Ordination von Pfarrverwalter z.A. Christian Schmidt in Kirchleus

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
in der St.-Maria-Magdalena-Kirche zu Kirchleus
am Sonntag Sexagesimae, dem 12.02.2012

Predigttext: Hebräer 3,15


Liebe Gemeinde und vor allem lieber Ordinand Christian Schmidt!

Sie, liebe Gemeinde hier in Kirchleus, Gössersdorf und Umgebung, werden Vikar Christian Schmidt schon seit September 2009 als Pfarrer Schmidt ansprechen. Und er wird es vermutlich aufgegeben haben, sich dagegen zu wehren, schließlich war er ja auch dazu beauftragt alle Aufgaben zu vollziehen, die ein Pfarrer zu tun hat.
Und doch war er noch Vikar, war noch im so genannten Vorbereitungsdienst, hatte das zweite Theologische Examen noch zu absolvieren, hatte noch die Zulassung zur Ordination vor sich.
Für den Kirchenvorstand war die Situation ungewohnt. Musste Vikar Schmidt doch noch immer wieder viele Wochen ins Predigerseminar zu den verschiedenen Kursen z.B. für Seelsorge, Religionspädagogik, Predigt und Liturgie. Doch ich vermute, dass trotzdem alle in den Kirchengemeinden Kirchleus und Gössersdorf dankbar sind, dass dieser Vikar zu ihnen gekommen ist; die Vakanz hatte ein Ende und es wohnte wieder ein Seelsorger mitten unter ihnen – sogar mit Familie.
Ihnen, liebe Gemeinde, sage ich heute „Danke“, denn Sie haben – für Sie wahrscheinlich meist unmerklich – dazu beigetragen, dass die Einübung von Vikar Schmidt in den Pfarrberuf gelungen ist.
Freilich war diese Situation des Lernens und zugleich Handelns für Sie, lieber Bruder Schmidt, auch eine besondere Belastung. Der normale Weg in den Pfarrberuf verläuft anders - nämlich ohne selbständige Verwaltung in einer Gemeinde. Das folgt üblicherweise erst nach dem Vorbereitungsdienst. Zwar war Ihnen auch ein guter Mentor zur Seite gestellt, doch der war in einer anderen Gemeinde.
Sie gingen eben als Pfarrverwalter einen besonderen Weg in den Pfarrberuf. Die Pfarrverwalterausbildung ist sozusagen der zweite Bildungsweg für Pfarrer. Sie waren zunächst auf dem Weg in einen anderen Beruf und haben dann aber die Berufung gespürt und den Ruf gehört, in den Pfarrdienst zu gehen. Darum  passt der Wochenspruch dieses Sonntags zu Ihrem Leben in besonderer Weise. Er ist Grundlage meiner Predigt und steht im Hebräerbrief, Kapitel 3,15:
„Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.“

Gehen wir zunächst den Worten dieses Verses entlang:
„Heute“. Heute ist Ihr Vorbereitungsweg an sein Ziel gekommen. Heute – nach dieser Ordination – sind Sie, lieber Bruder Christian Schmidt, Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. Die Aufnahme in das Pfarrerdienstverhältnis zum 1.3. ist nur noch ein formaler  Akt, der vom Landeskirchenrat beschlossen ist und von der Verwaltung umgesetzt werden wird.
Heute ist der Tag Ihrer Berufung, Segnung und Sendung zum Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Diese Berufung, Segnung, Sendung gilt nicht nur bis zu Ihrem Weggang aus Kirchleus und Gössersdorf, auch nicht nur bis zu Ihrem Ruhestand, sondern lebenslang. Sie ist von heute an Teil Ihres Lebens.
„Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet“. Sie, lieber Bruder Schmidt, werden heute seine Stimme hören; denn die Ordinierende bin nicht eigentlich ich, ist auch nicht diese Gemeinde, ist auch nicht die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern. Der eigentliche Ordinator ist Christus, in dessen Dienst wir handeln. Der Beginn des Ordinationswortes lautet: „Jesus Christus spricht: Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Dieses Sendungswort gilt Ihnen. Wir berufen, segnen und senden Sie in seinem Namen. Ja, durch unsere Stimmen hören Sie heute seine. Gott redet durch konkrete Menschen. Manchmal redet er auch durch Träume, Visionen, Auditionen oder besondere Ereignisse – meist aber durch ganz normale Menschen.
„Heute, so ihr seine Stimme hören werdet, verstocket eure Herzen nicht.“ „Man hört nur mit dem Herzen gut“, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen im gleichnamigen Roman von St. Exupéry. Das Herz ist unser inneres Ohr. Ich bin mir sicher, dass Sie heute Ihr Herz nicht verschließen werden. Es ist heute in besonderer Weise hörbereit, offen für Gott und den Dienst für ihn.

Oft schon hat er – für ihr Herz hörbar – zu Ihnen gesprochen, sonst wären Sie heute nicht hier. Sie waren doch auf ganz anderen Spuren unterwegs. Sie wollten die Krankenpflegeausbildung machen, um danach Medizin zu studieren. Sie bekamen sogar einen Studienplatz und studierten in Erlangen. Wenn da nicht die begonnene Krankenpflege-ausbildung gewesen wäre und Ihre Frau, hätten Sie wohl weiter Medizin studiert. Ja, auch durch Ihre Frau redet er immer wieder zu Ihnen. Manchmal hat er auch auf andere Weise zu Ihnen gesprochen, ich deute nur an, doch Sie kennen die Geschichten dahinter: Durch ein Bild, das zu Boden fiel, durch Bandscheibenschmerzen, durch einen Regenbogen über Ihrem zukünftigen theologischen Studienort Neuendettelsau, durch einen unerwarteten finanziellen Zuschuss. Sie haben mitten im Leben Gottes Stimme gehört. In all diesen Situationen haben Sie Ihr Herz nicht verschlossen.
Wenn dieser Spruch als Ihr Ordinationswort Ihnen mit auf den Weg gegeben wird, so ist es zugleich ein Aufruf an Sie, dass jeder Tag ein „heute“ ist, dass Sie im All-Tag hörend auf Gott leben. Das ist keine Selbstverständlichkeit, auch nicht für Pfarrer, Dekane und Regionalbischöfinnen. Auf Gott hörend zu leben bedarf der Einübung. Es gelingt phasenweise besser und schlechter. Auf Gott zu hören ist auch den Pfarrern nicht in die Wiege oder ins Taufbecken gelegt, auch nicht auf den Ordinationsaltar. Hören lernen, auch gehorchen lernen ist eine Übung. So geht es auch jedem anderen Christen. Das Leben eines jeden Christen ist nach unserem Reformator Martin Luther nicht ein „Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung“. Es ist ein Einüben in die Offenheit unseres Herzens für Gott, wenn man so will in ein „hörsames“ Leben.

Geheimnis dieses Hörens der Stimme Gottes mitten im Leben ist freilich, dass wir in seinem Wort, in der Heiligen Schrift, zu Hause sind. Derselbe Martin Luther war höchst schlecht zu sprechen auf die so genannten Schwärmer, die meinten Gottes Stimme zu hören; doch was sie da sich zusammenspannen hatte nicht Bestand vor der Botschaft der Heiligen Schrift und wie sich Gott in Jesus Christus zeigt; wo doch die Botschaft von Jesus Christus Mitte und Kern der Heiligen Schrift sind.
Sie, lieber Bruder Schmidt, kannten natürlich als Sie den Regenbogen sahen, die Noah-Geschichte und damit die Symbolik des Regenbogens. Es wird sehr selten geschehen, dass Menschen Gottes Stimme im Alltag hören, wenn sie nicht eingeübt sind in das Hören auf die Heilige Schrift am Sonntag. Die Einübung in das Hören auf Gott im Gottesdienst, macht sensibel dafür, dass Gott auch manchmal mitten in Geschehnissen des Alltags zu uns redet.  Wenn wir aber unsere Heilige Schrift kennen, geschieht es manchmal, dass uns mitten im Alltag ein Bibelwort in den Sinn kommt. Auch das Lesen z.B. im Losungsbüchlein jeden Morgen ist für viele Christen eine Hilfe, sich einzuüben auf das Hören der Stimme Gottes mitten im Alltag.
Sie, lieber Bruder Schmidt, absolvierten die D-Prüfung in Kirchenmusik und haben als Organist viele, viele Gottesdienste begleitet. Sie waren eingeübt in die Tradition der Lieder und Gesänge, die ja oftmals die Worte der Heiligen Schrift vertonen. So konnten Sie auch, als Sie in echter Todesgefahr waren, in sich die Klänge des Introitus hören: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.“ Das geht einem dann lebenslang nicht mehr aus dem Sinn. Unser Luther hat – als er ein halbes Jahr fest saß und gesundheitlich übel beieinander war – eine ähnliche Erfahrung gemacht. Daher hat er diesen Bibelvers an die Wand geschrieben. Heute noch bzw. wieder steht er dort auf der Veste im Lutherzimmer  in lateinischer Sprache.
Es ist schon etwas Merkwürdiges, dass wir Christen an einen Gott glauben, der zu uns spricht. Unsere Bibel ist voll von Geschichten, in denen Gott spricht, mitten im Alltag – und Menschen hören. Das Bibelwort des heutigen Sonntags richtet sich an uns alle, auf Gott hörende Menschen zu sein mit einem offenen Herzen für ihn.

Viele Religionspädagogen, viele Pfarrer und auch Kirchenvorstände dachten eine zeitlang, das Auswendiglernen von Liedern und Bibeltexten im Konfirmandenunterricht sei out. Gott sei Dank werden wir langsam von diesem Irrtum wieder geheilt.
In der Englischen Sprache heißt Auswendiglernen: „To learn by heart“, – mit dem Herzen lernen; französisch: „Apprendre par coeur“ – mit dem Herzen verstehen. Was wir auswendig können ist tiefer in uns und kann uns in besonderen Lebenslagen in den Sinn kommen.
Können Sie den Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“ auswendig? Oder das Lied: „Lobe den Herren“? Wenn nicht – auch wir über 50 können noch auswendig lernen. Wir brauchen nur ein wenig länger. Was wir an Bibelworten auswendig können, im „Herzen gelernt haben“ wird Gott gebrauchen, um zu uns zu reden.

Doch anlässlich der Ordination nochmals zurück zum Pfarrberuf: Viele denken, das sei ein Beruf, bei dem man gut reden können muss. Da ist sicher etwas Wahres dran. Ich meine aber, der Pfarrberuf ist ein Beruf, bei dem man noch besser hören können muss.
Selbst die Propheten der Bibel waren primär Hörende. Am schönsten wird das deutlich bei der Berufung des Propheten Samuel. Samuels Berufung erzählt vom Hören-Lernen auf eine Weise, die anfänglich schmunzeln lässt, weil Samuel Gottes Reden nicht als solches erkennt.
Samuel liegt also im Bett, hört. Vielleicht war es im Traum oder gar eine jener seltenen Auditionen. Jedenfalls hört Samuel, dass jemand ihn ruft. Er läuft zu Eli, dem alten Hohepriester, der im Nachbarzimmer liegt, und sagt zu ihm: „Hier bin ich! Du hast mich gerufen.“ Aber Eli hat ihn nicht gerufen und schickt ihn wieder schlafen. Dasselbe geschieht nochmals. Da merkt Eli, dass Gott Samuel ruft. Eli lehrt ihn zu sagen: „Rede, HERR, denn dein Knecht hört.“ Das sagt Samuel beim dritten Mal, und Gott redet. Samuel erfährt, was Gott durch ihn sagen will.
Der Beginn dessen, dass Gott durch Samuel spricht, lag im Hören-Lernen. „Rede, Herr, denn dein Knecht hört.“ Das ist eine gute Bitte vor dem Beginn jeder Predigtvorbereitung: Hören, was Gott sagen will durch den Predigttext, auch was er mir persönlich sagen will durch dieses Bibelwort.
Wir können nur Verkündiger des Wortes als Pfarrer sein, wenn wir zuvor gehört haben. Das Reden muss das zweite sein und aus dem Hören folgen. Samuel wird zu einem Menschen, dessen Reden im Hören auf Gott wurzelt, in der Verbindung zu ihm. Über ihn heißt es dann: „Samuel aber wuchs heran, und der HERR war mit ihm und ließ keines von allen seinen Worten zur Erde fallen.
Auch das Geheimnis eines guten Seelsorgers ist nicht das Reden, sondern das Hören. Gute Seelsorger reden gar nicht so viel, sie hören hinter den Worten der Menschen, was die Menschen wirklich bewegt. Das Geheimnis der Seelsorge ist sogar ein doppeltes Hören: Hören, was mein Gegenüber mir wirklich mitteilt und hören, was Gott in seiner großen Liebe diesem Menschen sagen will – und dann erst reden.
Gott braucht uns Seelsorger und Seelsorgerinnen als Menschen, die schweigen können und mitten im Gespräch hörende Herzen haben.
Ein Reden aus dem Hören auf Gott, ein Handeln aus dem Ruhen in Gott, ein Geben aus dem Empfangen aus Gott hat viel mehr Kraft und ermüdet weder uns noch andere.
So ist das bei allen Christen und erst Recht bei uns Pfarrern.

Zu welchem Tun ermahnt uns also unser Bibelwort? Es ermahnt uns eigentlich, nicht zum Tun, sondern zum Lassen. Es ermahnt uns, unser Herz nicht zu verschließen.
In diesem Wochenspruch liegt darum viel Verheißung: Gott selbst ist es doch, der unser Herz immer wieder anspricht und öffnet. Das einzige, was wir dann tun müssen, ist: erst einmal nichts tun, sondern dieses Wort in uns nachklingen lassen, horchend; so wächst Gehorsam, der kein Zwang ist, sondern in große Lebensfreude führt.
Lieber Bruder Schmidt: Heute, wenn ihr seine Stimme hört. Dieses „Heute“ ist täglich, ist auch morgen; auch das ist eine Verheißung, die in Ihrem Ordinationswort liegt. Gott wird weiter zu Ihnen reden, durch Ihre Frau, auch durch Ihre Kinder, durch die Gemeindeglieder, auch die Konfirmanden, vor allem durch die Heilige Schrift. Er wird zu Ihnen sprechen und dann auch durch Sie.
Amen.