Ordination von Markus Hansen in Lichtenberg

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner im Ordinationsgottesdienst von Pfarrer Markus Hansen in der Johanniskirche Lichtenberg am 9. März 2014 zu Matthäus 4,1ff

Liebe Festgottesdienstgemeinde, vor allem lieber Ordinand Markus Hansen!

Heute ist ein wirklich fröhlicher Tag für die Gemeinde Lichtenberg, für Sie lieber Bruder Hansen und für Ihre Frau und Ihre Eltern, für Freunde und Verwandte.
Liebe Lichtenberger, ich glaube, das Warten hat sich gelohnt. Sie bekommen eine junge Pfarrfamilie, die hier sein und mit Ihnen leben will. Ich freue mich, liebe Frau Hansen, dass Sie Ihren Mann gerne hierher begleiten. Der ganzen jungen Familie sage ich ein herzliches Willkommen im Kirchenkreis Bayreuth. Möge Ihnen diese Gemeinde und diese Region zur Heimat werden.
Immer wieder ist der Ort Lichtenberg in der Presse wegen des tragischen Verschwindens von Peggy. Doch Lichtenberg ist nicht auf dieses Ereignis und die damit verbundenen Schuldverstrickungen zu reduzieren.
Ohne die schreckliche Angelegenheit zu verdrängen, muss und kann man doch sagen: Hier in Lichtenberg gibt es nicht nur Verhöre, Verdächtigungen und Spurensuche; hier gibt es eine lebendige evangelische Kirchengemeinde, ein Haus Marteau, wunderbare Landschaft, hervor-ragende Gastronomie, ganz normale Menschen. Hier gibt es auch andere Ereignisse, über die es sich lohnt zu sprechen und in der Zeitung zu berichten: Diese Ordination heute zum Beispiel.
Dieser Ort braucht einen Pfarrer, der sich nicht hineinziehen lässt in Spekulationen für oder gegen irgendeinen Täter und der so für alle Menschen Ansprechpartner und Seelsorger ist und bleibt. Eben einen Pfarrer, der  frei ist, weil er nur einem Herrn dient, Jesus Christus.
Heute verstärkt Christus, seine Verbindung mit Ihnen, lieber Herr Hansen. Denn heute sendet er Sie in den Dienst der öffentlichen Verkündigung des Evangeliums, als seinen Boten. Zwar beten wir alle dabei, zwar spreche ich die Sendungsworte, doch wir und ich tun dies in Hoffnung und Gewissheit, dass Christus selbst, Sie beruft, segnet und sendet. Und diese Berufung, dieser Segen und diese Sendung enden auch nicht, wenn Sie einst diese Gemeinde - hoffentlich erst in vielen Jahren - wieder verlassen werden. Die Ordination als Berufung, Segnung und Sendung gilt lebenslang bis wir sterben.
Sie können und sollen darauf vertrauen, dass Christus bei Ihnen ist, in Ihrem ganzen Leben und insbesondere, wenn Sie Ihren Dienst tun.
Jesus Christus, war frei, ungewöhnlich frei und befreite andere. Darum kann er Sie in die Freiheit führen und durch Sie andere.

Seine große Freiheit zeigt und bewährt sich in der Versuchungsgeschichte, dem Evangelium dieses Sonntags. Übrigens steht auch Jesus, ähnlich wie Sie, in dieser Geschichte am Anfang seines Weges, vor seinem Wirken, vor allen Wundern und Reden. Gerade erst hat er bei seiner Taufe im Jordan die Stimme Gottes gehört: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Derselbe Geist Gottes, der ihn dort am Jordan erfüllte, führt ihn nun aber in die Wüste. Das heißt: Der Geist Gottes will, dass Jesus diese Wüstenzeit und die Versuchungen durchlebt.
 
Unserem Reformator Martin Luther hat das sehr eingeleuchtet. Er sagte: Wir wachsen im Glauben durch Gebet, Bibellesen und Anfechtung – auf Lateinisch klangvoll: durch oratio, meditatio und tentatio. Weh dem, der keine tentatio, keine Anfechtungen, keine Versuchungen, keine Prüfungen erfährt. Luther sagt sogar: Solche Erfahrungen erst machen aus uns Theologen.
Insofern könnte dies, lieber Bruder Hansen ein sehr grundlegender Text für einen angehenden Pfarrer sein.
Nun, Sie haben schon einige Anfechtungen hinter sich. Jedes Examen ist eine einzige Anfechtung. Und wir Pfarrer müssen zwei schwere Examina hinter uns bringen. Jeder von uns zweifelt da an sich. Ein Examen ist eine schwere Prüfung im doppelten Sinne.
Gott sei Dank, Sie haben diese Prüfungen bestanden. Das ist nicht zu verachten. Ihr geschultes theologisches Denken, werden Sie in allen Bereichen Ihres Dienstes brauchen, selbst in der Verwaltung.

Ob der Geist Gottes Sie in weitere Prüfungen, Anfechtungen, Versuchungen führen wird, so wie Christus sie hier in unserem Bibelwort durchlebte?
Schauen wir uns die Versuchungsgeschichte genauer an. Es genügt, wenn wir bei der ersten Versuchung bleiben.
Es heißt: „Der Teufel versuchte Jesus“. Das griechische Wort für Teufel lautet: Diabolos, wörtlich übersetzt: Der Durcheinanderwerfer. Der Teufel ist kein Gott ebenbürtiger Widersacher. Gott ist allmächtig – der Teufel nicht. Doch das, was Gott gut gemacht und gedacht hat, versucht er zu verwirren. Er bringt Menschen durcheinander, sodass sie ihre Freiheit verlieren bis dahin, dass sie Sklave ihrer Bedürfnisse werden und andere dadurch verletzt.
Die erste Versuchung ist hinterhältig. Jesus hat nach 40 Tagen Totalfasten nicht nur Hunger. Er ist völlig ausgezehrt. Ein Krümel Brot wäre eine Köstlichkeit. Bei diesem ungestillten Bedürfnis packt der Diabolos den jungen Jesus: „Wenn Du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine Brot werden“. Mit diesem gemeinen Satz packt er Jesus noch bei einer zweiten Sehnsucht. Vor wenigen Wochen erst hat Jesus bei seiner Taufe gehört: „Du bist mein lieber Sohn“. Ja, das will er sein. Und nun beginnt der Diabolos, der Durcheinanderwerfer seinen Anwurf mit: „Wenn Du Gottes Sohn bist, dann sprich, dass diese Steine Brot werden“. Eine doppelte Versuchung, wegen seines Hungers und  weil Jesus sich erst einfinden muss in diese Gewissheit Gottes Sohn zu sein. Vielleicht muss er sich und anderen ja erst beweisen, wer er ist?
Stellen Sie sich vor, lieber Herr Hansen, da sagt jemand zu Ihnen: „Wenn Sie diese Gemeinde wirklich leiten, dann sprechen Sie in dieser Sache ein Machtwort.“ Oder: „Wenn Sie Pfarrer dieser Gemeinde sind, dann sorgen Sie dafür, dass sich das ändert.“ Wir spüren genau: In dem Moment, in dem Sie der Versuchung erliegen, etwas beweisen zu müssen, werden Sie unfrei.
Lieber Bruder Hansen, Sie sind frei wie Ihr Herr -  durch ihn. Sie müssen niemandem erst zeigen, dass Sie diese Gemeinde leiten, mir nicht und dem zukünftigen Dekan nicht und niemandem. Sie sind zusammen mit dem Kirchenvorstand Gemeinde-leitung. Mit dem heutigen Tag sind Sie Pfarrer dieser Gemeinde und mehr noch, sogar unserer Kirche.
Sie haben Ihr Verkündigungs- und Leitungsamt durch Christus. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch“. Das sagt Jesus Christus heute zu Ihnen in der Ordinationsliturgie. Sie sind Gesandter Jesu Christi, Botschafter des Reiches Gottes. Die Verankerung in Christus macht Sie frei und unabhängig. Alle Ihre Freiheit kommt durch ihn.

Nochmals zurück zur Versuchung, mit der Jesus konfrontiert ist. Wie gelingt es ihm, sich nicht verwirren zu lassen, frei zu bleiben.
Schon bei der ersten Versuchung antwortet Jesus dem Teufel mit einem Bibelwort: „Es steht geschrieben: ´Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes kommt`“.
Jesus ist in dieser Wüstenzeit stark geworden. Er hat sich ins Beten eingeübt und die einst auswendig gelernten Bibelworte haben ihn genährt. Nur darum hat drei parat, als der Diabolos ihn attackiert.
Im griechischen Text wird die Schlagfertigkeit Jesu noch viel deutlicher als im Deutschen. Dreimal beginnt seine Antwort an den  Diabolos mit einem  Wort: „gegraptei, gegraptei, gegraptei“ auf Deutsch: „Es steht geschrieben“ und dann zitiert er jeweils ein Bibelwort und lässt sich auch nicht beirren, als der Teufel selbst ihm ein Bibelwort vorhält.
Es ist ein Segen, lieber Herr Hansen, dass Sie in einem Elternhaus groß geworden sind, in dem Gebet und Bibellesen ganz normal waren. Außerdem haben Sie ein Jahr lang die Bibelschule der Fackelträger in England besucht. Ihre Frömmigkeit ist geprägt durch freies Gebet und das Lesen und Meditieren der Heiligen Schrift. Leiten Sie nun andere dazu an.
Wichtig wird nun sein, dass Sie der typischen Versuchung für uns Pfarrersleute nicht erliegen, die Bibel nur zur Predigtvorbereitung zu lesen, oder nur zu beten, wenn es sich dienstlich nahe legt. Wir brauchen Gebet und Bibellesen auch für uns selbst, damit unsere Seele genährt ist, wenn Versuchungen kommen.
Manche denken: Der arme Jesus, warum hat der 40 Tage in der Wüste verbringen müssen. Dass Gott so etwas von ihm verlangt hat! Diese Wüstenzeit, die Zeit der Stille, des Gebetes, der Erinnerung an Bibelworte war die beste Vorbereitungszeit, die Jesus sich gönnen konnte für seinen ganzen Weg. Matthäus zieht übrigens einen Bogen von Anfang bis Ende des Wirkens Jesu. Am Kreuz wird wieder einer zu ihm sagen: „Wenn Du Gottes Sohn bist, so steig herab vom Kreuz und hilf Dir selbst.“ Die Versuchungen, sich beweisen zu müssen hören nicht auf.
Darum hat sich Christus auch immer wieder Wüstenzeiten gegönnt, Zeiten allein auf dem Berg, Zeiten im Gespräch mit Gott, dessen Wort seine Seele nährt und stark macht.
Lieber Herr Hansen, katholische Pfarrer haben die Pflicht, jedes Jahr eine Woche in die Wüste zu gehen, in Schweigeexerzitien. Nun, wir Evangelischen haben diese Pflicht nicht und doch gebe auch ich Ihnen den Rat, dass Sie sich solche Wüstenzeiten und Oasentage gönnen. Die Communität Christusbruderschaft hat Raum für Wüstentage - sei es im nahen Selbitz oder auf dem Petersberg oder in Hof Birkensee.
Die neue Ordinationsagende hat eine wichtige Neuerung. Sie hat eine Frage hinzugefügt: „Bist du bereit, dich selbst im Glauben stärken zu lassen durch tägliches Beten und das Lesen der Heiligen Schrift, deine Kenntnisse zu vertiefen und für dich Seelsorge in Anspruch zu nehmen?“ Diese Frage ist hinzugefügt aus der Erfahrung, dass wir nur geben können, was wir zuvor empfangen haben.
 
Ein letzter Gedanke am Ende. Es ist ja interessant, dass Jesus in der Versuchungsgeschichte die Steine nicht in Brot wandelt und dann aber mitten in seinem Wirken doch Brotwunder tut in der Speisung der 5000.
Der Diabolos will Jesus dazu bringen, dass er die Wunder um seiner selbst willen tut. Dem verweigert sich Jesus.
Er wird Wunder tun, Reden halten und Predigen mit den Menschen essen – aber nicht um seiner selbst willen, nicht um sich zu beweisen, sondern aus echter Liebe zu den Menschen, aus echtem Erbarmen mit jedem.
Die Freiheit, in die Jesus uns alle führen will, ist nicht nur eine Freiheit im Umgang mit unseren Bedürfnissen und Sehnsüchten. Das wäre schlimm wenn wir da stehen bleiben würden. Freie Menschen können sehr kalte Menschen sein. Christus führt uns in die große Freiheit, liebevoll sein zu können – komme was da wolle.
Das ist ein lebenslanger Weg, auf dem wir stolpern, vielen Versuchungen erliegen und wieder aufstehen. Christus ist da und hilft – auch beim Aufstehen. Und seine Engel sind auch da.
Die Geschichte endet fröhlich: „und die Engel dienten ihm“. Auch das werden Sie erfahren, lieber Bruder Hansen, dass die Engel Gottes, die menschlichen und die unsichtbaren, Ihnen zur Seite stehen.
Amen.