"Aufatmen!"-Gottesdienst am 11.11.2012 in der Pfarrkirche St. Jobst, Rehau

Aufatmen-Gottesdienst am 11.11.2012
in der Pfarrkirche St. Jobst, Rehau
zu Psalm 62, 2
"Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft."

Liebe Gemeinde, insbesondere liebe Konfirmanden

Die wunderschöne zweite Schöpfungsgeschichte in der Bibel erzählt sehr bildhaft, dass Gott den Menschen aus Erde formt und ihm dann seinen Atem in die Nase bläst. „So wurde der Mensch eine lebendige Seele“, heißt es. Die Botschaft dieser Schöpfungsgeschichte ist: Wir sind eine lebendige Seele und wir leben durch den Atem Gottes.

Darum finde ich den Namen Ihrer Gottesdienstreihe so ansprechend: Aufatmen-Gottesdienste. „Gott gab uns Atem, damit wir leben“ heißt ein schönes Lied. Er gab uns Atem – nicht nur zu Beginn unseres Lebens; er gibt uns auch Atem mitten im Leben, damit wir aufatmen und nicht atemlos leben. Gerade Gottesdienste können helfen, dass unsere Seele atmet durch das Hören der guten Botschaft durch das Singen von Liedern, durch die Stille vor Gott, damit wir den langen Atem haben, den unser Leben braucht.

Möge das Bibelwort, über das ich heute predige, dazu beitragen, dass Ihre Seele atmet. Es ist ganz einfach, man kann es sich gut merken, weil es nur aus einem Satz besteht. Psalm 62,2:

„Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft “.

Gut, wenn wir Menschen sind, die Stille genießen können.

Welche Bilder tauchen in Ihnen auf, wenn Sie an heilsame Stille denken?

In mir taucht spontan eine Situation auf:  Ich sitze hinten im Dienstwagen und arbeite. Mein Fahrer bremst im  Stadtverkehr an einer roten Ampel und der Motor geht – durch das neue Ökosystem -  von allein aus. Kein Motorengeräusch mehr, kein Vibrieren mehr. Ruhe. Ich genieße das und unterbreche meine Arbeit bis es weitergeht. Heilsame Stille.

Was sind Ihre typischen Situationen, in denen Sie Stille genießen? Bei jedem sind es andere Situationen. Ich weiß, dass manche Schüler es genießen, wenn es endlich mal ganz ruhig ist im Klassenzimmer. Manche schätzen morgens den Weg zu Fuß zur Schule oder zur Arbeit. Manche die stille Zeit vor dem Einschlafen.

Wir brauchen solche Zeiten der Stille, in denen wir die Stille aufsaugen. Wir brauchen sie heute viel mehr als noch die Menschen vor 100 Jahren. Manche lassen stundenlang den Fernseher oder das Radio laufen, manche wohnen an viel befahrenen Straßen. Viele arbeiten unter hoher Stressbelastung am Schreibtisch, an der Ladentheke, in der Werkstatt. Wenn wir als Schüler und Berufstägige nicht aktiv Stille suchen, haben wir keine mehr.

Stille, die wir genießen, ist heilsam für die Seele. Jede Psyche braucht therapeutische Ruhe, sonst braucht sie bald Psychotherapie.

Was ist überhaupt die Psyche, die Seele?

Manche denken sich den Menschen dreigegliedert: Der Mensch besteht erstens aus Körper, zweitens aus Geist, also Verstand, und drittens aus der Seele und manche setzen die Seele dann gleich mit den Gefühlen.

Wenn die Bibel von „Seele“ spricht, dann meint sie damit sicher auch die Gefühle, aber auch das Denken und den Willen – mehr noch unser „Ich“, unsere Persönlichkeit, das, was uns ausmacht. Die Seele ist das, was wir meinen, wenn wir „Ich“ sagen. Nicht nur irgendetwas von uns, wird nach dem Tod bei Gott sein. Unsere Seele wird bei ihm sein. D.h. wir werden bei ihm sein. Darauf können wir durch unseren Glauben an Jesus Christus vertrauen.

Wenn der Psalmbeter sagt: „Meine Seele ist still zu Gott“, dann sagt er damit: Ich bin still zu Gott. Meine tobenden Gefühle werden still, meine wirren Gedanken ordnen sich, mein widerstreitender Wille findet Frieden im Willen Gottes, mein Atem geht ruhig. Alles in mir wird still. Ich werde still.

Das Erstaunliche ist: Wer sich eingeübt hat in dieses Stillsein in Gott, um den kann es toben - der Verkehr, die hektischen Menschen - und er ist doch still. Allerdings bedarf es dazu wirklich der Einübung. Manche denken, dass nur die Buddhisten solche Einübung in die Ruhe kennen würden. Welch eine Verkennung unseres Glaubens. Schon der alttestamentliche Psalmbeter kannte die Erfahrung: „Meine Seele ist still zu Gott, der mir hilft.“

Und im Neuen Testament findet sich die eindrucksvolle Geschichte, genannt die „Geschichte von der Sturmstillung“. Die Jünger sitzen bei tobender See in einem Boot. Dann geschieht ein Wunder. In dem Moment, in dem die Jünger auf Jesu Gegenwart vertrauen und sein Wort hören, vergeht der Sturm. Wind und Wellen legen sich.

Was sind Wind und Wellen in Eurem Leben, Ihr Konfirmanden? Das ist  bei jedem von Euch anders. Bei dem einen sind es überfordernde Schulaufgaben, der Stress mit den Eltern, das Gefühl, nicht akzeptiert zu sein von anderen Klassenkameraden, und manche haben jetzt schon Angst, dass sie keinen Mann, keine Frau fürs Leben finden.

Es gibt Wellen der Angst, die suchen uns heim in jedem Alter: die Angst, es nicht gut genug zu machen, die Angst nicht angesehen zu sein, die Angst um einen lieben Menschen, dem es nicht gut geht, die Angst, dass das Geld nicht reicht, die Angst vor dem Sterben. Und wer sagt, er habe eigentlich nie Angst, hat sie nur verdrängt und sie kann ihn umso schlimmer irgendwann packen.

Wir können noch so gut planen und vorsorgen mit Fleiß und Ausdauer: Unser Lebensschiff kommt nicht über den See ohne Wind und Wellen. Doch dieses Sturmstillungswunder ist ein Wunder, das wir in mitten von Wind und Wellen erfahren können. Wenn wir auf die Gegenwart Christi vertrauen und hören, dass er sagt: „Fürchte Dich nicht.“ Und: „Ich bin bei Dir“ dann legt sich der Sturm der Angst. Manche Angst wird freilich nicht vergehen, aber dann sind wir Christen doch mit unserer Angst in Christus geborgen. Mancher Sturm vergeht nicht. Doch Christus ist da und schenkt Ruhe mitten im Sturm und unser Schiff legt nach weiter Fahrt sicher im Hafen an.

Zu Beginn der Predigt hatte ich von Eindrücken der Stille erzählt: Wenn der Motor des Autos ausgeht oder wenn Ruhe im Klassenzimmer einkehrt. Weit erholsamer noch als allein schon dieses heilsame Genießen der Ruhe ist es, wenn diese Stille zu einer Stille vor Gott wird. Wenn wir uns in diesen Augenblicken vergewissern: Gott ist da. Christus ist bei mir, seine Engel umgeben mich. Im Auto, im Klassenzimmer, im Büro, am Herd. Stille zu Gott hin ist Sauerstoff für die Seele. Er war es doch, der uns Atem gegeben hat, dem Körper, der Seele, uns.

Keine Stille ist heilsamer als diese Stille zu Gott. Und dieses Vertrauen, dass Gottes Gegenwart um uns ist, diese Stille zu Gott braucht eigentlich keine äußere Stille. Sie kann uns erfüllen in der größten Hektik und Panik um uns her.

Liebe Mitchristen, diese Ruhe trotz äußerem Stress geht aber nicht auf Knopfdruck. Auch das Stillsein in Gott bedarf der Einübung. Sie üben sich gerade ein, indem Sie hier still sitzen und hören, nicht nur auf meine Stimme, sondern auf Gottes Stimme. Nicht nur Ihre Ohren hören. Ihre Seele hört; Sie, mit dem, was Sie im Innersten ausmacht, hören Gottes Wort: „Fürchte dich nicht, ich bin mit Dir, dass ich Dir helfe.“ „Fürchte Dich nicht, ich habe Dich erlöst, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein.“ Diese Zusagen Gottes immer wieder zu hören im Gotteshaus gibt dann auch draußen Ruhe im Sturm.

Ich möchte Sie ermutigen, diese Einübung in die Stille zu Gott Sonntag für Sonntag zu üben – auch wenn die Regionalbischöfin nicht predigt, auch wenn keine Konfirmandenvorstellung ist. Gott ist doch hier, der Schöpfer, der unserer Seele Atem gab. Er will, dass wir aufatmen, frei werden, leben mit neuem, langem Atem.

Ich möchte Sie darüber hinaus ermutigen, auch den Alltag zu beginnen mit dem Gedanken an Gott. Es ist eine Frage der Einübung, wenn er Wecker klingelt, zuerst Gott zu danken für die Erholung in der Nacht und um seine Begleitung und Leitung zu bitten für den ganzen Tag.

Es hilft zum Leben, wenn beim Frühstückstisch nicht nur die Zeitung liegt, sondern auch das Losungsbüchlein oder die Bibel, sodass wir zu Beginn des Tages Gott reden hören, schon bevor Wind und Wellen kommen.

Ihr Konfirmanden bekommt heute eine Bibel und ein Bibelleseheft, das für jeden Tag einen Abschnitt in der Bibel zum Lesen vorschlägt und ihn auch kurz erläutert. Ihr wachst in eine Gesellschaft hinein, die immer schneller wird, immer anstrengender, immer lauter. Ihr braucht die Stille in Euch und um Euch.

Jesaja sagte: „Durch stille sein … würdet ihr stark sein, aber ihr wollt nicht.“ Er hat Recht. Es fällt uns richtig schwer, Stille vor Gott zu suchen. Das geht mir nicht anders als Euch.

Es geht eigentlich nur, wenn es zum Leben gehört, wie das Anziehen und Zähneputzen. Eine Frau erzählte mir: „Irgendwann habe ich mir gesagt: Ich gehe nicht aus dem Haus ohne mich anzuziehen, ohne Zähneputzen, ohne etwas zu trinken. Also gehe ich auch nicht ohne Gebet und Bibellesen.“ Bewundernswert diese Klarheit. Sie hat ihren Weg gefunden, für ihre Seele zu sorgen. Gebet und Bibellesen sind Kleidung, Reinigung und Nahrung für die Seele.

Jeder muss seinen Weg finden. Doch jeder soll auch einen Weg finden, wie Gottes Wort und Gebet in der Stille die Seele stärken kann. Manche haben die Bibelworte aus dem Losungsbüchlein als Bildschirmschoner auf dem Computer und halten dann tagsüber immer wieder inne. Manche hören bewusst die Glocken beim Morgenläuten, Mittagsläuten und Abendläuten und sprechen jedes Mal ein stilles Vaterunser.

Es ist nicht überfromm jeden Tag in der Bibel zu lesen und zu beten. Es ist eigentlich die normale Nahrung für die Seele für uns Christen.

Als ich Oberkirchenrätin für Personal war, zuständig für alle Pfarrer, Religionspädagogen und Diakone unserer Landeskirche, lag es in meiner Verantwortung wegen zurückgehender Kirchensteuereinnahmen 28 Millionen dauerhaft einzusparen. Das war eine anstrengende Zeit. Ich musste mehr arbeiten als je zuvor in meinem Leben, vor allem unter größerem Druck. Ich ahnte, wenn ich ein paar Jahre so weiterarbeite, dann funktioniere ich nur noch und lebe nicht mehr.

Der liebe Gott kam mir zur Hilfe. Ich hörte, dass es so etwas gibt, dass man eine Woche ins Kloster kann, nur Schweigen, Bibellesen, Beten, Essen, Spazierengehen, Schlafen - Schweigeexerzitien genannt. Das mag für Euch Konfirmanden eine merkwürdige Vorstellung sein. Es könnte aber sein, dass ihr mal im Leben merkt, dass ihr genau das braucht, weil ihr sonst aus dem Hamsterrad nicht mehr raus kommt und Euch todrennt.

Eine Woche Schweigen, Zeit zur Stille für Gott. Das gönne ich mir seitdem, also schon seit acht Jahren, jedes Jahr.  Es gibt keine Woche im Jahr, in der ich mich so tief erhole. Meine Seele ist still zu Gott, der mir hilft. Er kann eben viel intensiver helfen, wenn wir auch mal still sind.

Für manche ist das abwegig 1 Woche zu schweigen. Das ist auch nicht für jeden etwas. Doch versucht es Ihr Konfirmanden,  versuchen Sie alle es, wenigstens 1 Woche lang, jeden Tag ganz wenige Minuten ein Bibelwort zu lesen und zu beten.

Ich gebe zu, für mich selbst erfordert die tägliche Stille am Morgen viel mehr Disziplin als diese eine Woche im Kloster. Doch, ich arbeite da auch an mir, weil ich weiß, dass diese wenigen Minuten mit Bibelwort und Gebet verändern den ganzen Tag, verändern das ganze Leben.

Es ist mir ganz gewiss, dass die größte Kraft zur positiven Weltveränderung und zur Gestaltung dieser Gesellschaft aus der Stille vor Gott kommt. Die Liebe zu den Menschen hat ihre stärkste Quelle in dem Glauben an die Gegenwart Gottes, der jeden Menschen liebt. 15 Minuten Rückzug in die Stille vor Gott, machen offensiv für 15 Stunden Leben in Liebe, Leben für die Welt. Meine Seele ist Stille zu Gott, der mir hilft, der mir auch hilft diese Welt zu gestalten mit langem Atem. In der Ruhe – mehre noch: In der Stille zu Gott liegt die Kraft.

Amen.