Allianzgebetsabend im Rathaus Bayreuth

Allianzgebetsabend am 12.1.2012 im Rathaus Bayreuth
Kurzpredigt über Johannes 20,19-23
„Verwandelt durch den Auftraggeber“

„Verwandelt durch den Auftraggeber“ ist das Thema, das mir vorgegeben wurde. Der Bibeltext dazu steht im Johannesevangelium 20,19-23. Ich lese ihn uns vor:

19. Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit Euch!
20. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
21. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
22. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den heiligen Geist!
23. Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
Das Thema dieses Abends ist gut formuliert. Es lautet nicht: Verwandelt durch den Auftrag, sondern verwandelt durch den Auftraggeber. Das ist ein grundlegender Unterschied.
Was geschieht mit uns, wenn uns ein inhaltsschwerer Auftrag überfordert?
Die Reaktionen sind je nach Charakter unterschiedlich. Der eine wird so konzentriert und schweigsam, dass die Ehefrau sagt: „Mit Dir ist auch nichts mehr anzufangen“. Die andere wird nervös und schläft schlecht in der Nacht. Ein Anderer schiebt doch noch eine Tablette mehr ein, um am nächsten Tag wieder fit zu sein. Wieder eine andere sagt ehrlich: dieser Auftrag ist nichts für mich; er überfordert mich; ich erkläre mein Scheitern  und gebe ihn ab.
Der im Bibeltext benannte Auftrag selbst ist eine Überforderung: In die Welt gesandt zu sein wie Jesus Christus vom Vater gesandt war, d.h. die Liebe Gottes den Menschen ungebrochen zu zeigen in Wort und Tat - wer schafft das? Den Menschen die Sünden zu vergeben oder sie ihnen zu behalten – das kann allein Gott! Wir sind doch selbst Sünder, angewiesen auf Vergebung. Der Auftrag wäre – gerade wenn wir ihn ernst nehmen – eine Überforderung; wäre da nicht der Auftraggeber. Der verändert alles.

Dazu eine kleine Geschichte von Heinrich Engel :
Günter ging mit seiner Mutter einkaufen. Auf dem Weg zum Markt kamen sie an einer großen Kirche vorbei. Günter schaute an der Kirche hoch und sagte: „Mutti, guck mal, die großen Fenster sind  ja ganz schön schmutzig, die sehen aber gar nicht schön aus.“
Die Mutter sagte nichts, sondern nahm Günter an der Hand und ging mit ihm in die Kirche hinein. Hier waren die Fenster, die von außen ganz grau und schmutzig aussahen, plötzlich strahlend bunt und leuchteten in den hellsten Farben. Da staunte Günter, und er schaute sich die Fenster genau an. Vorne über dem Altar war ein auffallend schönes Fenster zu sehen – mit vielen Heiligenfiguren. Und durch eine Figur strahlte gerade die Sonne hindurch, so daß sie besonders hell war. Günter fragte: „Mutti, wer ist das?“ - „Da vorne“, antwortete die Mutter, das ist ein Heiliger, der heilige Martin“.
Das hatte sich Günter gut gemerkt.
Ein paar Tage später hatte die Klasse Religionsunterricht. Plötzlich fragte der Lehrer: „Wer von euch kann mir sagen, was ein Heiliger ist?“ Da war großes Schweigen in der Klasse. Nur Günter zeigte auf und sagte: „Ich weiß es, ein Heiliger ist ein Mensch, durch den die Sonne scheint!“

„Verwandelt durch den Auftraggeber.“ Unser Auftraggeber ist der Auferstandene, das Licht der Welt. Anders als die Sonne, die mal scheint und mal vergeht, ist er immer da. Er hat zugesagt: ich bin bei Euch alle Tage.
Er ist da: Jetzt in unserer Mitte und auch in uns durch seinen Heiligen Geist. „Nehmt hin den Heiligen Geist“, sagte er den Jüngern und blies sie an. Durch seinen Heiligen Geist macht er uns zu Heiligen. Heilige sind Menschen, die zu Christus gehören mit allen Ecken und Kanten, wie andere Menschen auch – mit dem Unterschied, dass sie möchten, dass der Heilige Geist überall in ihrem Leben und eben auch in Ecken und Kanten wirkt.
Wenn der Heilige Geist in uns wirkt, gehen die Ecken und Kanten nicht unbedingt weg, doch die Liebe, Friede und Freundlichkeit kommen hinzu, oder das was die Bibel die „Früchte des Hl. Geistes“ nennt. Christen werden notwendig verändert durch den Auftraggeber, je länger, desto mehr. Die Bibel nennt diesen Veränderungsprozess, übrigens auch Heiligung.
Wir sind und bleiben dabei ganz normale Menschen, im Bild der Geschichte: Fenster, die nie ganz sauber sein werden. Wer auf der Erde lebt, hat Erdenstaub an sich. Doch Christen sind Menschen, die ihr Gesicht zur Sonne wenden, um sich bescheinen zu lassen. Sie sind wie Fenster, die der Sonne zugewandt stehen und durch die das Licht hindurch scheint.  Wenn Christus mit seiner Liebe durch uns scheint, sind wir das Gegenteil von Scheinheiligen.
Wie das  Sonnenlicht sich in vielen Farben bricht, so bricht sich sein Licht in unserem Leben und scheint so gerade beeindruckend bunt.
Das ist die große Verwandlung, dass Menschen leuchten, weil sie Christus zugewandt sind und Christus durch sie leuchtet. Das ist die Verwandlung durch den Auftraggeber.

Dass wir verwandelt werden durch Christus spürt nicht nur unsere Umgebung, das spüren wir auch in uns selbst. Im Bibelwort sehen die Jünger den Auferstandenen; das macht sie froh. Sehen wir auf Christus. Das wird unser Innerstes verwandeln und froh machen. Paul Gerhardt dichtet: Mein Herze geht in Sprünge und kann nicht traurig sein, ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; das was mich singen machet, ist was im Himmel ist.“ Freude schenkt Christus und Frieden.
„Friede sei mit Euch“ sagt er zweimal. Menschen können Friedensbringer werden am Arbeitsplatz, im Rathaus, in der Partei, im Stadtrat, in der Familie. Sie werden es, wenn wir mitten in spannungsgeladener Situation unser Gesicht innerlich der Sonne zu wenden und bitten: „Erfülle mein Herz, meinen Verstand mit Deinem Frieden“. Wir sind gesandt Frieden zu bringen – nicht unseren Frieden, sondern den Frieden, den Christus uns schenkt und mit dem er durch uns hindurchscheint.
 
Und was ist mit dem Auftrag Sünden zu vergeben? Es eine Überzeugung in den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und Bewegungen, dass das Abnehmen der Beichte zu den Kernaufgaben der Geistlichen gehört. Doch im privaten Bereich kann jeder dem anderen Beichtvater oder Beichtmutter werden, wenn es sich ergibt. Jeder kann dem anderen die Vergebung Gottes zusprechen.
Und wieder gilt: Die Vergebung, die wir zusprechen, ist doch nicht unsere Vergebung, sondern die Vergebung Christi. Er vergibt durch uns. Sein Licht leuchtet auch da durch uns.
Auch einem staubigen Fenster schadet es übrigens nicht, wenn ab und zu mal ein Regen kommt und es abwäscht. Die Leuchtkraft des gereinigten Glases ist stärker. Auch uns schadet es nicht, ab und zu zur Beichte zu gehen und uns den Staub des Alltags abnehmen zu lassen.

Es wird sich wieder neuer Erdenstaub anlagern. Doch haben wir keine Sorge, die Sonne Jesus Christus ist stärker. Wenn wir ausgerichtet auf ihn leben, leuchtet er trotzdem durch uns.

Unserer Sendung in der Welt werden wir nicht durch größtmögliche Anstrengung gegenüber dem Auftrag gerecht, sondern durch größtmögliches Ausgerichtetsein auf unsere Sonne Christus, der uns selbst froh macht, in uns wirkt durch seinen Heiligen Geist und ganz gewiss durch uns durchscheint. So erfüllen wir seinen Auftrag.
Das Kind hatte so recht: Heilige sind Menschen, durch die die Sonne scheint.

Amen.

Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin