Gottesdienst am Ostersonntag, 08.04.2012, Spitalkirche Bayreuth

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der Spitalkirche Bayreuth
am Ostersonntag 2012, 08.04.2012

zu 1. Samuel 2, 1-2. 6-7


Liebe Gemeinde!

Unser Predigtwort, das uns durch die Ordnung der Predigttexte vorgegeben ist, steht im Alten Testament. Das ist sehr verwunderlich. Wir feiern heute die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Im Alten Testament taucht der Name Jesus Christus nicht auf und einen ausgeprägten Auferstehungsglauben finden wir im Alten Testament auch nicht. Es ist ja gerade das Neue am Neuen Testament, dass es von Jesus Christus erzählt und seiner Auferstehung. Seine und unsere Auferstehung gehört zum Kernbestand der neutestamentlichen Botschaft. Warum dann ein alttestamentliches Bibelwort als Grundlage einer Osterpredigt? Hören wir uns erst einmal den Bibeltext an:
Ich lese aus dem ersten Samuelbuch, Kapitel 2

(1) Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Haupt ist erhöht in dem Herrn. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.
(2) Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner, und ist kein Fels wie unser Gott ist.
(6) Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
(7) Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.

Hanna betet. Sie dankt Gott und preist ihn. Sie lobt ihn nicht dafür, dass sie einst auferstehen wird, wenn sie gestorben ist. Sie rühmt Gott für die Erfahrung der Auferstehung zum Leben mitten im Leben.

Dass wir uns jetzt nicht falsch verstehen. Eine Theologie, die die Auferstehung von den Toten nicht mehr bekennt und glaubt, halte ich für nicht christlich. Das ist mit mir nicht zu machen, dass wir unseren Auferstehungsglauben verdünnen in eine bloße Ermutigung, dass wir im Leben immer wieder auf die Beine kommen. Die Botschaft vom Auferstandenen wird so letztlich verniedlicht zur Botschaft vom Stehaufmännchen.
Unsere Auferstehungshoffnung ist gewaltig und unbegreiflich. Wir ahnen nur. Der Auferstehungsglaube sprengt unsere Vorstellungskraft. Er wagt, etwas zu glauben, das wir alle noch vor uns haben und noch nicht selbst erlebt haben. Wir sind noch nicht gestorben. Ohne die Erfahrung des eigenen Todes gibt es keine Erfahrung der eigenen Auferstehung.
Der eine Tod, der uns bevorsteht, ist wirklich das Ende unseres irdischen Lebens. Einmal stehen wir nicht mehr auf. Die Auferstehungsbotschaft sagt nicht, dass unser Leben nicht endet. Es endet und es ist gut, wenn wir unsere Endlichkeit annehmen.
Doch da ist mehr: Gott wird in unserem Tod einen neuen Anfang setzen. Da wird eine Tür sein, durch die wir schreiten, da wird ein Weg sein, auf dem wir gehen, da wird eine Stimme sein, die wir hören. Die Tür, der Weg, die Stimme hat für uns Christen einen Namen: Jesus Christus, der Auferstandene.
Es geht also weder um ein Kleinreden unseres Todes noch unserer Auferstehung zum ewigen Leben, wenn ich nun sage, unser Bibelwort handelt nicht von dieser Auferstehung der Toten, sondern es handelt  vom Auferstehen mitten im Leben. Vielleicht hängt ja beides doch zusammen.

Hanna war kinderlos. Ihr Ehemann hatte zwei Ehefrauen. Die andere bekam Kinder. Sie nicht. Sie wurde geträtzt von der anderen. Ohne Kinder galt sie eben nichts im Alten Orient.
Im Tempel beim Hohepriester Eli bittet Hanna alljährlich Gott um ein Kind. Einmal ist sie so verzweifelt, so am Ende, so torkelnd vor Elend, dass Eli denkt, sie sei betrunken und sie des Tempels verweisen will. Er erkennt seinen Irrtum und sagt zu ihr: „Geh hin in Frieden; der Gott Israels wird dir die Bitte erfüllen, die du an ihn gerichtet hast.“
Nach diesem besonderen Tempelbesuch empfängt sie einen Sohn. Sie nennt ihn Samuel: von Gott erbeten. Als Samuel nicht mehr gestillt werden muss, bringt sie ihn in den Tempel, überlässt ihn dem Hohepriester Eli als Schüler, weil sie sagt: Samuel ist von Gott geschenkt; nun will ich ihn auch wieder Gott zurückgeben. Samuel gehört Gott.
Und wieder betet sie. Die Worte ihres Auferstehungs-Gebets sind unser Predigttext. „Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.“ Ja, sie lebt wieder, sie ist aus dem Tal der Toten zurückgekehrt unter die Lebenden. „Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht“. Ja, sie ist reich beschenkt, auch wenn sie ihr Kind nicht wieder mit nach Hause nehmen wird; die Erniedrigungen haben ein Ende. Sie schaut nicht mehr traurig zu Boden. Sie ist aufgerichtet und geht mit neuer Kraft in die Zukunft.

Hannas Geschichte steht für viele andere Lebensgeschichten, in denen Menschen tiefe Täler durchschreiten: Wie zerstört fühlen sich Menschen oft, wenn die Ehe auseinander geht. Wie erniedrigt fühlen sich Menschen, wenn bei der Arbeit andere ihnen dauernd vorgezogen und gelobt werden und sie werden nicht geschätzt. Wie trostlos fühlen sich Menschen, wenn ihr liebster Mensch krank wird und stirbt. Hannas Geschichte steht für viele, die mitten im Leben am Ende sind.
Das besondere dieser Geschichte ist, dass Hanna betet. Sie geht mit ihrem Elend in den Tempel, klagt Gott ihr Leid so intensiv, dass der Hohepriester meint, sie sei betrunken; und ihr Gebet, das sie spricht, als sie ihr Kind Gott bringt, ist sogar in der Bibel aufgeschrieben. Sie ist eine Frau, die in Verbindung mit Gott lebt und an die Begleitung und Führung Gottes in ihrem Leben glaubt. Sie deutet ihr eigenes Leben: Gott war es, der mich zu den Toten hinab geführt hat. Gott hat mich durch das Tal langer Kinderlosigkeit schreiten lassen. Bis hin zu dem Satz: „Der Herr tötet und macht lebendig.“

Manche mögen über solch eine Aussage stolpern, weil es nicht in ihr Gottesbild passt, weil der Vater im Himmel in ihren Augen nur lebendig macht, nur Gutes schenkt, nur in der Liebe erfahren wird. Am Schweren und Schlimmen sind allein die Menschen schuld oder auch sie selbst. Gott hat mit dem Schweren und Schlimmen nichts zu tun. Im Kern sind das Formen der Verniedlichung Gottes. Hanna denkt Gott anders. Er ist liebevoll und heilig, weise und unerforschlich; „es ist kein Fels, wie unser Gott ist“, sagt sie.
Auch dem Kreuzesgeschehen werden wir nicht gerecht, wenn wir vereinfachend sagen: An Jesu Tod waren nur die boshaften Menschen schuld mit dem Vater im Himmel hat das nichts zu tun. Unsere Bibel erzählt, dass Jesus im Garten Gethsemane gebetet hat: „Vater, wenn es möglich ist, so lass diesen Kelch an mir vorüber gehen, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Jesus hat seinen Tod angenommen als einen Tod, von dem ihn sein Vater nicht verschont hat.

Das ist ein schmaler Grat, den uns die Bibel im Gottesbild aufzeigt:
Unsere Bibel stürzt weder auf der einen Seite des Grates ab ins Tal, das lautet:  Gott wollte, dass sein Sohn litt und starb, weil er ein Opfer brauchte, damit er versöhnt wird. Das ist absurd und hat nichts mit dem neutestamentlichen Gottesbild zu tun. Wenn hier jemand versöhnt werden muss, dann wir Menschen mit Gott und uns selbst.
Unsere Bibel stürzt andererseits auch nicht auf der andren Seite des Grates in den Abgrund, der lautet: Gott hat nichts mit dem Tod Jesu zu tun.
Vielmehr hat Gott den Tod Jesu zugelassen, hat selbst mitgelitten und war auf Jesu Seite im Willen aus diesem unverschuldeten schrecklichen Leid Gutes werden zu lassen. Er war Jesus im Tod nah und hat ihn auferweckt.

Das ist auch das Gemeinsame bei der Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu und Hannas, dass sich da derselbe Gott zeigt: Ein heiliger und zugleich liebevoller Gott. Der schmale Grat des Gottesbildes, den diese biblischen Geschichten mit uns gehen, lautet: Gott führt, er führt durch die Enge in die Weite, durch die Angst in die Freiheit, durch die Not in die Erlösung, durch den Tod ins Leben. Ja, er führt auch durch den Tod; den hat er seinem Sohn nicht erspart und den erspart er auch uns nicht. Aber das Ziel, auf das er uns dabei hinführt, ist immer das Leben, ist immer die Freiheit, ist immer die Liebe, ist immer die Versöhnung, ist immer die Freude. Er ist unterwegs mit uns. Er begleitet und leitet ins Leben.

Hanna hat ihren Weg angenommen als Weg, den Gott sie geführt hat. Wenn ich Schlagzeilen der Zeitung lese, Nachrichten von Unfällen rund um Bayreuth, Nachrichten über den Mord in Emden, der Vorverurteilung des Unschuldigen, den Versäumnissen Verantwortlicher und am Mittwoch Nachrichten vom Attentat an der christlichen University of Oakland – wenn ich solche Nachrichten lese, frage ich mich oft: Werden die betroffenen Menschen mit ihrem Leid leben können? Werden sie verbittern, zerbrechen, krank werden und bleiben? Oder werden sie den Weg der Heilung der Auferstehung zum Leben im Leben finden? So einfach ist das nicht! So einfach ist das nicht – und doch ist es möglich, bei Gott. Immer!

Die Bibel weist uns einen Weg im Elend. Hanna betet. So begann unsere biblische Geschichte. Das Gebet ist nicht der Weg der Erlösung, aber der Weg zum Erlöser, den Erlöser, den selbst Jesus brauchte.
Auch Christus betete am Kreuz „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Er schreit sein tiefstes Leid, das Gefühl seiner Gottverlassenheit heraus. Er wusste damals nicht, wie nah sein Vater ihm war und was er im Tod erfahren würde. Obwohl er Gottes Gegenwart nicht spürte, betete er doch auch: „Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist.“
Gerade durch die Verbundenheit mit Gott im Gebet findet Angst ihren Ausdruck bis der Friede sich einstellt, findet Schmerz seinen Ausdruck bis die Erlösung kommt, findet Trauer ihren Ausdruck bis  die Freude sich Bahn bricht. Beten ist die Einladung an Gott, uns zu führen und ist der Weg, diese Führung zu erfahren.
In keinem Tod lässt uns Gott allein, – nicht in den vielen kleinen Toden und nicht in dem einen. Gott führt. Sein Ziel ist unentwegt unser Leben, unsere Auferstehung. Halleluja.
Amen.