Ordination von Pfarrer z.A. Christian Rosenzweig am Sonntag Okuli, dem 11. März 2012 in Schwarzenbach a.d. Saale

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der St.-Gumbertus-Kirche in Schwarzenbach a.d. Saale
am Sonntag Okuli, dem 11. März 2012

Predigttext: Lukas 9,57-62
 

Liebe große Festgemeinde,
vor allem lieber Herr Rosenzweig,

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“
Welch ein Wochenspruch ausgerechnet am Sonntag Ihrer Ordination, lieber Bruder Rosenzweig! Er ist Teil des Evangeliums dieses Sonntags, das wir vorhin in der Lesung gehört haben. Dieses Evangelium und diesen Spruch werden Sie in Zukunft jedes Jahr am dritten Sonntag der Passionszeit hören oder auch selbst als Pfarrer zitieren und dabei erinnert werden an Ihre Ordination.

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Als ob Sie nicht schon bewiesen hätten, dass Sie geschickt sind für den Pfarrberuf. Sie sind getauft und konfirmiert – das gehört schon auch zu den Voraussetzungen für die Ordination; Pfarrer Neumann, der Sie getauft und konfirmiert hat, ist heute auch da. Sie haben in Erlangen Theologie studiert, zwei richtig gute theologische Examina absolviert. Ihr Mentor aus der Vikariatszeit in Staffelstein ist unter uns. Das Dienstzeugnis des Predigerseminars, an dem ihr Mentor mitgewirkt hat, war auch positiv. Auch ich habe sehr gerne nach unserem eingehenden Ordinationsgespräch mein volles Ja zu Ihrem Weg gegeben und die geistlich-theologische Eignung für den Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung in meiner offiziellen Stellungnahme zum Ausdruck gebracht.
Bei jedem Schritt mehr fanden Sie zu Recht Bestätigung, dass Sie geeignet sind für den Pfarrberuf. Sie haben sich darüber gefreut und wir freuen uns sehr mit Ihnen. Die Zeit des Geprüftwerdens ist – Gott sei Dank vorbei – diese Zeit können Sie nun wirklich hinter sich lassen. Sie schauen heute nicht zurück. Sie schauen nach vorne. Sie pflügen ein Neues. Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Er beginnt mit dieser Ordination, in der Sie berufen, gesegnet und gesendet werden für den Dienst an Wort und Sakrament als Pfarrer dieser Landeskirche.

Freilich fragt dieser Spruch nicht nach der Eignung für den Pfarrberuf, sondern für das Reich Gottes. Und dabei geht es nicht um Examensnoten und Dienstzeugnisse, sondern es geht um etwas, das mich heute noch genauso herausfordert wie Sie, lieber Herr Rosenzweig und alle hier in diesem Kirchenschiff, die Christen sein wollen. Es geht um das ungeteilte Herz für Christus.
Der Wortlaut des Evangeliums wirkt fast unmenschlich. Sollten wir uns denn nicht darum kümmern, dass unser Vater anständig begraben wird, wenn er gestorben ist? Sollten wir denn nicht von unseren Lieben Abschied nehmen, wenn wir das Zuhause verlassen? Doch, dass sollten wir. Auf was zielt Jesus dann ab?
Christus will, dass wo wir auch hingehen, mit ihm gehen. Wie hätte sich Jesus gefreut, wenn jener Mann stattdessen gesagt hätte: „Mein Vater ist gestorben. Komm mit mir, meinen Vater bestatten, denn ich will keinen Tag mehr ohne dich sein.“ Damit wäre klar: Sein Herz ist ergriffen von Christus. Es gehört ihm ganz und gar. „Damit ich sein eigen sei und … ihm diene“ sagt Luther in der Auslegung zum zweiten Glaubensartikel. Unser Leben gehört ihm, unsere Kraft gehört ihm, unsere Gefühle, unser Verstand, alles.

Ist das nicht völlig überzogen? Fast fühlt man sich erinnert an das Kindergebet: „Ich bin klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Welch eine Überforderung für ein Kind – mag da mancher sagen. Und auch Sie als Vater eines vierjährigen Buben wissen nur zu gut: Im Kinderherzen wohnt der neue Legokasten, das Lieblingsschmusetier, die Mama und der Papa auf jeden Fall und auch der allerbeste Freund oder Freundin. Darf das nicht sein? Natürlich darf das sein.
Um was geht es dann? Wie müsste das Gebet eigentlich bei uns Erwachsenen lauten? Z.B. so: „Ich bin groß, mein Herz mach los, soll einzig nur sitzen in seines Herrn Schoß!“ Mein Herz mach´ los, mach frei von Bindungen an Menschen und Dinge, die die völlige Hingabe an Christus verhindern.
Der Glaube an Christus ist nicht halbherzig. Er macht ganze Sache. Wir singen es fast jeden Sonntag:
Allein Gott in der Höh sei Ehr.“
Wir singen auch: „Wohl dem der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil, wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil.“
Oder: „Nun gehören unsere Herzen ganz dem Mann von Golgatha“; da ist es schon wieder das ganze, ungeteilte Herz!
Übrigens ist mir bei heutigen Begrüßung durch Herrn Dekan Lechner aufgefallen, dass sogar der heutige Sonntag Okuli, dessen Name sich herleitet vom Psalm 25,15 einen Hinweis auf diese eindeutige Orientierung auf Gott in sich trägt: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“
„Stets“, „allein“, „einzig“, „ganz“. So denken, singen und bekennen wir Christen: Allein Gott gehört die Ehre, einzig ihm vertrauen wir unser Leben an, unser Herz gehört ganz dem Gekreuzigten und Auferstandenen Christus. Es gibt eben nur einen Gott. Nichts in der Welt kommt an ihn heran. Er allein darf sagen, wohin die Reise unseres Lebens geht, einzig er bestimmt ihr Ziel.
Gerade in dieser Eindeutigkeit, dieser Einfachheit und Klarheit liegt der entscheidende Gewinn. Denn:
Wenn allein Gott der Herr unseres Lebens ist, dann gibt es niemand, der eine Macht über uns haben darf, kein Dekan, keine Regionalbischöfin, kein Kollege, keine Kirchenvorsteherin, kein Gemeindeglied. Wenn Christus Ihr Herr ist, sind Sie frei.
Wenn allein er das Ziel unseres Lebens bestimmt, dann ist die Linie unseres Lebens klar, auch wenn manches nicht so lief, wie wir es uns gewünscht haben. Er wird am Ziel unseres Lebens auf uns warten.
Wenn wir zu ihm gehören, dann sind wir grundlegend verbunden mit den Menschen, ebenfalls an ihn glauben.
Wenn unser Herz ganz ihm gehört, dann ist dies auch der Weg dahin, dass unser Herz ganz werden kann, heil und ganz. „Nun gehörten unsere Herzen ganz dem Mann von Golgatha“ bedeutet auch, dass die Zerrissenheit ein Ende hat. Nicht die völlige Hingabe an Christus ist die Überforderung, sondern die Zerrissenheit zwischen einer Prioritätensetzung, die ihn mal an die erste Stelle unseres Lebens setzt und dann aber eigentlich doch nicht.

Doch nochmals die Frage die sich nach dem Kindergebet stellt: Wenn unser Herz ganz ihm gehört und niemand drin wohnen soll als Jesus allein, was ist dann mit all den anderen Menschen?
Wer sein Herz ganz Christus öffnet, sodass er allein darin wohnt, der hat auf einmal viel mehr Menschen in sein Herz geschlossen als jeder andere Mensch. Denn wenn Christus kommt, wenn er in unserem Herzen wohnt, kommen all die Menschen mit, die er liebt. Und wen liebt er nicht – er, der sogar gesagt hat liebt Eure Feinde? Darum ist es so wichtig, dass das Herz von uns Ordinierten Christus ganz gehört, damit jeder Mensch, der uns im Dienst begegnet – auch der eigenartigste, durch Christus einen Ort darin findet.
Das bedeutet auch, dass wir beginnen, die Menschen mit Christi Augen anzuschauen, jeden, jedes Gemeindeglied – auch die mit der anderen Frömmigkeitsprägung, auch den eigenen Vater, die eigene Mutter, die Nachbarin. Das ist keine rosarote Brille, vielmehr sehen wir scharf und klar auch die Schwächen und die Schuld, die Lasten und die Laster eines Menschen – doch eben umfangen von der Liebe, die Christus zu diesem Menschen hat. Wir schauen die Menschen mit seinen Augen der Liebe an, gerade auch diejenigen, die im Glauben und Zweifeln zerrissen sind, deren Herz beschwert ist durch die Lasten des Lebens oder auch echte Laster. Christus wusste sich gerade zu diesen Menschen gesandt. Zu ihnen sendet er auch uns Christen – und in besonderer Weise heute Sie, lieber Herr Rosenzweig. Nicht unsere Liebe wird diese Menschen heilen, sondern seine Liebe, die durch uns wirkt.

Es ist schon ein gutes Wort für eine Ordination. Denn es wird Sie, lieber Bruder Rosenzweig, auch immer daran erinnern, dass es beim Dienst in unserer Kirche um das Reich Gottes geht. Wenn wir nur unsere Kirche erhalten wollen, werden wir sie verlieren. Wenn wir aber nach dem Reich Gottes trachten, dass es gebaut wird, wird auch unsere Kirche weiter Bestand haben. Unsere Kirche ist nicht das Reich Gottes, doch in ihr und durch sie will Gott sein Reich bauen.
Das Evangelium dieses Sonntags ist ein Bibelwort, das zur Entschiedenheit in der Nachfolge aufruft. Das Entscheidende aber ist nicht unsere Entschiedenheit, sondern, dass es allein Christus ist, dem wir nachfolgen und für den wir leben. Nicht durch unsere eigene Eignung werden wir beim Pflügen im Reich Gottes gerade Spuren ziehen, sondern, indem wir auf Christus schauen, der uns voraus geht. Das ist der Sinn der Nach-folge.
Die Hand an den Pflug legen – das klingt nach viel Arbeit. Und in der Tat werden Sie ja auch ordiniert, dass Sie arbeiten und sich einbringen für das Reich Gottes. Als Pfarrer und Pfarrerinnen setzen wir unsere ganze Arbeitskraft für dieses ackern im Reich Gottes ein.
Doch dieses Wort ruft eben nicht dazu, dass wir immer wieder auf unsere Besuche, guten Predigten und all das viele schauen, das wir nun wieder geleistet und geackert haben, – dann werden die Spuren krumm –,  sondern auf Christus, der uns voran geht, der jeden Tag sagt, komm her zu mir.
Er sagt nicht nur zu anderen „kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“. Der, der Ihnen voran geht, sagt auch zu Ihnen „komm her zu mir, dann wirst du Ruhe finden für deine Seele“. Wir sind nicht der Gaul, der den Pflug zieht. Ich glaube, den zieht er selbst; er zieht uns mit. Die Hand am Pflug, ihm nach-folgend, geht es vor-wärts im Reich Gottes. Dann wird er mit Ihnen, lieber Bruder Rosenzweig, zusammen Spuren ziehen, in die Samen fallen kann und Frucht wachsen wird.

Amen.