperlich am Ende ist, „und auf den, der zerbrochenen Geistes ist“, also auf den der seelisch am Ende ist, „und auf den, der erzittert vor meinem Wort“, also auf den, der sich von Gottes Wort ergreifen lässt.

Die Kirche als Gebäude sichert nicht Gottes Gegenwart. Gott ist hier, wenn Menschen ihn brauchen und wenn Menschen sich von ihm ergreifen und berühren lassen, sogar vor ihm erschrecken.
Gott ist kein höheres Wesen. Der Komperativ „höheres Wesen“ geht völlig an Gott vorbei.  Er ist der Allerhöchste, der Herr aller Herren. Er wäre unerreichbar für uns alle, wenn er unerreichbar sein wollte. Aber der Allerhöchste will ganz nah sein bei denen die „zerbrochenen Geistes“ sind, bei denen, die ihn brauchen und bei denen, die sich ansprechen lassen von seinem Wort.
Ein höheres Wesen ist er nicht. Er ist der Allerhöchste und will doch ganz tief in unserem Herzen wohnen. Manchmal unverstehbar, in dem, was er zulässt in dieser Welt und doch zeigt er sich, wie er verstanden werden will und wie er ist in Jesus Christus. Größer als alles ist er und wurde ein kleines Kind. Wie groß Gott ist, groß in seiner Liebe zu uns, das wissen wir erst seit er sich in Jesus Christus gezeigt hat.
Und wer Jesus Christus kennt, so wie Zachäus Jesus kennen gelernt hat, der kann inmitten des Waldes den Schöpfer loben, der so wunderbar die Welt geschaffen hat, so unfassbar groß ist und doch mich lieb hat. Wer so mit diesen Gedanken durch den Wald läuft, wird glücklich dabei.

Aber die Gewissheit, dass Gott mich lieb hat, ist alles andere als selbstverständlich. Dieses „Kennt auch dich und hat dich lieb“ das lernen wir nicht im Wald, sondern hier beim Hören auf sein Wort. Eigentlich ver - lernt man es sogar im Wald und genauso in der Stadt.
Geht es Ihnen auch manchmal so, wenn Sie durch eine große Stadt fahren, in der Plattenbau neben Plattenbau, Hochhaus, neben Hochhaus steht, in der eine unzählbare Masse an Menschen wohnt, dass Sie denken – was ist der einzelne Mensch wert? „Nichts“, sagt mein Gefühl. „Unbezahlbar viel wert“, sagt mein Glaube. „Kennt auch dich und hat dich lieb“ – das gilt für jeden Menschen in solch einem Plattenbau und natürlich auch in jedem Haus von Herreth. „Kennt auch dich und hat dich lieb“. Darin zeigt sich die Größe und Allmacht Gottes, dass er jeden sieht und lieb hat.
Doch das hören die Menschen im Plattenbau nicht und das hören wir in unseren Häusern in Herreth und Bayreuth nicht und auch im Wald nicht. Das hören wir hier in der Kirche und nehmen es mit – dorthin, wohin wir gehen, sodass es dort in uns weiterklingt.

Nun ist dieses Lied ja ein Kinderlied. Aber ich singe es sehr gerne. Selig der, der sich ein kindliches Gemüt bewahrt hat und solche Lieder noch gerne singt. „Himmelsau, licht und blau“ ist von derselben Sorte und ich habe darum gebeten, dass wir es heute singen. Ich habe auch das Bilderbuch schon mehrfach begeistert durchgeblättert.
Ich schenke es Ihnen und bitte Sie, dass Sie sich nicht schämen, wenn Sie es als Erwachsener gerne oft anschauen. Und die CD mit Kinderliedern ist auch für Sie. Geben Sie sie nicht weiter, zumindest nicht gleich. Hören Sie sie zuerst mal für sich an. Sie sind auch Kind, Kind Gottes.
Und wenn Sie dann wollen, dann lesen Sie doch das Büchlein einem kleinen Kind vor und ruhig wieder, wenn Sie das Kind besuchen oder das Kind Sie besucht. Wenn Sie mit dem Kind zusammenwohnen ist es noch einfacher. Kinder lieben die Wiederholung des Schönen. Und wenn Sie einen CD-Player haben, dann legen Sie die CD ein, wenn ein Kind da ist und vielleicht können Sie sogar mit dem Kind singen – sei es Ihr Kind, Ihr Enkelkind, Patenkind oder Nachbarkind.
Wie gut, wenn Menschen das noch mit Kindern machen: Vorlesen und Singen.
Sie glauben gar nicht, wie wichtig Sie sind für unsere Gesellschaft, für unsere Kirche, für das Kind, wenn Sie vorlesen und singen: „Kennt auch dich und hat dich lieb.“
Vorlesen und Singen geschieht in unserer Gesellschaft immer seltener. Wer es tut, ist Trendwender und hoffentlich bald Trendsetter. Lesen Sie biblische Geschichten vor wie die Zachäusgeschichte – sie veralten nicht und singen Sie Lieder von Gott und seiner Liebe.
Kindern vorlesen und mit ihnen singen ist auch wichtig für Ihr Gotteshaus. Es wird stets neu geweiht durch Menschen, die in ihm singen und beten. Nie ist es schöner, als denn, wenn es voll ist. Dazu brauchen wir die Frömmigkeit, die in der Kirche gewonnen und zu Hause praktiziert wird. Möge Ihre Kirche auch bei der Kirchweih in 25 Jahren so voll sein. Darum singen Sie mit den Kindern, die Sie kennen oder lesen Sie ihnen vor: „Kennt auch dich und hat dich lieb.“

Doch nochmals: Das Büchlein gehört Ihnen, weil Ihnen gilt: „Kennt auch Dich und hat Dich lieb.“ Amen.