Ordination von Pfarrerin a.DV. Kristina Dietl am 11. März 2012 in Creußen

Ordination von Pfarrerin a.DV. Kristina Dietl am 11. März 2012 in Creußen
Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der St.-Jakobus-Kirche in Creußen
am Sonntag Okuli, dem 11. März 2012

Predigttext: Lukas 9,57-62
 

Liebe große Festgemeinde,
vor allem liebe Frau Dietl!

Eigentlich wäre mir lieber, wir würden heute nicht in der St. Jakobus-Kirche Ordination feiern, sondern wären Gast in einer anderen Kirche, weil diese hier gerade renoviert wird. Noch besser wäre, wir hätten die Renovierung schon hinter uns, ich stünde schon auf der restaurierten Kanzel aus dem Jahr 1868 und die Orgel würde wieder spielen; – wie gut, dass es Posaunenchöre gibt.
Wenn ich schon hier in dieser wunderschönen, aber so sanierungsbedürftigen Kirche predige, dann erwarten Sie als Creußener Gemeinde sicher einige Worte zur Situation. Viel will ich nicht sagen – denn im Mittelpunkt steht heute die Ordination von Frau Dietl. Nur so viel:
Der Mittelfluss aus dem Staatsministerium steht in keinem Verhältnis zum echten, nachweisbaren Bedarf der Kirchen mit staatlicher Baulast. Dies habe ich auch wortwörtlich Staatsminister Spaenle beim Ortstermin letztes Jahr hier in dieser Kirche gesagt.
Immerhin sind für dieses Jahr 50.000 Euro staatliche Gelder für die St. Jakobuskirche Creußen vorgesehen, sodass die Vorbereitungen der Renovierung voranschreiten werden. Die grundlegende Planung mit Kostenvoranschlag ist bereits vom Staatlichen Bauamt fast fertig erstellt. Es ist wohl mit einem Kostenvolumen von knapp 1,4 Mio Euro zu rechnen. Ich habe im Gespräch mit dem Staatlichen Bauamt vergangene Woche darum gebeten, dass die erstellte umfangreiche Planung nun baldmöglichst an die Regierung von Oberfranken gesandt wird. Inzwischen ist die Zusage da, dass sie Ende der kommenden Woche bei der Regierung vorgelegt wird. Dann steht die Prüfung durch Regierung und Kultusministerium und das Landeskirchenamt an.
Also, es geht voran. Langsam - Ihnen und mir zu langsam - aber doch sicher. Schauen wir nicht zurück, auf das was schon hätte sein können, sondern nach vorne, zumal der Wochenspruch für diese Woche lautet:
„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Darum lasst uns nicht trauern, dass wir in einer unrenovierten Kirche Ordination feiern, sondern uns freuen, dass wir Ordination feiern. Dass Sie, liebe Frau Dietl heute hier ordiniert werden können, ist ein großes Geschenk. Ihr Einsatz hier ist möglich, weil meine Bitte in der Personalabteilung gehört wurde: man möge doch mit der Stellenkürzung und der Umsetzung der Landesstellenplanung noch warten und diese Stelle für den Probediensteinsatz vorsehen.
Es war Dekan Dr. Schoenauer und mir ein echtes Anliegen, dass die Kräfte des jungen und wirklich guten Pfarrersehepaars Peter nicht auf Dauer überstrapaziert werden. Die Bitte wurde gehört. Manches gelingt eben doch. Nun hat zwar nicht der bauliche, aber der personelle Mangel ein Ende. Und das ist gewiss nicht weniger wichtig. Wir schauen nach vorne.
„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“
Welch ein Wochenspruch ausgerechnet am Sonntag Ihrer Ordination, liebe Frau Dietl! Er ist Teil des Evangeliums dieses Sonntags, das wir vorhin in der Lesung gehört haben. Dieses Evangelium und diesen Spruch werden Sie in Zukunft jedes Jahr am dritten Sonntag der Passionszeit hören oder auch selbst als Pfarrerin zitieren und dabei erinnert werden an Ihre Ordination.

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Als ob Sie nicht schon bewiesen hätten, dass Sie geschickt sind für den Pfarrberuf. Sie haben in Erlangen Theologie studiert. Sie haben im Jahr 2009 das erste theologische Examen bestanden. Sie haben den Vorbereitungsdienst in Nürnberg Kraftshof in der St. Georgsgemeinde bei Pfarrer Kopp absolviert und im Jahr 2011 das zweite theologische Examen absolviert. Das Dienstzeugnis des Predigerseminars war positiv. Auch ich habe sehr gerne nach unserem eingehenden Ordinationsgespräch mein volles Ja zu Ihrem Weg gegeben und die geistlich-theologische Eignung für den Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung in meiner offiziellen Stellungnahme zum Ausdruck gebracht.
Bei jedem Schritt mehr fanden Sie zu Recht Bestätigung, dass Sie geeignet sind für den Pfarrberuf. Sie haben sich darüber gefreut und wir freuen uns sehr mit Ihnen. Die Zeit des Geprüftwerdens ist – Gott sei Dank vorbei – diese Zeit können Sie nun wirklich hinter sich lassen. Sie schauen heute nicht zurück. Sie schauen nach vorne. Sie pflügen ein Neues. Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Er beginnt mit dieser Ordination, in der Sie berufen, gesegnet und gesendet werden für den Dienst an Wort und Sakrament als Pfarrerin dieser Landeskirche.

Freilich fragt dieser Spruch nicht nach der Eignung für den Pfarrberuf, sondern für das Reich Gottes. Und dabei geht es nicht um Examensnoten und Dienstzeugnisse, sondern es geht um etwas, das mich heute noch genauso herausfordert wie Sie, liebe Frau Dietl, und alle hier in diesem Kirchenschiff, die Christen sein wollen. Es geht um das ungeteilte Herz für Christus.
Der Wortlaut des Evangeliums wirkt fast unmenschlich. Sollten wir uns denn nicht darum kümmern, dass unser Vater anständig begraben wird, wenn er gestorben ist? Sollten wir denn nicht von unseren Lieben Abschied nehmen, wenn wir das Zuhause verlassen? Doch, dass sollten wir. Auf was zielt Jesus dann ab?
Christus will, dass, wo wir auch hingehen, wir mit ihm gehen. Jesus hätte vermutlich anders reagiert, wenn jener Mann stattdessen gesagt hätte: „Mein Vater ist gestorben. Komm mit mir, meinen Vater bestatten, denn ich will keinen Tag mehr ohne dich leben.“ Damit wäre klar: Sein Herz ist ergriffen von Christus. Es gehört ihm ganz und gar. „Damit ich sein eigen sei und … ihm diene“ sagt Luther in der Auslegung zum zweiten Glaubensartikel. Unser Leben gehört ihm, unsere Kraft gehört ihm, unsere Gefühle, unser Verstand, alles.

Ist das nicht völlig überzogen? Fast fühlt man sich erinnert an das Kindergebet: „Ich bin klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Welch eine Überforderung für ein Kind – mag da mancher sagen. Im Kinderherzen wohnt der neue Legokasten, das Lieblingsschmusetier, die Mama auf jeden Fall und auch die allerbeste Freundin. Darf das nicht sein? Natürlich darf das sein.
Wie müsste das Gebet eigentlich bei uns Erwachsenen lauten? Z.B. so: „Ich bin groß, mein Herz mach los, soll einzig nur sitzen in seines Herrn Schoß!“ Mein Herz mach´ los, mach frei von Bindungen an Menschen und Dinge, die die völlige Hingabe an Christus verhindern.
Der Glaube an Christus ist nicht halbherzig. Er macht ganze Sache. Was singen wir da fast jeden Sonntag:
Allein Gott in der Höh sei Ehr“.
Wir singen auch: „Wohl dem der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil, wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil.“
Oder: „Nun gehören unsere Herzen ganz dem Mann von Golgatha.“ Da ist es schon wieder, das ganze, ungeteilte Herz!
Übrigens ist mir bei heutigen Begrüßung durch Herrn Dekan Dr. Schoenauer aufgefallen, dass sogar der heutige Sonntag Okuli, dessen Name sich herleitet vom Psalm 25,15 einen Hinweis auf diese eindeutige Orientierung auf Gott in sich trägt: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“
„Stets“, „allein“, „einzig“, „ganz“. So denken, singen und bekennen wir Christen: Allein Gott gehört die Ehre, einzig ihm vertrauen wir unser Leben an, unser Herz gehört ganz dem gekreuzigten und auferstandenen Christus. Es gibt eben nur einen Gott. Nichts in der Welt kommt an ihn heran. Er allein darf sagen, wohin die Reise unseres Lebens geht, einzig er bestimmt ihr Ziel.
Gerade in dieser Eindeutigkeit, dieser Einfachheit und Klarheit liegt der entscheidende Gewinn. Denn:
Wenn allein Gott der Herr unseres Lebens ist, dann gibt es niemand, der eine Macht über uns haben darf, kein Dekan, keine Regionalbischöfin, keine Kirchenvorsteherin, kein Gemeindeglied, kein Freund. Wir sind frei, weil wir nur einem Herrn gehören.
Wenn allein er das Ziel unseres Lebens bestimmt, dann ist die Linie unseres Lebens klar. Er wird am Ziel unseres Lebens auf uns warten. Wir haben eine Richtschnur für unsere Entscheidungen.
Wenn er unser eigentlicher Schutz und unser Halt ist, dann sind wir gehalten und bleiben geborgen, auch wenn Wichtiges wegbricht im Leben – auch wenn Menschen und Institutionen uns enttäuschen.
Wenn unser Herz ganz ihm gehört, dann ist dies auch der Weg dahin, dass unser Herz ganz werden kann, heil und ganz. „Nun gehörten unsere Herzen ganz dem Mann von Golgatha“ bedeutet eben auch, dass unser Herz mit all seinen Lebensverwundungen geheilt werden kann.
Wenn unser Herz ganz ihm gehört, dann hat die Zerrissenheit ein Ende. Nicht die völlige Hingabe an Christus ist die  Überforderung, sondern die Zerrissenheit zwischen einer Prioritätensetzung, die ihn mal an die erste Stelle unseres Lebens setzt und dann aber eigentlich doch nicht.

Doch nochmals die Frage, die sich nach dem Kindergebet stellt: Wenn unser Herz ganz ihm gehört und niemand drin wohnen soll als Jesus allein, was ist dann mit all den anderen Menschen?
Wer sein Herz ganz Christus öffnet, sodass er allein darin wohnt, der hat auf einmal viel mehr Menschen in sein Herz geschlossen als jeder andere Mensch. Denn wenn Christus kommt, wenn er in unserem Herzen wohnt, kommen all die Menschen mit, die er liebt. Und wen liebt er nicht – er, der sogar gesagt hat liebt Eure Feinde? Darum ist es so wichtig, dass das Herz von uns Ordinierten Christus ganz gehört, damit jeder Mensch, der uns im Dienst begegnet – auch die ganz eigenartigen, durch Christus einen Ort darin findet.
Das bedeutet auch, dass wir beginnen, die Menschen mit Christi Augen anzuschauen, jeden, nicht nur jedes Gemeindeglied, sondern auch den eigenen Vater, die eigene Mutter, den Freund, die Nachbarin. Das ist keine rosarote Brille, vielmehr sehen wir scharf und klar auch die Schwächen und die Schuld, die Lasten und die Laster eines Menschen – doch eben umfangen von der Liebe, die Christus zu diesem Menschen hat. Wir schauen die Menschen mit seinen Augen der Liebe an, gerade auch diejenigen, die im Glauben und Zweifeln zerrissen sind, deren Herz beschwert ist durch die Lasten des Lebens oder auch echte Laster. Christus wusste sich gerade zu den Menschen gesandt, deren Herz Heilung braucht. Zu ihnen sendet er uns alle – und in besonderer Weise heute Sie, liebe Frau Dietl. Nicht unsere Liebe wird diese Menschen heilen, sondern seine Liebe, die durch uns wirkt.

Es ist schon ein gutes Wort für eine Ordination. Denn es wird Sie, liebe Frau Dietl, auch immer daran erinnern, dass es beim Dienst in unserer Kirche um das Reich Gottes geht. Wenn wir nur unsere Kirche erhalten wollen, werden wir sie verlieren. Wenn wir aber nach dem Reich Gottes trachten, dass es gebaut wird, wird auch unsere Kirche weiter Bestand haben. Unsere Kirche ist nicht das Reich Gottes, doch in ihr und durch sie will Gott sein Reich bauen.
Das Evangelium dieses Sonntags ist ein Bibelwort, das zur Entschiedenheit in der Nachfolge aufruft. Das Entscheidende aber ist nicht unsere Entschiedenheit, sondern, dass es allein Christus ist, dem wir nachfolgen und für den wir leben. Nicht durch unsere eigene Eignung werden wir beim Pflügen im Reich Gottes gerade Spuren ziehen, sondern, indem wir auf Christus schauen, der uns voraus geht. Das ist der Sinn der Nach-folge.
Die Hand an den Pflug legen – das klingt nach viel Arbeit. Und in der Tat werden Sie ja auch ordiniert, dass Sie arbeiten und sich einbringen für das Reich Gottes. Als Pfarrer und Pfarrerinnen setzen wir unsere ganze Arbeitskraft für dieses ackern im Reich Gottes ein.
Doch dieses Wort ruft eben nicht dazu, dass wir immer wieder auf unsere Besuche, guten Predigten und all das viele schauen, das wir nun wieder geleistet und geackert haben, – dann werden die Spuren krumm –,  sondern auf Christus, der uns voran geht, der jeden Tag sagt, komm her zu mir. Er sagt nicht nur zu anderen „kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“  Der, der Ihnen voran geht, sagt er auch zu Ihnen „komm her zu mir, dann wirst du Ruhe finden für deine Seele.“
Wir sind nicht der Gaul, der den Pflug zieht. Ich glaube, den zieht er selbst. Die Hand am Pflug, ihm nach-folgend, geht es vor-wärts im Reich Gottes. So wird er mit Ihnen, liebe Frau Dietl, zusammen Spuren ziehen, in die Samen fallen kann und Frucht wachsen wird.
Amen.