Beauftragung von Sr. Nicole, Christusbruderschaft Selbitz, am 09.12.12 in der CCB Selbitz

Beauftragung von Schwester Nicole, Christusbruderschaft Selbitz, am 2. Advent 2012, 09.12.2012, in der CCB in Selbitz, Jesaja 35, 3-10

Liebe Gemeinde,

Schwester Nicole wird heute als Prädikantin beauftragt. Die Beauftragung gilt lebenslang, zunächst bis zum Alter von 77 Jahren oder darüber hinaus, wenn der Dienstauftrag verlängert wird. Die Beauftragung umfasst die öffentliche Wortverkündigung und die Verwaltung des Heiligen Abendmahls und darum werden Sie, liebe Schwester Nicole, heute auch zum ersten Mal der Feier des Abendmahls vorstehen.

Die Christusbruderschaft ist neben vielen anderen Bezügen auch dadurch mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern verbunden, dass – mit Sr. Nicole –  insgesamt 15 Schwestern und Brüder landeskirchlich zum Prädikantendienst beauftragt sind. Sie wirken an ihren Orten, an denen sie tätig sind durch Wortverkündigung und Abendmahl hinein in ihre Konvente und in die Gesellschaft. Durch sie baut Christus seine Kirche. Die heutige Beauftragung nehme ich zum Anlass einmal all den Schwestern und Brüdern zu danken, die im Prädikantendienst stehen und so Wegbereiter Jesu Christi sind, der im Wort und Brot und Wein zu uns kommt.

Den Dienst der Prädikanten und Prädikantinnen habe ich immer mehr schätzen gelernt – nicht erst seit mein Mann ausbildet. Zum einen könnten wir die Anzahl der Gottesdienste gar nicht halten ohne Prädikanten. Zum anderen bringen sie ganz andere Horizonte in unsere Verkündigung ein. Schwester Nicole z.B. ist gebürtige Hamburgerin, St.Pauli-Fan und habilitierte Historikerin für die frühe Neuzeit, Beterin. Fröhliche, leuchtende Augen, flinke Artikulation, rasche Auffassungsgabe, Klarheit, Eigenständigkeit kombiniert mit der Bereitschaft sich unterzuordnen bringt sie bereits ein in den Orden und in Zukunft auch in die Gottesdienstgestaltung. Wir sind gespannt auf die Entwicklung, die sich aus dem Wechselspiel der grundlegenden Berufung zur Schwester mit der Berufung zur universitären Lehre und der Berufung zur Evangeliumsverkündigung ergeben wird. Drei Berufungen, die sich wechselseitig sehr befruchten können.

Doch nun zur Evangeliumsverkündigung heute. Der heutige Predigttext passt in besonderer Weise – zu Ihrer Beauftragung, liebe Schwester Nicole. Doch möge dieses Wort zu uns allen sprechen:

Ich lese aus dem Propheten Jesaja, c. 35, VV 3-10

3Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
4Saget dem verzagten Herzen: “Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!  Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“
5Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.
6Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.
7Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
8Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toten dürfen nicht darauf umherirren.
9Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.
10Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.


Liebe Gemeinde,

dieses Bibelwort enthält so wunderschöne Bilder, dass man meinen könnte, es ginge ganz allgemein um ein blumiges Erlöstheitsgefühl. Doch es geht um sehr konkretes Erlösungsgeschehen mitten in der Geschichte.

Historiker schauen immer genau hin, was geschehen ist. Schauen wir gerade heute, wenn wir eine Historikerin zur Evangeliumsverkündigung beauftragen, ebenfalls genau hin.

Direkt nach unserem Bibelwort, in Kapitel 36 wird erzählt, dass der assyrische König Sanherib Juda erobert. Viele Judäer werden nach Assyrien deportiert. Wir blicken also ins Jahr 701 vor Christi Geburt. Auch Jerusalem ist bedroht; doch es geschieht, was niemand erwartet: Die Truppen Sanheribs ziehen wieder ab. Jerusalem und der Tempel auf dem Zionsberg bleiben erhalten. Dazu passt die Verheißung am Ende unseres Predigtwortes: „Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne wird sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“

Das verwüstete Land ringsum wird wieder blühen, wo Schakale streunten, werden die Erlösten gehen. Ja, das erleben die Jerusalemer und die Überlebenden in der Umgebung nach Abzug Sanheribs. Erlösung ganz konkret.

Allerdings ist unser Predigtwort gar nicht um das Jahr 701 v. Christus entstanden, sondern erst viel später, lange nach der Zerstörung des Tempels um 597 vor Christus, vermutlich sogar erst bei und nach dem Babylonischen Exil und dem Neubau des Tempels, also um 520 vor Christus.

Die in Babel Verbannten erlebten den Weg zurück nach Jerusalem als die Straße der Erlösten. Welcher Jubel muss es gewesen sein, als die Heimkehrer den Zionsberg sahen. Der Weg nach Jerusalem war ein Freudenpfad. Die Wüste blühte. Wer lahm war, konnte springen wie ein Hirsch, die Stummen frohlockten und die Tauben hörten Jubellieder. Erlösung konkret.

Dass diese Verse wahrscheinlich erst entstanden sind, nach Rückkehr und rhetorisch so sprechen als stünde die Rückkehr, die Erlösung bevor, ist kein Schmuh. Vielmehr wollten die Redaktoren, die das Jesajabuch aus vielen Texten zusammenfügten, ausdrücken: Die Erlösung Jerusalems aus den Klauen Sanheribs und die Heimkehr des Volkes aus dem Exil nach Jerusalem waren Werk Gottes. Er ist der Erlöser und macht uns zu erlösten Menschen.

Unser Bibelwort beschreibt die Vergangenheit in Zukunftsform, um die Gegenwart zu prägen. Wer immer diesen Text liest, soll Vertrauen fassen: So wie die Menschen in Jerusalem die Erlösung konkret erfuhren als Sanherib abzog und wie die Heimkehrer, die aus der Fremde zurückkehrten, so steht Eure Erlösung bevor. Ihr werdet sie sehr konkret erfahren. „Seht auf und erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht“.

Und wenn wir in unserer Vergangenheit Erlösung erfahren haben, so hilft dieses Bibelwort unsere Geschichte deuten. Es will sagen: Wenn Du in der Vergangenheit echte Erlösung erfahren hast, so glaube, dass es Gott war, der sie geschenkt hat. Denn er ist der Erlöser, war es und wird es immer sein. Menschen, die mit Gott leben, gehen durch ihn den Weg der Erlösten. Sie kommen immer von konkreter Erlösung her und gehen immer auf konkrete Erlösung zu.

Teile unseres Predigtworts werden übrigens in der Bibel in noch eine ganz andere Zeit versetzt, ungefähr in das Jahr 35 n. Christi Geburt. Das Matthäusevangelium erzählt davon. Johannes der Täufer glaubte den Erlöser in Jesus von Nazareth gefunden zu haben. Doch dann wird Johannes verhaftet und beginnt zu zweifeln. Denn dieser Jesus befreit das Volk Israel nicht aus der Hand der Römer und Johannes selbst steht vor seinem Tod.

Darum schickt Johannes Boten zu Jesus mit der Frage: Bist du der Erlöser oder sollen wir auf einen anderen warten?

Jesus antwortet den Boten: „Geht hin und sagt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen …“ (Mt 11, 4f.) Jesus zitiert also die Worte unseres alten Bibelwortes aus Jesaja 35 und sagt damit dem zweifelnden Johannes: Ich bin der Erlöser. Wo ich bin, wird Erlösung konkret erfahrbar. Da wird die Erde nicht zum Himmel und doch wird etwas vom Himmel auf Erden sichtbar, hörbar, fühlbar mitten im Leben.

Johannes und Jesus starben einen grausamen Tod. Das zeigt gerade, wie sehr diese Welt der Erlösung bedarf. Doch sie ist gerade am Kreuz geschehen und wurde in der Auferstehung durch Gott selbst besiegelt. Diese durch Jesus vollbrachte Erlösung aus Schuld, aus Hass, aus Unversöhnlichkeit, aus Schmerzen, aus dem Tod werden wir – in ihrer ganzen Herrlichkeit – erst bei unserer Auferstehung in der Ewigkeit erfahren. Doch Gottes Ewigkeit wirkt wie ein Ferment in dieser Zeit, dort wo Menschen an Christus glauben – selbst in einer Gefängniszelle wie bei Johannes kurz vor dem Tod. Selbst da kann der Himmel die Erde berühren.

Gehen wir in der Geschichte weiter in das Jahr 1989. Ob sich sagen lässt: Als die Mauer fiel, war Gott am Werk, da hat Gott unser Volk erlöst aus der Trennung? Wir müssen bei solchen Geschichtsdeutungen vorsichtig sein und doch meine ich, dass Gott auch heute erlösen kann und will, einzelne Menschen und ganze Völker.  Er ist und bleibt der Erlöser. Dort, wo trennende, Leben zerstörende Mauern brechen, ist Gott am Werk. Wo Menschen erlöst werden aus völkischem oder gar religiösem Hass, da ist unser Erlöser am Werk.

Darum bin ich dankbar, dass hier in der Christusbruderschaft stetig für die Länder der Erde gebetet wird, in denen Krieg, Verfolgung Andersdenkender, Terror herrschen. Gott kann erlösen, sehr konkret. Bereitet dem Herrn den Weg, rief Johannes. Gebet ist Wegbereitung für konkretes Erlösungshandeln Gottes in Volksge-schichten und auch in individuellen Lebensgeschichten.

„Der Unfall am Haeckel-Platz“, so lautet die Überschrift über einem Artikel einer Jenaer Zeitung am 14. April diesen Jahres. Dort wird geschildert, dass eine junge Frau am 10. Oktober 2011 von einem Lastwagen überfahren wird und was dann geschieht. Ich zitiere aus dem Artikel: „Zwei Wochen lang steht es auf Messers Schneide. Rippen sind gebrochen, das Becken zertrümmert, der rechte Ellbogen auch. Niere und Leber gerissen. Milz und Gallenblase mussten entfernt werden, Teile der Leber und des Darms ebenfalls. In den Tagen im Koma hat die Jenenserin wirre Träume, erinnert sie sich. `X Tode bin ich gestorben´. In einer Art Quizshow sei es für sie dabei darum gegangen: In den Himmel oder in die Hölle, erzählt sie. `Ich habe das Spiel immer verloren, weil ich auf die Fragen, die ich alle nicht verstehen konnte, die falschen Antworten gegeben habe.´ Sie will aber nicht abwärts gehen, sondern sich wieder rauf kämpfen. Im Traum kommt ihr unterwegs zwischen den Welten immer eine Ordensschwester zur Hilfe. Nach etwa zehn Tagen dann hat sich die Welt um sie gelichtet. Die Eltern sind da, ihr Freund, Geschwister. – Und eine gute, alte Freundin betet in Schwesterntracht an ihrem Bett. Die Freundin lebt seit einigen Jahren in einer Glaubensgemeinschaft. Die beiden jungen Frauen kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit im Jenaer Posaunenchor.“ Zitatende.

Liebe Gemeinde, dieser Posaunenchor ist heute da und jene junge Frau von damals wird heute jener erwähnten Ordensschwester die Hand auflegen. Dass „Lahme gehen“ ist auch hier konkrete Geschichte geworden. Diese Geschichte, die in einer Zeitung in Jena stand, einer mehrheitlich entchristlichten Stadt, ist ein Teil jener Geschichte, mit der Gott sein Volk erlösen will, auch die Menschen in Jena aus der Gottesferne. Was soll ich tun, fragte Sr. Nicole eine andere Schwester, bevor sie ans Krankenbett fuhr. „Bitte den Himmel auf sie herab.“

Diese kurze Geschichte macht auch deutlich, dass Gott Menschen braucht in seiner Geschichte mit den Menschen, in der Menschen, wie jene Ordensschwester den Himmel herabbitten in konkreten Situationen, damit Gott konkret erlöst. „Oh Heiland reiß die Himmel auf. Herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für. O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd, dass Berg und Tal grün alles werd. O Erd herfür dies Blümlein bring, o Heiland, aus der Erden spring.“

Wie Gott es tut, wie er erlöst, wie Heiland zu uns kommt, bleibt ihm überlassen. Manchmal schenkt er auch kein irdisches Leben mehr, doch betend öffnet sich der Himmel über uns, so oder so.

Diese kurze Geschichte zeigt etwas davon, dass unsere Zeit durchwirkt ist von Gottes Ewigkeit, unsere Welt von Gottes Reich unsere Unheilsgeschichte von seiner Heilsgeschichte, die größer ist und konkreter als wir ahnen.

Gott erlöst nicht immer spektakulär, manchmal auch unmerklich, sukzessiv. Manchmal erlöst er durch Posaunenchöre, die so laut spielen, dass auch Taube „Nun danket alle Gott“ hören, manchmal erlöst er aus Zweifeln und Einsamkeit durch die Gemeinschaft in Posaunenchören und den dadurch bedingten steten Gang zum Gottesdienst. Manchmal erlöst er dadurch, dass ein Ehepartner wieder anfängt, den anderen öfter mal in den Arm zu nehmen oder dadurch, dass eine Großmutter anfängt einem Nachbarkind Geschichten vorzulesen, auch von den Engeln bei den Hirten auf dem Feld. Gott erlöst sogar allermeist sehr unspektakulär. Das Besondere steht in der Bibel und in diesem Fall auch in der Zeitung.

Doch auch wenn es nur in einem Tagebuch steht oder in unserer ungeschriebenen Lebens-geschichte, so ist unsere Lebensgeschichte doch Teil seiner Erlösungsgeschichte, die an uns und auch durch uns geschehen will. Beten wir für ganz konkrete Situationen um Erlösung und legen den Weg, wie er erlösen wird, in seine Hand, offen dafür, dass er auch uns dafür brauchen oder verändern will.

Liebe Schwester Nicole, in der Uni lehren Sie Geschichte, im Gottesdienst die Geschichte Gottes mit uns Menschen. Indem Sie deutlich machen, wie Gott in unsere eigene Geschichte hinein seine Erlösungsgeschichte schreibt, indem Sie sagen: „Seht, da ist euer Gott“, „er kommt und wird euch helfen“, eben indem Sie Evangelium verkünden, stärken Sie müde Hände zum Beten und Arbeiten und machen wankende Knie fest, sodass Menschen fest im Leben stehen, bis der Erlöser sie schließlich ruft ins Vaterland.  – Zum Vaterland nochmal das schon vorhin zitierte Adventslied, letzte Strophe:

„Da wollen wir all danken dir, unserm Erlöser, für und für; da wollen wir all loben dich zu aller Zeit und ewiglich.“

Amen.

Das Predigtlied habe ich schon in die Predigt gezogen. Stattdessen singen wir jetzt das Bittlied um den Heiligen Geist, denn jetzt kommt die Beauftragung.