Gottesdienst am Ostersonntag

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am Ostersonntag, 20. April 2014 in der Spitalkirche Bayreuth zu 2. Timotheus 2,8a

„Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten.“
Das ist unser Bibelwort  für dieses Osterfest. Nur ein einziger Satz, doch darin stecken Welten und genügend Evangelium für mindestens drei Predigten. „Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten.“
„Halt im Gedächtnis.“ Das klappt manchmal auch mit ganz normalen Alltagsdingen nicht.
Ein Mann im Alter zwischen 60 und 70 klagt:
„Also ich weiß nicht, ich vergesse so viel. Vor allem drei Dinge kann ich mir nicht merken. Erstens Zahlen. Ich vergesse Zahlenfolgen. Meine Kreditkartennummer. Neulich im Laden war sie wieder weg.
Zweitens entfallen mir Namen, bzw. sie fallen mir nicht ein. Mit Namen stehe ich auf Kriegsfuß; wie peinlich, wenn ich jemanden nicht namentlich begrüßen kann.
Und drittens – ach was war das doch? Drittens? Mmh. Mmh. Das dritte habe ich vergessen.“

Bei dieser Schmunzelgeschichte ist etwas schwarzer Humor beigemischt. Denn vermutlich haben die allermeisten von uns – ich schließe mich da gewiss nicht aus – die leise Befürchtung, dass wir im Alter dement werden könnten. Manchmal beargwöhnen wir kritisch unsere Gedächtnis-leistung, schließlich fängt Morbus Alzheimer bei manchen schon mit 50 Jahren an. Mich tröstet, dass mein Gedächtnis früher auch nicht besser war.
Neulich fiel einer deutlich jüngeren Person neben mir ein Name nicht ein. Sie beklagte ihr Unvermögen. Da sagte wiederum ein anderer trocken: „Überlastungsdemenz“. – Bei solchen kleinen Gesprächen über das Gedächtnis merke ich, dass viele sich den Puls fühlen, wie fit sie noch sind, aus Furcht vor echtem Gedächtnisverlust.

Der Schreiber des Timotheusbriefes hat auch Sorge vor Gedächtnisverlust. Es ist ein bestimmter Name, den der Briefadressat, sein geliebter Timotheus, auf keinen Fall vergessen soll: Jesus Christus. Erinnere Dich an Jesus Christus. Luther übersetzt „Halt im Gedächtnis Jesus Christus“. Lass nicht zu, dass er Dir entfällt.

Wie gelingt uns eigentlich solches Namens-Gedächtnistraining? Sie kennen vielleicht den Tipp: Wenn Ihnen ein Mensch vorgestellt wird, dessen Namen Sie sich merken wollen, dann müssen Sie ihn sofort und möglichst immer wieder mit Namen anreden. Das hilft tatsächlich. Anders ist das auch mit dem Namen Jesu Christi nicht. Das beste Mittel seinen Namen, ihn selbst, im Gedächtnis zu behalten, ist, mit ihm zu reden und ihn immer wieder namentlich anzusprechen.
Auch ich übe mich täglich darin. Manchmal nenne ich in Gedanken einfach seinen Namen. Ich äußere gar keine Bitte, keinen Dank, sondern nur seinen Namen und bin froh, dass er da ist, dass er lebt und ich mit ihm in Verbindung sein kann. Er hört auch Ihre Gedanken, hört wenn Sie dankbar oder flehentlich seinen Namen sagen und natürlich auch wenn Sie einen Dank oder eine Bitte zufügen.  Denn er lebt, er ist auferstanden und seine Ohren hören was unsere Seele sagt. Jesus Christus lässt sich gerne von uns ansprechen.

Nehmen wir den zweiten Teil des Satzes mit dazu: „Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten.“ Wo und wann erinnern wir uns an seine Auferstehung?
Heute natürlich, am Osterfest. Denn heute feiern wir das Fest seiner Auferstehung, singen Halleluja und sprechen uns nachher beim Abendmahl zu: „Der Herr ist auferstanden.“ „Er ist wahrhaftig auferstanden.“ „Halleluja.“ Wir bestärken uns wechselseitig in der Osterfreude. Diese Botschaft will ausgesprochen, gesungen sein.
Viele reden heute von „Gedächtniskultur“. Das ist fast ein Modewort. Doch die Sache ist richtig. Wir brauchen eine Gedächtniskultur im Blick auf den Holocaust, im Blick auf die Folgen der Kriege, damit all das niemals wiederkommt. Der Atomunfall im japanischen Fukushima, das Flüchtlingsdrama vor Lampedusa sind doch schon fast wieder vergessen. Vergessen ist gefährlich.
Ebenso braucht das Lebensförderliche, Gute, Hilfreiche eine Gedächtniskultur. Der bloße Gedanke reicht übrigens zum Gedenken nicht. Gedenken braucht Gestalt. Auch die Auferstehung Jesu braucht eine passende Gestalt ihrer zu gedenken, sonst gerät sie in Vergessenheit.
Das Schmücken von Osterbrunnen erinnert gerade in unserer Region, vor allem in der Fränkischen Schweiz an Ostern. Die wunderschönen Brunnen machen in der Öffentlichkeit auf das Fest aufmerksam. Auch die vielen Gottesdienste geben dem Gedanken an Jesu Auferstehung eine Gestalt.
Die meisten, die heute zu Hause geblieben sind, werden heute nicht an die Auferstehung Jesu denken. Bestimmte Gedanken kommen eben nur, wenn man ihnen die Tür aufmacht, so wie Sie es heute tun. Viele haben vergessen, dass sie Ostern vergessen haben.

Dabei brauchen wir die Erinnerung an Ostern, an die Auferstehung Jesu so dringend. Zu unserer aller Leben gehört doch das Sterben. Je näher die Menschen mit uns in Beziehung stehen, desto mehr betrifft uns ihr Sterben.
Bis heute erinnere ich mich an die Aussage meines Mathematiklehrers. Wir sprachen bei einem Schulausflug über Sterben und Auferstehung. Er sagte: „Der Tod ist für mich kein Grund zur Trauer. Wer da weint, hat die Auferstehungsbotschaft nicht begriffen.“ Das hat mich als Jugendliche beeindruckt und trotzdem halte ich es für völlig überzogen. Es tut weh, wenn wir einen nahen Menschen loslassen müssen, wenn wir uns hier auf der Erde nicht mehr mit ihm unterhalten können. Da werden wir doch wohl weinen dürfen und uns unserer Tränen nicht schämen müssen.
Und doch glitzert das Auferstehungslicht in den Tränen der Christen. Unsere Trauer ist nie trostlos. Wir glauben daran, dass der verstorbene Mensch auferstehen wird. Und auch wir werden auferstehen. Im Himmel werden wir bei Christus sein und bei denen, die ihn hier schon geliebt haben. Da werden wir viele wiedersehen. Es ist ein echter, wahrer Trost, darauf zu vertrauen, dass der geliebte Mensch nun schon bei Christus, dem Auferstandenen ist.
Manche von Ihnen kennen ihn noch, den früheren Bayreuther Predigerseminarrektor Gottfried Egg und späteren Dekan in Bamberg, inzwischen auch schon gestorben. Gottfried Egg und seine Frau verloren einen Sohn durch Autounfall. Mein Mann und ich waren bei der Beerdigung, damals vor gut 25 Jahren. Die Gemeinde sang am Grab auf Wunsch der Eltern Egg: „Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein.“ Da ging mir auf, was das für ein Protestlied ist gegen die Depression, gegen den Tod. Wir sangen es auch beim frühen Tod seiner Frau und auch bei seiner eigenen Beerdigung.
Dieses Osterlied ist nicht nur für Ostern da; und auch die Auferstehungsgeschichten und Bibelworte zur Auferstehung sind nicht nur für Ostern da. Sondern wir hören und singen sie heute, damit wir sie im Gedächtnis behalten, wenn der Tod in unser Leben einbricht. „Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten.“ Diese Erinnerung entfaltet gerade da ihre Kraft.

Zurück zum Thema Gedächtnisverlust: Das ist nicht nur ein persönliches Thema für uns alle. Weil der Altersdurchschnitt unserer Gesellschaft steigt, ist Demenz ein gesellschaftliches Topthema. Es ist höchste Eisenbahn, dass endlich die Pflegeleistung bei Dementen angemessen eingestuft wird. Es ist ein politisches Armutszeugnis für unser reiches Land, dass angesichts des schon lange vorhandenen Pflegekräftemangels die zukünftigen Pflegekräfte für ihre Ausbildung selbst zahlen müssen. Jeder Handwerkerlehrling bekommt eine Vergütung. Ein Auszubildender in der Pflege muss zahlen. Den finanziell ausgezehrten Pflegeeinrich-tungen kann man diese Kosten nicht aufbürden. Gerade weil wir bei Sinnen sind, rufen wir: Die Pflege bedarf der politischen Fürsorge. Und: Vergesst die Dementen nicht – um Jesu Christi willen.
Meine Erfahrung ist: Das Altern und selbst das Thema Demenz verliert seine Schrecken, wenn wir uns ihm stellen – gesellschaftlich und individuell, politisch und geistlich. Es war mir als Gemeindepfarrerin immer eine Freude, mit Dementen Gottesdienst und Abendmahl zu feiern. Da saßen Menschen, die konnten mir nicht mehr sagen, wie sie heißen. Aber wenn ich mit ihnen „Nun danket alle Gott“ sang, dann sangen sie mit, manche alle drei Strophen, ohne Gesangbuch, auswendig. Und wenn der Name „Jesus Christus“ erklang, in Gesang, Lesung oder Predigt, dann hoben manche den Kopf, wurden aufmerksam. Dieser Name hatte eine Resonanz in ihnen. Da war etwas tief in ihnen, das ansprang, sodass ihre Seele sich freute.
Ihr Gedächtnis mag irgendwann sogar Christus vergessen. Aber Christus, der Auferstandene vergisst die Seinen nicht. Das ist auch der Grund mit Dementen Abendmahl zu feiern. Sie gehören doch weiter zu Christus und er wird Wege zu ihnen finden, um ihre Seele zu trösten und zu stärken. Auch manche von uns mögen irgendwann vergessen, dass es eine Auferstehung von den Toten gibt. Aber Christus wird unsere Auferstehung nicht vergessen. Er wird uns im Tod beim Namen rufen und dann werden wir wissen, dass wir gemeint sind. Wir werden bei ihm sein und alles verstehen, akkustisch, geistig und geistlich.
Wir werden Dinge verstehen, die wir noch nie verstanden. Eines der außergewöhnlichsten Auferstehungsbekenntnisse habe ich bei Nina Hagen, der bekannten Rock-Röhre, gefunden:

„Wir sind die Menschen auf der Erde,
alle voll drauf auf Total-Beschwerde …
Liebster Gott in space,
wenn wir uns treffen face to face,
dann gibt´s nichts mehr zu jammern.“

Dieses Vertrauen, dass wir Gott einst treffen werden face to face, von Angesicht zu Angesicht und unser Jammern dann ein Ende hat – das verändert vieles schon hier. Da hört schon vorher manches Jammern auf. Total-Beschwerde erübrigt sich. Daraus wächst Kraft zum persönlichen und politischen Gestalten des Lebens hier.

Ein letzter kurzer Gedanke zum zweiten Teil unseres Bibelwortes. „Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten.“ Sicher kann man den griechischen Urtext und das Wort „egegerménon“ übersetzen mit „auferstanden“. Das Wort ist ein Partizip, Perfekt, Passiv. Jesus war regungslos tot. Keine Kraft mehr in sich. Völlig passiv. Die Auferstehung hat er nicht selbst gemacht. Gott hat ihn auferweckt.
„Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferweckt wurde von den Toten“ kann bedeuten: Wenn Du keine Kraft mehr hast, fast schon regungslos bist körperlich oder seelisch, dann denke an den, den der Vater im Himmel nicht im Grab liegen ließ, den er zu sich ins Leben rief. Vertraue darauf: Selbst wenn Du nicht mehr denken kannst, denkt er an Dich. So wie der Vater im Himmel seinem Sohn neues, ewiges Leben bei sich geschenkt hat aus seiner Kraft, so wird er das bei Dir tun. Er wird Dir hier schon vor dem Tod immer wieder Leben schenken eben aus seiner Kraft – und nach dem Tod schenkt er Dir Leben bei ihm. „Dann gibt´s nichts mehr zu jammern!“ Amen.