Beauftragung von einer Diakonin und sieben Diakonen

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner anlässlich der Beauftragung von einer Diakonin und sieben Diakonen in Coburg St. Moriz am 30. März 2014 zu Jesaja 54, 7-10

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater durch unseren Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Bibelwort des heutigen Sonntags Lätare steht im Alten Testament, beim Propheten Jesaja.
Der Prophet sagt „Du“ zum ganzen Volk. Du Volk, warst verlassen und wirst gesammelt werden.
Hören wir also Jesaja 54, die Verse 7-10:
Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich dein erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10  Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Liebe Festgottesdienstgemeinde, vor allem liebe Diakonin und liebe Diakone, die Sie heute beauftragt werden.

Schon als ich vor einigen Wochen nach Coburg fuhr, um das Gespräch mit Ihnen zu führen in Vorbereitung der heutigen Beauftragung war eine tiefe Freude in mir. Immer wieder dachte ich: Welch ein Geschenk, dass da acht Menschen sind, die bereit sind zur öffentlichen Verkündigung des Evangeliums und denen wir sie auch anvertrauen können.
Liebe Diakonin, liebe Diakone ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Bereitschaft. Gott braucht Sie in diesem Amt der öffentlichen Verkündigung. Die Menschen sollen das Evangelium hören können – öffentlich! Denn Gott will die Menschen, sein Volk, zu einer Gemeinde sammeln. Er will und wird reden durch Sie, so wie er in unserem heutigen Bibelwort durch den Propheten redet.
Er sagt: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.“
Wer sagt das? Der Prophet oder Gott? Gott spricht! Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es spricht ja auch der Prophet; wir nennen ihn Deuterojesaja. Er ist der Mund Gottes. Er artikuliert, was Gott dem Volk sagt.
Ist das Amtsanmaßung? Nein! Menschen müssen zum Mund Gottes werden, weil Gott durch Menschen reden will. Er braucht Menschen, die sich trauen einem Verzweifelten zu sagen: „Gott verlässt Dich nicht. Er sagt zu Dir: ´es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer `.“  Solch direkten Zuspruch Gottes müssen die Menschen hören, sonst fühlen sie sich gottverlassen.
Mund Gottes – das sollen Sie alle sein in Ihren Familien und im Freundeskreis. Dort, wo kein Pfarrer und Diakon hinkommt, da braucht Gott Sie, um zu ermahnen zu ermutigen und zu sagen, was Gott diesem Menschen sagen will. Einen Verkündigungsauftrag haben wir alle.

Doch in der Öffentlichkeit reden, so wie ein Prophet mitten auf dem Marktplatz - das ist nochmal etwas anderes. Auf Kanzeln zu predigen oder an Altären zu segnen und Abendmahl zu feiern, das ist nicht jedermanns Sache. Das hat mit Lebensgeschichte und Ausbildung zu tun, mit Mentalität und Mut, mit Gaben und Fähigkeiten, mit Berufung, Sendung und Segen.

Ihr Diakone, Diakonin habt von Jugend an eine Geschichte mit Gott, sonst hättet ihr nicht die lange Diakonen-Ausbildung auf Euch genommen, d.h. zusätzlich zur säkularen, sozialen Berufsaus-bildung zwei Jahre theologisch-diakonisches Seminar. Ihr habt Euch geprüft, ob Ihr Euch in die Rummelsberger Diakonen- bzw. Diakoninnen-gemeinschaft hineingeben wollt. Die Gemein-schaften haben Euch bei Eurer Einsegnung aufgenommen. Und Ihr seid mit Eurer Einsegnung zugleich Diakone und Diakonin unserer Kirche geworden, denen wir vertrauen, dass sie - wie versprochen - handeln und reden wie es dem Zeugnis der Heiligen Schrift und dem Bekenntnis unserer Kirche entspricht.
Wie gesagt: Jeder Christ hat die Aufgabe das Evangelium zu verkünden. Doch mit der Einsegnung wurde dieser Verkündigungsauftrag auch Teil Eures beruflichen Dienstes. So wie die evangelischen Religionslehrkräfte mit ihrer vocatio den Auftrag erhalten, in der Schule und in der Schulfamilie Andachten und Schulgottesdienste zu halten; so wurde das auch Euer Auftrag in Euren Arbeitsbereichen.
Darum habt Ihr auch alle schon – gedeckt durch Eure Einsegnung - Andachten und Gottesdienste gehalten in den Seniorenheimen oder Behindertenwerkstätten, in denen Ihr tätig ward oder seid, im Kirchengemeindeamt, in der Jugendbildungsstätte, in den Gemeinden, sogar in Afrika, Tansania. Manchmal war und ist der Übergang zwischen gottesdienstlichem Handeln in der Arbeitsfamilie fließend zu gottesdienstlichem Handeln in der Öffentlichkeit. Alle diese Gottesdienste, die Ihr gefeiert habt, waren von Gott gesegnet und ich danke herzlich für Euren Dienst.
Das neue Diakonen- und Diakoninnengesetz war nun eine Chance genauer zu schauen, wie sich der Dienst des jeweiligen Diakons, der Diakonin bisher gestaltet hat und auch in Zukunft gestalten soll. Geht es da eher um die interne Verkündigung im Arbeitsbereich zu der die Diakone bereits eingesegnet sind oder darüber hinaus auch in aller Öffentlichkeit? Die Frage ist zu stellen. Denn beim Predigen in der Öffentlichkeit gilt der Grundsatz unserer Bekenntnisschriften, dass dazu eine Berufung, d.h. eine Beauftragung - oder Ordination, wie es bei Pfarrern heißt – Voraussetzung ist. Die Beauftragung ist gleichwertig der Ordination einer solchen Berufung.
Dass die öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung zu den Dienstaufgaben von Euch acht nun fest und dauerhaft gehören soll, dazu haben Euer Dekan und ich manche von Euch, die zögerlich waren, auch eigens ermutigt:
Du kannst das. Wir trauen es Dir zu. Auch die Abendmahlsfeier wollen wir gerne in Deine Hand legen, denn es braucht in unserer Kirche eine stärkere Einübung in das Abendmahl als Gemeinschafts- und Freudenmahl. Unsere Kirche braucht Dich dafür.
Ja! Gott braucht Euch. Christus braucht Euch und sendet Euch heute, sein Mund vor aller Welt zu sein. Eure Beauftragung zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung gilt wie die Ordination lebenslang – eben bis Gott uns neu ruft, zu sich in die Ewigkeit.

Berufene Menschen, die heute in der Öffentlichkeit Gottes Wort zusagen auf Kanzeln und an Altären, stehen in der Tradition der Propheten; vor allem stehen wir in der Tradition der Jünger Jesu, die Jesus selbst beauftragte. Das sind vor allem die 12 Apostel und die drei Frauen am Grab; insbesondere Maria Magdalena.
Jesus gibt den Jüngern und Jüngerinnen mächtige Sendungsworte mit. Er sagt zu ihnen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch.“ Genau dieses Sendungswort Jesu hört Ihr sieben Diakone und Diakonin Lehrke-Neidhardt heute von mir. Auch ich werde heute zum Mund Jesu Christi.
Unser Martin Luther hatte ein großes Sendungsbe-wusstsein. „Christus dixit“, Christus spricht – darauf vertraute er, wenn er predigte und am Altar stand.
Ihr lieben Diakone und Diakonin, liebe bereits Beauftragte und Ordinierte hier im Kirchenschiff – vielleicht haben wir manchmal zu wenig von genau diesem Sendungsbewusstsein: Mund Gottes zu sein.
Solch ein Sendungsbewusstsein macht nicht eitel und hochmütig. Es macht uns zutiefst bescheiden und demütig, weil wir wissen, wir können dieser Sendung „Mund Gottes in der Öffentlichkeit zu sein“ gar nicht gerecht werden, wenn Gott nicht durch uns reden will.
Darum können wir nicht anders als betend Predigten verfassen: „Hilf mir zu hören, was Du Gott sagen willst, rede durch mich, gebrauche mich als Deinen Mund“.
Liebe Diakone, Diakonin: Vertraut darauf, dass Gott Euch sagt, was Ihr sagen sollt. Ihr hört es, wenn Ihr sein Wort lest und es zuerst zu Euch sprechen lasst, Euch selbst ermahnen und ermutigen, in Frage stellen und heilen lasst. Gott redet durch das Wort der Heiligen Schrift zu Euch und er wird zu anderen reden, wenn Ihr sein Wort zur Sprache bringt.
Warum bin ich da so gewiss? Weil Gott das verheißen hat. Er will zu den Menschen reden. Und heute beruft segnet und sendet er Euch dazu.
Es werden auch Momente kommen, da brütet Ihr über einem Bibelwort, seid müde und ausgelaugt und die Kraft fehlt. Dann gebt Euch umso mehr hin und vertraut, dass Gottes Kraft wirkt in Euch und durch Euch. Es wird geschehen durch Gottes Geist.

Nochmals zurück zum konkreten Bibelwort heute. Gott sagt: Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
Das sagte Gott damals dem Volk Gottes, das verstreut in Babylon und Israel lebte. Volk Gottes, das sind nach Christi Auferstehung auch alle, die getauft sind auf den Namen des Vaters und des Sohnes und Heiligen Geistes. Also ist Volk Gottes in Häusern Coburgs, Neustadts, Rödentals und in allen anderen Gemeinden. Diese Getauften leben verstreut, hören oft nichts von Gott, erfahren nichts mit ihm und fühlen sich auch oft von ihm verlassen.
Auf all die vielen verstreuten Getauften schaut Gott in Liebe und sagt: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich dein erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. … So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.“
Das gibt es ja immer wieder, dass Predigende an Heilig Abend den Gottesdienstbesuchern, die sonst nicht kommen, in irgendeiner Form den Kopf waschen. Dann aber haben sie viel weniger Barmherzigkeit als Gott selbst. Gott sammelt unermüdlich in großer Gnade und mit ewigem Erbarmen die Menschen, die fern von ihm leben.
Vielleicht ist heute jemand in diesem Gottesdienst, der sehr selten kommt.
Sicher sind bei solch einem Gottesdienst wie heute auch viele da, die regelmäßig bis häufig kommen. Wie schön, dass Sie alle da sind. Gott stärke in Ihnen allen, in uns allen die Treue zum Gottesdienst immer mehr.
Wenn Gott sammelt, dann ist das konkret. Er sammelt in die Versammlung der Glaubenden. Er sammelt Menschen um und durch sein Wort. 
Das wird in der jüdischen Gemeinde in Bamberg, die ich vorgestern besuchte, übrigens sehr augenfällig. Im Gottesdienst wird die Thorarolle aus dem Schrein geholt. Rabbinerin Deusel oder Kantor Rudolf tragen die Thorarolle durch die Bankreihen und die Menschen stehen auf und küssen die Thora. Dann wird die Rolle auf das große Pult, das in der Mitte der Gemeinde steht, gelegt zum Vorlesen mit anschließender Auslegung.
„Wir sammeln die Gemeinde um das Wort Gottes“, so sagte es Kantor Rudolf wortwörtlich vorgestern. Aus dieser jüdischen Tradition kommen wir Christen. Wir haben dieselbe Liebe zum Wort der Heiligen Schrift, weil wir glauben, dass es immer wieder zum lebendigen ansprechenden Wort Gottes wird.
Die Versammlung der Glaubenden um das Wort der Heiligen Schrift, die wir auslegen, hat die Verheißung, dass Gott selbst da sein wird und reden wird.  In unserer Mitte ist er selbst.
Liebe Gemeinde, Sie haben sich heute durch ihn sammeln lassen. Lassen Sie sich durch Gottes Treue zu Ihnen stärken und - sammeln Sie mit. Jeder ist dazu aufgerufen einzuladen in der Familie und im Freundeskreis in großer Geduld und unermüdlich, so wie unser Gott. Und wenn die Menschen elfmal sagen, „ich mag nicht“, laden Sie weiter ein bei passender Gelegenheit. Gott will sammeln durch Sie. Und wenn Sie selbst nicht treu waren, dann haben Sie kein schlechtes Gewissen, sondern bitten um Vergebung und danken seiner Treue, die nie aufhört. Wer von uns ist schon treu genug? Genau darum sagt Gott ja zu uns: Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“

Und wenn wir dann wieder kommen in den Gottesdienst, dann ist es doch wirklich ein Geschenk, dass da Menschen sind, die bereit sind öffentlich zu reden, die dazu berufen, gesegnet und gesendet sind. Welch ein Geschenk seid Ihr sieben Diakone und eine Diakonin für uns! 
Amen.